KONTEXT:Wochenzeitung
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Große Corona-Show

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Klingende Modellhäuschen, fliegende Kegel und ein Garagenlauf zur Lockerung: Die Kontext-Serie für Kulturschaffende ohne Bühne ist zu einem kleinen virtuellen Festival geworden. Alle 42 Folgen "Vorhang auf!", die innerhalb von acht Wochen online gingen, gibt es hier zu sehen. Viel Vergnügen!

Folge 42: Vorhang auf für das Stuttgarter Kammerorchester und die Mehli Mehta Music Foundation!

Dienstag, 19. Mai

Indiens Premier Narendra Modi nutzt die Corona-Pandemie zu drakonischen Maßnahmen. 1,3 Milliarden Menschen haben dort seit zwei Monaten Ausgangsverbot. Wer ohne triftigen Grund auf der Straße angetroffen wird, riskiert, von Polizisten mit Schlagstöcken traktiert und ins Gefängnis gesteckt zu werden. Eine Tracking-App gibt der Regierung Einblick in die privatesten Daten ihrer Untertanen. Dabei sind für die Bewohner der Slums und die Wanderarbeiter Abstandsregeln der reine Hohn und das Verbot, sich im öffentlichen Raum zu betätigen, stürzt Viele in eine existenzielle ökonomische Notlage.

Wie es wohl ihren Partnern in Mumbai von der Mehli Mehta Music Foundation erginge, fragte sich Ulrike Stortz, die im Stuttgarter Kammerorchester seit 2015 nicht nur Violine spielt, sondern auch mit Katharina Gerhard das Vermittlungsprogramm SKOhr-Labor aufgebaut hat. Das 1945 vom Dirigenten Karl Münchinger gegründete Streichorchester hat in neuerer Zeit seinen Radius musikalisch und geographisch erheblich erweitert. Weltweite Tourneen führten im letzten Jahr beispielsweise in mehrere asiatische Länder, darunter Indien. Ulrike Stortz nimmt dann jeweils schon im Vorfeld Kontakt auf mit Partnern vor Ort, um gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen.

Die 1995 ins Leben gerufene Mehli Mehta Music Foundation, benannt nach dem Dirigenten, Violinisten und Begründer des Bombay Symphonieorchesters, dessen Sohn Zubin Mehta in den USA noch berühmter wurde als er, ist eine in Indien einzigartige Einrichtung für westliche klassische Musik. Sie organisiert Konzerte und unterrichtet Kinder und Jugendliche in Gesang und Streichinstrumenten. Viele Kinder stammen aus der Oberschicht, sagt Stortz, doch die keineswegs niedrigen Gebühren verwendet die Stiftung auch, um begabten Kindern aus armen Familien Zugang zu verschaffen.

Gerade sie sind von den Einschränkungen nun besonders betroffen. Und auch für die anderen findet derzeit natürlich kein Musikunterricht statt. Deshalb war es für die Chorleiterin Salome Rebello auch überhaupt keine Frage, ob sie einem gemeinsamen Projekt in der Krise zustimmen würde. "Die Mehli Mehta Musikstiftung Mumbai ist begeistert, für Sie A. R. Rahmans berühmtes Lied 'Jai Ho' zu spielen", kündigt sie das Video an, "ein Lied über Erfolg und die Überwindung von Herausforderungen."

"Jai Ho" ist das Schlusslied des vielfach preisgekrönten Films "Slumdog Millionaire". Zu den acht Oscars, die der Film 2009 gewann, gehört auch der für den besten Song – eben "Jai Ho", ein Lied, das am Ende mit Tanzeinlagen den Aufstieg des 18-jährigen Slumbewohners Jamal Malik feiert, der in der Fernsehsendung "Who Wants to Be a Millionaire?" den Hauptgewinn ergattert. Dass nur dieses Lied infrage käme, um den Jugendlichen wieder Mut zu machen, war Rebello sofort klar.

Die Schwierigkeiten waren eher technischer Natur. Alle Stimmen sind einzeln aufgenommen. Die Streicher haben zur rhythmischen Abstimmung einen Clicktrack im Ohr. Den Sängerinnen und Sängern singt Rebello ihre Stimme im Ohrhörer vor, damit sie auch die Tonhöhe halten. Der Junge im Slum, der sonst immer in die Stiftung zum Üben kam, verwendet wohl eine ganz billige, alte Geige, vermutet Stortz, denn die Luftfeuchtigkeit ist für die Instrumente zerstörerisch. Trotz Clicktracks liefen freilich die Stimmen im Tempo etwas auseinander. Es war die Aufgabe der Ton- und Videotechniker Thiemo Hehl und Torsten Truscheit, die Videobilder der Sänger und Musikerinnen zusammenzupuzzeln und die Tempo-Schwankungen wieder auszugleichen.

Die Begeisterung ist den Teilnehmern anzusehen. Und das Projekt soll nicht das letzte sein, das Ulrike Stortz im Zuge der Corona-Krise mit dem SKOhr Labor und ihren indischen Partnern realisieren will. In Delhi waren Kinder, die in beengten Verhältnissen zuhause festsitzen, aufgefordert, zu erzählen, wie es ihnen dabei ergeht. Diese Geschichten will das Kammerorchester nun, mit Musik durchsetzt, ebenfalls als Video veröffentlichen.

Mehr unter:

www.stuttgarter-kammerorchester.com

www.facebook.com/sko.stuttgart/

www.instagram.com/sko.stuttgart/

www.youtube.com/user/StgtKammerorchester

 

Folge 41: Vorhang auf für Forzarello!

Montag, 18. Mai

Jonglage an sich ist schon eine Kunst, die weit mehr Menschen bestaunen als beherrschen, beim Komisch-Sein vor Publikum sieht es so ähnlich aus, das ist den Wenigsten eigen. Beides souverän zu vereinen ist die Spezialität des Duos Forzarello: Die beiden Gaukler bringen ihr Publikum, wenn sie scheinbar mühelos Keulen, Bälle oder was auch immer durch die Luft wirbeln, nicht nur zum Staunen, sondern auch zum Lachen. Und das nicht zu knapp, wie ihr Auftritt im Roxy in Ulm vor rund fünf Jahren zeigt.

Seit rund 20 Jahren gibt es Forzarello, wobei es nicht immer ein Duo wie jetzt war. "Am Anfang waren wir zu fünft", sagt Tim Hellebrand, "dann zu dritt, und dann sehr lange nur noch zu zweit, mit meinem Kollegen Julian Breitschwerdt." Der, ein Gründungsmitglied, ging vor kurzem, um Lehrer zu werden, ihn ersetzte Manuel Butzke, der aber in einem Jahr auch wieder aussteigen wird. "Das Schiff ist in schwerer See, ich muss mal sehen, ob ich es auch alleine schaffe", sagt Hellebrand, hofft aber natürlich auf einen Ersatz.

In schwerer See ist das Schiff momentan auch wegen Corona. Rund 100 Auftritte haben Forzarello im Schnitt jedes Jahr, je zwei pro Wochenende, auf Stadtfesten, Musik- und Mittelalter-Festivals, oder in geschlossenen Häusern wie dem Roxy. Mit dem Pandemie-bedingten Aus von Veranstaltungen endete auch das abrupt. Es ist schon jetzt ein größerer fünfstelliger Betrag, der dadurch wegbrach, "und es wird wohl nicht so schnell weiter gehen", sagt Hellebrand. Die Künstler-Soforthilfe des Landes konnte immerhin das Ärgste abfedern, so dass Hellbrand, der mit seiner Frau und drei Kindern in Spiegelberg im Schwäbischen Wald wohnt, nicht ganz düster in die Zukunft blickt. Aber: "Alles ist gerade sehr unsicher".

Dabei ist auf der Bühne zu stehen dem Lockenkopf quasi in die Wiege gelegt. "Meine Eltern haben hobbymäßig Theater gespielt, da hab ich mitgemacht." Die Jonglage sei erst später, so mit 15, 16 Jahren gekommen, an der Schule, wo er mit einigen Kumpels schon erste Auftritte hatte. Später ging er in Backnang auf Frieder Nögges Schule für Improvisationstheater und Schauspiel. Und blieb dabei. "Für mich hat sich das als schöner Beruf herausgestellt", sagt Hellebrand.

Für den möchte er mit seinem aktuellen Partner Manuel Butzke momentan auch andere begeistern: Die beiden haben einen Jonglierworkshop auf Youtube gestellt, an denen sich diejenigen, die schon immer mal Bälle, Äpfel oder Orangen ihrer wahren Bestimmung zuführen wollten, nun in den Homeoffice- oder Homeschooling-Pausen versuchen können. Vielleicht hat Corona ja dann für manche immerhin den positiven Nebeneffekt, dass sie ihre artistische Ader antdecken.

Web: www.forzarello.de

 

Folge 40: Vorhang auf für Harry Walter und Kurt Grunow!

Samstag, 16. Mai

Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – das werden, sind und waren doch überholte Konzepte! "Dass alles, was geschieht, schon unendliche Male geschehen ist und unendliche Male wieder geschehen wird", befindet zumindest der Stuttgarter Künstler Harry Walter, sei ein Gedanke, der "mittlerweile zur mentalen Basisausstattung postmoderner Subjekte gehört". Simpel gestrickte Denkmuster und banale -stränge reichen allerdings nicht, ornamentale Gedankenteppiche muss sich knüpfen, wer ein nonlineares Zeitkonzept – und sei es nur als Hypothese – in die Sphäre des Vorstellbaren rücken will.

Behilflich sein kann dabei eine Tapete, in Walters Fall: Nietzsches Tapete. Olivgrün schlummerte dieser vom Philosophen höchstselbst auserkorene Mentor in Musterform lange Jahrzehnte hinter einer Holzvertäfelung in seinem historischen Arbeitszimmer, nur unweit entfernt vom Silvaplanersee und seinem Zarathustrafelsen, an dem Nietzsche erstmalig – hehe! – die Idee von der ewigen Wiederkunft des beständig Gleichen gekommen sein soll. Denn wenn die unendlich voranschreitende Zeit auf eine begrenzte Zahl von Zuständen trifft, die Materie annehmen kann, dann bleibt als Folge nur die Wiederholung (und dann wieder und dann wieder, etc.). Die Konklusio dieses radikalen Gedankenexperiments findet, wie Walter betont, eine visuelle Entsprechung in exakt jener Tapete, auf der, "von den diagonal gekreuzten Bändern eingerahmt, vierblättrige Kleeblätter in ihrer heraldischen Stilisierung wie kleine stehengebliebene Propeller aus dem Fond hervortreten und schweigen", wobei "aus der Überkreuzung zweier Unendlichkeitsschleifen eine stehende Figur entsteht, die rasenden Stillstand bedeuten kann oder einfach nur, dass die Zeit mehr und mehr loopartige Strukturen annimmt und es völlig unklar ist, ob man der erste oder der letzte seiner Art ist".

Damit von der fortgeschrittenen Tapetendeutung zur Mikrokosmoskunde der Modelleisenbahnen. Die Kulisse einer großen Anlage mit Streckenführung in Form der Unendlichkeitsacht, die sein Vater in den Fünfzigerjahren gebaut hat, berichtet Walter, hatte eine Hauptattraktion: die Kapelle im Gebirge, hergestellt von der Firma Faller. Als der Künstler viele Jahre später und gemeinsam mit dem Kollegen René Straub im Schweizer Engadin zugegen war, wo sich auch Zarathustrafels und Silvaplanersee befinden, wanderten sie vom Haus mit der Tapete aus hinauf ins Fextal, "wo zu unserer Überraschung das Original dieser Fallerkapelle steht und vermutlich den zweiten Umkehrpunkt von Nietzsches ausgedehnten Spaziergänge bildete".

Eine Fallerkapelle war daraufhin nicht mehr genug, 14 weitere, teils 70 Jahre alt, ersteigerten Walter und Gleichgesinnte über Jahre hinweg auf Ebay. Mit Hilfe des Kollegen Kurt Grunow ist schließlich die Installation dabei herausgekommen, die Walter nun auch in unserer Vorhang-auf-Serie präsentiert: Die Kapellen, unter ihnen zehn mit funktionierendem elektronischem Glockengeläut, sind an einer Wand angebracht, "als hätten sie uns was zu sagen", kommentiert Walter. Die Sockel, auf denen sie stehen, betont er, sind aus Restholz des Künstlers Wolfgang Frey entstanden, der in Stuttgart und darüber hinaus wohlbekannt für seine Miniaturarbeiten ist (Kontext berichtete).

"Vom Einläuten neuer Epochen" ist das Video zur Installation benannt, obwohl es keine imposant donnernden Glockenschläge zu hören gibt, sondern nur ein bisschen Gebimmel. "Im Grunde ist die Aktion ein Witz auf die Epoche", erläutert Walter – auf ein postheroisches Zeitalter, in dem die Geschichte nicht mehr fortzufließen scheint, sondern im Mündungsdelta der Moderne steckt. "Man arrangiert sich zunehmend mit der Erfahrung, dass die Wirklichkeit die Form eines rapportfähigen Musters, eines ornamentalen Geflechts annimmt, bei dem es keine ausgezeichnete Richtung mehr gibt, keine Geschichte im Sinne eines gerichteten Prozesses." Da durch die ewige Wiederkehr nichts gewonnen und nichts verloren wird, da es schlichtweg nichts Neues gibt, ist auch das Einläuten neuer Zeiten entdramatisiert.

 

Folge 39: Vorhang auf für Peter Bähr!

Freitag, 15. Mai

Sich anzuschmiegen an dieses Stück, sich von diesen Worten verwöhnen zu lassen, fällt nicht leicht. Zu gravierend erscheint das Motiv: die transgenerationale Traumaverarbeitung nach zwei Weltkriegen, literarisch dargestellt im "Kaspar Karl-Amadeus Frühling", einem Epochenporträt der Fünfzigerjahre in der Stilform des Dramoletts. Für Peter Bähr ist es ein Text, dem er sich auf Knien annähern möchte. Der Schriftsteller, Schauspieler, Musikus und Skulpteur arbeitet Dekaden schon an diesem Werk und noch heute feilt er an den Feinheiten herum.

"Von Mörike heißt es, er habe 40 Jahre lang an einem Text gesessen", erzählt Bähr. "Bei mir ist es noch nicht ganz so lange, aber ja: ich beschäftige mich schon eine Weile damit." Für die Vorhang-auf-Serie deklamiert er das dritte von sieben Kapiteln seines Dramoletts, jedes davon soll als geschlossene Einheit für sich selbst stehen können. Und weil der Künstler, der das Analoge dem Digitalen entschieden vorzieht, keine Möglichkeit hatte, sich selbst zu filmen, ist er aus dem oberfränkischen Bamberg bis nach Stuttgart angereist, um die Aufführung per Aufzeichnung, freilich unter bescheidenen Möglichkeiten, in der Kontext-Redaktion zu verwirklichen.

