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Scharfes Auge

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Die große Klappe ist im großen Sport eingebaut. Aber wo bleiben sie denn, die Lautsprecher, wenn es um die braune Brut in ihren Stadien geht? Ihre Reichweite wäre riesig.

Als alles noch ganz anders war, da gab der Kaiser den Menschen Brot – und er gab ihnen Spiele, damit sie nicht rund um die Uhr schlecht gelaunt seien wegen des Gestanks und der üblen Gestalten in den dunklen Ecken, und damit sie ihn, abgelenkt und vorzüglich unterhalten, in Ruhe regieren und den Lastern frönen ließen.

Heute sitzt der Kaiser in Kitzbühel, er ist alt und krank und kann nicht mehr frönen. Kann nicht einmal hundertprozentig ausschließen, am nächsten Flughafen von stahlharten US-Ermittlern verhaftet zu werden.

Die uns an Kaisers Statt das Brot und die Spiele geben, die sind indessen selbst so zwielichtig wie die üblen Gestalten, die früher in den dunklen Ecken abhingen. Da soll man über Spiele schreiben? Über dopingverseuchten, korrupten, vom großen Geld komplett versauten Sport, dem homophobe, sexistische Rassisten in den Stadien huldigen?

Mehr denn je sollte man das! Denn erstens ist es grade heute besonders wichtig, ein scharfes Auge auf den Sport zu haben. Genau hinzuschauen, wer sich da tummelt in Vereinen und Verbänden und Fördervereinen und Freundeskreisen, wer den Sport und seine Organisationen als Vehikel benutzt, die eigene Partei aus dem stinkenden braunen Sumpf oder das eigene Unrechtsregime aus dem Abseits in die Mitte unserer leider allzu häufig allzu ignoranten Gesellschaft zu führen. Auch auf die Gefahr hin, nach dem genauen Hinsehen nicht besser gelaunt zu sein.

Trotz noch so genauen Hinsehens, trotz möglicherweise schlechter Laune aber bitte eines nicht vergessen: Nach "erstens" muss zwingend noch ein "zweitens" kommen. Und für den Sport heißt das: Zweitens ist er eine super Sache, ganz egal ob der Ball geworfen, getreten oder geköpft wird, ob gerannt oder gesprungen oder geschwommen oder sonstwas Sportliches im Wettkampf betrieben wird. Auch wenn, sagen wir mal Wolfsburg gegen Hertha, genau wie viele andere Spiele in der Fußball-Bundesliga geradezu sterbenslangweilig und zum Abgewöhnen schlecht sein kann, keine Frage.

Aber gehen Sie doch mal in ein volles Stadion, in eine ausverkaufte Halle, und schauen Sie, was passiert, wenn die Sportler das Spielfeld betreten. Wenn die Energie quasi körperlich zu spüren ist, als stünde alles ein bisschen unter Strom. Wenn Gänsehaut angesagt ist. Das sind doch die Momente, in denen der Sport großartig ist, und es deshalb auch kein Wunder ist, dass so viele Menschen Sport treiben, Sport schauen, Sport im Verein leben. Genau das ist doch die integrative Kraft, die dem Sport so gerne zugeschrieben wird.

Wie schön wäre es da, wenn diese integrative Kraft endlich auch von den großen Vereinen und Verbänden des Sports richtig genutzt würde. Also nicht aus Gründen der Selbstbeweihräucherung, sondern im ernsthaften Bemühen um ein gedeihliches Miteinander in bewegten Zeiten. Da sollten doch bitteschön die Präsidenten aller Profifußballvereine höchstselbst gemeinsam und gebetsmühlenartig immer wieder öffentlich und laut die Partei ächten, in der sich Nazis und Faschisten tummeln. Da sollten doch allermindestens alle 36 durchaus nicht bettelarmen Vereine der ersten und zweiten Fußball-Bundesliga ein eigenes Vereinsmuseum unterhalten, in dem nicht nur die größten Erfolge, sondern auch die Geschichte in den dunkleren Jahren aufgearbeitet und den jüngeren Generationen präsentiert werden. Da sollte doch ein Deutscher Fußball-Bund als größter Sportverband der Welt in der Lage sein, seinen sieben Millionen Mitgliedern etwas deutlicher gesamtgesellschaftliches Engagement vorzuleben als mit einer lausigen Billig-Kampagne "Unsere Amateure. Echte Profis" eben diese Amateure mit ein paar Botschaften auf ein paar T-Shirts abzuspeisen und ihnen gleichzeitig viele Millionen Euro aus dem Grundlagenvertrag vorzuenthalten, die lieber an die ohnehin schon im Geld schwimmende Tochter DFL gegeben werden.

Warum hört und sieht man von all den scheinbar honorigen Herren in der Fußball-Bundesliga, außer Peter Fischer, dem lebenslustigen Präsidenten von Eintracht Frankfurt, niemanden, der seine mediale Reichweite sinnvoll nutzt und sich kraft Amtes laut und deutlich gegen die Nazis und Faschisten positioniert? Und das soll nicht heißen, dass wir alle Wähler der braunen Brut unter Quarantäne stellen, wie der stets locker frisierte und ebenso locker daher parlierende Medienmensch Giovanni die Lorenzo letztens in einer der unerträglichen Talkshows sagte. Es sollte aber sehr wohl heißen, dass wir die Mitglieder der braunen Partei und vor allem deren, warum auch immer gewähltes, Personal in den Parlamenten dieses Landes unter Quarantäne stellen und vor dem Kontakt mit ihresgleichen warnen sollten.

Keine Funktion für Nazis. In keinem Sportverein, in keiner Sportart. Und Präsidenten überall, die genau das öffentlich sagen. Und Fußball-Nationalspieler, diese ballgewandten Marketingmaschinen – warum fällt mir jetzt ad hoc außer Toni Rüdiger und Leon Goretzka keiner ein, der kontinuierlich klare Kante zeigt, der nicht erst seit ein paar Tagen mehr macht, als nur hier und da mal ein glattes Sprüchlein zu posten?

Viel mehr Position, viel mehr Vorbild, von viel mehr reichweitenstarken Leuten. Grundrechte vorlesen, Grundrechte vorleben, es ist doch gar nicht schwer. Das wäre ein ganz konkreter Schritt auf dem Weg, den Sport noch viel großartiger zu machen. Umso unbeschwerter könnte dann auch mal wieder über das Für und Wider abkippender Sechser im 4-2-3-1-System geschrieben werden. Oder wer im Tor, unterm Korb oder am Netz stehen soll.


Christian Prechtl ist Autor, Kommunikationsberater und Begründer der Aktionsreihe "Ballwall", die sich zuletzt insbesondere Geflüchteten und dem Thema Integration widmete. In seinem Blog "By the way" hat er viele Jahre über Sport und Gesellschaft geschrieben. Seine Tätigkeit als Kolumnist führt er ab sofort unter dem Titel "Brot und Spiele" in Kontext fort.


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3 Kommentare verfügbar

  • Jupp
    am 02.03.2020
    Antworten
    Was ist denn das für ein schlechter Artikel.

    Ich habe eben den Autor gegoogelt.

    Der eignet sich wohl kaum um hier für Weltoffenheit zu schreiben.
    Gleich auf seinen ersten Twitter-Beiträgen diffamiert er VfB-Spieler mit Migrationshintergrund:

    "Al Gaddingsbums ist langsamer als... als...…
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