KONTEXT Extra:
Fahrverbote: Unterstützung aus Bayern

Es wird immer enger für Dieselfahrzeuge. Seit Monaten kämpft Winfried Hermann hinter den Kulissen gegen eine Aushöhlung des Konzepts zur Luftreinhaltung in der Landeshauptstadt und damit auch für Beschränkungen an Feinstaubtagen. Jetzt hat der grüne Landesverkehrsminister Unterstützung ausgerechnet aus Bayern bekommen. Eine „Karte des Grauens“ nennen nicht nur Umweltschützer das Gutachten zur Luftqualität in München. Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU), so der Vorwurf der Deutschen Umwelthilfe (DUH), hat es über drei Wochen zurückgehalten. Jetzt wurde es publik und offenbart, dass an 260 (!) Straßen im Stadtgebiet der Stickoxid-Grenzwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter überschritten wird. Darunter sind ein Viertel aller Hauptstraßen oder 123 von 511 Kilometern. An 50 Messstellen liegen die Werte sogar über 60 Mikrogramm pro Kubikmeter. Schon Anfang 2017 - nach einer Klage der DUH - ist der Freistaat nicht nur dazu verpflichtet worden, das Gutachten zu veröffentlichen, sondern auch ein Maßnahmenpaket zur Verbesserung vorzulegen.

Wie sich die Bilder gleichen: Seehofer und sein Südschienen-Partner Winfried Kretschmann (Grüne) möchten Fahrverbote für Dieselfahrzeuge verhindern. Die Realisten hingegen, darunter vorsichtig auch Münchens SPD-OB Dieter Reiter, halten diese Maßnahme angesichts des Ausmaßes der Luftverschmutzung ohnehin für nur noch schwer abzuwenden. Und Winfried Hermann wiederholt gebetsmühlenhaft, dass Fahrverbote nicht vom Tisch sind. Die EU weiß er an seiner Seite: Am Freitag wurde bekannt, wie die zuständige EU-Industriekommissarin Elzbieta Bienkowska alle manipulierten Fahrzeuge radikal aus dem Verkehr ziehen will – nicht irgendwann, sondern schon 2018. Zugleich nimmt die Polin die nationalen Prüfbehörden ins Visier und findet klare Worte: Die hätten versagt. (21.7.2017)


Der doppelte Martin

Wo war Martin Schulz am Montagabend? Die "Stuttgarter Zeitung" behauptet, der Kanzlerkandidat sei bei ihr gewesen. Bei "StZ im Gespräch". Die "Stuttgarter Nachrichten" schreiben, Schulz sei bei ihnen gewesen. Beim "Treffpunkt Foyer". Recherchen von Kontext haben ergeben, dass der Spitzengenosse tatsächlich bei beiden war. Zur gleichen Zeit am gleichen Ort bei den gleichen Besuchern. Gesagt hat er auch das Gleiche, nur die Überschriften waren anders. Bei der StZ greift Schulz die Kanzlerin scharf an, bei den StN bläst er zur Aufholjagd, und die Chefredakteure dürfen auf den Titelblättern verschieden von vorne gucken. Fritz Kuhn wiederum, der Oberbürgermeister, klatscht in beiden Zeitungen gleich. Es ist einfach immer wieder schön zu sehen, dass eine Gazette so tut als wäre sie zwei. Das ist wichtig, wegen der Presse- und Meinungsvielfalt. (18.07.2017)


Landesregierung zu Fahrverboten: Aus Ja wird Jein

Vier Tage vor dem nächsten Termin am Stuttgarter Verwaltungsgericht in Sachen Feinstaub steigt die Nervosität. "Bei der Diskussion um den Luftreinhalteplan steht der Gesundheitsschutz der Bürger im Vordergrund und das Gebot, die Luft, die wir alle atmen, sauber zu halten", sagt Andreas Schwarz, Fraktionschef der Grünen um Landtag. Und doch muss er zusehen, wie seiner Partei die schärfste Maßnahme, die Möglichkeit, Straßen an Feinstaubtagen für den Verkehr zu sperren, aus der Hand geschlagen wird. Bereits Anfang Juli hatte Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) darüber informiert, dass er streckenbezogene Fahrverbote für rechtlich nicht zulässig hält, wenn durch die Kombination dieser Straßen de facto eine Fahrverbotszone gebildet wird. Dementsprechend sah der Anwalt des Landes jetzt die Notwendigkeit, dem Verwaltungsgericht im Vorfeld des Verfahrens am kommenden Mittwoch mitzuteilen, dass am Instrument der Fahrverbote nicht weiter festgehalten wird.

Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) will im Kabinett am Dienstag dagegen durchsetzen, im Luftreinhalteplan einen solchen Rückzieher nur für den Fall festzuschreiben, dass die Nachrüstung älterer Diesel-Fahrzeuge jenes Minus an Emission bringt, das auch Fahrverbote bringen würden. "Der Luftreinhalteplan, wie er von beiden Koalitionspartnern und den betroffenen grün- und CDU-geführten Ministerien vorgesehen ist", erläutert auch Schwarz, "macht noch einmal klar: Verkehrsbeschränkungen würde es dann geben, wenn die Nachrüstung verschleppt wird oder nicht die erwartete Wirkung bringt." Und der Kirchheimer Abgeordnete, der die Fraktion seit gut einem Jahr führt, spielt den Ball zurück an Dobrindt: Jetzt sei der Bund in der Pflicht, denn der müsse "dringend alle technischen und rechtlichen Fragen zur Nachrüstung für verbindlich erklären und die Blaue Plakette einzuführen, denn sie ist das beste Mittel, um allgemeine Fahrverbote zu vermeiden". (15.7.2017)


AfD fühlt sich durch bunte Ballons angegriffen

Eine anonyme Dienstaufsichtsbeschwerde gegen den Rektor des örtlichen Schulverbunds sorgt seit gestern erneut für Turbulenzen in Burladingen. In einem Schreiben behauptet ein anonymer Verfasser, im Namen von zwölf weiteren Eltern zu sprechen, die sich gegen eine Luftballon-Aktion der Burladinger Schulen aussprechen. "Letztlich ging es hier um eine politische Aktion, die gegen die AfD gerichtet war", so der Text, das sei ein "klarer Missbrauch der Kinder für politische Zwecke".

Was war passiert? Am 28. Juni hatten sich mehrere Schulen, Kindergärten, das Theater Lindenhof und mehrere Privatpersonen an der Aktion "Burladingen ist bunt" beteiligt. Mit bunten Luftballons warben die Burladinger für Offenheit und Toleranz in ihrer Stadt, die derzeit gegen ihr rechtes Image kämpft (Kontext berichtete), erst recht seitdem der umstrittene Bürgermeister Harry Ebert Sympathiebekundungen für die AfD verlautbaren lässt. An der Aktion beteiligt waren alle drei Rektoren des Schulverbunds. Doch nur gegen Michael Linzner richten sich die anonymen Vorwürfe.

Für den zuständigen Schulamtsdirektor Gernot Schultheiß in Albstadt ein ungewöhnlicher Fall. Noch nie habe ihn eine anonyme Dienstaufsichtsbeschwerde erreicht, so Schultheiß gegenüber Kontext: "So habe ich ja niemanden, dem ich antworten kann." Ungewöhnlich auch, dass das Schreiben an das Kultusministerium in Stuttgart ging, an die beiden Lokalzeitungen und an das Tübinger Regierungspräsidium. Dringenden Handlungsbedarf sieht Schultheiß allerdings nicht. Kein Kind sei gefährdet, auf keinem der Ballons sei gestanden, "gegen die AfD", das ganze habe in der Pause statt gefunden und keiner habe die Kinder gezwungen, einen Ballon steigen zu lassen. Im übrigen sei Linzner seit Jahrzehnten als engagierter und erfolgreicher Lehrer bekannt, der für seine Überzeugungen stehe und kein Blatt vor den Mund nehme. "Interessant ist", schreibt der Schwarzwälder Bote, "dass Michael Linzner am Wochenende bei der Schulentlassungsfeier Kritik an Bürgermeister Harry Ebert geäußert hatte, weil dieser kurzfristig abgesagt hatte."

Die AfD-Landtagsfraktion sah sich heute zu einer Pressemitteilung herausgefordert: "Die Luftballon-Aktion, an der Michael Linzner als treibende Kraft beteiligt war, richtete sich laut anonymem Hinweis gezielt gegen die AfD". Schulamtsdirektor Gernot Schultheiß sieht auch dies gelassen: "Sicher nutzen das manche nur, um auf sich aufmerksam zu machen." Initiiert hat die Aktion übrigens nicht der Rektor, sondern die Burladinger Bürgerin Tipsy Peucker. (13.7.2017)

Dazu: Rechtsabbiegen in Burladingen, Kontext-Ausgabe 323


Hunde als Soldaten

Große Natur- und Tierfilme, unvergessliche Filmbilder und spannend erzählte Geschichten: 130 Produktionen zu Natur, Tier, Umwelt und Nachhaltigkeit sind beim 16. NaturVision-Filmfestival in Ludwigsburg vom 13. bis 16. Juli (Donnerstag bis Sonntag) in Ludwigsburg zu sehen - beim größten Naturfilmfestival in Deutschland. Neben den Vorführungen im Kino Central gibt es ein Open Air auf dem Arsenalplatz. Dazu ein umfangreiches Programm auch für ganz junge Filmfans.

