Birgit Schneider-Bönninger leitet das Stuttgarter Kulturamt. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 356
Kultur

Zukunftslabor Kultur

Von Dietrich Heißenbüttel (Interview)
Datum: 24.01.2018
Birgit Schneider-Bönninger, die Leiterin des Stuttgarter Kulturamts, hat ihr Amt zum Zukunftslabor erklärt. Und veranstaltet am Samstag einen Innovationskongress Musik. Im Gespräch mit Kontext erklärt sie, was es damit auf sich hat – und wie die Zukunft kleiner Kulturakteure aussieht.

Frau Schneider-Bönninger, was hat Sie bewogen, das Kulturamt der Stadt Stuttgart zum Zukunftslabor zu deklarieren?

In den kulturellen Leitlinien, die aus dem Kulturdialog 2011 bis 2013 hervorgegangen sind, steht explizit: Die Kulturverwaltung soll sich aufstellen als Ermöglicherin, Vordenkerin, Visionärin. Das habe ich aufgenommen und umgesetzt in einen neuen Aufgabenschwerpunkt, den wir im März 2017 eingeleitet haben, um dann im Frühjahr 2019 die Zukunftsforschung als festes Aufgabengebiet im Kulturamt zu etablieren.

Im November haben Sie den Kulturmarken-Award für Stadtkultur erhalten. Die Jury betont, die digitale und partizipative Ausrichtung biete beste Voraussetzungen, um "die kulturellen gesellschaftlichen Herausforderungen einer Stadt zu bewältigen." Kulturell oder gesellschaftlich?

Schneider-Bönninger mit dem Kulturmarken-Award

Schneider-Bönninger mit dem Kulturmarken-Award

Preis für Stadtkultur

Den Kulturmarken-Award gibt es seit 2006. Ins Leben gerufen von Hans-Conrad Walter und Eva Nieuweboer von der Gesellschaft Causales für Kulturmarketing und Kultursponsoring, sollen mit dem Award europaweit vorbildliche Kultureinrichtungen, Sponsoren, Stiftungen, Städte, Regionen und Kulturmanager ausgezeichnet werden. (dh)

Ich glaube, man kann das nicht mehr trennen. Gesellschaftliche Entwicklung ist auch kulturelle Entwicklung. Deshalb gefällt mir der Terminus kulturelle Stadtentwicklung so gut. Wir untersuchen jetzt die Zukünfte der kulturellen Sparten. Das tun wir mit Menschen aller Generationen und Nationen: Wie sind die Kulturbedürfnisse, welche Visionen, welche Konzepte gibt es? Letztlich geht es immer darum, eine Stadt lebenswerter zu machen. Kultur ist da ein ganz wichtiges Vehikel. Eigentlich versuchen wir mit Zukunftsforschung auch ein Stück Aufklärung zu betreiben, um zu guten, gerechteren Gesellschaftsmodellen zu gelangen.

Sie lesen aber nicht aus dem Kaffeesatz?

Wissenschaftliche Analyse und Dialog sind die klassischen Methoden der Zukunftsforschung. Da gibt es verschiedene Stränge: Einerseits Ossip Flechtheim und die Futurologie, andererseits die emanzipatorische Richtung um Robert Jungk, die versucht, mit der Gesellschaft Diskurse zu führen und Ideen zu entwickeln. Für uns ist immer die Frage: Welche Kulturstadt wollen wir? Welche Töpfe können wir noch schaffen, um Künstler zu unterstützen? Und die ökosozialen Fragen: Wie geht man mit Themen wie Feinstaub um, welche Fragen können Künstler dazu aufwerfen?

Eine Woche vor dem Eclat-Festival für Neue Musik veranstalten Sie einen Innovationskongress Musik. Braucht die Neue Musik noch Innovation?

Es gibt keine direkte Verbindung zu Eclat. Der Kongress ist ein Baustein in unserem Prozess. Wir haben immer gesagt: Nachdem wir uns ein Jahr mit Musik beschäftigen, machen wir einen Cut, um erste Ergebnisse aus den Prozessen zu präsentieren.

Zum Beispiel?

Die Philharmoniker befinden sich in einem Leitbildprozess, um ihr Profil zu finden in der Orchesterlandschaft. Wir befinden uns in einem Zukunftsaustausch mit der Daimler AG: Alexander Mankowsky stellt vor, wie Konzerne, die ja sehr technokratisch ihre Zukunftsforschung betreiben, auch auf Kultur zurückgreifen. Es gibt das Konzertbarometer mit Studierenden der Hochschule der Medien.

Die Begriffe Zukunft und Innovation sind häufig technisch geprägt. Ist das hier auch so?