Für Bähr ist es zugleich eine Rückkehr in die Heimat: Hier, in der baden-württembergischen Landeshauptstadt, wurde er 1949 geboren. In der Jugend, nur wenige Kilometer weiter in der Tübinger Mörikestraße, diente ihm bis in die 70er-Jahre eine altehrwürdige Villa als Domizil, gemeinsam mit Gleichgesinnten, die nicht einsahen, warum solch ein prachtvolles Haus leerstehen solle. "Da sind wir reingegangen und haben gelebt, wie junge Leute damals eben gelebt haben", erinnert sich Bähr. Und obwohl sie als Hausbesetzer gekommen waren, versichert Bähr, haben sie normal Miete bezahlt. "Wie genau das gelaufen ist, weiß ich nicht mehr. Vieles lief damals seltsam."

Diese rebellischen Zeiten haben ihn politisiert und geprägt, auch in der Gegenwart beklagt Bähr, dass sich nichts getan habe an den irrsinnigen Macht- und Besitzverhältnissen – und dass die gesamte Kulturbranche chronisch unterfinanziert sei: "Das ist tendenziell sogar noch schlimmer geworden – wenn aufstrebenden Künstlern oft nur noch die Nebenkosten erstattet bekommen, vielleicht für Auslagen und Anfahrt, aber darüber hinaus kaum jemand Honorare zahlen will oder kann für die eigentliche künstlerische Leistung." Die Branche kennt er allen Seiten, etwa als Teil des Ensembles beim Theater "Die Tonne" in Reutlingen oder als vagabundierender Rumtreiber mit Gastspielen in Belgien, Österreich, der Schweiz, Ungarn, Polen, Tschechien und Frankreich.

Natürlich würde der bühnenerfahrene Bähr seinen "Kaspar Karl-Amadeus Frühling" lieber vor einem greifbaren Publikum präsentieren. Für die Performance hat er eine genreübergreifende Konzeption erarbeitet, die literarische Elemente mit Schauspiel und Musik kombiniert. Erinnerungen aus dem Krieg, oft Originalzitate von unmittelbar Betroffenen, die Bähr akribisch recherchiert hat, sind als Flashback-Splitter in die Rahmenhandlung eingesprenkelt und werden durch eine besondere, dyonisische Lichtstimmung begleitet. Der surreale Charakter dieser Momente kann nur in einem echten, verdunkelten Theater seine volle Wirkmacht geltend machen. Doch allein Bährs pointierter Stimmvortrag entfaltet eine Sogwirkung, aus deren Bann sich zu entziehen schwer fällt.
 

Folge 38: Vorhang auf für Dieter Baumann!

Mittwoch, 13. Mai

Der Protest findet in der Garage statt. Leichtathlet, Olympiasieger und Kabarettist Dieter Baumann stellt sich für unsere digitale Bühne aufs Laufband im geschlossenen Raum. Während die Fußballer wieder die Gladiatoren in den Arenen geben. Das will ihm nicht in den Sinn, diese Bevorzugung der Profikicker, während Kinder Spielplätze meiden sollen. Da fallen ihm die alten Bilder ein – Fußball, das Opium fürs Volk, neuerdings wohl für systemrelevant erklärt.

Dazu die Dreistigkeit, mit der die Funktionäre auf schnellstmöglichen Beginn drängen! Der Fußball wäre sonst am Ende, behaupten sie, wirtschaftlich natürlich, und vergessen darüber, wie sie ihr Problem ganz einfach selbst lösen könnten: mit einem Verzicht ihrer Profis auf die Hälfte ihres Gehalts (das ein Vielfaches eines durchschnittlichen Jahreseinkommens beträgt), solange sie nicht kicken. Damit wären alle VereinsmitarbeiterInnen, die derzeit auf unsere Kosten in Kurzarbeit sind, locker bezahlt.

Apropos locker: Wir können den Act auf engstem Raum auch ganz anders sehen. Als Trainingsplan. Jetzt sollen doch die befreiten Zeiten kommen. Also raus in den Wald, fröhlich und beschwingt, zu dritt, viert – als Horde, ein paar  Lockerungsübungen gemacht. Wie man sich darauf vorbereitet, verrät der 55-jährige Tübinger in diesem Video, das ihm selbst eine Offenbarung war. Um sie zu erkennen habe er 40 Jahre gebraucht, sagt Baumann, und jetzt endlich eine Antwort gefunden. In seiner Garage eben.

Was den laufenden Kolumnisten und Blogger sonst noch so bewegt, ist unter www.dieterbaumann.de zu finden.

Folge 37: Vorhang auf für Tamara Kapp aka Mireille Marteau, People are Strange

Sonntag, 10. Mai

Tamara Kapp ist eine multiple Persönlichkeit. Zumindest in künstlerischer Hinsicht. Sie malt, zeichnet, fotografiert, filmt und macht – und das nicht zu knapp – Musik. Als Ein-Frau-Band "Singsong-Girl" pendelt sie zwischen Chanson, Elektro und Punk und bettet ihre Songs in kleine Animationsfilm-Kunstwerke, in dem schrägen Post-Proto-Noise-Punk-Duo "Der Schöne und die Biest" huldigt sie, an Schlagzeug und Gesang, dem gepflegten Lärm, und seit kurzem ist sie auch noch "Mireille Marteau". Nach den ersten an die Sängerin Mireille Mathieu erinnernden Silben kommt sozusagen der Hammer, denn das bedeutet "Marteau" auf französisch. Was aber nichts mit einem besonders brachialen Musikzugang zu tun haben soll – "es musste einfach ein doofer Name her", sagt Kapp und lacht.

Anfang April, schon in der Corona-Zeit, entstand diese neue musikalische Identität. "Ich wollte eigentlich Videos mit Drum-Covers machen und habe mir als erstes einen Beatles-Song, 'Something' herausgesucht. Der wurde aber sofort wegen der Rechte auf Youtube gesperrt", erzählt Kapp. Sie suchte weiter nach Songs, wo keine Probleme zu erwarten waren, stieß erst auf Bonnie Tylers "It's a Heartache", das wurde zum ersten Mireille-Marteau-Video, und dann auf "People Are Strange" von den Doors – dem sie in der hier präsentierten Fassung auch noch eine französische Strophe spendiert. Passt ja auch irgendwie zu den strangen times gerade. Und passend zu denen trägt Kapps Alter Ego am Bass auch Mundschutz, aber mit, Rock'n'Roll halt, Kippe. Das Video hat sie auch hier selbst gemacht, hat sich dabei nicht nur zur Band, sondern auch noch zu einer Tänzerinnentruppe vervielfältigt.

"Ich bin als Punk groß geworden", sagt Kapp, das Do-It-Yourself-Prinzip hat sie verinnerlicht, "ich mache einfach". In Luxemburg ist sie aufgewachsen, der Hang zur Kunst war immer schon da, Malen und Zeichnen zuerst. Malerin war das große Ziel, nach dem Abitur bewarb sie sich bei drei Kunstakademien in Deutschland, "in Stuttgart wurde ich zur Prüfung zugelassen", also ging sie 1993 dorthin. Und blieb. Zur Musik kam sie erst hier; auf einer Party lernte sie Friz, den Bassisten der Stuttgarter Noise-Rock-Kultband Wank kennen, "er sagte zu mir: Wie wär's, lern doch mal Bass", erinnert sich Kapp. Sie lernte, begann auch zu singen. Vor vier Jahren kam noch das Schlagzeug dazu, wo sie nach eigenen Angaben noch eher dilettiert.

"Crossmedia-Künstlerin" nennt sich Kapp selbst, kombiniert gerne die Genres. Ihre Musik begleiten neben selbstgemachten Videos auch noch selbstgezeichnete CD-Cover und Tonträger – jede CD ist dabei ein Unikat, ist von Hand mit einer anderen Zeichnung gestaltet – und die Konzertplakate macht sie natürlich auch. Daneben hatte sie auch schon Dutzende Ausstellungen mit ihren Zeichnungen und Gemälden, deren schräg-grotesker Charme bisweilen leicht an die Bildwelten von US-Regisseur Tim Burton erinnert.

Trotz dieser breiten künstlerischen Aufstellung kann Kapp von der Kunst allein längst nicht leben. Dank einer Luxemburger Spezialität, dem "Statut d'artistes", einem monatlich zu beantragenden Grundeinkommen für Künstler, kommt sie aber über die Runden und verdient sonst dazu "mit mal Plattenauflegen, Putzen oder Tiere Versorgen". Corona hat daher ihre Einkommenssituation noch nicht allzu bedrohlich verändert, seit Beginn der Maßnahmen ist sie allerdings nicht mehr in Stuttgart, sondern in Rheinland-Pfalz bei ihrer Mutter, hilft dieser im Alltag. Die Wohnung in Stuttgart hat sie noch, mehr als die fehlt ihr aber momentan etwas anderes: "Ich gehe gerne in Kneipen, treffe Leute. Da habe ich langsam richtig Entzugserscheinungen."

Mehr von Tamara Kapp auf ihrer Homepage. https://tamaraka.jimdofree.com/
 

Folge 36: Vorhang auf für Therese Degen!

Freitag, 8. Mai

Jetzt nicht mit dem Hula-Hoop-Reifen kommen. Der hat nun gar nichts mit ihrer Passion, dem hawaiianischen Hula-Tanz zu tun. Manche erinnern sich noch, an die 1980er-Jahre, als ein Reifen mittels Hüftschwingen in Bauchhöhe gehalten werden musste. Das ist wie Baströckchen und Kokosnuss-Büstenhalter, Hollywood-Kitsch. So etwas macht eine promovierte Sprachwissenschaftlerin nicht. Und so eine ist Therese Degen, 41, die in ihrem Philosophiestudium über Heidegger und Sloterdijk gearbeitet hat, und trotzdem auf dem Boden geblieben ist. Ein Studienkollege hat sie zum Hula-Tanz gebracht, der erdet und zugleich elegant ist. Sie habe das Kraftvolle und Energische gesucht, erzählt die Stuttgarterin, und dort gefunden. 

Dieser Spielart der polynesischen Tanzkunst wird in der ursprünglichen, nicht verkitschten Form,  als Herzschlag des hawaiischen Volkes betrachtet. Mit dem Hula erzählt es, begleitet vom Sprechgesang und der Kalebassentrommel, seine Geschichte, die immer eine Geschichte von Einwanderungen, Missionierungen,  Unterdrückungen, aber auch des Aufbegehrens war.  Zum Beispiel gegen die westliche Kultur der USA, die sich die Inselgruppe 1898 einverleibt und später zum 50. Bundestaat gemacht hatte. 

Unter dem Motto "Jeder kann tanzen" ist Therese Degen seit 15 Jahren mit dem Hula-Tanz unterwegs, als Akteurin und Lehrerin. Natürlich hofft sie, wie alle KünstlerInnen, dass die Zeit der Liveauftritte und der Workshops bald wieder kommen möge. Die Tanzruppe Manu To'erau, mit der Degen hier im Video zu sehen ist, ist auch bei Facebook

 

Folge 35: Vorhang auf für Gez & Geli!

Mittwoch, 6. Mai

Gerade hängt er Bilder seiner SchülerInnen auf, gestaltet die Gänge der Erzieherinnenschule St. Loreto in Schwäbisch Gmünd völlig neu. So hat Gez Zirkelbach wenigstens ein bisschen zu tun. Hier in Loreto unterrichtet er normalerwiese Kunst. Normalerweise. Nun freut er sich, dass die Schule ihm eine Aufgabe gegeben hat, die schon lange anstand: das künstlerische Lifting der Gemeinschaftsflächen.

Nicht nur sein Kunstunterricht in Loreto und an der Schwäbisch Gmünder PH fällt derzeit flach. Denn Gez Zirkelbach ist vielseitig unterwegs: Er ist bildender Künstler, Maler, Musiker, Hochschullehrer. Seit dem Studium der Malerei an der Kunstakademie in Stuttgart ist er freiberuflich im "Atelier4-Malerei Performance Musik" mit dem Maler Andreas Heinrich Adler in Schorndorf verbunden. Und seit 1986 spielt er auch mit der Musik- und Performancegruppe "Der Trieb". Geplant war bei der diesjährigen Kunstmesse Schwäbisch Gmünd eine Performance mit dem Münchner Aktionskünstler Martin Stiefel. Corona hat auch diese Musikpläne zunichte gemacht.

Und sämtliche Konzerte. Das gilt auch für seine Pop-Rock-Soul Band "Cassandra & The Boyz" und von "Gez & Geli" gleich mit dazu, denn der musizierende Maler spielt in vielen Formationen. Auch auf der Montagsdemo-Bühne gegen S 21 ist er immer wieder zu sehen und zu hören: mit Gez & Blues Band,  oder gemeinsam mit seinem Sohn, dem Musiker Luis Zirkelbach. "So viermal im Jahr spielen wir gegen S21", sagt der versierte Gitarrist, zuletzt bei der 499. Montagsdemo. Oh, hat er da gedacht, die 500. hätte sicher mehr Publikum versprochen. Schwamm drüber.

Für die Kontext-Bühne hat er zusammen mit Angelika Fischer etwas "Rhythmisches und Mutmachendes" gesucht. In dem Video mit seiner Formation "Gez & Geli", dem Duo für selbstkomponierte Songs und Improvisationen – "gefühlvoll, nachdenklich, politisch", so die Selbstbeschreibung –, will er mit "Along the Wind" eine Spitze gegen den Mainstream setzen und gleichzeitig Mut machen. Nicht warten, sondern handeln, jetzt – auch allein oder mit wenigen Vertrauten, so seine ebenso trotzige wie positive Maxime.

Als einer der Vertreter im Team des Landesvorstands und im Bundesvorstand der Bildenden Künstler in verdi weiß er, wovon er spricht. Dort setzt er sich seit Jahren für die Verbesserung der Lebens-und Arbeitsbedingungen für KünstlerInnen ein. So sieht er die derzeitige Krise auch als Chance für grundsätzliche Verbesserungen. "Ausstellungshonorare und Grundgehalt sind die Themen der Zeit", sagt Zirkelbach zuversichtlich. Und dann ist da diese überwältigende Solidarität, die er persönlich erfährt: "Leute rufen mich an, fragen, ob ich Unterstützung brauche." Für Corona-Depressionen hat Gez Zirkelbach keine Zeit.

Mehr Informationen unter: www.mediarta.de

Lyrics: Along the Wind (T./M.: Gez)

Left my body in the morning, flyin to a land out there and I keep along the wind
Flyin with my silver wings, under me those 'Little Things' and men and women and children
And I'm lookin at the world with the eyes of a bird, now I’m feelin real right free
And my eyes are searching you, searchin with the eagle view, searching you, you angry man

Without protection walkin in the dark, walkin down to your own Jurassic Park,
Life is a fight it's hard and not right, if one are rich and the others not in light

Das Leben ist ein Kampf, doch sei nicht so verkrampft, sonst läufst Du Gefahr, dass Deine Seele abdampft
Che Guevara's Poster ist noch keine Revolution, veränder Dich selbst und lass mal alles los

Along the Wind (Mainstream), Along the Wind (Mainstream)
Along the Wind, Along the Wind


Gez Zirkelbach: Gesang und Gitarre
Angelika Fischer: Cajón und Percussion
Video by Thea Rinderli, Schauspielerin/Performerin, ITZ Zimmertheater, Tübingen

 

Folge 34: Vorhang auf für Sylvia Winkler und Stephan Köperl!