Schwerpunktthema in diesem Jahr: Die Stadt und das Meer. Gezeigt wird dabei auch der schockierende amerikanische Dokumentarfilm "A Plastic Ocean". Bei den Tierfilmen ist "Hundesoldaten" zu sehen, ein Film der Stuttgarter Regisseurin Lena Leonhardt über Kampfhunde bei der Bundeswehr - ausgezeichnet mit dem renommierten Grimme-Preis. "Unser Filmprogramm will für die Natur begeistern und kritisch informieren.Wir wollen aber auch zeigen, dass ein gesamtgesellschaftliches Umdenken notwendig ist, um neue Wege in Sachen Umwelt und Nachhaltigkeit zu gehen", so Festivalleiter Ralph Thoms. (12.7.2017)

Infos: www.natur-vision.de


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Ex-Tennisprofi Carl-Uwe Steeb, Ex-Radprofi Jan Ullrich und Sportmediziner Joseph Keul 1997 in Hamburg. Eine Pharmafirma hatte damals eingeladen. Foto: dpa

Ex-Tennisprofi Carl-Uwe Steeb, Ex-Radprofi Jan Ullrich und Sportmediziner Joseph Keul 1997 in Hamburg. Eine Pharmafirma hatte damals eingeladen. Foto: dpa

Ausgabe 206
Gesellschaft

Die Stunde der Heuchler

Von Josef-Otto Freudenreich
Datum: 11.03.2015
Der eine ist seit 15 Jahren tot, der andere in Südafrika. Plötzlich sind Joseph Keul und Armin Klümper in den Schlagzeilen, wegen des VfB Stuttgart. Frühere Kicker seien in Freiburg gedopt worden, heißt es, und alle Experten wundern sich. Vor allem die, die alles gewusst haben: die Freunde des Sports, die Heuchler vom Dienst.

Wenn einer der Ihren beerdigt wird, kommen die alten Kameraden. Und wenn derjenige, der unter die Erde gebracht wird, wichtig war, um so mehr. 600 Trauergäste haben sich am vergangenen Donnerstag auf dem Tübinger Bergfriedhof eingefunden, um Ommo Grupe (84) das letzte Geleit zu geben. Unter ihnen der frühere Leichtathletik-Präsident Helmut Digel (71), der ehemalige Generalsekretär des Deutschen Sportbunds, Norbert Wolf (81), der einstige Leiter der Freiburger Sportmedizin, Hans-Hermann Dickhuth (67), der amtierende Chef des Landessportverbands Baden-Württemberg, Dieter Schmidt-Volkmar (75), und der Präsident des Württembergischen Sportbunds, Klaus Tappeser, der mit seinen 57 Jahren noch zu den Jungen zählte, aber sich zeigen wollte, weil er für die CDU in den nächsten Landtag einziehen will.

Armin Klümper damals. Heute züchtet er Heilpflanzen. Screenshot: Sport Bild
Armin Klümper damals. Heute züchtet er Heilpflanzen. Screenshot: Sport Bild

Selbstverständlich haben sie für Grupe, den jahrzehntelangen Leiter des Tübinger Sportinstituts, nur gute Worte gefunden. Sie haben ihn gepriesen als Nestor der deutschen Sportwissenschaft, als internationale Kapazität, die den Sport philosophisch untermauert hat, als Erfinder von Leibesübungen, der den Studierenden verboten hat, den Ball ins Tor zu schießen. Um den Gegner gefühlsmäßig nicht zu verletzen. Eigentlich haben nur noch Joseph Keul und Armin Klümper gefehlt, die beiden Professoren der Medizin. Aber der eine ist seit 15 Jahren tot und der andere kümmert sich um Heilpflanzen in Südafrika. Präsent waren die beiden dennoch, weil es im Sport derzeit keine andere Diskussion gibt: das Doping in Freiburg.

