Die Kulturinsel scheint dank medialer Aufmerksamkeit (unser Pressefest findet dort statt!) erst mal gerettet. Foto: Joachim E. Röttgers

Die Kulturinsel scheint dank medialer Aufmerksamkeit (unser Pressefest findet dort statt!) erst mal gerettet. Foto: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 371
Kultur

Ab in die Monokultur

Von Dietrich Heißenbüttel
Datum: 09.05.2018
Das Kulturangebot wird immer größer, die Berichterstattung darüber immer dünner. Und eintöniger, seit fast alle Zeitungen in der Region Stuttgart dasselbe schreiben. Dies schadet dem Kulturstandort. Und der Presse selbst.

Die Kulturveranstalter in Stuttgart können ein Lied davon singen. Bis vor wenigen Jahren erschienen zu allen wichtigen Konzert- und Theateraufführungen, Ausstellungen und Presseterminen wenigstens noch drei Kritiker: einer von der "Stuttgarter Zeitung", einer von den "Stuttgarter Nachrichten" und einer von der "Eßlinger Zeitung". Heute kommt nur noch eine Person, deren Kritik dann in allen Blättern des Stuttgarter Pressehauses mit seinen zahlreichen Lokalausgaben erscheint.

"Die zunehmende Konzentration in der Stuttgarter und in der regionalen Presselandschaft betrachten wir seit geraumer Zeit mit großer Sorge", sagt Annette Eckerle. Sie spricht für den Veranstalter Musik der Jahrhunderte (MDJ), der beim örtlichen Theaterhaus angesiedelt ist. Für die zeitgenössischen Künste sei journalistische Meinungsvielfalt "geradezu essentiell", und sollte nicht nur einschlägigen Fachpublikationen vorbehalten sein, sagt sie.

MDJ gestaltet das jährliche Eclat-Festival, das Festival Sommer in Stuttgart und die monatliche Konzertreihe Südseite nachts. Zudem hat der Veranstalter wiederholt Musiktheaterwerke produziert und, wo immer sich dafür eine Förderung auftreiben ließ, mehrfach vorbildlich in die Region hinausgewirkt. Zu Eclat kommen auch die Kritiker der überregionalen Fachzeitschriften. Beim Sommer in Stuttgart schon weniger. Und bei den Südseite-Konzerten kann MDJ froh sein, wenn in der "Stuttgarter Zeitung" ein Bericht erscheint.

Niemand will es sich mit dem Monopolisten verscherzen

Eckerle hat sich für ihre Antwort mit der Intendantin Christine Fischer abgesprochen. Denn das Thema ist heikel. Wer in der Regel ständig nur noch mit einer Person und demselben Verlag zu tun hat, möchte es sich mit diesen nicht verscherzen. Seit zwei Jahren erscheinen in beiden Stuttgarter Blättern meistens identische Berichte, seit kurzem auch in der "Eßlinger Zeitung". Freie Mitarbeiter, so die Order aus dem Verlagshaus, dürfen dort nur noch über lokale Veranstaltungen in Esslingen berichten.

Klein aber fein: Theaterprojekt "Linien.Grenzen.Räume". (Zum Kontext-Artikel) Foto: Joachim E. Röttgers

Dies ist nicht nur für die freien Mitarbeiter misslich, die von den kärglichen Honoraren ohnehin kaum leben können, sondern eben auch für die Veranstalter. Denn selbst wenn auf den ersten Blick in der "Stuttgarter Zeitung" nach wie vor ein zweiseitiger, in den beiden anderen Blättern jeweils ein einseitiger Kulturteil erscheint, und die Stadteilbeilagen ein Praktikantenfeuilleton pflegen: Der Qualitätsraum ist enger geworden. Hier etwas größere Buchstaben und Bilder, da eine zunehmende Zahl von dpa-Meldungen, die in den Randspalten den redaktionellen Teil ergänzen. Dabei ist das Kulturangebot nicht zurückgegangen.

