Bernd Wahler: vom Adidas-Manager zum VfB-Präsidenten. Foto: Martin Storz

Bernd Wahler: vom Adidas-Manager zum VfB-Präsidenten. Foto: Martin Storz

Ausgabe 119
Gesellschaft

"Das Programm bin ich"

Von Jürgen Löhle
Datum: 10.07.2013
Am 22. Juli bekommt der VfB Stuttgart einen neuen Präsidenten. Das Votum für Bernd Wahler gilt als sicher. Es war eine quälende Zangengeburt, bis der Aufsichtsrat des Bundesligisten einen Kandidaten präsentieren konnte. Der 55-jährige Manager aus dem Remstal soll Ruhe in den Verein bringen.

Die Zukunft trägt schwarze Jeans, das weiße Hemd weht lässig überm Hosenbund, und über den Schultern des Mannes hängt ein Ledertäschle mit massiv studentischer Ausstrahlung. Bernd Wahler betritt bei seiner ersten Pressekonferenz für den VfB Stuttgart das Podium wie noch nie ein Kandidat für das höchste Amt des Vereins. Vor zwei Jahren saß an dieser Stelle der ehemalige Porsche-Marketing-Manager Gerd E. Mäuser. Der Mann war brav in ein gedecktes Jackett gehüllt und las ein Zehn-Punkte-Programm aus Textbausteinen und geschmeidigen Worthülsen vor, der damalige Aufsichtsratschef Dieter Hundt nickte gefällig dazu. Hätte Hundt geahnt, wie massiv der herrische Mäuser nach seiner Wahl Mitarbeiter, Sponsoren und Fans des Vereins verbellen würde – er hätte wohl kaum gelächelt. Aber so hat der präsidiale Missgriff den Noch-Chef der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände kurz nach Mäusers Rückzug ebenfalls aus dem Amt gespült.

Der Aufsichtsratschef aus Uhingen wurde vor ein paar Wochen zurückgetreten. Damit machte Hundt knurrend Platz für einen Neunanfang, was möglicherweise nicht so schlecht ist. Dem 74-jährigen Unternehmer wurden schließlich als eine Art Spätwerk auch Ambitionen auf das Präsidentenamt nachgesagt, für das er sich eventuell in ein paar Jahren bewerben wollte. Und Fußballchef war Hundt übrigens schon mal: Der österreichische Klub SV Bad Aussee stieg unter ihm als Präsident viermal bis in die zweite österreichische Liga auf, dann aber auch zweimal schnell wieder ab und rauschte schließlich 2009 in den Konkurs. Ein paar Monate später zog sich der Chef der Allgaier Werke komplett zurück, kurz danach wurde der steirische Verein aufgelöst.

Traumjob gegen heißen Stuhl getauscht

Der VfB soll dagegen jetzt noch fester in Stadt und Land verankert werden. Und das mit einem Mann an der Spitze, der ohne festes Programm vor seine Wähler treten wird. Das Programm ist zunächst mal er. Dafür bittet er um Verständnis, die Zeit sei einfach zu knapp, er habe auch einige Ideen, die Wahler aber erst intern kommunizieren möchte. Wahler hat erst seit ein paar Tagen die Freigabe seines Arbeitgebers Adidas. Dort war er als Senior Vice President, wie es so schön heißt, für den Bereich Innovation zuständig. "Ein Traumjob", wie er sagt, den er jetzt mit einem ziemlich heißen Stuhl tauscht – für geschätzt 450 000 Euro im Jahr.

Heiß ist der Stuhl vor allem auch deshalb, weil er sich eine wahre Herkulestat vorgenommen hat. Wahler will neben der nötigen Ruhe auch für eine leidenschaftliche Aufbruchsstimmung sorgen – und das im Team. Das klingt wenig spektakulär, ist es aber in Anbetracht des historischen Auf und Ab der Mannschaft und des superkritischen rot-weißen Klientels. "Der VfB wird leider außerhalb besser gesehen als in seinem direkten Umfeld", weiß auch der designierte Chef und glutrote VfB-Fan. Wohl wahr. Mit Ausnahme der treuen Fans auf den Stehrängen gilt vor allem das Publikum auf der Haupttribüne bisweilen als Mauer des Schreckens. Nirgends sonst in Deutschlands Stadien werden die Kicker heißer geliebt und nach zwei Fehlpässen tiefer verdammt als in der Cannstatter Arena.

