Den EZ-Freien reicht's. Von links: Gesa von Leesen, Petra Weber-Obrock, Moritz Osswald, Peter Dietrich, Martin Zimmermann und Karin Ait-Atmane. Fotos: Joachim E. Röttgers

Den EZ-Freien reicht's. Von links: Gesa von Leesen, Petra Weber-Obrock, Moritz Osswald, Peter Dietrich, Martin Zimmermann und Karin Ait-Atmane. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 380
Medien

Sie sind so frei

Von Josef-Otto Freudenreich
Datum: 11.07.2018
Bei der "Eßlinger Zeitung" geschieht etwas sehr Ungewöhnliches: Alle freien Journalisten im Lokalen streiken. Und sie finden viel Zuspruch bei ihren LeserInnen.

Die Anzeige war ungewöhnlich groß für den Anlass. 200 Millimeter hoch und 126 Millimeter breit. Auf so viel Raum suchte die "Eßlinger Zeitung" (EZ) freie Mitarbeiter für ihre Lokalredaktion. "Je flexibler, desto besser", schrieb sie, und wünschte sich beim Profil "Spaß am Schreiben" sowie den Führerschein Klasse B. Was sie dafür zu bieten bereit ist, verriet die Zeitung (Auflage knapp 40 000) nicht, aber das hätte sie auch in Schwierigkeiten bringen können - wie die Dinge so stehen.

Die EZ sucht neue Freie.
Die EZ sucht neue Freie.

Die Anzeige, datiert vom 30. Juni, platzte mitten in den Streik der Esslinger Freien, die endgültig genug hatten von der ewigen Knauserei. Während die Abogebühren von 2010 (276,39 Euro im Jahr) bis 2017 (415,55 Euro) um 50 Prozent stiegen, blieb ihr Zeilenhonorar in diesem Zeitraum auf immer demselben Stand: 62 Cent. So, als ob sich für sie nichts verteuert hätte. Essen, Trinken, Wohnen, Autofahren ebenso wenig wie Kranksein oder Urlaubmachen. Letzteres fiel nicht so schwer ins Gewicht, da Bett und Pool ohnehin eher selten waren. 78 Cent, plus Zuschläge für lange Termine, plus Tarifsteigerungen und Fahrtkosten wie bei den Festangestellten (30 statt 27 Cent), sagen sie, würden das Blatt nicht in den Ruin treiben.

Bei der EZ ist Andreas Heinkel fürs Geld zuständig. Ein grober Klotz in der Zeppelinstraße 116. Gekommen ist der 50-Jährige vom "Münchner Merkur" zunächst als Berater von Verlegerin Christine Bechtle-Kobarg, die noch im September 2016 betonte, sie bleibe die Herrin im Haus. Einen Monat später verkaufte sie ihren Laden an die Südwestdeutsche Medienholding (SWMH), weil sie außer ihrer Kasse keine Perspektive mehr sah. Seit Februar 2017 ist Heinkel der verlängerte Arm des Konzerns; mit ihm verhandelten die Freien seit Oktober vergangenen Jahres. Ohne jeden Erfolg.

Diskussionen über Honorare kommen Heinkel stets zu früh

Zuerst müsse klar sein, sprach der Geschäftsführer, welche Folgen das neue Layout haben würde. Ende Januar 2018 war das schnell erkennbar: Aus sechs Spalten wurden fünf, die Zeilen damit länger, aber die Honorare nicht höher. In einem zweiten Schritt, erläuterte er, müsse das publizistische Projekt "Lokalstrategie 2020" aufgesetzt werden, in dessen Rahmen die "Fokussierung" auf die Region gestaltet werden müsse. So lange selbiges ungewiss sei, was diese Wortwahl in sich birgt, kämen Diskussionen über Honorare verfrüht. Es könne ein Mehr, aber auch ein Weniger geben, sagte er, und dann ein Wort, das er besser vermieden hätte: "Kollateralschaden". Das haben ihm die Freien sehr übel genommen, weil sie ihren Honorarverlust nicht als unvermeidliche Begleiterscheinung wovon auch immer sehen. 