"In den letzten zwanzig Jahren hat sich", so beschreibt Intendantin Christine Fischer das Problem, "das Kulturleben in unserem Raum vervielfacht". Vor allem in den performativen Künsten wachse die Zahl hochqualifizierter Gruppen und Ensembles Jahr für Jahr. Dieser vielfältige, äußerst vitale, die Genregrenzen überschreitende Diskurs der jungen Künstler-Generation und ihre Reaktion auf gesellschaftsrelevante Themen werde in den Tageszeitungen mittlerweile aber nicht mehr adäquat abgebildet. Nicht, weil es an fachkundigen JournalistInnen mangele, sondern weil diesen von den Tageszeitungen "immer weniger Platz eingeräumt wird".

Ihre Beobachtung müsste den Verlegern eigentlich zu denken geben: "Im Gespräch mit unseren KünstlerInnen und deren jungem Publikum hören wir immer öfter, dass die Tageszeitung für sie als Informationsquelle und Diskussionsplattform beständig an Bedeutung verliert. Unserer Ansicht nach – und damit sind wir mit vielen KollegInnen in der Stuttgarter Kulturlandschaft auf einer Linie – ist das nicht nur ein Verlust für Kunstschaffende, sondern auch ein Verlust für die Zeitungen. Sie verzichten bei dieser Blattpolitik auf eine junge, hoch gebildete und interessierte Leserschaft."

Gekaufte Kultur im "Kulturreport" des Pressehauses

Stattdessen gibt es den "Kulturreport". Seit 2015 erscheint die zwanzigseitige monatliche Beilage der StZN, dem Redaktionskonglomerat der "Stuttgarter Zeitung" und der "Stuttgarter Nachrichten", in der etwa das Theaterhaus gut vertreten ist. Ein Blick auf die Logos und Anzeigen zeigt: Nur wer einen finanziellen Beitrag leistet, ist in den Vorab-Berichten vertreten. Kleine Veranstalter können sich diesen bezahlten Service, der bis zu 10 000 Euro jährlich kostet, nicht leisten.

Und viele Alternativen gibt es nicht. Das Stadtmagazin "Lift", das seit 2016 auch zum Pressehaus gehört, kann Konzert- oder Theaterkritik nicht ersetzen. Bis Ende 2013 existierte noch die Monatszeitung "Kultur", welche die Kulturgemeinschaft mit dem Untertitel "Kritische Blätter für Kenner und Neugierige" herausgab. Gemacht hat sie der Stuttgarter Journalist Christian Marquart, mit einem 22-seitigen redaktionellen Teil, für den er mit Lobeshymnen überhäuft wurde. Doch als sich der damalige Geschäftsführer mit dem Theaterintendanten anlegte, geriet das Finanzierungsmodell in Schieflage. Die "Kultur" erscheint heute nur noch als Veranstaltungsblatt mit zwei Seiten Vorberichten.

Medial unterbelichtet: Kulturelle Bildung. (Zum Kontext-Artikel) Foto: Soldan Kommunikation

Nicht besser erging es der in zweimonatlichem Abstand erscheinenden, 24-seitigen kulturpolitischen Zeitschrift der Gewerkschaft Verdi, die 2017 ihr Erscheinen eingestellt hat. Im Internet findet sich noch die Ankündigung: "'Kunst und Kultur' ist ab sofort als ePaper abrufbar." Wer sich zum Editorial durchklickt erfährt, Stand Heft 2, 2015: "Leider dauert es doch länger als gedacht, bis das erste ePaper von Kunst und Kultur erscheinen kann."

Bleibt noch das kleinformatige, verdienstvolle Heft "SuR" (Stuttgart und Region), das die Kulturjournalistinnen Eva-Maria Schlosser und Petra Mostbacher-Dix ins Leben gerufen haben und unter großer Aufopferung aus freien Stücken herausgeben. Jedes Heft bearbeitet einen kulturpolitischen Schwerpunkt und berichtet mit Akzenten auf Kunst und Tanz, aber zum Beispiel auch über Kinderbücher. Ihren MitarbeiterInnen können die Herausgeberinnen keine Honorare anbieten. SuR liegt gratis aus und finanziert sich durch Anzeigen.

