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Ein Prosit auf Putin

Ein Prosit auf Putin
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Olympia ist, wenn alle Freunde sind. Besonders gut kann das der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), der Tauberbischofsheimer Thomas Bach. Vor allem mit Wladimir Putin. Olympiasieger Dieter Baumann zählt nicht zu den Freunden. Für Kontext zieht er seine Sotschi-Bilanz.

Ein Bild trauter Zweisamkeit: Thomas Bach und Wladimir Putin bei der Eröffnungsfeier der Paralympics. Der russische Präsident hält ein Glas Sekt in der rechten Hand, der deutsche IOC-Boss steht daneben und lacht herzhaft. Wahrscheinlich hat ihm Putin gerade erzählt, wie er, breitbeinig sitzend, arrogant und schnippisch, der versammelten Weltpresse erklärt hat, dass auf der Krim keine russischen Soldaten seien und er aus diesem Grunde auch für keinen Abzug dieser fremden Armee sorgen könnte.

"Hallo?", scheint Putin den Tauberbischofsheimer zu fragen, "soll ein russischer Präsident nichtrussischen Soldaten den Abzug befehlen?" Bach lacht. Putin legt nach: "Das wäre so, als würde jemand behaupten, ihr hättet mir die Spiele gegeben, nur weil ihr einen Haufen Geld von mir gekriegt habt."

Aber ganz im Ernst: Sport und Politik, so heißt es immer, gehören getrennt. Um diese strikte Trennung öffentlich zu zeigen, sitzen Bach und Putin auch immer zusammen. Da sollten sich die anderen Staatenlenker einmal ein Beispiel nehmen. Sport ist Unterhaltung. Tagsüber gehen die Politiker ihrem Handwerk nach und luchsen sich gegenseitig Ländereien ab, am Abend wird in der VIP-Lounge entspannt ein Glas Sekt getrunken.

Wer darin nicht geübt ist, dem geht es wie Verena Bentele. Die gebürtige Lindauerin war ein Star im Biathlon, wurde Behindertenbeauftragte der Bundesregierung und sollte nach Sotschi reisen. Das tat sie aber dann doch nicht, weil die deutschen Regierenden wegen der Krimkrise wegbleiben wollten. Das gefiel Bach wiederum nicht. Und der Chef des Behindertensports, der Brite Philip Cave, meinte: "Ich hätte mir gewünscht, dass sie sich zunächst daran erinnert hätte, dass sie eine Athletin ist."

Athleten sollen Skifahren, auf dem Eis schnell laufen und sonst nix. Wann endlich kapieren die das? Putin und Bach begreifen das doch auch. Bei Olympia ist einfach kein Platz für Proteste in Sachen Umweltschutz und  Menschenrechte. Beim Fest des Friedens darf auf keinen Fall für Frieden demonstriert werden. Und Platz für Trauerflor auf dem Trikot gibt es auch nicht. Allenfalls ist Platz für IOC-Sponsoren.

Die rodelnde Unterhose ist für IOC-Boss Bach pervers

Apropos Sponsoren: Da gab es, bei den nichtbehinderten Winterspielen, einen Rodler aus Tonga. Er hieß Fuahea Semi. Auf ihn war Bach richtig sauer. Der einzige Vertreter Tongas belegte Platz 32. Er war rund sechs Sekunden hinter unserem Goldjungen Felix Loch ins Ziel gekommen. Das hat Innenminister Thomas de Maizière, der damals noch angereist war, sehr gefreut, und des Weiteren zum Gesamtlob verleitet, das da lautete: "Für die Sportler ist alles gerichtet, wie sie es brauchen. Und wenn die Athleten zufrieden sind, bin ich es auch."

Weniger zufrieden waren wohl die 2000 Familien, die zwangsumgesiedelt wurden. Andererseits geriet nichts aus dem Lot, weil ja 70 000 Sicherheitsleute (manche sagten auch 100 000 – auf jeden Fall sehr viele), für das notwendige Kuschelfeeling gesorgt haben. Und sogar US-Präsident Barack Obama half, damals noch, mit. Er griff zum Telefon, um Putin vor Flugzeugbomben in Zahnpastatuben zu warnen. Liebe Freunde der Laufkunst: Ich war es nicht.

