Wem drückt Wolfgang Dietrich beim Relegationsspiel die Daumen? Foto: Joachim E. Röttgers

Wem drückt Wolfgang Dietrich beim Relegationsspiel die Daumen? Foto: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 425
Wirtschaft

Sag die Wahrheit

Von Christian Prechtl
Datum: 22.05.2019
Für wen ist er jetzt, der Präsident – für den VfB Stuttgart oder für Union Berlin? Gewinnt der Zweitligist in der Relegation, dann gewinnt auch das Firmengeflecht "Quattrex", das Wolfgang Dietrich einst gegründet hat. SWR-Quizmaster Michael Antwerpes will das lieber nicht so genau wissen.

Die Zeiten, in denen "Sport im Dritten" noch ein journalistisches TV-Format war, sind lange vorbei. Damals, in den späten 80er Jahren, war "Rex" noch der Name des Schäferhundes von VfB-Trainer Egon Coordes. Der eine war scharf, der andere rüde. Damals stellten Moderatoren wie Helmut G. Müller ihren Studiogästen noch Fragen, achteten auf Distanz anstatt auf Gefälligkeit. Jenen Coordes, der kurz vor der Entlassung stand, weil er es sich mit ziemlich allen, bis auf Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder, verscherzt hatte, verabschiedete Müller mit den Worten: "Ich wünsch' Ihnen persönlich alles Gute – und dem VfB einen guten Griff." Damals hielt man es im Sport beim Süddeutschen Rundfunk noch für angemessen, Distanz zu wahren. Doch irgendwann ging es damit zu Ende, und niemand steht besser für dieses Ende als Michael Antwerpes.

Der 56-jährige Quizshowmaster ("Sag die Wahrheit") war lange 14 Jahre Sportchef des Südwestrundfunks (1998 – 2012). Bei Antwerpes hieß nicht der Hund "Rex", sondern die Agentur, die ihm immer wieder lukrative Nebenjobs vermittelte. Gerne als Redner und Moderator von Unternehmen und Sportfunktionären, über die er später berichtete. In aller Unabhängigkeit, versteht sich. Und weil der gefällige Antwerpes bis heute "Sport im Dritten" moderiert, tat er dies auch am vergangenen Sonntag – dem Tag, als VfB-Präsident Wolfgang Dietrich zu Gast war.

Wenige Stunden vor Sendungsbeginn war der Gegner des VfB Stuttgart in den beiden Relegationsspielen um Klassenverbleib oder Abstieg aus der Fußball-Bundesliga ermittelt worden. Der FC Union Berlin sollte es sein, und damit just der Verein, dem ein von Dietrich gegründetes Firmengeflecht um die Quattrex Sports AG und die Quattrex Finance GmbH mithilfe eines Luxemburger Fonds erhebliche Summen Geldes als Darlehen zur Verfügung gestellt hatte – mit der Aussicht auf eine ordentliche Wertsteigerung, vor allem im Falle eines Aufstiegs. Benjamin Hofmann hat das im "Kicker" und auch bei Kontext ausführlich beschrieben. Die einfache Frage wäre also gewesen: Für wen ist Wolfgang Dietrich?

Nicht alle Verflechtungen entflochten

Angesichts dieser (möglichen) Interessenskonflikte war es nicht weiter verwunderlich, dass die brisanten Relegationsduelle (23.5. in Stuttgart, 27.5. in Berlin) bei Twitter und Facebook sogleich unter der Bezeichnung "El Quattrexico" gehandelt wurden. Wobei der guten Ordnung halber angemerkt sei, dass es über das Ausmaß der wirtschaftlichen Verflechtungen des früheren S-21-Sprechers durchaus gegensätzliche Positionen gibt.