Auf Anfrage von Kontext betont Heinkel, das Wort habe er verwendet, um den Kollegen zu erläutern, dass es sich bei der Layoutanpassung nicht um ein "bewusstes Sparprogramm" handele, es aber leider diesen "nicht gewollten Nebeneffekt" habe. Dies auf den "Kollateralschaden" zu reduzieren sei "etwas unfair".

Eisbären auf der Scholle

Freie Journalisten sind in der Regel arme Schlucker. So notiert die Künstlersozialkasse, bei der sie versichert sind, ein Jahreseinkommen von knapp 20 000 Euro in 2016. Viele erreichen diesen Betrag nur durch zusätzliche Aufträge im PR-Bereich. Bedroht wie die Eisbären auf der Scholle sind sie auch durch die fortschreitende Presse-Konzentration. Bei der „Eßlinger Zeitung“ etwa wurden die Freien im Feuilleton kaltgestellt. Sie können ihre Artikel, wenn sie Glück haben, in den StZN platzieren. Manche von ihnen erscheinen dann auch in der EZ, übernommen von den „Stuttgarter Nachrichten“. Von dem Esslinger Blatt, das einst ihr wichtigster Auftraggeber war, erhalten sie nichts. (jof)

Martin Zimmermann kennt den Begriff aus anderen Zusammenhängen. Seinen ersten Artikel hat er 1990 für die EZ geschrieben. Über seinen Besuch bei den Unabhängigkeitskämpfern in Eritrea im Kriegsgebiet. Seitdem bedeuten für ihn Kollateralschäden tote Kinder. Als freier Journalist in der Lokalredaktion hat er gemacht, was seine 18 KollegInnen auch machen: vor Ort sein, im Gemeinderat, beim Verein, im Gericht, im Theater, auf Märkten und Stadtfesten. Ungefähr die Hälfte aller Artikel, die im Lokalteil stehen, stammt von ihnen.

Im Esslinger DGB-Haus rechnen sie vor, was das in Zahlen heißt. Gemeinderat bedeutet zwei Stunden vorbereiten, mindestens zwei Stunden für Hinfahren und Sitzen, drei Stunden für Schreiben und Foto bearbeiten. 120 Zeilen Text (mal 62 Cent) erbringen 74.40 Euro plus ein Bild zu 38 Euro, also 112,40 Euro und einen Stundenlohn von 16 Euro. "Ein Klempner", sagt Zimmermann, "würde dafür keinen Hammer in die Hand nehmen". Von Wochenend- und Sonntagszuschlägen können sie nur träumen. Von Urlaubs- und Weihnachtsgeld auch. Zimmermann ist 63 Jahre alt, verheiratet und hat drei Kinder. Seine Frau hat immer erzählt, sie sei alleinerziehend.

Die Freien sind die Gesichter der Zeitung

Nun sitzt keiner in der Runde, der mit dem Journalismus reich werden wollte. Alle wissen hier, wer wie viel verdient, alle leben nicht allein von der EZ, aber alle lieben den Job, allen ist er wichtig, weil im Kleinen noch am ehesten etwas zu bewirken ist. Und alle wissen, dass sie die Gesichter der "Eßlinger Zeitung" sind. Die Angestellten in den klein gesparten Redaktionen kommen ja kaum noch raus. Über die Jahre hat sich da viel Selbstbewusstsein angesammelt, auch ein hohes Maß an Identifikation, umso bitterer ist die Erfahrung, dass Leute wie Heinkel dafür null Gespür haben. Er erregt sich lieber über die "irreführenden Behauptungen", die im Umlauf seien, und meint, wer gehen wolle, könne gehen.

So einer kapiert nicht, dass hier ein kleines Wunder geschieht. Alle 19 Freie streiken, seit dem 28. Juni. Wo hat es das zuletzt gegeben? Sie wiederholen, was sie schon vor acht Jahren getan haben. Nur nicht so lange, aber mit einer Anzeige, in der sie die Leser fragen wollten, ob ihnen etwas fehlt? Die EZ hat sie abgelehnt, damals noch die Verlegerin, die auch nicht gecheckt hat, dass die Freien wichtiger sind als der Rotarier-Club. Gesa von Leesen, 51, treibende Kraft und für den Kontakt zu verdi zuständig, sagt, sie sei "sehr stolz" auf die Kollegen, die mehrheitlich weiblich sind.