Bei den Konzertbewertungen der Studenten ist herausgekommen: Die wünschen sich gar nicht so sehr das Digitale, sondern mehr Menschlichkeit, mehr Tuchfühlung. In einer Umfrage im Fußballstadion haben wir VfB-Fans gefragt: Kennt ihr die Stuttgarter Philharmoniker? Hättet ihr Lust, mal in ein Konzert zu gehen? Wir stellen auf dem Kongress die lokale Best Practice vor. Die Hugo-Wolf-Akademie, die ja sehr klassische Liedkunst betreut, arbeitet mit Film und Animation. Die beschäftigen sich damit, wie man die klassischen Formate ins 21. Jahrhundert überführen kann.

Auf dem Kongress geht es vorwiegend um klassische Musik. Warum?

Birgit Schneider-Bönninger, Jahrgang 1963, studierte Historikerin und Soziologin, leitet seit 2013 das Stuttgarter Kulturamt. Zuvor war sie seit 1999 in Wolfsburg. Dort hat sie angefangen als Leiterin der Geschichtswerkstatt und des museumspädagogischen Dienstes und später als Leiterin des Kulturamts einen Kulturentwicklungsplan entworfen. (dh)

Musik ist komplett offen, finde ich. Ein großes Thema ist die Entwicklung der Popszene. Dazu machen wir einen eigenen Workshop. Im Moment liegt aber der Schwerpunkt auf Konzertformaten. Die Orchesterlandschaft in Stuttgart befindet sich im Aufbruch: Das SWR-Sinfonieorchester kriegt Teodor Currentzis als Chefdirigent. Vielleicht können wir mal mit Gamern etwas machen. Auch Weltmusik ist ein Thema: Immer mehr geflüchtete Menschen bringen ganz neue Impulse ein. Wir wollen auch beitragen zur Stadt-Diskussion über ein neues Konzerthaus, das wir komplett neu denken wollen: Es darf auf keinen Fall ein Musentempel, es muss ein gesellschaftlicher Treffpunkt sein, wo auch Diskurs und Experiment stattfinden.

Die Oper war der Zukunft vor zwölf Jahren schon einmal näher als heute: mit dem Forum Neues Musiktheater, das allerdings mangels Förderung dann wieder schließen musste.

Leider! Aber man könnte es ja wieder neu auflegen. Deswegen finde ich auch das Eclat-Festival so faszinierend. Ich habe mir das Programm dieses Jahr angeschaut, da sind tolle experimentelle Formate dabei!

Die Staatstheater erhalten mehr als die Hälfte der städtischen Kulturförderung. Findet Innovation nicht häufig eher bei den Kleineren statt?

Die setzen die Impulse. Wir haben es geschafft, im letzten Doppelhaushalt im Gemeinderat einige schöne Vorlagen auf den Weg zu bringen. Es gibt einen neuen Topf: Entwicklungstreiber für Kultur. Da können sich alle Kultureinrichtungen bewerben, die ihre Veränderungsprozesse begleitet haben wollen. Neben dem Innovationsfonds Kunst gibt es einen zweiten Fonds für Kultur im öffentlichen Raum, der alle Sparten betrifft: Jeder kann sich mit Interventionen und gesellschaftlich-kritischen Themen für den Stadtraum bewerben. Dann haben wir noch einen Topf im neuen Stadtmuseum für ein Festival "The Gate" zwischen Wissenschaft und Kunst. Das Höchstleistungsrechenzentrum der Uni Stuttgart hat sein Visualisierungslabor für Künstler geöffnet, für Stadtsimulation oder Virtual-Reality-Formate.

Ist das Problem der strukturellen Unterfinanzierung, dass also kleinere Kultureinrichtungen jahrelang keine Kostenangleichung erhalten haben, mittlerweile gelöst?

Nein! Der Gemeinderat hat beschlossen, wir gucken uns alle an und fördern wieder gezielt.

Der Gemeinderat kann kaum 100 Kultureinrichtungen im Blick behalten. Was passiert mit den kleineren, die keine Lobby haben?

Um die haben wir uns gekümmert. Wir machen immer eine Liste, da waren ganz viele kleine dabei. Dieses Jahr ist es, glaube ich, für die Kultur recht gut ausgegangen. Wir müssen aber noch viel mehr kommunizieren. Ich sage immer: Stellt doch einfach einen Antrag!

Im letzten Jahr gab es also einen Schwerpunkt Musik, was wird der nächste Schwerpunkt?

Dieses Jahr liegt der Schwerpunkt auf Film. Es soll ja ein neues Haus für Film und Medien geben. Endlich wird es damit eine Lösung für das Leidens-Thema Kommunales Kino geben, das vor zehn Jahren seine Pforten geschlossen hat. Aber parallel laufen noch weitere Prozesse.