Wenn einer der per se wegen seines granatenmäßigen Gehalts suspekten jugendlichen Millionarios ein wenig an der Kugel dilettiert, verliert der Mittelstand gerne derart die Contenance, dass es eine Art hat. Das mag nicht jeder. Schon in den 70er-Jahren verweigerte Miss Dalli Dalli Monika Sundermann, die Gattin des damaligen VfB-Trainers Jürgen Sundermann, mit Hinweis auf die bösartigen Beschimpfungen ihres Mannes den Besuch der Tribüne. Sundermann wurde in Stuttgart später Wundermann genannt. Anders ist das heute auch nicht. Zwischen Heilsbringer und Sauseggel braucht es fürs geneigte zahlungskräftige Publikum nicht viel mehr als 15 laufschwache Minuten (Spieler), eine seltsame Auswechslung (Trainer) oder einen sogenannten Fehleinkauf (Manager).

Wahler weiß das, er sitzt seit Jahren als Fan auf der Haupttribüne und hat selbst als Jugendlicher im Verein gekickt ("Auf meiner Position war leider einer besser –  Hansi Müller"). Deshalb ist ein Ziel des Managers, die kritischen Fans mitzunehmen. Das Naturell und die Ausstrahlung dafür hat der Weinliebhaber und Hobbygitarrist, aber ob das reicht, der Haupttribüne klarzumachen, dass "das Glas immer halb voll und nie halb leer ist", wie er sagt? Ein Herkulesjob ist das auf jeden Fall.

Nicht einfacher dürfte das mit der Ruhe im Verein werden. Der VfB Stuttgart gilt seit Jahren als ziemlich autokratische Veranstaltung. Vorne dran ein Präse, der entweder als eine Art cäsarischer Alleinherrscher (Gerhard Mayer-Vorfelder), König ohne Land (Erwin Staudt) oder Schwaben-Rambo (Gerd E. Mäuser) thront, daneben ein von der CDU und der Automobilindustrie kontrollierter Aufsichtsrat, der Präsidenten kraft Autorität aus einem auf Linie getrimmten inneren Zirkel kürt. Die Autorität schafft die Vereinssatzung, nach der nur dieses Gremium der Hauptversammlung einen Kandidaten vorschlagen darf. Lange Zeit galten die Präsidenten denn auch als Marionetten des mächtigen Hundt. Aber der ist ja nun weg.

Immer noch da ist Ulrich Ruf, und an dem Mann entzünden sich seit Jahrzehnten heftige Diskussionen. Ruf ist seit 1980 im Verein und seit 1990 der mächtigste Mann, was die Kasse angeht, sowie aktuell einer von nur drei Vereinsvorständen. Manager Fredi Bobic ist der zweite, der neue Präsident der dritte. Mit dem 57jährigen Ruf verbinden dessen Kritiker die Provinzialität des VfB Stuttgart. Weil der Finanzvorstand sich hartnäckig weigere, den Säckel zu öffnen und auch mal was zu riskieren, gilt er als Spaß- und Fortschrittsbremse. Das kommt besonders immer dann hoch, wenn die Mannschaft sportlich etwas gerissen hat. Als Felix Magath mit der Mannschaft in den

frühen 2000er-Jahren in der Champions League spielte oder der Club 2007 Deutscher Meister wurde, forderten viele, dass nun endlich mal ein paar Kracher gekauft oder wenigstens Stars wie Mario Gomez oder Sami Khedira gehalten werden – koste es, was es wolle. Aber das war und ist mit Ruf nicht zu machen. Ob der reflexartige sportliche Absturz nach einer Großtat des VfB damit zusammenhängt, ist eine gewagte These, die aber von Rufs Gegnern gerne bemüht wird.

Für andere ist der Ur-VfBler aber der Garant dafür, dass der Verein wirtschaftlich nie in Bedrängnis kam und auch noch sich selbst gehört und nicht einem Investor. "Wir können als Club nicht von der Anhäufung von Verlusten leben", sagt Ruf gerne. Und anders als zum Beispiel Dortmund oder Schalke lief der VfB tatsächlich noch nie Gefahr, finanziell an die Wand zu fahren. Bernd Wahler bricht denn auch schon vor seiner Wahl einer Lanze für Ruf: "Ich freue mich, einen Mann mit so viel Erfahrung neben mir zu haben", sagt er. Präsidenten gehen, Ruf bleibt. Daran wird sich auch dieses Mal wohl nichts ändern.

