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Vorhang auf!

Bühne frei für Dorle und Co.

Vorhang auf!: Bühne frei für Dorle und Co.
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Mit der Aktion "Vorhang auf" gehörte Kontext zu den ersten, die KünstlerInnen in der Corona-Krise eine Bühne boten. Bereits ab März versammelte sich die Szene, in 42 Folgen über acht Wochen lang, zu einem virtuellen Festival. Mit dabei war Dorle Ferber, die Teufelsgeigerin vom Bodensee.

Es war eines der letzten Konzerte von "Cochise". 1988 im Stuttgarter Theaterhaus. Die Band, benannt nach dem legendären Apachenhäuptling, war das musikalische Symbol des Widerstands, spielte in Mutlangen, an der Startbahn West, im Bonner Hofgarten, und Dorle Ferber die wunderbare Violine. "Cochise" verschreckte mit Titeln wie "Jetzt oder nie – Anarchie" oder "Die Erde war nicht immer so", und die Teufelsgeigerin sang Verse wie: "Wer immer ihr seid, ob weiß oder rot, braucht Wasser und Luft, Platz für die Kinder, ein Dach überm Kopf und Wärme im Winter."

Ausgabe 477, 20.5.2020

Große Corona-Show

Von unserer Redaktion

Klingende Modellhäuschen, fliegende Kegel und ein Garagenlauf zur Lockerung: Die Kontext-Serie für Kulturschaffende ohne Bühne ist zu einem kleinen virtuellen Festival geworden. Alle 42 Folgen "Vorhang auf!", die innerhalb von acht Wochen online gingen, gibt es hier zu sehen. Viel Vergnügen!

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Die Feder im etwas grauer gewordenen Haar trägt sie immer noch, weil ja nicht alles vorbei ist, was gut war. Eigentlich hat es Dorle sogar ziemlich gut erwischt. Sie lebt in Owingen-Taisersdorf, einem 300-Seelen-Dorf im Hinterland des Bodensees, am Hirtengarten 13 in einem schnuckeligen Holzhaus, in dem sie ein rotes Sofa so platziert hat, dass ihr die Morgensonne beim taz/Kontext-Lesen auf den Rücken scheint. Neben sich Partner Michael Kussl, der Metallbildhauer ist, wovon die bunten Plastiken rund ums Haus Zeugnis ablegen. Wenn's wieder einmal knapp wird mit der Kunst, schweißt er auch den Bauern am Ort die Pflüge wieder heil.

Aber keine Sorge, hier wird nicht gejammert. Höchstens ein wenig wehmütig zurückgeschaut, was 2020 alles nicht geklappt hat. Wie schön wäre es gewesen, ihr archaisch "echsperimentelles Hauskonzert Archex" zum zehnten Mal zu veranstalten. Zusammen mit Tomi Simatupang, dem Jimi Hendrix von Indonesien, mit Jan Fride von der Deutschrock-Band "Kraan", der um die Ecke wohnt, und der Lautenbacher Blaskapelle, die von Klassik bis zur Tanzmusik alles spielt, gehandicapt in vielerlei Hinsicht, nur nicht in musikalischer. Eine grandiose Truppe, die Dorle dirigiert.

Ihr nächster Termin stand schon fest, die Erstaufführung von "Tutto – des Lebens wilder Kreis", den Text für den Sprechchor hatte sie geschrieben: "Monokulturen, Pestizide, Gülle, Nitrat – zu viel Nitrat und Gülle. Die mit sechs Beinen hört man nicht weinen, hört man nicht schreien, sie sterben einfach aus, sie sterben einfach aus."

Aus alldem ist nichts geworden. Die große Depression ist deshalb nicht ausgebrochen. "Mit Kreativität und Zuversicht kommst du immer durch", erzählt Dorle in ihrer Wohnstube, die mit vielen Plakaten des eigenen Schaffens geschmückt ist. "Ein Fisch fliegt über den Küchentisch", dieses Konzert hat vor einigen Jahren sogar die Baden-Württemberg Stiftung mitfinanziert. Wenn dann noch ein paar Euro Staatsknete fürs tägliche Leben rüberwachsen, wird sie nicht so antikapitalistisch sein, sie abzulehnen, sie höchstens als Ausnahme von ihrer Regel zu betrachten, die da lautet: kein Sozialamt. Von dem Corona-Geld, verrät Dorle, habe sie endlich neue Saiten für die Geige besorgen können.

Irgendwie kommen sie tatsächlich durch, und wenn der Eisenkünstler Kussl noch mehr bei den Bauern schweißen muss. Viel schwerer ist es, die Füße still zu halten, im Tonstudio neben der Wohnstube zwischen Geigen, Gitarren, Klavier und Coronamasken zu sitzen und nicht zu wissen, wann wieder Bühne ist. Da hilft so eine Aktion wie "Vorhang auf" bei Kontext, allein der öffentlichen Wahrnehmung halber. Da freut sich die Künstlerin, wenn die Baden-Württemberg Stiftung ein Klangspektrum ausruft und sie einen Song – "All blood is red" – einreichen kann, in dem sie das Gemeinsame der Menschen betont, nicht das Trennende. Als Kulturschaffende wolle frau doch mitmischen und aufmischen, sagt die 68-Jährige, in einer Klarheit, die glauben machen könnte, "Cochise" lebe noch. Der Werner, trägt sie zum Abschied auf, möge sich doch mal melden. Der Werner ist der Schretzmeier vom Theaterhaus Stuttgart.


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