Geschäftsführer Andreas Heinkel.
Geschäftsführer Andreas Heinkel.

Der Stolz ist angemessen. Für Karin Ait-Atmane ist es selbstverständlich, jetzt Aufträge abzulehnen. So selbstverständlich, wie den Silvesterfackellauf in Reichenbach zu übernehmen, wenn der Kollege Martin nicht kann. Für ein paar Zeilen raus in die Kälte, das ist wohl schon Freundschaft. Und hohe Loyalität gegenüber der Zeitung. Sie schafft seit 23 Jahren für die EZ, hat in dieser Zeit drei Kinder groß gezogen und selten ein freies Wochenende gehabt. "Aber schreiben Sie bloß nicht, ich sei ein Opfer", sagt sie und lacht. Nein, für die Weihnachtsspendenaktion ihrer Zeitung wolle sie sich nicht als notleidende Person bewerben.

Bürgermeister und Kirchenleute solidarisieren sich

Die 52-Jährige gehört lieber zu denen, die jetzt auf die Straße gehen und ihre LeserInnen direkt ansprechen. Sie können dann ein Flugblatt mit nach Hause nehmen, auf dem die Adressen von Heinkel (andreas.heinkel--nospam@bechtle-online.de) und dem vorgesetzten Ansprechpartner bei der SWMH (herbert.dachs--nospam@swmh.de) notiert sind. Man möge sich doch bei diesen Herren melden, regt die Flugschrift an. Das hat offenbar geklappt. Mit einer Resonanz, von der JournalistInnen in ihren Tarifstreits nur träumen können.

Die Streikenden haben Kopien von Mails an Heinkel vorliegen, in denen sich Bürgermeister, Lokalpolitiker und Kirchenleute um "ihre" EZ und vor allem um ihre JournalistInnen sorgen. Um die, die mit ihnen in 400 Gemeinderatssitzungen gesessen haben, auf deren Berichte sie gespannt gewartet, und von deren mieser Bezahlung sie bis dato nichts gewusst haben. "Geben Sie ihnen gutes Geld für gute Arbeit", fordert ein Mann der Kirche, und unterlassen Sie Ihre "völlig unangemessene Kriegsrhetorik". Er meinte den "Kollateralschaden". Ein anderer droht gleich mit der Abo-Kündigung.

Streiken die Freien weiter, gibts hier bald nicht mehr viel zu lesen.
Streiken die Freien weiter, gibt's hier bald nicht mehr viel zu lesen.

Auf diesem Ohr sind die Verleger nicht schwerhörig. Im Zeitalter dramatisch sinkender Auflagen wäre das auch ziemlich einfältig, was Heinkel nicht zu unterstellen ist. Er antwortete zügig (wobei ihm ein Korrektorat zu empfehlen wäre). Leider sei die Darstellung in dem Flugblatt "sehr einseitig", monierte er, die freien Redakteure könnten ihre Texte in mehreren Publikationen vermarkten, versprach er, die EZ-Honorare lägen "deutlich über dem Durchschnitt" der regionalen Tageszeitungen in Baden-Württemberg (schlimmer geht immer), und im Übrigen sei er sicher, die Gespräche in Kürze "positiv voranbringen zu können". So hofft er, der Geschäftsführer, und darauf, dass die Besorgten der Zeitung "weiterhin wohlwollend verbunden bleiben".

Er gehe sogar davon aus, lässt er Kontext wissen, dass sie sich bald einigen werden. Schließlich habe er immer "gute Gespräche" mit den Freien geführt.

Presse im Umbruch

Print geht, digital kommt. Die meisten Verleger haben das zu spät bemerkt. Statt zu investieren, sparen sie den Journalismus kaputt. Aber es gibt auch positive Beispiele.

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