Die Fans hat er hinter sich

Bleibt die Frage, ob mit dem kantigen Kassenwart ein demokratischer Teamgedanke tatsächlich möglich ist. Wahler weiß auch, dass es kein "Homerun" werden wird, den Leuten die Begeisterung einzuimpfen, die er ganz offensichtlich hat. Insider beschreiben ja die Atmosphäre in der Klubzentrale als mittlerweile völlig frei von jeglichem Optimismus. Selbst die Teilnahme am europäischen Wettbewerb (Euro League), die der Tabellenzwölfte der Bundesliga durch den Einzug ins Pokalfinale gegen Bayern München doch noch geschafft hat, würde im Roten Haus überwiegend grummelig kommentiert. Schon wieder nach Island oder Bulgarien und dabei kein Geld verdienen, heißt es dort.

Bernd Wahler wird also viel zu tun bekommen, Aufbruchstimmung zu verbreiten. Dabei scheint er im neuen Aufsichtsratschef Joachim Schmidt einen Mitstreiter zu haben, der ebenfalls das Team schätzt. Und so kann sich der Daimler-Manager auch vorstellen, mit Wahler über viele Dinge im Verein nachzudenken. Profifußball aus dem Verein auslagern – warum nicht. Änderung des undemokratischen Wahlverfahrens, das der Hauptversammlung nur die Wahl lässt, den vom Aufsichtsrat vorgeschlagenen Kandidaten abzunicken oder abzulehnen. Man will darüber reden. Hinter dem umstrittenen Verfahren steht übrigens zweierlei: klarer Machterhalt eines exklusiven Zirkels, aber auch die nicht ganz unberechtigte Sorge, dass ein halbseidener Allesversprecher mit Unterstützung bierseliger Fans plötzlich an der Spitze eines Unternehmens steht, das immerhin gut 95 Millionen Euro im Jahr umsetzt.

In knapp zwei Wochen ist die Hauptversammlung, und Wahler braucht sich keine Sorgen zu machen, ähnlich klamm wie Mäuser vor zwei Jahren (58 Prozent) abzuschneiden. Die Fans scheint er hinter sich zu haben, 80 Prozent Ja-Stimmen sind realistisch. Und dann? Hört man hinein ins superkritische Umfeld, finden die meisten die Vorauswahl des Aufsichtsrats gelungen – aber: Die Wahl des Neuen darf natürlich nur ein erster Schritt sein, vor allem muss die Mannschaft wieder nach oben in der Tabelle, der Verein sollte dauerhaft international spielen, am besten natürlich Champions League, und das vorwiegend mit eigenen Leuten. Und natürlich attraktiv. Und erfolgreich. Und modern. Und bescheiden, gemäß dem Motto: Nicht bruddeln ist Lob genug. Ja, das wäre es dann auch schon.

So gesehen wird es wohl bleiben, wie es war. Kicken die Mannen von Trainer Bruno Labbadia vorne mit, kann der neue Präsident sich in Ruhe an einen Umbau machen. Dass sie es können, haben sie im Pokalfinale trotz der Niederlage gegen die Bayern gezeigt. Gibt's Saures auf dem Platz, wird das Volk maulen – auch gegen den Präsidenten. Das ist bei aller Berg-und-Tal-Fahrt der Mannschaft eine der bombenfesten Stuttgarter Fußballkonstanten. Seit gefühlten 50 Jahren.


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3 Kommentare verfügbar

  • Ruf-Kritiker
    am 13.07.2013
    Die Passage zu Ruf ist nicht richtig:
    "Stars wie Mario Gomez oder Sami Khedira gehalten werden – koste es, was es wolle. Aber das war und ist mit Ruf nicht zu machen."

    Hier hat der Autor wohl Balakovs Vertrag vergessen.

    Zudem fehlt die Ära von Manfred Haas, der den mit rund 30 Millionen Euro verschuldeten VfB entschulden musste. Was damals reichte, dass der VfB die Lage selbst so darstellte, als ob die Gefahr bestünde an die Wand zu fahren.
  • Kerstin
    am 10.07.2013
    Vielen Dank für den tollen Artikel!!! Eine kritische Anmerkung als eingefleischter VfB-Fan habe ich allerdings: Die Vereinsfarben vom VfB sind weiß-rot und nicht rot-weiß. Der FC Bayern hat rot-weiß :-)
  • Der Rühle
    am 10.07.2013
    Wirklich gut geschriebener Bericht. Hat andere Qualität als das Gesülze bei den beiden großen Stuttgarter Zeitungen. Gelungen!

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