Montag, 4. Mai

"Interventionen im urbanen Raum" nennen Sylvia Winkler und Stephan Köperl einen Großteil ihrer mit Videos oder Fotos dokumentierten Kunstprojekte, und für manche Menschen mag sich diese Bezeichnung nach verkopfter, etwas dröger Konzeptkunst anhören. Eine solche Assoziation täte aber den beiden, seit 1997 privat und künstlerisch ein Paar, gröbstes Unrecht. Denn ihre Arbeiten haben einen herrlich spontanen, manchmal verspielten Charme, oft feine Ironie und manchmal auch einfach Lust an der Absurdität.

"Grundsätzlich entwickeln sich unsere Projekte aus Beobachtungen vor Ort", schreiben die Winkler und Köperl auf ihrer Homepage, und das gilt auch für das vorgestellte Video "Medicare", das sie in Lijang in China aufgenommen haben, 2007 schon, lange vor Corona. Vier Projekte haben sie seit 1997 schon in China realisiert, nach Lijang waren sie damals aber eher durch Zufall gekommen. In Bangkog hatten sie einen jungen Amerikaner kennengelernt, dessen Vater in einem Dorf in der Nähe von Lijang ein Haus angemietet hatte, in das er immer wieder Künstler einlud. "Uns fiel auf, dass es in dem Dorf fast keinen Müll gab, nur Verpackungen von Medikamenten lagen herum. Und wir wollten herausfinden, was auf den Packungen draufsteht", erzählt Köperl. Sie hätten auch schon ein bisschen Chinesisch gekonnt, und komponierten so aus den Namen der Medikamente und ihren Anwendungszwecken ein einfaches Lied, das sie zum Klingelton ihres Handys in verschiedenen Apotheken in Lijang darboten. "Wir sind einfach rein, ohne zu fragen", erinnert sich Köperl, und Winkler ergänzt: "In chinesischen Apotheken konnte man damals viel machen, teilweise auch rauchen." Stress bekamen sie deswegen nicht, sorgten eher für Amüsement, wovon auch die kichernde Angestellte im Video zeugt.

Ein Vorgehen, dass sich auch bei anderen "Interventionen" rund um den Globus praktisch immer bewährte: "Wir haben nie um eine Genehmigung angefragt, sondern immer einfach gemacht. Die Hemmschwelle, einzugreifen, ist meist hoch", berichtet Winkler. Und Köperl ergänzt: "Wenn man dagegen etwas beantragt, klappt es meistens nicht, weil immer irgendjemand Verantwortung übernehmen muss." So blieben ihre Performances in Mexiko-City, Bangkog, Kairo, Chengdu oder Montreal meist ungestört – die mitunter heftigste Reaktion erfuhren sie ausgerechnet 2006 in Stuttgart, bei der Aktion "Aber den Kunden gefällt's doch!" in einem Supermarkt. Mit Videokamera und Cassettenrecorder betreten die beiden den Discounter und rappen, bis irgendwann der Marktleiter die Aktion abbricht – "glücklicherweise erst da, wo wir am Ende waren, es passt also perfekt", sagt Köperl.

In den Interventionen der beiden geht es nicht immer, aber oft um kontroverse Themen, ob Gentrifizierung, Umweltverschmutzung, Armut, Konsum oder Mobilität. Sehen sich die beiden als politische Künstler? Zumindest nicht in ganz engem Sinne, sagen sie, wobei, ein gewisser emanzipatorischer Anspruch ist trotzdem oft dabei. Etwa bei einem ihrer neuesten Projekte, "Korrekturfahnen": Großformatig auf einer Wandtafel präsentieren sie die "Charta der Grundrechte der Europäischen Union". Mit BesucherInnen diskutieren sie diese dann nicht nur, sondern verbessern und ergänzen sie auch mit Rotstift um neue Formulierungen.

Präsentiert haben Winkler und Köperl die "Korrekturfahnen" schon 2018 beim Festival "The Future of Europe" in Stuttgart und 2019 bei der Generaldirektion Justiz der EU in Brüssel, in diesem Frühjahr sollten sie damit zu Europaschulen in Sachsen-Anhalt gehen. Daraus wurde wegen Corona nichts, "das wäre unser größtes Projekt in diesem Jahr gewesen, auch finanziell bedeutsam", sagt Köperl. Auch sonst sind wichtige Einnahmen wegen der Pandemie weggebrochen: Winkler arbeitet beim Figurentheater FITZ in Stuttgart, das ist momentan ebenso zu wie die Kunstschule in Fellbach, an der Köperl seit Herbst immer wieder unterrichtete. Ein Workshop im auch geschlossenen Kunstmuseum, wo ein Teil der Schriftarbeiten des Duos seit Februar ausgestellt ist, fiel ebenso flach. Für drei Monate ist immerhin die Künstlersoforthilfe des Landes sicher, und das künstlerische Arbeiten ist auch nicht ganz eingeschränkt. "Wir haben beide bei der Wagenhalle einen Ateliercontainer auf der Wiese", sagt Köperl, da kommt man nicht so schnell mit dem Mindestabstand in Konflikt – der bei vielen ihrer Interventionen wohl ein Problem wäre.

Mehr von und über Sylvia Winkler und Stephan Köperl hier: http://www.winkler-koeperl.net/heimseite.html

 

Folge 33: Vorhang auf für Anna Teufel!

Sonntag, 3. Mai 

"Jedes Mal, wenn man mich anschaut, dann sieht man das. Dass ich gekekskrümelt bin. Aber ich finde das doof, sofort darauf reduziert zu werden. Die anderen setzen mir die Grenzen, nicht mein Krümel." Anna Teufel versetzt sich gerne in die Perspektiven ihrer Mitmenschen, beobachtet aufmerksam und lässt ihre Gedanken und Eindrücke in Texte einfließen, die nachdenklich sind, ohne hochtrabend daher zu kommen. Voller Lebensfreude und Selbstbewusstsein. Für unsere Vorhang-auf-Serie hat sie das einfühlsame Stück "Kekskrümelgedanken" bereitgestellt, aus der Sicht eines besonderen Kindes.

Getextet hat Teufel, sobald sie es konnte. 2015 trat ihr dann ihre Schwester in den Hintern, "damit ich mich endlich mal auf eine Bühne stelle". Das lief super erfolgreich, und schnell wurde aus dem Poetry Slam mehr als ein Hobby: In den vergangenen drei Jahren hatte Teufel über 350 Auftritte, in weniger pandemischen Zeiten lebt sie gut davon. Rechnet man die Klicks zusammen, wurden ihre Performances schon mehrere hundertausend Mal auf Youtube angesehen. Außerdem ist die 25-Jährige studierte Strahlenschutzingenierin. Wobei sie sich inzwischen lieber anderen Interessen zuwendet und gerade vertieft der Buchwissenschaft widmet.

Dass nun erst einmal alle Live-Auftritte auf nicht genau absehbare Zeit gecancelt sind, trifft sie hart, und Teufel ist gerade auf der Suche nach Alternativjobs. Doch ein kleiner Trost ist es nicht nur, dass es viele ihrer Stücke als Aufzeichnung im Netz zu finden gibt. Diesen Februar ist zudem eine Sammlung ihrer Bühnentexte als Buch erschienen. Mit vielen Illustrationen, unter dem Titel "Schimmer" und "krass, da steht mein Name drauf", freut sich die Autorin, die alle Exemplare handschriftlich signiert. Zum Lieferumfang gehört außerdem eine Audio-CD, die sie selbst eingesprochen hat. Optimistisch zu bleiben, das ist Teufel trotz der Krise wichtig. "Keep calm & tragt eure Masken", rät sie allen, denn "irgendwann wird das auch wieder".

Anna Teufel ist auch bei Instagram und Facebook. Und ja, sie wird oft auf ihren Namen angesprochen.

 

Folge 32: Vorhang auf für Vitaliy Kyianytsia!

Samstag, 2. Mai

"When It Rains": Der Titel, den Vitaliy Kyianytsia vorträgt, stammt von Brad Mehldau – und das Video aus Südafrika. Im Januar hat der Pianist am Unisa-Jazz-Klavier-Wettbewerb in Pretoria teilgenommen. Die University of South Africa (Unisa), die größte des afrikanischen Kontinents, hat erstmals 1982 einen Klavierwettbewerb veranstaltet. Getragen von einer Stiftung, kam 2015 ein Jazz-Wettbewerb hinzu, den Kyianytsia nun zwar nicht gewonnen hat: Die drei Preise gingen an zwei Amerikaner und einen Italiener. Doch überhaupt eingeladen zu sein, bedeutet schon viel. Und Kyianytsia kam in den vier Runden des Wettbewerbs, verteilt über einen Zeitraum von zehn Tagen, immerhin unter die ersten sechs.

Kyianytsia selbst stammt aus Kiew. Er hat dort Klavier und Komposition studiert, dann ein Masterstudium in Stuttgart angehängt und nebenbei an der Internationalen Ensemble Modern Akademie in Frankfurt wertvolle Erfahrungen sammeln können. Denn der Pianist spielt keineswegs nur konventionellen Jazz, sondern auch Free Jazz und Neue Musik. Als das Ensemble Lux NM – NM steht für Neue Musik – im vergangenen Jahr einen Pianisten suchte, bewarb er sich, mit Erfolg. Seither lebt Kyianytsia in Berlin.

Im Moment sind alle Konzerte abgesagt. Auch unterrichten geht nur noch online, in der Regel fallen die Klavierstunden aus. Kyianytsia ist auf staatliche Unterstützung angewiesen. In Berlin gestaltet sich das etwas holprig: das erste Paket, das der Berliner Senat beschlossen hatte, war schnell ausgeschöpft. Inzwischen können Betriebsmittelzuschüsse, also Ausgaben für Materialien und Miete, aus dem Bundesprogramm beantragt werden, die aber nicht die unmittelbaren Lebenshaltungskosten abdecken.

Langweilig wird es dem Pianisten so schnell nicht. Im Moment ist er hauptsächlich mit Komponieren beschäftigt, vor allem für Solo-Klavier. Einige seiner Werke sind auf seiner Soundcloud-Seite zu hören, neben solchen von Komponisten wie Pierre Boulez, Karlheinz Stockhausen oder Brian Ferneyhough, Jazzstücken und Free-Jazz-Improvisationen. Das Ensemble Lux NM hat vor kurzem sein zehnjährigen Bestehen gefeiert: mit einem Online-Konzert. Einige Stücke, die neueren mit Kyianytsia, sind auch auf unten der Website des Ensembles zu sehen und zu hören. 

 

Folge 31: Vorhang auf für Pola Polanski!

Donnerstag, 30. April

Wer 18 Jahre in Werbeagenturen gearbeitet hat, kommt womöglich zu dem zwingenden Schluss, dass es Abgründe sind, die einen am meisten interessieren. Das würde Annette Haug, Künstlername Pola Polanski, Jahrgang 1966, so wohl nicht stehen lassen. Für die dunkle Seite des Lebens interessiere sie sich schon, als sie 16 war und Psychologie studieren wollte, erzählt die gebürtige Ulmerin. Daraus wurde freilich nichts, wegen der Statistik-Quälerei, die ihr das Studium nicht zielführend erschienen ließ.

Stattdessen landete sie an der Stuttgarter Merz-Akademie in der Abteilung Grafik-Design, danach an der Kunstaka, wo noch Malerei und Performance dazu kamen. Verstörende Bilder, fast nur Frauen und Kinder, manchmal schön, manchmal Fratze. Ihre Kunst, sagt sie, soll „bitter-süß“ sein, bloß keine Landschaften oder Blumen. In der „Schwäbischen Zeitung“ stand einmal, man könne eine Nähe zu dem Cartoonisten Manfred Deix erkennen.

Nebenbei hat sie Kurzgeschichten geschrieben, der lange Atem für Romane hat dabei zunächst noch gefehlt. Seit vier Jahren nun, seitdem sie als freischaffenden Künstlerin, Grafikerin und Schriftstellerin in Stuttgart arbeitet, bringt sie die Dinge zu Ende. Zum Beispiel ihren ersten Roman „Abschied“, in dem es, natürlich, um Beziehungsdramen geht. Elisabeth lernt den verheirateten Jonas nach einer zerbrochenen Ehe kennen …

Ein Buch ist wie ein Kind, ein erstes sowieso, das man zeigen will. Im Kunstverein Fellbach wäre es im März so weit gewesen. "Genießen Sie einen Abend in soziokulturell anregender Atmosphäre", versprach der Veranstalter. Was daraus wurde, ist bekannt. Dass ihre Brotjobs als Grafik-Designerin für Galerien und Kunstinstitutionen genauso ausfallen wie die Pressearbeit für den Verband Bildender Künstler, liegt auf der Hand. Dass sie aber nicht aus ihrem Erstling lesen kann, darf nicht sein. Kontext hat Pola Polanski um eine kleine Kostprobe gebeten.

Mehr unter http://polapolanski.de

 

Folge 30: Vorhang auf für Max Osswald!

Mittwoch, 29. April

Max Osswald hat kürzlich mal nachgeschaut und festgestellt: "Aha! Die Welt ist am Arsch." Also hat er beschlossen, den Beruf zu wechseln und reich zu werden. Um die Dächer von Autos abzusägen, um Blumentöpfe draus zu machen, das Konzept "to go" wird abgeschafft und technische Geräte werden hergestellt, damit sie lange funktionieren. Das Leben wird zur 20 Stunden Arbeitswoche und radikal zwangsentschleunigt – für die Umwelt, für die Seele. Zeit für Kochen, Zeit für Sex, Zeit für Sex nach dem Kochen ... Im Oktober vergangenen Jahres war dieser Gedanke noch so unrealistisch weit weg, dass er das Publikum vor der Bayreuther Poetry Slam-Bühne zum Lachen brachte. Heute wissen wir, dass zuviel Zeit den Menschen offenbar auch nicht glücklich macht.

Auch Max Osswald, der 27-jährige Münchner, hat das gelernt. Früher hat er mal beim Fernsehen gearbeitet, seit 2018 steht er auf der Bühne, seit einem Jahr macht der Poetry Slammer Comedy hauptberuflich und steht im Moment, wie die meisten Kulturschaffenden, ohne Bühne da, ist "zwangsarbeitlos". "Ich improvisiere gerade", sagt er und erzählt, dass er seit ein paar Wochen personalisierte Gedichte verkauft, was zwar erstaunlich gut funktioniere, "aber auch nicht ewig geht."

