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KünstlerInnen und Corona

Wieder auf Achse

KünstlerInnen und Corona: Wieder auf Achse
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Im Sommer, während des ersten Kultur-Lockdowns, besuchten wir die Mezzosopranistin Helene Schneiderman, Publikumsliebling der Stuttgarter Staatsoper. Am Ende des Jahres fragen wir nach, wie es ihr seitdem ergangen ist und was sie im zweiten Lockdown so treibt.

Helene Schneiderman ist telefonisch gerade schwer zu erreichen. Sie ist seit zwei Wochen in Berlin und probt. Am 30. Januar soll an der Komischen Oper Johann Strauß' "Zigeunerbaron" Premiere haben, und Schneiderman gibt darin ihr Rollendebüt als Gouvernante Mirabella. Vielleicht. Vielleicht auch nicht.

Zwischen den beiden Kultur-Lockdowns im Herbst, als die Theater unter strengen Auflagen mal wieder öffnen durften, hat Schneiderman ihr Haus-Debüt an der Wiener Staatsoper gegeben: als Gutsbesitzerwitwe Larina in Tschaikowskis "Eugen Onegin". Nicht in einer coronagerechten Aufführung wie gerade üblich, sondern in einer alten Inszenierung von Dmitri Tcherniakov, die 2006 am Moskauer Bolschoi-Theater Premiere hatte.

Alle Mitwirkenden wurden in der sechswöchigen Probephase einmal in der Woche getestet. "Viel zu wenig", sagt Schneiderman, "bis zwei Tage nach dem Test habe ich mich noch gut gefühlt, und dann wurde mir immer mulmiger zumute bis zum nächsten Test. Ich habe mich gefühlt wie beim Russisch Roulette." Es gab dann aber nur zwei positive Fälle unter den Mitwirkenden.

Ausgabe 480, 10.6.2020

Das Rezept ihres Erfolges

Von Verena Großkreutz

Sie ist eine international gefeierte Mezzosopranistin und Publikumsliebling der Stuttgarter Staatsoper. Corona hat Helene Schneiderman ausgebremst wie viele KünstlerInnen. Die Laune lässt sich die gebürtige Amerikanerin aber nicht verderben.

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Die Premiere fand Ende Oktober kurz vor dem zweiten Lockdown statt – anders als an deutschen Theatern waren bis zu 1.000 Zuschauer zugelassen. Den letzten Tag vor dem Lockdown wird Schneiderman wohl nie vergessen. "Der 2. November war ein schöner, lauer Herbstabend, alle Restaurants und Cafés waren noch offen, die Stimmung war gut", erinnert sie sich, "an der Staatsoper lief gerade die 'Cavalleria rusticana'. Ich hatte mir Sushi geholt. Da fielen ganz in der Nähe die ersten Schüsse des furchtbaren Terroranschlags, dem vier Menschen zum Opfer fielen. Ich war schon in meiner Unterkunft, habe mich dann natürlich nicht mehr rausgetraut."

In Berlin nun wird emsig geprobt – "eine typische Covid-Inszenierung", wie sie sagt. Auf zwei Stunden gekürzt, ohne Pause. Der klein besetzte Chor wird von den Logen heruntersingen oder aus dem Off. "Wir werden täglich getestet – direkt im Haus. 15 Minuten später weiß man, ob man weiterproben darf. Man fühlt sich für ein paar Stunden sicher und kann auch mal zu dritt nach der Probe zusammensitzen", sagt sie. Möglichst oft zu testen hält sie für die beste Lösung fürs Theater in Coronazeiten.

Die derzeitige Situation lähme sie. "Eine Rolle braucht ein Jahr Vorbereitung. Ich habe jetzt schon mehrere Rollen umsonst gelernt." Das ist auch finanziell ein Desaster. Bis zum eigentlichen Auftritt hat eine Sängerin – sofern sie nicht festangestellt singt – noch nichts verdient außer einer kleinen Tagespauschale für die Proben vor Ort – wenn sie denn stattfinden.

So wünscht sich Schneiderman fürs neue Jahr vor allem ein bisschen Normalität zurück. "Ich glaube, dass die Welt sich verändert hat. Es wird auch nach Corona alles intimer bleiben", mutmaßt sie, "und auch die Masken werden viele Leute wohl einfach weitertragen." Etwas, das sie sehr begrüßt. "Ich habe auch vor Covid auf Flügen immer eine Maske getragen und alles um mich herum desinfiziert. OpernsängerInnen haben eine Keimphobie – weil wir uns nicht die kleinste Erkältung leisten können."


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