"Die Pickel am Arsch haben wir halt in Kauf genommen"

Nun muss man sich das nicht so vorstellen, dass die Trauergemeinde erschüttert gewesen wäre, der Leichenschmaus im Bebenhäuser Landhotel, in dem schon der König gespeist hat, nicht geschmeckt hätte. Vielmehr haben sie sich gewundert über die ollen Kamellen, die plötzlich weltweit Schlagzeilen gemacht haben. Mein Gott, das haben sie doch alles gewusst. Der Gerhard Mayer-Vorfelder (Minister) ist zu Klümper gefahren, der Oskar Saier (Erzbischof), der Emil Beck (Fechttrainer), und alle haben sie sich seinen Cocktail in den Hintern spritzen lassen, ohne zu wissen, was drin ist, aber in der Gewissheit, dass er hilft. Die "Pickel am Arsch", sagt einer heute, "haben wir halt in Kauf genommen." Dass er vor der Injektion mit dem "Doc" Kaffee und Whiskey trinken musste, auch.

Gerhard Mayer-Vorfelder. Foto: Joachim E. Röttgers
Gerhard Mayer-Vorfelder. Foto: Joachim E. Röttgers

Natürlich wussten sie auch, dass die Kicker des VfB Stuttgart, des FC Bayern München, des SC Freiburg in die Klümper'sche "Sporttraumatologische Spezialambulanz" im Freiburger Mooswald ("An den Heilquellen 6") gepilgert sind. Auch die Wallfahrer selbst, Karl-Heinz Förster, Karl-Heinz Rummenigge, Paul Breitner, bis hin zum damaligen Stuttgarter "Bild"-Zeitungs-Sportleiter Klaus Schlütter, machen gar keinen Hehl daraus. Sie sind damals, in den 80er-Jahren, "zum Abschmieren", wie es in der Fachsprache hieß, in den Breisgau gefahren und waren glücklich, einen Muskelfaserriss bereits nach acht Tagen anstatt nach acht Wochen ausgeheilt zu haben. Was in dem fabulösen "Klümper-Cocktail" drin war – Cortison, Rinder- und Schweineblut plus anabole Wirkstoffe – war ihnen völlig wurscht.

Ob die auf der Dopingliste standen, das juckte auch Klümper nicht. Er war so frei, dies immer wieder zu sagen, auch dem Schreiber dieser Zeilen, der öfters im Mooswald weilte. Nicht des Cocktails halber, sondern, um mit einem Menschen zu sprechen, der von seiner Mission ("Alles was hilft, ist erlaubt") derart überzeugt war, dass ihn selbst der Tod seiner Dauerpatientin Birgit Dressel nicht vom Glauben abfallen ließ. Die Siebenkämpferin war 1987 an einem Multiorganversagen gestorben, mit 26 Jahren. Klümper war und blieb davon überzeugt, dass er stets das Richtige tat, stets zum Wohle der Athleten. Und das hat er auch schriftlich gehabt – unter ihren Bildern an der Wand, die auch in der Grotte von Lourdes hätten hängen können.

Artikel aus der "Stuttgart Zeitung" vom August 1986.
Artikel aus der "Stuttgart Zeitung" vom August 1986.

Alle waren sie vertreten: die Hochspringer Carlo Thränhardt und Dietmar Mögenburg, die Zehnkämpfer Guido Kratschmer, Jürgen Hingsen und Siggi Wentz, der damals sagte, es wäre für ihn ein "Traumjob", bei Klümper Assistent zu sein. Heute ist er Chefarzt an der Schlüsselbad-Klinik Bad Peterstal. Und natürlich Eberhard Gienger, der, wenn nötig, zur Klümper-Kollekte rief. Der Turner, spätere Vielfachfunktionär und CDU-Politiker, war auch noch im Februar 1989 dabei, als Klümper verurteilt wurde. Nicht von den Freunden des Sports, sondern vom Landgericht Freiburg – wegen seiner illegalen Rezeptierungspraxis. Er habe wie ein "freischaffender Medikamentenhändler" gearbeitet, befand damals der Richter und verdonnerte Klümper zu 157 500 Mark Geldstrafe. Während Gienger vor dem Gerichtssaal ankündigte, für den Freund weiter zu sammeln, tauchte Minister Mayer-Vorfelder weg. Von dem Rezeptbetrug habe er nichts gewusst, ließ er wissen und seinen Arzt mit der "tiefsten menschlichen Enttäuschung", die er je in seinem Leben erfahren habe, zurück.

Joseph Keul mit Roberto Blanco in der Loge – das hat Stil

Jetzt war Joseph Keul die Nummer eins. Der Herr mit dem schlohweißen Haar war feiner, wusste sich in der Society zu bewegen, zeigte sich mit Boris Becker und Roberto Blanco in den Logen des Daviscups, knüpfte seine Bande mit all den oben genannten Funktionären, präsentierte sich als Antidopingkämpfer – und drohte mit Schadenersatzforderungen in Höhe von 100 000 Mark, wenn man an diesem Sockel rüttelte. Wohl wissend, dass ihn die CDU-Landesregierung mit Mayer-Vorfelder, seinem leitenden Ministerialrat Schmidt-Volkmar und seinem Freiburger Statthalter Gundolf Fleischer stützte.