Für unsere virtuelle Bühne hat er uns einen Auftritt in Bayreuth zum Thema Klimaschutz geschickt.  "Das ist ein Thema, das uns alle extrem beschäftigt und auch weiterhin sehr beschäftigen wird", sagt er. Das sei wie bei einem Herzinfarkt, je länger man den nicht behandelt, desto mehr irreversible Schäden trägt die Welt davon. "Je mehr wir jetzt kaputtmachen, desto mehr Probleme haben wir in der Zukunft." Dass er da mit seinen Auftritten nur ein Tropfen auf dem heißen Stein sein kann, weiß er natürlich. "Aber wenigstens ist es ein Tropfen." Osswald sagt es mit den Ärzten: "Es ist nicht deine Schuld, dass die Welt ist, wie sie ist. Es wär nur deine Schuld, wenn sie so bleibt."

Web: www.max-osswald.com

 

Folge 29: Vorhang auf für Esther Falk und Johanna Sophia Müller!

Dienstag, 27. April 2020

Der Vorhang fiel mitten in den Proben zu ihrem neuen Stück. Wie eine Guillotine. Am Montag noch geprobt, am Freitag schlug Corona die Tür zum Proberaum im Tübinger Fichtehaus zu. Zack. Als Mucke und Puppe haben sich die beiden Künstlerinnen Johanna Sophia Müller und Esther Falk zusammengetan, um ihre Liebe zur Musik und zum Figurentheater auf die Bühne und vor allem auf die Straße zu bringen. Über zwei Jahre war die Idee zum gemeinsamen Auftritt gereift und weiterentwickelt, waren Musik und Figuren entstanden und zusammengewachsen. "Selfmade Illusion" heißt ihr Stück, das nun als Unvollendete da liegt und die zwei Frauen wie betäubt zurückließ. Und natürlich sind auch die geplanten Vorführungen abgesagt. "Im März und April spiele ich normalerweise wie eine Verrückte", sagt Esther Falk. Denn für Straßentheater-Combos ist jetzt Hochzeit: Sommerfestivals, Theaterfestivals, Straßenfeste. War einmal. Und nun?

Die virtuelle Bühne in Kontext hat die beiden Frauen aus ihrer Lähmung geholt. Aus ihrem Theater ein Video zu machen, kurz und prägnant, sich an den Haaren aus dem Sumpf der Lähmung ziehen, das war die Idee. Aber wo, wenn man sich nirgendwo mehr treffen kann? Sie zogen mit ihren Puppen, mit Lautsprecherboxen, mit Kostümen und Schubkarren in Esther Falks Garten auf der Wangener Höhe bei Stuttgart. Wilde Natur, ein Gartenhaus, eine gute Kulisse und vor allem: eine Sauna. Das erwies sich als besonders hilfreich. Denn es war die Zeit der Kälte kurz vor dem Sommerausbruch im Frühling. Zwischen ihren Filmszenen mussten die Videokünstlerinnen sich immer wieder aufwärmen.

Die Suche nach dem Dazwischen ist es, was die beiden verbindet. Esther Falk studierte Figurentheater an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart, Johanna Sophia Müller Schauspiel an der Theaterakademie Stuttgart. Tod und Lebendigkeit liegen bei den beiden Künstlerinnen und ihren Werken eng beisammen. Die inneren Monster haben Esther Falk schon immer fasziniert, die dunklen Seiten, die in jedem und jeder schlummern, die versteckt werden, die man nicht akzeptieren kann und will und die darüber immer größer werden. "Corona ernährt und säugt diese inneren Monster", sagt Esther Falk. Denn Isolation und Einsamkeit sind die beste Nahrung für die dunkle Macht. Sie fühlt sich bestätigt, wenn sie jetzt liest, dass das Seelsorgetelefon häufiger klingelt, dass Gewalt in Familien zunimmt. Das wollten sie in ihrer isolierten Gartenbühne für ein virtuelles Kontext-Publikum umsetzen. Aber auch eine Tür aufmachen für die Hoffnung: "Denn in der Isolation spüren wir, wie wichtig es ist, uns zu begegnen", sagt Johanna Sophia Müller.

Es war ein kleines Ziel, "eine geile Aktion", sagt Esther Falk, "ein kurzes Aufbäumen". Herausgekommen ist der erste Videoclip der beiden Frauen. Und es hat ihnen Spaß gemacht. Doch die Figurenbauerin sieht auch die Gefahren der virtuellen Kulturoffensive überall. "Wichtig beim Theater ist doch die reale Begegnung", sagt die 40-Jährige. In der Kommunikation mit dem Publikum erst entsteht für sie Theater. Am unmittelbarsten auf der Straße.

Esther Falk arbeitet weiter an ihren Stücken. Und an ihren Figuren. Etwa für das Staatstheater Meiningen. Dort hat sie für das Kinderstück "Der Wolf und sieben Geißlein" Ausstattung und Bühnenbild übernommen. Demnächst zieht sie mit KollegInnen aus der Figurentheaterszene um in eine neue Werkstatt in den Wagenhallen. Aber auch das muss noch warten.

Web: www.esther-falk.com, www.johanna-sophia.de

 

Folge 28: Vorhang auf für Martin Stiefel!

Sonntag, 26. April 2020

Vor ein paar Jahren wollte Martin Stiefel die Luft aus einem Tetra Pack drücken, von dem er vergessen hatte, den Deckel abzuschrauben. Der schoss mit viel Druck vom Gewinde und durch die Luft und der Münchner hatte die nächste Idee für ein Kunstwerk geboren. Das war 2015, der Bayrische Rundfunk hat damals eine Reportage über seine verrückte Idee, diese "schön lapidare Sache" gedreht: Stiefel lässt darin mehrere Backsteine gleichzeitig auf Flaschen mit Dispersionsfarbe fallen, das Blau verteilt sich spritzend auf einer Leinwand, die später Teil eines Triptychons werden wird. Nach einigem Grübeln beschließt er, das ganze nochmal zu machen. Mit verdünnter Farbe, die besser spritzt, bis er zufrieden und der filmende Kameramann voller blauer Klekse ist.

Martin Stiefel nennt sich einen "Gebildebaumeister". "Weil mir die Künstlerrolle, der Geniekult, noch nie zugesagt hat", erzählt er. Seine Vorliebe für "absurde Kombinationen von Gebrauchsgegenständen" hat der gebürtige Rudersberger schon Ende der Siebziger entdeckt, als Kommunarde des Experiments AA-Kommune um den österreichischen Aktionskünstler Otto Muehl. Vor allem die Schuhe der Mitwohnenden hatten es ihm angetan. Später hat er an Quirlen von Haushaltsmixern Pinsel befestigt und sie malen lassen und als die Mixer ausgereizt waren ließ er Waschmaschinen wandern – auch schon mal über einen Fluss oder über hunderte sauber aufgereihte Gläser in einer Galerie. Vor ein paar Jahren haben er und ein Künstlerkollege die International Leaf Blowing Competition veranstaltet, einen Wettbewerb für passionierte Laubbläser, bei dem  – unter Berücksichtigung der Mittagsruhe versteht sich, herbstliche Blätter in diversen Disziplinen herumgeblasen werden mussten. "Kontrapunkte setzen", nennt er es, "um den Künstlermythos zu brechen."

Für "Vorhang auf" hat uns der 65-Jährige das Video einer Kunstaktion aus dem Jahr 2011 gesendet. Da rückt er auf der Wiese des Münchner Botanikums, dort hat er sein Atelier, einem Spaghetti-Feld mit dem Rasenmäher zu Leibe. Kam ihm beim Aufwachen, die Idee, im Dämmerzustand, weil Ideen oft die Eigenschaft haben, nicht in den Momenten zu kommen, in denen man versucht, sie herbeizudenken. 25 000 winzige Löcher haben er, Kollegen und Freunde in Bretter gebohrt und voller Hingabe mit den langen dünnen Teigwaren bestückt, die der Künstler (ja, das ist er) wenig später binnen Minuten zu Stoppeln mäht. Spaghetti, sagt Stiefel, fand er einfach passend zur Corona-Zeit, in denen sich die Nudelregale zwar langsam wieder füllen, das Klopapier, aber noch immer (!!) vielerorts fehlt. 

Schwer zu empfehlen, nicht nur für LiebhaberInnen von Haushaltsgeräten: www.martinstiefel.de

 

Folge 27: Vorhang auf für Mayu Fujii!

Freitag, 24. April 2020

Und zack – landet der linke Fuß auf den Klaviertasten, gleichzeitig mit beiden Händen. Ein heftiges Donnergrollen ertönt, während ein grelles Gewitter von Lichterscheinungen an Decke und Wänden des Raums, auf der Innenseite des Klavierdeckels und auf einem an der Vorderseite des Flügels angebrachten Papierfolie aufleuchtet. Noch bevor man sich richtig orientieren kann, wird das Ganze unterbrochen durch ein schnelles Hickhack unzusammenhängender Bilder in waagrechten Streifen, begleitet von ebenso zerhackter Musik. Ist die Aufnahme geschrottet? Nein, die geschredderte Bild- und Tonfolge deutet an, dass Mayu Fujii die ursprünglich 35 Minuten lange Aufzeichnung eines Konzerts in der Stuttgarter Gedok-Galerie geschnitten hat, um auf fünf Minuten zu kürzen. Ihr Video ist wunderbar abgefahren, knallig-bunt abgedreht. Und nichts für schwache Nerven.

Die Japanerin kann auch Bach und Chopin spielen, wie eine Aufnahme vom Takamatsu Klavierwettbewerb 2008 beweist. Doch nachdem sie bereits vor ihrem Studium in Kobe einen Wettbewerb in ihrer Heimatstadt Wakayama gewann, dem bald weitere Preise folgten, kam sie 2010 zum Masterstudium nach Stuttgart, um ihr Repertoire auf Jazz und Neue Musik zu erweitern. Ein etwa dreizehnminütiges klassisches Medley, zu dem ihre Künstlerkollegin Masami Saito Wände und Boden der Gedok-Galerie bemalt, hat sie aus der Kurzversion des Konzertmitschnitts herausgeschnitten – man sieht die Malerin, aber überlagert von Projektionen eines wilden Farbleuchtens mit Aufnahmen aus dem Wald am Frauenkopf, die Fujii selbst angefertigt hat.

Zu hören ist nicht nur das Klavier, wie gleich anschließend deutlicher wird, als das schnelle Staccato auf ein- und demselben Ton, jeweils in beiden Händen, an Tempo verliert, bis die Geräuschkaskaden genug Zeit finden, um einzeln zu verhallen. Erst nach einer weiteren Bildstörung folgt ein ruhigerer Teil mit Bildern aus dem Wald, der ursprünglich nach rund fünf Minuten an zweiter Stelle des Konzerts stand. Es endet auf einem monoton angeschlagenen Ton ohne Bild.

"KLK" heißt das Werk, wie Klang – Licht – Kunst. Die Musik ebenso wie die Videoprojektionen stammen vom chilenischen Komponisten Remmy Canedo, der die Klaviertöne zugleich in elektronische Klänge und Bilder verwandelt. Von Fujii stammt das Konzept für das Programm mit den drei Protagonisten. Fujii und Canedo sind Mitglieder des Stuttgarter Kollektivs für aktuelle Musik (SKAM), das sein Betätigungsfeld auch als "experimentelle und querständige Musik" beschreibt. Seit vier Jahren ist Mayu Fujii freiberuflich tätig als Pianistin und Klavierlehrerin. Corona macht auch ihr derzeit einen dicken Strich durch die Rechnung.

 

Folge 26: Vorhang auf für Lorenzo Petrocca!

Donnerstag, 23. April 2020

Gleich am ersten Sonntag, also am 22. März, ist Lorenzo Petrocca dem Aufruf der Musiker*innen für Deutschland gefolgt, hat seine Gitarre ausgepackt und sich um 18 Uhr auf den Balkon seiner Wohnung gestellt. "Es war arschkalt", sagt er. Ab und zu hört man den Wind, die Zuhörer unten am Gartenzaun sind dick eingemummelt. Trotzdem laufen die Finger flink über die Saiten. Petrocca ist Jazzmusiker, kein Orchestermusiker, daher hat er nicht "Freude schöner Götterfunken" gespielt, sondern "Smile". Von Charlie Chaplin. Das ist auch eine Botschaft: ein bisschen Lächeln in die Welt tragen bei all den Schreckensnachrichten, die auch an ihm nicht vorübergehen. Er hat viele Freunde, auch in Norditalien, und ist ständig mit ihnen in Kontakt.

Er selbst stammt aus Crotone in Kalabrien. Im Alter von 15 Jahren kam er mit seinen Eltern nach Stuttgart. Beinahe hätte er eine semiprofessionelle Karriere als Halbweltergewichtsboxer eingeschlagen. Bis zum baden-württembergischen Jugendmeister hatte er es in dieser Gewichtsklasse bald gebracht. "Halbweltergewicht: das ist bis 63 Kilo", erklärt er, "da fängt es schon an, weh zu tun." Dann entdeckte er jedoch durch einen Freund seine Leidenschaft für Musik und kam schließlich zum Jazz: als Autodidakt. Seine jüngeren Brüder Francesco, Antonio und Davide folgten seinen Spuren. Sie wurden ebenfalls Jazzmusiker.

Petrocca hat einen hübschen Stapel CDs veröffentlicht, zuerst in der Edition Musikat des Buchhändlers Julius Pischl. Aber das Wesentliche für einen Jazzmusiker sind die Konzerte, und die sind derzeit alle abgesagt: An die zwanzig sind auf seiner Homepage vom 14. März, dem Tag nach der Absage aller Kulturveranstaltungen, bis Ende Juli angekündigt, weitere zwanzig bis Jahresende und bereits mehr als zehn im kommenden Jahr. Niemand weiß, wie lange die Zwangspause noch dauert. Ein Auftritt: das sind für Petrocca nicht nur zwei Stunden Musik plus An- und Abreise. "Jedes Konzert bedarf monatelanger Arbeit", betont er: es müssen Kontakte mit dem Veranstalter geknüpft werden, es gilt einen Termin zu finden, an dem jeweils alle Musiker können. Denn die Besetzung ist immer wieder verschieden.

Aber das Wichtigste ist doch, gesund zu bleiben – und die gute Laune nicht zu verlieren.

Web: www.lorenzopetrocca.de

 

Folge 25: Vorhang auf für Simon Pfeffel!

Mittwoch, 22. April 2020

Ob in Paris, Moskau oder Edenkoben – der Einsatz ist immer der ganze Körper. Und der Ausgang ist offen. Werden sie ihn fallen lassen, wenn er am Seil über einer steilen Treppe hängt, gehalten von wildfremden Menschen? Und was passiert in Bregenz, wenn er sich wie eine Teppichrolle an die Querstange eines Fahrrads bindet und Passanten bittet, ihn den Berg hinauf zum Palais Thurn und Taxis zu schieben? Das Projekt hat er "Moving Mountains" genannt.

"Niemand hat bisher mein Vertrauen missbraucht", sagt Simon Pfeffel. Auf die Frage, woher er bloß diese Zuversicht nimmt, wie er es schafft, sich anderen völlig auszuliefern, antwortet er, dieses Urvertrauen habe sich erst durch seine künstlerische Praxis entwickelt.