Welche denn?

Villa von innen

Villa für alle

Mit Klanginstallationen und Performances der Gruppe Stock11 ist vom 26. Januar an erstmals die Villa in der Neckarstraße 12 zu besichtigen. Die erstaunlich gut erhaltene Villa direkt neben der Stuttgart-21-Baugrube, von der aus die Polizeieinsätze zur Räumung des Schlossgartens koordiniert wurden, soll noch in diesem Jahr ein Ort künstlerischer Produktion werden. Zum Innovationskongress gibt es am 28. Januar um 12 Uhr eine exklusive Führung. (dh)

Wir haben mit Bürgern und der Uni Stuttgart eine Zukunftswerkstatt zur Neukonzeption des Hegelhauses im Jahr 2020 gemacht. Beim Hannsmann-Poethen-Stipendium können sich ein Schriftsteller oder eine Schriftstellerin darum bewerben, gattungsübergreifend mit Theater, Film, Graphic Novel oder anderen Medien drei Monate lang ein gesellschaftlich relevantes Thema zu bearbeiten. Mit dem Kunstverein Wagenhalle veranstalten wir dieses Jahr eine deutsch-israelische Sommerakademie zum Thema Architektur für eine neue Welt. Ähnlich wie beim Architekturfestival 72 Hour Urban Action 2012, von dem dieses Projekt ausgeht, wird es darum gehen, ein Areal in der Stadt auszusuchen und dafür eine Utopie zu entwickeln.

Teil Ihres Zukunftslabors ist auch die Arbeitsgruppe Kulturelle Stadtentwicklung. Was macht die eigentlich?

Die ist sehr aktiv, ressortübergreifend, ganz wichtig. Unser Credo: in Inhalten statt in Zuständigkeiten arbeiten. In der AG sitzen wir zusammen mit dem Stadtplanungsamt und den sachkundigen Bürgern aus dem Kulturausschuss. Wir wollen Stadtplanung kulturell begleiten, zum Beispiel im Rosensteinquartier: Plant das nicht an uns vorbei! Wie bei diesem tollen What'Sub-Projekt geht es um Freiflächen, die wir für die Kultur erobern oder erhalten müssen. Die Arbeitsgruppe versucht sich in aktuelle Stadtbau- oder Stadtentwicklungsprojekte zuzuschalten wie zum Beispiel die Villa Berg.

Wie ist da der Stand der Dinge?

Da wird jetzt was draus. Wir sind dabei, eine Machbarkeitsstudie aufzulegen. Die Bürger haben sich ein "Haus für Musik und mehr" gewünscht. Jetzt muss man sehen: Was ist baulich möglich? Welches Profil will man haben: Kammermusik, klein aber fein? Oder öffnen für den ganzen Stadtteil? Das ist ja ein Kleinod, das ist toll! Auch ein Zukunftsprojekt, das aber noch konturiert werden muss.

 

Info:

Der Innovationskongress Musik findet am 27. Januar von 9 bis 20 Uhr im Planetarium statt.Zum Programm.

DasEclat – Festival für Neue Musiksteigt vom 31. Januar bis 4. Februar im Stuttgarter Theaterhaus.‌


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2 Kommentare verfügbar

  • Schwa be
    am 30.01.2018
    Die kapitalistische "moderne" Zivilisation/Entwicklung (insbesondere deren Aggression/Ausbeutungswille) ist das Krebsgeschwür einer natürlichen (z.B. topographischen/klimatischen)/menschlichen und damit global vielfältigen kulturellen Entwicklung bzw. steht dieser entgegen!
  • Peter Meisel
    am 29.01.2018
    Der Aha - Effekt: "Menschen leben jeweils in den fast umwelthaft beschränkten Welten ihrer konkreten Gesellschaft. Geschichtlich erworbene Lebenstile, hochselektive und traditionsfeste Interessen, Gewohnheiten und Haltungen das ist die Kultur einer Gesellschaft!
    Kultur entsteht oder entwickelt sich, wenn eine schöpferische Elite auf eine besondere Herausforderung eine neuartige Antwort zu geben weiß." (Arnold J. Toynbee (1889-1975) in "Gang der Weltgeschichte")

    Danke für Ihr mutiges Engagement. Dabei habe ich festgestellt, jeder hat die "Kultur", die er/sie verdient, denn Kultur ist grundsätzlich selbstgemacht und selbst zu verantworten!
    Daraus folgt für mich die Intelligente Askese:
    Es gilt Bedingungen zu schaffen, unter denen man auf Dinge verzichten kann!

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