Jetzt aber wieder zurück zum Rodler von Tonga. Er hatte 2009 zum ersten Mal Schnee gesehen. Eine PR-Agentur aus Deutschland sprach ihn an und fragte, ob er an olympischen Winterspielen teilnehmen möchte. Wahrscheinlich sagte er: "Seit Kindheitstagen träume ich, unter Palmen liegend, davon, Rodler zu werden." Sie kamen ins Geschäft, also die Agentur und Fuahea Semi. Hinderlich schien nur der Name zu sein. Und ganz ehrlich, wer kann sich das schon merken: Fuahea Semi? Deshalb schlug die Agentur vor, ob er sich nicht einfach "Bruno" nennen könnte. Genauer: "Bruno Banani".

Cooler Name, dachte sich der Junge aus Tonga und ließ sich seinen neuen Namen in den Pass schreiben. Das alles wäre, aus Sicht des IOC, nicht schlimm gewesen, wenn sich "Bruno Banani" nicht für die Winterspiele qualifiziert hätte. Hat er aber. Und so mussten die Herren der Ringe bei jeder Durchfahrt des Rodelkünstlers hören, wie es aus den Lautsprechern hallte: Und hier kommt mit der Startnummer sowieso der Starter von Tonga – "Bruno Banani!" Gütiger Himmel, das ist ja überhaupt kein IOC-Sponsor. Skandal!

"Das ist eine perverse Marketingidee", sagte Thomas Bach dazu. Die Unterhose, gefertigt in Chemnitz, Platz 32 beim Rodeln, eine perverse Marketing-Idee?

Nicht pervers sind 50 Milliarden Dollar und vertriebene Familien

Ansonsten sagte der IOC-Präsident wenig bis gar nichts, obwohl es genug Themen gegeben hätte. Und ganz ehrlich, insgeheim hätte ich mir schon gewünscht, dass Bach ein paar Takte zu dem ganz großen Spiel der Spiele gesagt hätte. Zum Beispiel – analog zur rodelnden Unterhose – Folgendes: 

Es ist pervers, dass die Winterspiele an einem Ort stattfinden, an dem es keinen Schnee gibt.

Es ist pervers, die komplette Wintersportinfrastruktur neu zu erstellen, dafür 50 Milliarden Dollar auszugeben und damit die teuersten Spiele in der Geschichte zu inszenieren. 

Es ist pervers, dass der einzige Sesselliftbetreiber, den es in Sotschi gab, unmittelbar nach dem Zuschlag enteignet wurde.

Es ist pervers, dass für diese Baumaßnahmen 2000 Familien zwangsumgesiedelt wurden, die zum Teil noch heute in Übergangsheimen leben, in denen sich acht Familien eine Küche teilen.

Es ist pervers, dass ein Umweltaktivist, der uns mit einem Schild an einem Bauzaun auf den Raubbau an der Natur und die Korruption aufmerksam macht, zu drei Jahren Arbeitslager verurteilt wird. 

Es ist pervers, dass man die Spiele in ein Land vergeben hat, in dem Männer und Frauen, die schwul oder lesbisch sind, ins Gefängnis kommen können.

All das hat Bach nicht gesagt. Stattdessen trinkt er Sekt mit Putin auf der VIP-Tribüne.

 

Dieter Baumann (49), Olympiasieger, Kabarettist und Beiratsmitglied von Kontext, hat in diesem Text Teile aus seinem neuen Programm ("Dieter Baumann, die Götter und Olympia") verarbeitet.

Seine nächsten Termine: 

21.03.2014 Sigmaringen – Ludwig-Erhard Schule
22.03.2014 Stuttgart – Theaterhaus Stuttgart
27.03.2014 Trochtelfingen – Tommi Sportshop
28.03.2014 Ravensburg – Kulturforum
04.04.2014 Freiburg – Vorderhaus

weiter Infos unter: www.dieterbaumann.de


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3 Kommentare verfügbar

  • Tillupp
    am 12.03.2014
    Antworten
    Danke für den Artikel. Zuerst dachte ich, der passt nicht zu Kontext weil Sotschi mit Stuttgart nichts zu tun hat. . ., aber er passt zu freiem Journalismus.
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