Der gebürtige Nürnberger, Jahrgang 1985, ist Performance-Künstler, und normalerweise viel unterwegs. In Paris sollte er im renommierten Palais de Tokyo auftreten, hat sich aber für die Straße entschieden und dort ein spannendes Experiment gewagt: Er steht am Kopf einer Treppe, eine ihm unbekannte Person hält ihn an der Hand, um ihn vor dem Hinunterfallen zu bewahren. Die Person fragt, wann diese Situation zuende sei, also wann sie loslassen könne, und Pfeffel antwortet: "Entweder du lässt mich fallen oder du suchst jemanden, der oder die deinen Platz einnimmt." Es fand sich immer jemand.

Ob in Afrika, Frankreich, Deutschland, Russland, Finnland – überall ist er auf "reißfeste Vertrauensverhältnisse" gestoßen, ohne immer zu verstehen, was die Menschen sagten. Er hat gelernt, dass die Handlung in der Situation auf "nonverbaler Ebene zur Sprache" wurde. In Corona-Zeiten ist das alles weg, ist seiner Kunst buchstäblich der Boden entzogen: die menschliche Interaktion, die sie erst erzeugt. Mit all den Irritationen, der Neugier, den Überraschungen. Er kann sich ja nicht auf den Roten Platz stellen, mit seinem Projekt "teach me to dance, please". Aber man kann ihm zuschauen unter www.simonpfeffel.com.

 

Folge 24: Vorhang auf für Matthias Becher!

Montag, 20. April 2020

Der Spätzlehobel am Tatort lockt die Polizei auf eine falsche Fährte. Denn in Wahrheit arbeitet der Stuttgarter Gentrifizierungskiller in einer Maultaschenfabrik.

"Gesellschaftskritische Texte im Poetry Slam: Schön und gut. Aber Hand aufs Herz: Geht ihr öfter zu Literaturveranstaltungen oder schaut ihr lieber Tatort?", fragt Matthias Becher in dem Beitrag, den er für unsere Vorhang-auf-Serie bereitgestellt hat. Als Mitveranstalter des Stuttgarter Lit.Fests, das jungen Autorinnen, Lyrikern und Kulturbegeisterten eine Bühne bietet, weiß er, wie schwer es ist, von Literatur zu leben.

Wer mit seiner Kunst viele Menschen erreichen will, muss sie massentauglich gestalten – etwa in Form einer "absatzstarken Heimatmeuchelei" mit einer Menge Lokalkolorit, soziopolitischen Kontroversen und, natürlich, vielen, vielen Abgründen und Sexszenen. Und abgründigen Sexszenen. Wer könnte da einen passenderen Protagonisten abgeben als ein unterbezahlter Fließbandarbeiter, der zum Mörder wird, um endlich etwas gegen die horrenden Mietpreise in seinem Viertel zu tun? Das ist "fies, aber doch irgendwie Robin-Hood-mäßig", führt Becher aus.

Wichtig ist ihm, zu betonen: "Ich will niemanden beleidigen." Wenn er sich über Lokalkrimis lustig macht, "ist das eher ein bisschen Neid". Als Literaturwissenschaftler und Autor beobachtet Becher, Jahrgang 1988, dass fast alle jungen Autorinnen und Autoren, die vom Texten leben wollen, irgendwann einen Roman schreiben, auch dann, wenn sie eigentlich Poeten sind. "Und es ist trotzdem noch schwierig, daran etwas zu verdienen."

Das Lit.Fest, das seit 2015 einmal pro Sommer stattfindet, soll da ein kleines Gegengewicht sein,  "einen Raum zum Austausch schaffen und Stuttgart als einen Fixpunkt der Literaturlandschaft in Deutschland stärken", wie es in der Selbstbeschreibung heißt. Noch unentdeckte Autorinnen und Autoren können sich um einen Auftritt bewerben, "schickt uns eure gelungensten Texte, denkt nicht an thematische Vorgaben, sorgt euch nicht um Formatvorlagen", ermuntert der entsprechende Aufruf dazu. Deklamiert wird dabei im Freien, "auf einer malerisch gelegenen Bühne über der Stadt".

Noch ist das Lit.Fest 2020 nicht abgesagt, noch ist ja nicht klar, was als Großveranstaltungen gilt. Wenn die Corona-Maßnahmen es zulassen, sollten ortskundige Stuttgarter etwas mit der Adresse Doggenburgstr. 17 anfangen können.

 

Folge 23: Vorhang auf für Kerstin Schaefer!

Sonntag, 19. April 2020

"SUPER IDEE!" schreibt uns Kerstin Schaefer zu ihrer "kleinen und frohen Bewerbung", und schöner als sie selbst kann man es gar nicht ausdrücken: "Sehr gerne würde ich Euer Angebot annehmen und sende Euch hier mein für Euch & die Welt produziertes kleines Video 'K-Strassen von Stuttgart' – von Kapp über Kapuziner bis Kreisau ist alles dabei." Als "Malerin, Zeichnerin (ad-hoc-Kalligrafien) und Performerin", wie sich die Künstlerin selbst beschreibt, "ist das mein erstes digital selbst produziertes, dreispuriges und angenehm absurdes Video. Wenn´s Euch auch zum Lachen bringt oder zum Weinen, meldet Euch!" und: "Wenn Ihr Fragen habt erreicht Ihr mich (ha, ha, ja) jederzeit Zuhause derzeit."

Es ist Kerstin Schaefers erstes Video, aber "Übergreifendes künstlerisches Arbeiten" war schon ihr Fach als Meisterschülerin an der Hochschule für Bildende Künste Dresden. In Lörrach geboren, kam sie nach ihrem Studium auf dem Umweg über New York nach Stuttgart. Und wie kommt man vom Malen zum Video? Genau, indem man sich beim Malen filmt. Und damit das Video nicht stumm bleibt – nein, bitte nicht irgendeine Musik oder irgendwelche Erläuterungen – warum nicht einfach die Stuttgarter Straßennamen mit K? K wie Kontext? Oder wie Kerstin? "Oft arbeitet sie mit vorgefundenen Dingen", so Schaefer in einer Beschreibung ihrer eigenen Arbeit, "die sie remodelliert, übermalt, zerstört und überarbeitet und so in ihre Vorstellung von Gegenwärtigkeit versetzt."

"Freiheit", lautet das erste Stichwort zu den Themenkreisen, die sie beschäftigen. Sie ist Mitbegründerin der "Freien Unabhängigen Künstlerinnen Stuttgart" (FUKS), mit oder ohne Sternchen, denn dass die aus dem Stuttgarter Kulturdialog 2010 hervorgegangene Künstler*innengruppe im Kern derzeit aus fünf Frauen besteht, hat nichts mit feministischer Abgrenzung zu tun: Männer waren dabei und sind weiter willkommen. FUKS hatten ab Anfang Februar eine Ausstellung im Alten Schloss, die dann vorzeitig abgebrochen wurde. Eine weitere Ausstellung im Kunstverein Neuhausen, zu der Schaefer eingeladen war, wurde gar nicht erst eröffnet. Sie hat eine halbe Stelle als Kulturagentin in Göppingen – das bedeutet Arbeit an Schulen – aber das Gehalt langt gerade mal für die Miete.

FUKS ist ursprünglich mit drei Forderungen an die Öffentlichkeit getreten: bezahlbare Räume für KünstlerInnen; die Stadt solle sich zur Wertschätzung und Förderung der freien Kunstszene verpflichten. Und bei Künstlerhonoraren ein Vorbild sein. Mittlerweile geht es den Künstlerinnen aber mehr um die Kunst selbst: "FUKS fungiert u.a. als Kunst- und Ideenlieferant für Stuttgart und mehr", so die Selbstbeschreibung, "als Generator für wichtige und konstruktive Ideen in Sachen Kunst, als Multiplikator, als vielköpfiger Kunst-Themenscout …" – und so geht es weiter, eine Liste so lang wie die der Straßennamen mit K.

Kerstin Schaefers Video mag ihr erstes sein, es ist aber nicht ihr letztes. Gleich nach dem Telefonat, in dem sie noch viel mehr erzählt, bricht sie auf zum Treffpunkt Rotebühlplatz, wo sie an der Ausstellung "Körperbilder" beteiligt ist, die am 23. April eröffnet: nein, nicht wie geplant in der realen VHS-Kunstgalerie, sondern online. "Das Projekt 'Körperbilder'", so das Konzept der Ausstellung, "sieht vor, dass alle Ausstellenden ihre Exponate am eigenen Körper tragen. Kerstin Schaefer wird als "TASCHENMENSCH" die langen Treppen herabsteigen – nun eben mit Hilfe des Filmemachers Stefan Adam im Video. 

Web: www.kerstinschaefer.com

 

Folge 22: Vorhang auf für die Vampire Cats!

Freitag, 17. April 2020

"Wie ein backfrisches Croissant", schreibt Sabrina Schray per Mail und schickt den Link zum brandneuen Musik-Video "Control": Zwei Omas, die sich vor corona-leerer Kulisse gegenseitig Einkaufstaschen über die Rübe hauen, wie in einem Videospiel, und dabei Tiger- und Himbeer-Punkte sammeln. "Bisschen Humor auf die Straße bringen", sagt Sabrina Schray, gerade jetzt, das wollen die "Vampire Cats". Eine "Mädels-Gang noch von damals sozusagen", denn die vier Frauen aus Stuttgart, alle Mitte 30, sind seit mehr als 15 Jahren befreundet.

Bisher haben Sabrina Schray, Surja Ahmed, Jessy Lipp und Kristina Arlekinova vor allem Jam-Sessions zusammen gespielt, bereits viele Jahre lang. Sie haben Theaterstücke zusammen aufgeführt, Texte geschrieben, Performances performt, immer im antikapitalistischen, feministischen Sinne und mit einem Blick auf diejenigen, denen es nicht so gut geht – hier bei uns und auf der ganzen Welt. Das "Ungleichgewicht der Gesellschaft" bearbeiten, nennt es Sabrina Schray. Und das auch mal im Supermarkt: So um 2013/2014 standen sie in einem, verkleidet in Musical-Kostümen haben sie dort gespielt, gesungen und gesprochen. Die Reaktionen? Unterschiedlich. Manche fanden es toll, "andere haben sich gestört gefühlt, weil wir halt grade vor dem Regal mit den Gurkengläsern im Weg standen."

"Frisch und ganz alt" seien die Vampire Cats: Denn erst vor einem Dreivierteljahr haben die Frauen ihre Band gegründet. Eine, die irgendwo zwischen Noise Punk, Elektro und Russen-Techno zuhause ist. Und Humor mit ernsthaftem Hintergrund verbindet. Ihr erstes Lied bestand aus den kleinen Beschreibungstexten auf Kosmetik-Produkten, um zu zeigen, wie sich Frauenkörper in den Augen der Gesellschaft darzustellen haben.

Sabrina Schray selbst ist als Performance- und Videokünstlerin Teil diverser kreativer Projekte. Sie ist Gründungsmitglied der Gruppe CIS, einem "fluiden Kollektiv" das "an der Schnittstellen von Film, Theater und Performance" arbeitet. Für das Stuttgarter Theater Rampe hat Schray an verschiedenen Projekten und Aufführungen mitgewirkt: an der "Matriarchalen Volksküche" im Rahmen des Projekts Volkstheater zum Beispiel, als die Rampe einen Bauwagen auf den Stuttgarter Marienplatz stellte. um die Zukunft des Theaters in Zusammenarbeit mit BürgerInnen neu auszuloten.

Eigentlich hatten die Vampire Cats derzeit eine kleine Tour geplant. Die haben sie, klar, abgesagt. Ihr selbst gehe es gerade ganz gut, sagt Sabrina Schray. "Ich muss improvisieren, aber ich komme schon durch." Aber sie hat Freunde, "die in Gegenden der Welt leben, in denen das Gesundheitssystem nicht so gut ist wie hier", sagt sie. "Ich hoffe wirklich, das diese Zeit genutzt wird, darüber nachzudenken, was wir in der Zukunft nicht mehr so haben wollen."

 

Folge 21: Vorhang auf für Moritz Finkbeiner und Cluster Bomb Unit!

Donnerstag, 16. April 2020

Moritz Finkbeiner ist von der Corona-Krise gleich doppelt betroffen. Umso mehr als das, was er als Musiker und Konzertveranstalter des Kunstvereins Wagenhalle einnimmt, immer nur von der Hand in den Mund reicht. Aber im Moment läuft eben gar nichts mehr. Anfang März war er noch mit dem Yürgen Karle Trio in Brüssel. Der Name bezieht sich auf den Schrotthändler Jürgen Karle, früher Nachbar und Förderer der Wagenhallen-Künstler. Das Trio bestand aus acht Musikern.

Anfang Juni hätte ein Gig des Projekts Metabolismus in Turin folgen sollen mit einer anschließenden kleinen Tour. Der Kontakt kam zustande durch Virgina Genta und David Vanzan: das Jooklo Duo, das auch am Beginn des Troglobatem-Festivals stand, seit 2015 im zweijährigen Rhythmus der Höhepunkt von Finkbeiners Konzertprogramm an der Wagenhalle. Auf die Tour hatte er sich besonders gefreut. Finkbeiner ist Musiker aus Leidenschaft. Auf der Ebene, auf der er arbeitet, basiert alles auf gegenseitigen Einladungen.

Die Konzerte des Veranstalters "Für Flüssigkeiten und Schwingungen" (FFUS), die Finkbeiner organisiert, sind seit mehr als 20 Jahren das eigentliche Herz des Stuttgarter Underground. Zu nächtlicher Stunde, kaum angekündigt, können Kenner und Fans hier echte Highlights erleben, wie sie im braven Stuttgart zu früheren Zeiten niemand für möglich gehalten hätte. Finkbeiner selbst spielt in ungefähr zehn Bands, vom Hardcore Noise über Pop bis Free Jazz, deckt selbst also das ganze Spektrum ab, aus dem er immer wieder auch Musiker einlädt.

Cluster Bomb Unit gibt es seit 1989. "Raw Punk" nennen sie ihren Musikstil. Finkbeiner ist als Bassist 1996 bei einer US-Tournee eingestiegen. Die Aufnahme ist schon ein paar Jahre alt. Sie stammt vom Frostpunx Picnic Festival 2016 im AZ Mülheim. Mit der Bewegung gegen das Stuttgarter Bahnhofsprojekt hat der Titel nur wenig zu tun. Doch so herzhaft wie Julia Finkbeiner, die Schwester des Bassisten, hier "Lügenpack" ins Mikrophon schreit, wäre die Cluster Bomb Unit seinerzeit auch auf der Montagsdemo gegen Stuttgart 21 sicher ein gern gesehener Gast gewesen.