Da ist auf der einen Seite Dietrich selbst, der behauptet, alle entsprechenden Ämter längst niedergelegt, alle Verflechtungen entflochten zu haben und keinen einzigen Cent aus Darlehen der Quattrex-Firmen an anderen Fußballklubs zu verdienen. Er wisse daher gar nicht, was die ganze Aufregung solle, olle Kamellen seien das, längst bekannte zudem. Dietrich flankierend zur Seite stehen hierbei Vorstand und Aufsichtsrat des VfB Stuttgart sowie auch die Deutsche Fußball Liga DFL, die alle ebenfalls weit und breit keinen Grund zur Annahme sehen, es könnten hier Verstöße gegen die Satzung des VfB oder der DFL vorliegen.

Auf der anderen Seite ist Wolfgang Dietrich laut Handelsregisterauszug vom März 2019 nach wie vor Alleingesellschafter der Firma VMM Consulting GmbH, die genau 50 Prozent der Anteile an der Quattrex Finance GmbH hält, die wiederum Rückzahlungen aus den Darlehen erhält, die den Vereinen zur Verfügung gestellt wurden.

Steilvorlage für Dietrich – oder eher Fallrückzieher?

Nun muss man nicht jedes Wortspiel aus den sozialen Netzwerken zum Gegenstand öffentlich-rechtlicher Berichterstattung machen. Aber der smarte Herr Antwerpes hätte im Zusammenhang mit dem "El Quattrexico" zumindest auf diesen Handelsregisterauszug hinweisen können. Er hätte fragen können, wie sich das mit Dietrichs Aussage vereinbaren ließe, er sei da nirgends beteiligt, bekomme auch nichts und habe auch nie etwas anderes behauptet. Er hätte seinen Gast darüber hinaus auch fragen können, warum er noch kurz vor der Entlassung des Sportvorstandes Michael Reschke diesem eine Klausel aus dem Vertrag gestrichen hatte, welche die Zahlung jeglicher Abfindungen ausschloss. Warum er es als Verantwortlicher zulassen konnte, dass durch falsche Transfers und irrwitzige Vertragsgestaltungen mindestens 50 Millionen Euro einfach so verschleudert wurden. Er hätte ihn so vieles fragen können, hätte sich bei #fragdietrich bedienen können, bei einem Hashtag, den der SWR vor der Sendung geschaltet hatte. Die VfB-Fans haben Hunderte Fragen dort hinterlassen, wollten unter anderem erfahren, warum Dietrich "nach immer mehr Geld" strebe, wo doch das letzte Hemd keine Taschen habe.

Statt dessen fragte Antwerpes, ob Trainer Nico Willig aufgrund mangelnder Erfahrung ein Risikofaktor sei. Er fragte, ob Dietrich noch an "der Quattrex" beteiligt sei, er lieferte ihm die Steilvorlage, auch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen noch einmal das zu sagen, was er immer sagt: Es sei nichts Neues dabei, auch die zwischenzeitlich neuen Gremien beim VfB hätten alles bestätigt. Er partizipiere nicht, nirgends. Und dann sagte Antwerpes: "Lassen wir es dabei bewenden, weil, wenn wir da einsteigen, haben wir eine Wirtschaftssendung."

Der öffentlich-rechtliche Sportsfreund wollte nicht wissen, warum im Handelsregister genau das Gegenteil von dem steht, was Dietrich ihm in seiner Sendung auftischte. Und als Zuschauer saß man vor dem Fernseher und fragte sich, wer jetzt gerade gelogen hatte – der Präsident oder das Handelsregister? In dem Augenblick wünschte man sich Helmut G. Müller zurück, oder "Rex", den scharfen Schäferhund. Bloß nicht Antwerpes. Weder als Moderator von "Sport im Dritten" noch von "Sag die Wahrheit".

