Ausgabe 278
Editorial

Dietrich for President

Datum: 27.07.2016

In der Flut der schlimmen Nachrichten der letzten Tage ist eine fast untergangen: Wolfgang Dietrich soll neuer Präsident des VfB Stuttgart werden. Das haben die "Stuttgarter Nachrichten" gemeldet, und weil es der Exklusivautor und frühere StN-Sportchef Gunter Barner geschrieben hat, unterstellen wir der Information einen hohen Wahrheitsgehalt. Und freuen uns darüber, dass sich hier eine Anschlusskarriere auftut, die großartiger nicht sein könnte.

Wie erinnerlich, war Dietrich von 2010 bis 2015 Sprecher von Stuttgart 21. Ein "wahrer Kämpfer für das Projekt" ( Bahnchef und Golf-Freund Grube), ein "transparenter und offener" Kommunikator (Bald-nicht mehr-DB-Vorstand Kefer), ein unbeirrbarer Optimist, der immer gesagt hat, dass, welches Problem auch auftauchte, selbiges "keine Auswirkungen auf Kosten- und Zeitplan" habe. Das haben ihm zwar nicht alle geglaubt, weshalb er auch den Spitznamen "Dementrich" trug, aber er war von seiner Mission überzeugt. So sehr, dass er selbst die "Stuttgarter Zeitung" verklagt hat, die zu bezweifeln wagte, dass die bestgeplante Baustelle 2021 fertig werde. Für Dietrich war das eine Frage der Ehre, eine Attacke auf seinen "sozialen Geltungsanspruch", die es zurückzuschlagen galt.

Und damit kommen wir zum VfB. Der Fußballverein hat sich in den vergangen Jahren mit zwei Präsidenten (Mäuser und Wahler) herumgeplagt, die nichts auf die Reihe gebracht haben. Im Gegensatz zu ihrer vorausgegangenen Lichtgestalt, dem legendären Gerhard Mayer-Vorfelder. Einem Dietrich, dem wahren Kämpfer, wird das nicht passieren. Der PR-Profi mit dem taktischen Verhältnis zur Wahrheit wird Niederlagen in Siege verwandeln, mit der Zweitliga-Truppe übers Wasser gehen und gewiss dort landen, wo der VfB einmal war: oben. 

Da fügt es sich auch gut, dass der Mann etwas vom Geschäftlichen versteht. Als Aufsichtsratschef einer Firma namens "Quattrex Sports AG" (Kontext berichtete) ist er im "Finanzwesen des deutschen Profifußballs" tätig. Das ist nun nicht sehr präzise auf der Internetseite der Stuttgarter Unternehmung erläutert, könnte aber bei den Stuttgarter Kickers nachgefragt werden, bei denen die "Quattrex" vor fünf Jahren eingestiegen ist. Damals war nur von dem "Investor" die Rede, der mit seinem Risikokapital satte Renditen einspielen wollte. Allerdings habe der Investor auch ein Herz für den Fußball, fiebere bei Heimspielen mit und käme dem Verein bei Zinszahlungen entgegen. Die Kickers spielen heute in der vierten Liga.

Nun ist der VfB natürlich eine ganz andere Nummer. In seinen Logen trifft sich die schwäbische Elite, auf den Parkplätzen davor die Mercedes-Flotte und im Geiste das geschichtsträchtige Vereinsmotto: furchtlos und treu. Ein Platz, wie geschaffen für einen, der einst Stuttgart 21 verkauft hat.


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10 Kommentare verfügbar

  • Reiner Hofmann
    am 09.08.2016
    Mit dem Tieferleger in die dritte Liga.
    Wahrlich gute Aussichten.
    Ein Dietrich, der Türen verschließt, anstatt sie zu öffnen!
  • Dr. Diethelm Gscheidle
    am 01.08.2016
    Sehr geehrte Damen und Herren,

    es freut mich außerordentlich, dass der redliche und aufrichtige Herr Dietrich eine neue Beschäftigung gefunden hat! Auch wenn ich ihn aufgrund seines bisherigen Amtes als Sprecher des hochredlichen und christlichen Projektes "Stuttgart-21" (welches er mit Bravour ausgeübt hat!) eher für Ämter wie Propagandaminister für Kim-Jong-Un, Frühstücksdirektor in der Firma Herrenknecht oder Pressesprecher der Mafia qualifiziert hielt, freut es mich generell, dass man diesem Ehrenmann eine neue redliche Arbeit verschafft hat!