Auch Cluster Bomb Unit haben die Absagen kalt erwischt. Am 14. März hätten sie einen Auftritt im Esperanza in Schwäbisch Gmünd gehabt. Zwei Tage vorher hieß es zunächst noch "auf live Musik müsst ihr dieses Wochenende nicht verzichten kommt am Samstag zu Cluster Bomb Unit, The Higgins und Iron Gates!" Doch noch am selben Tag musste sich das selbstverwaltete Jugendkulturzentrum korrigieren: "Auch wir schließen uns den Empfehlungen von verschiedenstem medizinischem Fachpersonal an und sagen alle Veranstaltung bis vorerst Ende März ab."

Wer Moritz Finkbeiner und Cluster Bomb Unit unterstützen will, kann dies tun, indem er oder sie ihre Alben digital oder auf Vinyl online erwirbt.

Web: www.clusterbombunit.bandcamp.com

 

Folge 20: Vorhang auf für Yolanda Diefenbach und Carlos Bauer!

Mittwoch, 15. April 2020

Die Maßstäbe einer Vollblut-Musikerin: "Früher war ich noch in vielen Bands unterwegs", sagt Yolanda Diefenbach. Jetzt spielt sie nur noch in einem festen Duo, den "Smurfes", mit Bassklarinette und Gesang. Dann macht sie noch bei einem Elektroprojekt mit. Und außerdem ist sie festes Mitglied in einem Saxophon- und einem Weltmusik-Quartett. Nicht so viel? "Früher war es jedenfalls noch mehr", lacht sie. Heute aber hat sie weniger Lust auf feste Zusammenstellungen, sondern will munter herumexperimentieren mit verschiedenen Stilen in den unterschiedlichsten Konstellationen, "eine ganz offene Suche, was harmoniert".

Gefunden hat sie dabei zum Beispiel Carlos Bauer aus Brasilien, der sie im hier gezeigten Stück, einer Coverversion von "Alfonsina y el Mar", auf der Gitarre begleitet. Seit knapp drei Jahren kennen sich die beiden und musizieren seitdem immer wieder gern miteinander. Nicht als feste Band, sondern meistens spontan. "Carlos ist ein richtiger Gefühlsmensch", erzählt Yolanda Diefenbach, "einer der Akzente setzt und nicht direkt alles abfeuert, was da ist."

Als die 36-Jährige zum ersten Mal das Stück Alfonsina y el mar hörte, das die melancholische Geschichte einer Frau erzählt, die in das Meer gekleidet ist, wusste sie sofort: "Das musste ich nachsingen." Und Carlos Bauer, so fügt es sich manchmal, konnte den Gitarrenpart schon spielen, als sie ihn anfragte, und war direkt begeistert.

Zum Gesang ist Diefenbach erst über Umwege gekommen. Eigentlich hat sie Jazz-Saxophon in Mannheim studiert und in (vielen!) Bands gespielt. Bei einer davon sprang der Sänger ab und Diefenbach für ihn ein. "Inzwischen singe ich sogar lieber", erzählt sie, und am liebsten: in einem Duo. "Da kann man am besten aufeinander eingehen, da ist man ganz nackt."

Auch Diefenbach treffen die Corona-bedingten Maßnahmen hart. "Man wird nicht Musiker, weil man Geld verdienen will", sagt sie. "Aber man muss schon von irgendwas leben." Eigentlich sah es für sie in diesem Jahr ziemlich gut aus. Jetzt aber sind alle Konzerte bis mindestens Juni gecancelt. Einen Teil der Einnahmenausfälle kann sie zur Zeit als Studiomusikerin kompensieren. "Aber das ist nicht das Wahre", sagt Diefenbach. Wenn alle nur ihre Parts einspielen und am Ende ein Stück daraus zusammengeschnitten wird, fehlt ihr das Liebste am Musizieren: Die Interaktion. Trotzdem bleibt sie Optimistin durch und durch: "Solange man sich irgendwie über Wasser halten kann, kann man sich auch gut fühlen." Darum ermuntert sie trotz alledem dazu, die freigewordene Zeit kreativ zu nutzen.

Carlos Bauer ist hier auf Instagram zu finden. Yolanda Diefenbach ist ebenfalls auf Instagramm und betreibt einen YouTube-Kanal mit zahlreichen weiteren Stücken. 

 

Folge 19: Vorhang auf für Ismene Schell!

Dienstag, 14. April 2020

Als Ismene Schell Anfang Januar in Teheran ankam, hatten die USA gerade den hochrangigen General Quasem Soleimani durch einen Raketenangriff ermordet. Hunderttausende schlossen sich den Trauermärschen an. Wenige Tage später schossen die iranischen Revolutionsgarden wohl versehentlich ein ukrainisches Passagierflugzeug ab. Als die Wahrheit scheibchenweise ans Licht kam, gingen die Iraner gegen die Verschleierungspolitik ihrer Regierung auf die Straße. Von all dem bekamen Schell und ihre Truppe aber nur wenig mit, denn sie hatten eine andere Mission: ein gemeinsames Stück mit der Teheraner Yerma Theatre Group, das von der Überwindung von Grenzen handelt.

Zu Beginn des Videos ist eine Frau zu sehen und zu hören, die sich mit den Fingern über die Stirn fährt und singt. Das erscheint unspektakulär. Doch im Iran ist es Frauen verboten, in der Öffentlichkeit zu singen und auch nur einzelne Haare unter dem Kopftuch heraushängen zu lassen. Die grauen Kostüme sind die Bekleidung, in der Frauen aufzutreten erlaubt ist. Also entschieden sich Schell und ihre Kollegin Neda Hengami alle, auch Männer, in diese Kluft zu stecken. Später dreht sich einer der Iraner immer schneller im Kreis. Er hat dazu ein rotes Kleid übergezogen. Nicht weil er sich selbst als Frau fühlt: Die Möglichkeit dies zu tun, bedeutet für ihn einen Akt der Befreiung, ebenso wie der Tanz der Sufi-Derwische.

Vor einem Jahr ist Ismene Schell erstmals für zehn Tage in den Iran gereist: um das Land anzusehen, aber auch schon "mit der vagen Idee, Künstler und Theaterleute kennenzulernen". "Durch glückliche Fügung", so die Theaterpädagogin, sei sie ziemlich schnell in Kontakt gekommen. Andererseits sei das nicht schwer, wenn man in die entsprechenden Cafés geht. Im August gab sie im Teheraner Schauspielinstitut einen dreiwöchigen Theaterworkshop. Wieder zurück in Stuttgart suchte sie nach Mitstreitern und flog Anfang Januar mit einer siebenköpfigen Crew und einer Förderung des Kulturamts wieder in den Iran. Das Video zeigt abwechselnd Szenen aus dem Stück und die Besucher in den Straßen der iranischen Hauptstadt und den verschneiten Bergen der näheren Umgebung.

In fünf intensiven Probewochen erarbeiteten die 15 jungen Schauspieler*innen aus beiden Ländern ein Stück, das vom 10. Februar an zwei Wochen lang im Theaterhaus Teheran aufgeführt wurde. Die Zensur sah zu, wie immer. Einige Szenen mussten modifiziert werden, doch die Aufführung kam zustande, obwohl am Ende eine Frau ein Lied vorträgt. Für die iranischen Theatermacher ist so etwas riskant. Sie sind aber gewohnt, Freiräume immer wieder neu auszutesten. Die Sängerin Vitiko Schell, auch für Ton und Schnitt des Videos verantwortlich, kommt allerdings aus Stuttgart. Sie hat das Lied in acht Tagen gelernt.

Am Ende wurde das Theater geschlossen: wegen des Coronavirus, das im Iran früher angekommen war, auch wenn Deutschland das Land bei der Zahl der Infizierten mittlerweile überholt hat. Die Rückfahrt war eine Odyssee: Die Türkei schloss die Grenzen. Die Fluggesellschaften verlangten plötzlich viel mehr. Schell und ihre Truppe sind auf Mehrkosten von rund 6000 Euro sitzen geblieben, für die sie nun um Spenden bittet. Die dramatischen Ereignisse sind für sie aber überhaupt kein Grund aufzuhören. Sie denkt bereits über ein neues Stück nach. "Die Iraner sind toll, dieses Land ist toll", schwärmt sie.

Die im Video angekündigte Aufführung im Theaterhaus ist auf einen noch unbestimmten Zeitpunkt verschoben.

 

Folge 18: Vorhang auf für das O-Team!

Sonntag, 12. April

Nein, das O-Team befindet sich nicht in einer akuten Notsituation. Die an der Wagenhalle in Stuttgart ansässige Theatergruppe erhält eine institutionelle Förderung, ist also materiell abgesichert. Zwar ist die Premiere ihres Neuen Tanztheaterstücks "Wetware" abgesagt worden, die eigentlich am 27. März in München hätte stattfinden sollen. Aber das ist nicht der Grund, warum Nina Malotta, die Bühnenbildnerin, Kontext für "Vorhang auf!" eine Filmversion ihres Stücks "Café Stefanie/Corporate Bohème" anbietet, realisiert vor fünf Jahren in München und Stuttgart. "Ich würde mich freuen", schreibt sie, "wenn wir ein bisschen Freude und Wärme mit diesem Beitrag verbreiten können."

Das Café Stefanie, auch Café Größenwahn genannt, war eine legendäre Münchner Künstlerkneipe. Alles was Rang und Namen hatte, war dort um 1900 zu Gast: Künstler bis hin zu Paul Klee, Theaterleute wie Erwin Piscator, Autoren wie Gustav Meyrinck oder Heinrich Mann sowie alle späteren Protagonisten der Münchner Räterepublik. In den Worten von Erich Mühsam: "Massenhaft Maler, Schriftsteller und Genieanwärter jeder Art, auch viele ausländische Künstler, Russen, Ungarn und Balkanslawen, kurz das, was der Münchener Eingeborene in den Sammelnamen ‚Schlawiner‘ zusammenfasst." Im Mittelpunkt: die lebenshungrige Franziska zu Reventlow, die über ihre Bohème-Zeit den Roman, "Herrn Dames Aufzeichnungen", geschrieben hat.

Angeregt durch solcherlei Lektüre, begab sich das O-Team vor ungefähr sechs Jahren zusammen mit dem Theater Pathos aus München auf die Spuren der Bohème der Jahrhundertwende. Langhaarige, Barfußpropheten, Vegetarier, Jugendbewegung und Jugendstil, Künstler und Literaten: Vieles, was in der Subkultur nach 1968 fröhliche Urständ feierte, gab es damals bereits. Manches war aber auch ganz anders. Wie wäre es, fragten sich die Theaterleute, tief in die Vergangenheit einzutauchen, um mit dem Publikum gemeinsam unsere Obsessionen auszuleben und am Morgen verjüngt zu erwachen?

Einzeln wurden die Zuschauer in viertelstündigem Abstand von einem verabredeten Treffpunkt an einen geheimen Ort entführt. Sie bekamen die Augen verbunden, erhielten einen Decknamen und Passwort, mussten persönliche Gegenstände abgeben und wurden geschminkt. Keiner wusste, wer Publikum und wer Schauspieler war – außer natürlich die Schauspieler, die ihre Gäste "subtil animierten", wie Malotta sagt, aus sich herauszugehen, auf einer kleinen Bühne etwas vorzuführen und in Interaktion zu treten. Für den Fall, dass jemand zu weit ging, war einer zuständig, gegebenenfalls eine Raucherpause anzuordnen.

In Stuttgart gab es keine Bohème wie in München. Um einen Anknüpfungspunkt zu finden, verlegte sich das O-Team auf den "Oberdada" Johannes Baader, der hier an der heutigen Hochschule für Technik Architektur studierte, dann den Bau eines "Welttempels für einen internationalen interreligiösen Menschenbund" plante, bevor er als der wiedererstandene Christus in Erscheinung trat und an der Ersten Dada-Messe in Berlin teilnahm.

Bei allen Aufführungen war immer ein Rainer Maria Fassbinder dabei, der einen Film über die Bohème drehen wollte. Aus dessen Aufzeichnungen in München und Stuttgart ist das Video zusammengeschnitten.

 

Folge 17: Vorhang auf für Dundu!

Freitag, 10. April 2020

Stefan Charisius verbindet seine Einsendung zu unserer Reihe "Vorhang auf!" mit einer Forderung: "Dieses Konzept auszuprobieren, um es dann über die Medienminister als Pflichtprogrammpunkt in den öffentlich-rechtlichen Sendern zu verankern und endlich eine play-local-Quote zu fordern, wie es in anderen europäischen Ländern schon gehandhabt wird." Zum Beispiel: "SWR Fernsehen / Hörfunk sollten Auflagen bekommen, Künstler aus dem Ländle zu spielen und zu zeigen."

Charisius hat zu den ersten Künstlern gehört, die 2003 der Stadt Stuttgart einen zunächst dreimonatigen Mietvertrag für Ateliers an der Wagenhalle abtrotzten. Daraus entstand das Künstlerbiotop Wagenhalle und drei Jahre später das Projekt Dundu. Der Name der Groß-Gliederpuppe, erfunden von Tobias Husemann, steht für Du und Du: "Der 'Mehrwert eines Miteinander' ist mir wertvoll", betont Charisius. Vor zehn Jahren noch auf Stuttgart-21-Demos zu sehen, ist Dundu mittlerweile längst äußerst erfolgreich weltweit unterwegs. Die bisherigen Auftrittsorte allein in diesem Jahr seit Januar: Dubai, Dortmund, München, Singapur, Stuttgart, Ebersbach, Leicester, Stuttgart – und dann war wegen Corona Schluss.

Das Stück, von dem wir hier ein fünfminütiges Video zeigen, heißt "Du und du. Eine musikalische Erzählung" und feierte 2014 an der Wagenhalle Premiere. "Du und du spannen Traumnetze durch das Universum", lautet die Beschreibung. "Diese verbinden sich zu einem Wesen aus Licht und Klang. Begegnungen, Erkenntnisse, Gefahren und Möglichkeiten, dazwischen viel Raum und Zeit für den Betrachter, sich in die Momente einzufinden. Eine Welt nach der Krise in neuem Bewusstsein über das essenzielle echter Begegnung von Mensch zu Mensch."

Charisius ist ganz am Anfang kurz an der Kora zu sehen. Er gehört zu den an einer Hand abzählbaren Musikern in Europa, die das 21-saitige westafrikanische Saiteninstrument spielen. Ursprünglich Sprecherzieher, lernte er auf Reisen die westafrikanische Musik kennen und kam durch die Wagenhalle zu Dundu. "Ich muss nicht im Mittelpunkt stehen", schreibt er, "in meinem Leben geht es um Aufklärung zum Beispiel über den Ursprung des Blues, die Kora aus Westafrika."

Hinter Dundu steht ein ganzes Team: 13 Figurenspieler sind an der Aufführung beteiligt, drei weitere wirken mit an Musik und Klang, nicht zu vergessen der Regisseur Sebastian Kutz. Als die Künstler wegen der Sanierung aus der Wagenhalle ausziehen mussten, bauten die Dundu-Leute eine ganze Halle mit Proberaum, Werkstätten, Musikstudio und Büros und haben zusätzlich ein Zelt gemietet. Vorerst können sie dort bleiben. "Wir werden sinnvolle Vermietungen organisieren", so Charisius, "und den Raum für Kunst in Stuttgart immer schön groß halten."