Siegfried Wentz, heute Chefarzt. Screenshot: Schlüsselbad-Klinik
Siegfried Wentz, heute Chefarzt. Screenshot: Schlüsselbad-Klinik

Wahr ist, dass Keul schon in den 70er-Jahren mit dopenden DDR-Medizinern in Kontakt war, dass er über die Wirkung von Anabolika geforscht hat und noch 1992 in der "Stuttgarter Zeitung" behauptet hat, sie seien nicht schädlich. Er sei wohl der "berühmteste Anabolika-Verharmloser Deutschlands", schrieb die FAZ 2007. Aber da war der Träger des Bundesverdienstkreuzes erster Klasse schon sieben Jahre tot. Wahr ist auch, dass Keul mit seiner Freiburger Sportmedizin die Antwort des Westens auf das Flächendoping im Osten war. (Die Weiterentwicklung im Zusammenhang mit Jan Ullrich und dem Team Telekom war dann keine Systemfrage mehr, sondern die Konsequenz jener Freiburger Sportmediziner, die allesamt Schüler von Ordinarius Keul waren).

Das ist alles nachzulesen, aber weil Erinnerung manchmal weh tut, auch vergessen. Den Akten des Standesgerichts Südbaden ist zum Beispiel zu entnehmen, dass Klümper seinem gehassten Kollegen Keul 1992 vorgeworfen hat, Sportlern bei den Olympischen Spielen 1976 "leistungssteigernde Spritzen" gesetzt zu haben. Nach Ansicht des Richters ein korrekter Vorwurf. Bekannt ist auch ein Brief des Präsidenten des Deutschen Sportärztebunds, Herbert Reindell, vom Dezember 1976, in dem bestätigt wurde, dass "in Übereinstimmung" mit verantwortlichen Funktionären des Deutschen Sportbunds (DSB) 100 Spritzen nach Montreal geschickt wurden. Adressat: Ommo Grupe, der damals im DSB-Präsidium saß.

Alle haben sie Doping mitgetragen, zumindest als Mitwisser

Nun wäre es falsch, Grupe post mortem einen Doper zu nennen. Der gebürtige Ostfriese war Pädagoge, verschrieb seinen Studierenden "Leib haben und Leib sein" und litt unter der ethisch-moralischen Verkommenheit seines Beritts. Aber qua Amt, etwa als Vorsitzender des Bundesinstituts für Sportwissenschaft, trug er sie mit, als Mitwisser zumindest. So wie sie alle, die Genannten, inklusive der meisten Sportjournalisten, die lieber Heldengeschichten schrieben, als zu fragen, aus was die Helden gemacht waren.

Treuer Freund bis zum Schluss: Eberhard Gienger (Mitte)von der CDU. Screenshot: CDU
Treuer Freund bis zum Schluss: Eberhard Gienger (Mitte) von der CDU. Screenshot: CDU

Heute, Jahrzehnte danach, regen sie sich auf. Haben VfB-Spieler gedopt?, wird geschlagzeilt, und der Verein verspricht eilfertig Aufklärung. Als ob der keine anderen Sorgen hätte. An Christoph Daums Kälbermastmittel Clenbuterol wird erinnert, an Peter Neururer und Toni Schumacher, die alle mal behauptet haben, im Fußball werde gedopt. Und Dortmunds Trainer Jürgen Klopp darf sagen, was der legendäre Hans Blickensdörfer schon vor 30 Jahren gesagt hat: Doping im Fußball bringt nix. Ein Himmelreich für alle Heuchler.

Beim Leichenschmaus zu Ehren Ommo Grupes sind sie wieder ganz bei sich. Einer erzählt die Anekdote von Seoul, Olympische Spiele 1988: Jürgen Hingsen, der Zehnkämpfer, beim 100-Meter-Lauf. Drei Fehlstarts. Ja, warum wohl? Nach dem erwischten Ben Johnson wollte der Klümper-Patient nicht ins Röhrchen pinkeln. Ist doch klar, oder? Einer, den das alles nicht mehr kümmert, ist Armin Klümper. Der inzwischen 79-Jährige schreibt Bücher in Südafrika. Die letzten heißen "Heilen mit Kräutern" und "Unkraut vergeht nicht. Ein Kompendium der Alternative für Ärzte und angeschlossene Heilberufe".


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