Die Wahrheit? Sie wird sich erst abzeichnen, wenn bekannt wird, wie viele Millionen TV-Geldes der FC Union Berlin im Falle eines Aufstiegs in die Bundesliga von der DFL bekommt. Oder im Falle eines Nichtaufstiegs. Und wie viel von diesem Geld die Quattrex Finance GmbH kassiert, an der Wolfgang Dietrich laut Handelsregister ja immerhin 50 Prozent der Anteile hält. Nur schade, dass die Karawane dann längst weitergezogen ist, und dass Dietrich genau darauf spekuliert.


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5 Kommentare verfügbar

  • Gaston
    am 24.05.2019
    Was ist denn der Dietrich? Ein Geldverleiher. Ein schwieriges Geschaeft, es gibt ja keine Zinsen mehr. Komischer Kapitalismus. Aber im Fussball gibt es immer Geld. Je weiter oben desto mehr. Da man keinem trauen kann, ist es besser wenn ich in die Firma mit
    einsteige, der ich mein Geld geliehen habe. Und dann kann man noch Spieler kaufen.
    Am besten billig, und wenn er ein Juwel wird kann man ihn fuer das fuenfzigfache in ein-zwei Jahren wieder verkaufen. Das gibt es sonst nirgends. Der Reschke kann das. Wehe ein Journalist, der kritische Fragen stellt. Der kommt uns nimmer ins Haus. Geht doch.
  • jörg krauß
    am 24.05.2019
    Umsatz 2017 VfB Stuttgart ca. 112 Mio. Umsatz Union Berlin ca. 30 Mio in 2017. Was sagt uns das? Am Geld kann es nicht liegen, wenn Union aufsteigen sollte. Die Herren dieser "Sendung" senden eigentlich nur eines. Nichts.
  • Holger Neumann
    am 22.05.2019
    Mit diesem Präsidenten ist der VfB moralisch eh schon bankrott. Ich wünsche diesem Verein die 2. Liga - denn wer es schafft, mit zig Millionen unter die letzten Drei der Bundesliga zu kommen, der verdient die 2. Liga. Fortuna Düsseldorf und der SC Freiburg machen vor, was gutes Haushalten und Teamgeist bringen kann. Und eine kritische Presse gibt es ja schon lange nicht mehr. Und auch hier spielt Stuttgart in der 2. Liga. SWR und StZ sind einfach Spätzlespresse. Niveaulos und überflüssig.
  • Werner
    am 22.05.2019
    Was haben Sie nur gegen Michael Antwerpes? Er trat als Nachfolger von Gerhard Meier-Röhn in dessen Fußstapfen. Sonst noch Fragen? Das ist halt heutiges SWR-Sportjournalismus Niveau.
  • Andreas
    am 22.05.2019
    was die Sport“journalisten“ in dieser Stadt abliefern, spottet jeder Beschreibung. schaut Euch die VfB -Pressekonferenzen im Netz an. Egal, welches Medium, die hiesigen Zeitungen aus Stgt -Möhringen oder die satten SWR-Mitarbeiter: die Fragen der Presseorgane sind nicht nur harmlos, sondern in den meisten Fällen einfach dumm.
    es erinnert einen an Schülerfragen nach einer Führung durch die VfB -Welt. und das dämlichste, was es bundesweit übrigens nur in Stuttgart, gibt, ist die heiss begehrte Eröffnungsfrage. Statt dass ,wie andernorts der Trainer oder Pressesprecher kurz bekanntgibt, wer spielen kann und wer verletzt ist, warten beim VfB zu Beginn alle “Journalisten“ darauf , genau diese Frage stellen zu dürfen.

    Ansonsten werden überwiegend Suggestivfragen (ein No-Go des Journalismus!) gestellt.

    und
    selbstverständlich wird bei der ganzen PK ausschließlich in der fraternisierenden Du-Form gesprochen.

    der m.E. einzige VfB-Berichterstatter mit Rückgrat heisst Oliver Trust; und der geht zu dieser Folklore-Veranstaltung nicht hin, weil er seine Infos informell bekommt.
    Leider wird er in Stuttgart kaum gedruckt...

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