Web: www.dundu.eu

 

Folge 16: Vorhang auf für Martina Wegener!

Donnerstag, 9. April 2020

Das Video passt in jeder Hinsicht zur momentanen Situation: Da läuft ein Mann im Anzug eine Wiese in einer Berglandschaft hinunter, die jedem Virologen und Politiker zur Zeit Tränen der Freude in die Augen treiben würde: Nicht nur im Umkreis von anderthalb Metern, nein, weit und breit ist kein anderer Mensch zu sehen. Der Himmel ist strahlend blau, die Sonne scheint, der Mann rennt und springt. Die Zeitlupe, in der die Szenerie aufgenommen ist, dehnt die eigentlich schnellen Bewegungen in die Länge, wie eine Metapher auf das derzeit ausgebremste öffentliche Leben. Und es geht: bergab. Langsam aber stetig, zu ruhiger aber spannungsgeladener Musik des Schweden Jon Collin. Was passiert wohl, wenn der Laufende angekommen ist, wo er hin möchte?

Dabei hat der Film, den Martina Wegener gedreht hat, nichts zu tun mit Corona oder Krise. Wegener war 2018 Stipendiatin des Saarland Stipendium der Jungen Akademie der Akademie der Künste in Berlin und ihre Arbeit war Teil der Ausstellung "all animals i am", die von November bis Dezember des vergangenen Jahres in der Saarländischen Galerie in der Bundeshauptstadt gezeigt wurde. Wegener sagt dazu: "Ich hatte einfach einmal Lust, einen Western zu machen." Das Genre fasziniert sie, vor allem die Bildgestaltung, "und ich dachte, ich fange einfach mal an." Herausgekommen als eine erste Arbeit zum Thema ist das Video "Descending", gedreht in den Bergen in Südfrankreich, "der Ort war einfach der Wahnsinn."

Die Video- und Performance-Künstlerin, Jahrgang 1987, ist in Stuttgart geboren, lebt und arbeitet mittlerweile dort. 2014 hat sie ihr Diplom gemacht an der Hochschule der Bildenden Künste in Saarbrücken, war dann Meisterschülerin von Georg Winter und hatte mehrere Lehrtätigkeiten an der Hochschule inne. Dabei wollte sie ursprünglich einmal in Hohenheim Agrarbiologie studieren. Mittlerweile verbindet sie manchmal beides, wie 2014, als sie mit ihrem Künstler-Kollegen Frédéric Ehlers, der im Video den Berg hinabläuft, für ein Projekt ins französische Rambouillet reiste, die Partnerstadt von Kirchheim unter Teck: Im Gepäck zwei Klappräder und das Thema "Korn".

Jetzt ist sie, wie der Laufende im Video, durch Corona ausgebremst. Dabei arbeitet sie seit einem Jahr an einer Ausstellung, einem Projekt mit mehreren Künstlern, das eigentlich von Mai bis September in den Stuttgarter Wagenhallen stattfinden sollte. Das ist abgesagt. "Ich bin als Künstlerin auf Öffentlichkeit angewiesen", sagt Martine Wegener. "Meine Einnahmen fallen momentan alle weg."

Web: www.martinawegener.de

 

Folge 15: Vorhang auf für Anna Gohmert, Anna-Kirstine Linke, Jonas Wolf!

Mittwoch, 8. April 2020

"Alle Menschen werden Brüder": Sonntags ab 18 Uhr spielen Musiker in Stuttgart derzeit wie an vielen Orten am offenen Fenster Beethovens "Ode an die Freude". Die offizielle Hymne der Europäischen Union wird auch sonst gern zu staatstragenden Anlässen aller Art gespielt. Und nicht nur in Demokratien: auch zum Beispiel zur Eröffnung der Neuen Bibliothek von Alexandria, noch unter Hosni Mubarak, der sein Land ausgeplündert hat. Brüder? Auch in Europa eignen sich Superreiche alles an, was den anderen dann fehlt. Wie kommen wir da raus?

Mit "Beethovens Escape Room" haben sich die Künstlerin Anna Gohmert, die Regisseurin Anna-Kirstine Linke und der Musiker Jonas Wolf für den Kunstpreis Beethoven Reloaded 2020 anlässlich des 250. Geburtstags des Komponisten beworben. Escape Rooms – falls jemand damit nicht so bewandert sein sollte – sind ursprünglich eine Art von Computerspielen, die aber, weil es auf Dauer doch nicht so viel Spaß macht, allein vor sich hin zu daddeln, von geschäftstüchtigen Menschen in den realen Raum übertragen wurden. "Im Gegensatz zum 'echten Leben'", so beschreiben die drei die Ausgangssituation, "scheint das Entkommen möglich, zudem ist man dabei nicht allein."

Acht Teilnehmer wurden zunächst in einen dunklen Raum geführt, in dem nur zwei elektrische Wachskerzen für ein schwaches, flackerndes Licht sorgten. Sie mussten verschiedene Rätsel lösen, etwa an wen Beethovens "Heiligenstädter Testament" gerichtet war, um schließlich nach verschiedenen Aufgaben an die Zahlenkombination zum Schloss für den zweiten Raum, die Beethoven-Rezeption zu gelangen. Hier wurden sie mit Fragen konfrontiert wie: "Möchtest du in 250 Jahren erinnert werden?" oder "Wünschst du dir, dass eines Tages Produkte mit deinem Gesicht drauf verkauft werden?" Zuletzt mussten sie an einer Karaoke-Station singen. Und zwar was? Genau: "Freude schöner Götterfunken …"

"Was passiert, wenn die Realität eine diffus-dystopische Übungssituation einholt, lässt sich aktuell in den Anfängen beobachten", schreiben Gohmert, Linke und Wolf zum vorzeitigen Ende ihres Kunstprojekts aufgrund von Corona. "Vielleicht stellt der aktuell zu beobachtende 'Hamsterkauf' eine Praktik dar, die sich mit der Lust an spielerischer Endzeit-Vorbereitung vergleichen lässt." Und weiter: "Die gefahrlose Realität, der man sich im Escape Game aussetzen konnte, scheint in jedem Fall an Relevanz einzubüßen."

Der Kunstpreis Beethoven Reloaded wird nun unter allen zehn Bewerbern gleichmäßig verteilt. Gohmert, Linke und Wolf hatten noch Glück, andere fanden überhaupt nicht den Weg zum Publikum. Nun stecken sie auf verschiedene Weise fest. Wolf ist durch ein Promotionsstipendium bis Ende September gesichert, muss aber auf Jobs als Cello-Lehrer und Musiker verzichten. Linke ist mit einem kleinen Rucksack in Hamburg gestrandet, ihr Regie-Studium in Zürich ist unterbrochen, da die Schweiz ihre Grenzen und die Uni ihre Pforten geschlossen hat. Gohmert muss, statt etwas Geld in der Gastronomie zu verdienen, ihre elfjährige Tochter betreuen. Bei unverändert laufenden Kosten kann sie nur weiter in geplante Projekte investieren, von denen sie noch nicht weiß, ob sie überhaupt stattfinden.

Ist ein Escape Room einer, aus dem man entkommen will oder einer, in den man entkommen will, fragt das KünstlerInnentrio. Ihr dritter Raum, der Beethoven Quizz und Trainings-Raum scheint genau die Situation vorwegzunehmen, in der sich die Zuhausebleiber derzeit alle befinden.

 

Folge 14: Vorhang auf für die Bremer Shakespear Company!

Dienstag, 7. April 2020

"Ich widme meine heutige Rolle", beginnt Svea Auerbach mit Blick auf eine Klopapier-Rolle, "dem Sonett 98" – das sie nämlich auf das Klopapier notiert hat, in der hervorragenden Übersetzung von Christa Schuenke: "Ich war von dir getrennt im Frühling mild …" Social distancing nennt man das heute, oder in den Worten der Bundeskanzlerin, "dass wo immer es möglich ist auf Sozialkontakte verzichtet werden soll". Dabei ist draußen schönstes Wetter. Das weckt Frühlingsgefühle, schon zu Shakespeares Zeiten: "Da hüpfte selbst Saturn und lachte breit". Als der üblicherweise eher melancholische Gott der Aussaat und des Ackerbaus flext Simon Elias im Garten hinter einem Haus frohgemut ein Stück von einem ornamentalen Fenstergitter ab. "Hab nicht ein Sommerlied hervorgebracht", fährt Petra-Janina Schultz fort, einen Strauß gelber Tulpen im Arm: "die Blumen nicht aus Frühlings Schoß gepflückt."

"Ich habe am Samstag von Ihrer Initiative in der Ausgabe 469 (Beilage der taz) gelesen", schreibt uns Annette Ruppelt aus Bremen. Das wäre die Ausgabe vom 25. März. "Wir, die bremer shakespeare company, veröffentlichen seit einigen Jahren zu unseren Repertoirestücken Trailer von ca. 2-5 Minuten. Das sind zwar keine Produktionen, die sich konkret auf die heutige Corona-Situation beziehen …" Und doch veröffentlicht die Company schon seit 20. März jeden Tag ihren "Daily Shakespeare", der sich allerdings, mal ernst, oft aber auch humorvoll Weise auf die heutige Corona-Situation bezieht – und ist damit Kontext um fünf Tage voraus.

"Schauen Sie das bitte an!" fordert Erik Rossbander in der ersten Folge die Zuschauer auf: "ein Theater, leer, keine Zuschauer!" In zwei Folgen werden Szenen aus dem Stück "Charles III." von Richard Bartlett, das sich auf den heute lebenden Prince Charles bezieht, auf die Corona-Aktualität bezogen. Andere Folgen enthalten Blicke hinter die Kulissen, Zungenbrecher, eine Videobotschaft des Regisseurs Marco Martinelli aus Ravenna oder, hochaktuell und mit dem Meterstab plastisch vorgeführt, den Song "Love from a Distance" der Kanadierin Michelle Gurevich. Peter Lüchinger – in Quarantäne in der Theaterbibliothek – hält einen Vortrag über Shakespeares Leben zu Zeiten der Pest. Als die Theater 1592 schließen mussten, verlegte er sich auf Gedichte. Es waren seine ersten gedruckten Werke. Und ein neues Kraut aus Virginia zu rauchen, wurde als Medikament empfohlen.

Die bremer shakespeare company bittet nun um Spenden – nicht für sich selbst, die Company konnte Kurzarbeit anmelden – aber für ihre fünfzehn bis zwanzig freien Mitarbeiter. Der Aufruf findet sich hier, sämtliche Folgen des "Daily Shakespeare" hier.

 

Folge 13: Vorhang auf für Mechthild Hettich! 

Montag, 6. April 2020

Wenn Mechthild Hettich momentan in der Frühlingsonne spazieren geht, versucht sie die Leute anzulächeln. Weil derzeit so viele Menschen so geknickt herumlaufen würden und man ihnen an den Augen den Gedanken ablesen könne: "Oje, hoffentlich hat keiner gesehen, dass ich da jetzt nur 1,47 Meter Abstand gehalten habe." So ein Lächeln, sagt Mechthild Hettich, stecke zwar auch an, aber nicht mit einem Virus.

Die 57-Jährige ist Sängerin und Gesangslehrerin. "Dadamusik – Singen mit Seele" steht auf ihrer Homepage. Ihre Stimme ist ihr liebstes Instrument, weil sie die immer dabei hat. Und weil sie das Singen zwar liebt, aber noch nie gut gewesen sei im Nachsingen, hat sie sich verlagert auf die Stimmkunst. Den freien Ausdruck mit dem eigenen "Körperinstrument" Klangteppiche zu erzeugen und Geschichten zu erzählen. Mit einem Ton fängt sie an, dann improvisiert sie, wie bei der Performance "White Chilli Chok", die sie uns gesendet hat. "Das ist wie eine Sprache mit Lauten, die aus dem, Moment kommt. Da, wo es mich juckt und kitzelt, da reise ich mit meiner Stimme hin", sagt sie. Da klingt ein grauer Herbstmorgen auch schonmal wie "die letzten, gelben Blätter der Quitte vor dem dunklen Himmel", schrieb der Weser-Kurier in Bremen einmal in einem Portrait.

Ungewöhnlich ist ihre Kunst. Und fast ein wenig psychologisch. Vielen Menschen sei das Singen heutzutage ausgetrieben worden, sagt Hettich, was schade sei. "Du kannst nicht singen", ein oft gehörter und gesagter Satz, der dadurch auch nicht besser würde. Denn: "Jeder kann singen" – man braucht nur den Mut, nicht eine vorgegebene Norm erfüllen zu wollen und die eigene Stimme klingen zu lassen. "Zu merken, da ist Kraft dahinter, die aus einem selbst herauskommt, verändert das eigene Standing und das Selbstbewusstsein", sagt sie. Wer sich partout nicht traut, einfach mal loszuschmettern, dem empfiehlt sie zu saugen – denn ein Staubsauger sei ein super Begleitinstrument.

In normalen Zeiten macht die Stimmkünstlerin aus Stuttgart jeden Tag Musik mit echten Menschen. Ihren Stimmunterricht, den sie seit mehr als 20 Jahren gibt, kann sie trotz Corona weiterühren, "Einzelunterricht geht ja noch", sagt sie. Zusätzlich nimmt sie Audios auf für ihre SchülerInnen. Momentan versucht sie, sich nicht nur mit den neuesten Corona-News zu befassen, sie spielt viel Klavier, weil sie mehr Zeit hat. Mit Kolleginnen entwickelt sie ein neues Programm weiter. Und wenn sie doch mal der Corona-Blues einholt, dann beginnt sie zu summen, das helfe. "Denn wenn der Körper schwingt, erlebe ich mich ganz anders."

Web: www.mechthild-hettich.de

 

Folge 12: Vorhang auf für Ute Woracek!

Sonntag, 5. April 2020

Ursprünglich hatte Ute Woracek für unsere Reihe "Vorhang auf!" ein Video zur Restaurierung eines riesigen Holzschnitts von Lukas Cranach dem Jüngeren in Freiberg im Erzgebirge angeboten. Sie hat es angefertigt für eine Ausstellung im dortigen Bergbaumuseum, die nun vorzeitig abgebrochen wurde. Doch dann hatte sie eine bessere Idee: Die Videokünstlerin suchte einen ihrer ersten Filme heraus, mehr als zwanzig Jahren alt, und überarbeitete noch einmal den Ton. Er gehört zu ihrer Serie "Odyssee einer Hausfrau, Filme zur Hygiene".

Mit Atemschutzmaske steht die Hausfrau hinter einem alten Tisch, zieht Gummihandschuhe über, nimmt eine Politur und sprüht sie auf die Platte. Das Pochen eines Pulsschlags erhöht die Spannung. Droht Gefahr? Was wird passieren? Nichts. Sie wischt über die Tischplatte. Doch dann gleitet das Geschehen ein wenig aus der alltäglichen Routine hinaus, während eine englische Automatenstimme wiederholt: "Die von Ihnen gewählte Nummer wurde geändert. Die neue Nummer ist" und eine Menschenmenge johlt und applaudiert wie bei einem Sportereignis. Am Ende ertönt nach drei Gongschlägen die Ankündigungsmusik einer Nachrichtensendung. Dann bricht das Video ab. Die Atemschutzmaske behält sie an.