    Mit freundlichen Grüßen

    Dr. Diethelm Gscheidle
    (Verkehrswissenschaftler & Dipl.-Musikexperte)
  • Frank-Michael Lange
    am 29.07.2016
    Stuttgarter Kickers, da habt Ihr im Unglück noch mal Glück gehabt! Aber: Halbwegs ehrlicher Fussball in der Regionalliga wäre wahrscheinlich eh nichts gewesen für einen Herrn Dietrich mit großen Ambitionen…Für alle ehrlichen VfB-Fans ist das natürlich ein Schlag ins Gesicht und ein Affront sondergleichen...
  • Gerd
    am 28.07.2016
    Keine Angst, VfB-Fans! Für Dietrich ist VfB-Präsident nur eine Durchgangsstation. Sein Ziel ist FIFA-Präsident zu werdeb. Da brauchen sie jetzt einen, der noch besserLÜGEN kann als der Blatter Sepp! Und wer wäre da besser geeignet als der ehemalige Projektsprecher von S 21.
  • Thomas Müller
    am 28.07.2016
    Als gebürtiger Karlsruher und KSC Fan könnte ich mich ja fast freuen...mit Dietrich haben wir ja vielleicht mal eine Chance....doch vorher wird S 21 gestoppt, bis der KSC mal beim VfB gewinnt....so ischs halt..Lebbe geht weiter...am 8.8. auf zur 333. Montagsdemo...
  • by-the-way
    am 27.07.2016
    Wo bleibt der Aufschrei und der Widerstand der VfB-Fan´s und -Mitglieder ?!!

    Man ruft ihnen quasi gerade zu:
    "WOLLT IHR DEN TOTALEN ABSTIEG ?!!"

    Aber das scheint wenig zu interessieren....
  • Werner
    am 27.07.2016
    Dietrich hat den Bahnhof nach unten gebracht, dann wird ihm dies beim VfB sicherlich auch mühelos gelingen. Die 3. Liga wartet. Aber Spass beiseite: Die (vermeintlichen) Macher beim VfB lernen nichts dazu. Einfach trostlos.
  • Ethiker
    am 27.07.2016
    Man wird schon sehr matt. Langsam habe ich keine Geduld mehr. Gibt es niemanden im Schwabenland, der nicht ethisch angreifbar ist. Wie transparent ist eigentlich der VfB in dieser Geschichte? Ausserdem sollte kein Ruheständler für diesen Posten engagiert werden. Wer geht der Sache vor der Mitgliederversammlung auf den Grund?
  • deepblue
    am 27.07.2016
    Als VfB Fan ist man sehr leidensfähig und hat schon viele beim VfB kommen und wieder gehen gesehen.

    Wenn Herr Dietrich wirklich kommen sollte, so würde er sich nahtlos in die Riege Mäuser, Wahler einreihen.

    Stichwort Marketing

    Der VfB hätte mal sowas wie Kontinuität - leider aber der ganz schlechten Sorte. Herr Dietrich würde die zwei Vorgänger sicher noch toppen.

    Viel heiße Luft - wenig Substanz

    2.Liga ist nur halb so schlimm als die Aussicht auf einen Präsidenten ala Dietrich
  • Blender
    am 27.07.2016
    Es ist schonerstaunlich welche Qualifikationen ausreichen um ein Millionen-Euro-Umsatz-Unternehmen wie den VfB zu leiten. Ab und zu Fußball zu gucken reicht meines Erachtens nicht aus. Ein Fall für die SWR3 Maultaschen-Connection.

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