Die Art der Finanzierung bringt es mit sich, dass private Museen wie das Schauwerk in Sindelfingen, die gern ganzseitige Anzeigen schalten, auch redaktionell Berücksichtigung finden. Dies ist nicht nur bei SuR so, sondern auch bei überregionalen Kunstzeitschriften. Marc Gundel, der Direktor der Heilbronner Museen, hat dazu einmal kritisch gefragt: ob wohl eine kommunale Sammlung, über Generationen hinweg angelegt, weniger wert sei als die eines privaten Sammlers, die zumeist nur dessen Interessen und Lebensspanne abbildet?

Ein paar Euro für die einen, Millionen für die anderen

Tatsächlich gibt es starke Ungleichgewichte zwischen Stuttgart und der Region. Ebenso zwischen großen und kleinen Veranstaltern. Diese verstärken sich durch die ungleiche mediale Aufmerksamkeit, und zwar unabhängig von der Qualität des Angebots. Eine Ausstellung zu Marianne Werefkin wie 2014 in der Städtischen Galerie Bietigheim-Bissingen hat es selbst in der Stuttgarter Staatsgalerie noch nie gegeben. Und dies ist kein Einzelfall: In Böblingen, Waiblingen, Sindelfingen und einer ganzen Reihe weiterer Orte gibt es kommunale Sammlungen, Ausstellungshäuser und Kunstvereine, die wertvolle Arbeit leisten, aber in den Medien ein Schattendasein führen.

Fast vertrieben: Künstlerin Gabriela Oberkofler in ihrem Wagenhallen-Atelier. (Zum Kontext-Artikel) Foto: Joachim E. Röttgers

An die hundert Kulturinstitutionen in Stuttgart erhalten eine Förderung vom Kulturamt: die einen ein paar hundert Euro im Jahr, die anderen, wenn auch nur ganz wenige, Millionen, an der Spitze die Staatstheater. Nun ist es nicht so, dass etwa der Kunstraum Oberwelt, die Konzertreihe Musik am 13. in den Cannstatter Kirchen oder die Architekturgalerie am Weißenhof weniger wertvolle Arbeit leisten.

Nun erscheint die Weißenhofgalerie immerhin noch in der "Stuttgarter Zeitung". Andere sind oft ganz auf Eigenwerbung und Mund-zu-Mund-Propaganda angewiesen. Immer wieder berichten GaleristInnen und Betreiber von Kunsträumen, wie ihnen ein kleiner Bericht in der Zeitung nochmal einen ordentlichen Schwung Besucher ins Haus gebracht hat. Wenn aber der Gemeinderat alle zwei Jahre über den kommunalen Doppelhaushalt berät, haben viele Politiker von ihnen noch nie etwas gehört. Der Terminplan ist voll, kaum einer dürfte die einhundert geförderten Einrichtungen kennen. Warum ihnen also mehr Geld geben? Dabei brauchen sie zumeist nur einen Ausgleich für die gestiegene Miete oder wachsende Unkosten.

Viele kleine Theater, Künstler, Galerien und Musiker arbeiten am Rand der Selbstausbeutung, in aller Regel aus innerer Überzeugung. Ein bisschen öffentliche Wahrnehmung muss sein, sonst bewegen sie sich nur in eingeschworenen Kreisen. Dabei sind gerade die kleinen, unabhängigen Theater, Konzert- oder Kunsträume der Humus, der die Kultur am Leben erhält.


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Ausgabe 371 / "Sieg Heil" mit Smiley / Mark Hansen / vor 2 Tagen 6 Stunden
Enttäuschend? Wohl doch eher: bezeichnend.











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