Woracek spielt mit der Unklarheit und den Doppelbödigkeiten der aktuellen Situation. Eigentlich trägt die Hausfrau die Atemschutzmaske nur, um sich vor den Ausdünstungen des Reinigungsmittels zu schützen. Nachrichten im Fernsehen gibt es jeden Tag, es ist alles ganz normal. Oder? Was Generationen von Hausfrauen auf die Palme gebracht hat, nämlich zur Hausarbeit verdammt zu sein, ist im Moment auf einmal Alltag für alle, Männer wie Frauen. Manche fangen an zu putzen, weil ihnen nichts Besseres einfällt. Oder weil sie das lange nicht mehr getan haben. Oder doch wegen der Hygiene?

Ute Woracek ist mit einem Halbtagsjob an der Stuttgarter Kunstakademie finanziell abgesichert. So kam auch ihre Arbeit für Freiberg zustande, denn sie arbeitet im Fachbereich Restaurierung. Die Restauratoren der Stuttgarter Akademie haben das verloren geglaubte Porträt des Reformators Johannes Hus in einjähriger Arbeit wiederhergestellt. Aber natürlich kann auch sie nicht umhin, die Veränderungen im Alltag aufgrund der Corona-Krise zur Kenntnis zu nehmen, zu denen ihr Video, nur leicht verändert, einen passenden Kommentar abgibt. Die Odyssee ist noch nicht zu Ende.

Web: www.uteworacek.de

 

Folge 11: Vorhang auf für Jörg Buchmann!

Samstag, 4. April 2020

Bei David Bowie strandet Major Tom irgendwo in den Weiten des Alls, nachdem ihn sein Raumschiff im Stich lässt, mehr als 100.000 Meilen von der irdischen Heimat entfernt. Was mag der Kunstfigur widerfahren sein, ganz allein in einem endlosen Kosmos? Vor acht Jahren, "in einer sehr schmerzvollen Phase", hat sich Jörg Buchmann ein Szenario ausgemalt: Was, wenn nur die Technologie zugrunde ging, aber der Niedergeschlagene den Absturz überstanden hat? Was wenn er aufgestanden ist und zu Fuß weiterging? 

Nach dieser Idee hat Buchmann die Website "Walking Major Tom" benannt, auf der er seine Alben anbietet. "Das Liederschreiben", sagt er, "ist für mich wie Tagebuchführen." Meistens setzt er sich Abends mit der Gitarre hin, lässt seinen Assoziationen zum Erlebten freien Lauf und wenn ihm ein Stück gefällt, lässt er die Aufnahme mitlaufen – anfangs auf einem Walkman, heute auf dem Smartphone. "Echte Low-fi-Musik", sagt er. Was dann ein paar Tage später immer noch gut klingt, landet vielleicht auf einem Album. Die zugehärigen Cover gestaltet Buchmann selbst und jedes einzelne ist ein Unikat: Mit Malerei, Collagen, Zeichnungen und Polaroid-Fotographie. 

"Es fällt mir total schwer, mich auf ein Medium festzulegen", erzählt der Künstler, der auch an Installationen arbeitet, Videos schneidet und Performances anbietet. Beim Musizieren singt er meist in erfundenen Sprachen – vielleicht weil feste Formen seine Sache nicht sind. Eher das  Vieldeutige, aus dem Unbewussten Entstandene, das die Gedanken weniger in Bahnen lenkt, als sie anzuregen und dann sich selbst zu überlassen. 

Nach diesem Prinzip ist auch das Stück "Corona World" enstanden, das Buchmann für Kontext bereitstellt: Ein kurzes Video mit einem meditativen Song, untermalt mit eigenen Bildern und alles aus einer Hand. Die Corona-Krise bedeutet, wie für so viele Kulturschaffende, auch für den 48-Jährigen einen "Einnahmetotalausfall". Besonders dass er gerade keine Workshops mehr geben kann, trifft ihn hart. Doch seiner Musik merkt man keinen Schwermut an. Sie klingt ein bisschen nach Weltraum – und danach, dass es irgendwie weitergeht. 

Spenden an den Küstler gerne via Paypall über skipperjoerg--nospam@yahoo.com

 

Folge 10: Vorhang auf für Sebastian Polmans!

Freitag, 3. April 2020

"Die Tulpe lädt zum Riechen ein", weiß Sebastian Polmans und dieser Lebensweisheit hat er nicht nur ein Gedicht, sondern ein ganzes Kinderbuch gewidmet – illustriert mit eigenen Kugelschreiber-Zeichnungen, "auf feinem Künstlerpapier gedruckt", wie der Bübül Verlag betont, und inklusive Bastelbogen. In seinen gezeichneten Gedichten geht es um Gewitter, die Liebe zur Natur und die Freundschaft, auch zu Tieren und Pflanzen. Und nach einer ausgiebigen "Riesenriecherei" am Blumenduft, dichtet Polmans, geht er mit neuen Farben heim und malt sich im Traum einen Garten damit.

Für Kontext hat der 37-Jährige nicht nur sein Tulpengedicht vertont, sondern auch zur Gitarre gegriffen und zwei Lieder aufgenommen, die so viel Lebensfreude und zärtlich gebliebene Zuversicht ausstrahlen, dass das Ausmaß an guter Laune schon beinah etwas deplatziert wirkt in Corona-Zeiten. "Natürlich bekomme ich mit, dass die Situation für viele dramatisch ist", kommentiert Polmans, der sich selbst sogar als "etwas hypersensibel" einschätzt und sich lieber mit Sebastian anreden lässt. "Aber den Optimismus und das liebevolle Miteinander müssen wir uns beibehalten."

Er lebt, zusammen mit rund 16.000 Einwohnern, in der Gemeinde Niederkrüchten, ein paar Kilometer westlich von Mönchengladbach, in einem Haus mit großem Garten und, natürlich, direkt am Waldrand. 2011 ist sein Debütroman "Junge" beim Suhrkamp-Verlag erschienen, seine Arbeiten wurden mehrfach ausgezeichnet – unter anderem mit dem Bayern-2-Wortspiele-Preis und der BUND-Distel für Natur-, Umwelt- und Tierschutz. Manchmal kombiniert er seine Kunst mit pädagogischen Konzepten. Beispielsweise Lesungen in Kindergärten mit einer nächtlichen Glühwürmchenwanderung, "um zu zeigen, was in der Natur so alles vor sich geht".

Jetzt müssen die Kindergärten, wie so viele Einrichtungen, erst einmal geschlossen bleiben, und "da kommt gerade nicht so viel Verdienst rein", sagt Polmans. Wichtiger ist ihm aber: "Ich habe nicht den Eindruck, von irgendjemandem vergessen worden zu sein und zu tun, gibt es immer genug." Beispielsweise malt er gerade an einem Porträt seiner Familie, verewigt den Garten einer Bekannten auf Leinwand und "außerdem ist ja gerade Pflanzzeit" – also gibt es auch im eigenen Garten genug zu tun. Und so singt die Frohnatur auf der digitalen Bühne:

     Wo immer du bist,
     Sei dein Herz voll mit Licht,

     Sei weit wie ein Meer
     Und stark wie ein Bär

Bücher können beim Bübül Verlag bestellt werden oder beim Autor per Mail:  sebastianpolmans--nospam@yahoo.de

 

Folge 9: Vorhang auf für Jonathan Delazer!

Donnerstag, 2. April 2020

Unbeweglich sitzt Jonathan Delazer im Sessel. Man könnte das Video für ein Standbild halten, wie sie auf YouTube häufig zu finden sind, wenn es zur Musik keine bewegten Bilder gibt. Erst wenn man auf Vollbild umschaltet und sehr genau hinsieht, bemerkt man, dass sich der Plattenspieler dreht und sich der Brustkorb des Musikers fast unmerklich hebt und senkt. Delazers Film scheint wie ein Kommentar zur aktuellen Lage: Alle Auftritte sind abgesagt, Musiker sitzen zu Haus.

Die derzeitige Situation habe ihn "einige Gigs gekostet", sagt er. Von einer größeren Tour im Mai mit 12 bis 13 Konzerten wird mit Sicherheit nicht alles stattfinden, wenn überhaupt. "Die Verluste sind leider da", bedauert er aber langweilig wird ihm trotzdem nicht. "Es gibt viel zu tun", stellt der Musiker fest: "komponieren, Bücher lesen, soziale Kontakte über verschiedene Medien." Musik gibt es freilich einstweilen nur aus dem Lautsprecher.

Jonathan Delazer ist 2013 zum Musikstudium nach Stuttgart gekommen. Er wäre auch anderswohin gegangen. Aus dem Südtirol stammend, war "jede größere Stadt für mich wie New York". In New York ist er tatsächlich nach dem Studienabschluss als Jazzschlagzeuger gewesen und hat dort mit Größen der improvisierten Musik gespielt. Zuvor war er bereits Gründungsmitglied des Stuttgarter Kollektivs für aktuelle Musik (SKAM) und danach mit einem Erasmus-Stipendium in Riga, um nochmal ganz woanders hin zu kommen.

Die Schallplatte, die er in dem Video hört, ist seine eigene. "Uno duo" heißt das Projekt, weil er nämlich mit sich selbst im Duo spielt, Schlagzeug und Klarinette, und zwar nicht im Overdub-Verfahren, sondern alles auf einmal, live. Das Stück ist nicht notiert, aber auch nicht improvisiert. "Ich brauche das nicht aufzuschreiben", erklärt er, "Ich weiß ja, was ich spielen will, und ich habe ein ziemlich gutes Gedächtnis, ich kann mir das merken."

Die Komposition, die so gut passt auf die momentane Situation, entstand allerdings früher, als er einmal in einem Café saß – in Italien, als die Welt auch dort noch in normalen Bahnen verlief. "Die hochinteressanten Vorgänge zwischen dem Eintreten und Verlassen des Lokals sind zahlreich und musikalisch verwertbar: begrüßen, hinsetzen, warten, hören, bestellen, beobachten, Macchiato entgegennehmen, Tasse heben, nippen, Tasse senken, wiederholen, vielleicht zuckern, austrinken, wirken lassen, bezahlen, verabschieden." Der erste Teil des Titels "chiattoß.fizeau.galopp" versteht sich als Verballhornung von (Latte mac)chiato. Der zweite bezieht sich auf den Physiker Hippolyte Fizeau, der 1845 als erster die Sonne fotografierte. Dieses Bild ziert das Cover von Delazers Schallplatte (über dem Plattenspieler), die man unter jonathan.delazer--nospam@hotmail.com erwerben kann.  

Spenden an den Musiker gerne via Paypal über unoduomusic@gmail.com.

 

Folge 8: Vorhang auf für Michaela Tröscher!

Mittwoch, 1. April 2020

Auf die Idee mit der Rettungsdecke ist Michaela Tröscher alias "The Icelandic Pianist" nicht erst durch die Initiative der Vielen gekommen, die das goldglitzernde Utensil aus dem Erste-Hilfe-Kasten als Symbol für den Schutz der Kultur gegen Angriffe von rechts verwenden. Die Künstlerin aus Titisee-Neustadt möchte damit auch nicht auf die existenzielle Gefährdung von KünstlerInnen durch Auftritts- und Ausstellungsverbote hinweisen. Die Dinge haben bei ihr einen langsameren Rhythmus. Erstmals 2012 wickelte sie sich in die goldene Folie, nachdem sie von Donaueschingen auf den Säntis gewandert war; dann wieder im darauf folgenden Jahr in Vancouver, nach einer Reise im Containerschiff von Bremerhaven nach New York und weiter über Land bis zur kanadischen Westküste. Das Gold steht für innere Werte.

"Framti∂in er björt" lautet der isländische Titel, zu Deutsch "Die Zukunft erstrahlt" oder auf Englisch "Future is Bright". Michaela Tröscher hat keineswegs die Hoffnung aufgegeben, auch wenn sie momentan, wie sie sagt, "komplett ausgebremst" ist und ihre Rücklagen auch bei sparsamster Lebensweise nicht mehr weit reichen, so dass sie nur darauf hoffen kann, dass wenigstens eine im Sommer angesetzte Ausstellung stattfindet. Doch sie sieht auch das Positive, die Hilfsbereitschaft, die Chance, dass sich durch die momentane Krise manches ändern könnte, denn eines erscheint ihr, leider, unabweisbar: dass die Menschen sich erst durch Krisen bewegen lassen, ihr Verhalten zu ändern.

Das Video, das die Künstlerin zeigt, wie sie sich unter der Rettungsdecke hindurch bewegt, gehört zu einer Skulptur, die um die Jahreswende im Kunstverein Freiburg ausgestellt war. "Zeit spielt dabei eine große Rolle", erklärt sie. Sind Skulpturen nicht immer auf Dauer angelegt? Nein, diese Arbeit ist in einem Zeitraum von mehr als zwanzig Jahren entstanden. Sie bezieht sich auf die Auswanderung ihres Großonkels nach New York 1914 und auf die isländische Emigration zur selben Zeit, wie sie in zwei Romanen des Autors Bö∂var Gu∂mundsson beschrieben ist, die Tröscher derzeit auszugsweise ins Deutsche übersetzt. In diesem Zusammenhang hat sie ihr Lebensthema gefunden, sagt die Künstlerin, die nach einem Kunststudium in Saarbrücken, einem mehrjährigen Island-Aufenthalt und einem Stipendium der Kunststiftung in Stuttgart an den Ort ihrer Herkunft zurückgekehrt ist.

Der Text zum Video der isländischen Pianistin lautet auf Deutsch:

Die Zukunft erstrahlt
und ich laufe in den Wald und rede mit einem Hirschen

Er bittet auf ihn aufzusteigen und auf ihm zu reiten
damit er mich dann in den Ozean wirft

Es ist nötig zu tauchen
nun sollte ich sprechen

Ich spreche zum Himmel
und fange an meine Finger zu bewegen

Der Körper ist süß
und das Wasser gibt mir Füße

Ich werde nun zu einem Strom
und fließe in einen Traum

Ich träume von Frauen
die niemals sterben

Singen so wunderschöne Töne
dass alle kommen

und betören bis zum Fieber

 

Folge 7: Vorhang auf für Elena Seeger!

Mittwoch, 1. April 2020

Elena Seeger ist eine Mehrfachbegabung. Geboren 1988 in Hausen im Killertal, zu Burladingen gehörig, hat sie Klavier-, Posaunen- und Gesangsunterricht genommen, an der Stuttgarter Akademie Kunst und danach noch Anglistik studiert. Aber momentan ist sie mehr als Liedermacherin unterwegs. So leicht und unbeschwert sie dabei daherkommt, so sehr steckt in ihren provokativen Texten, auf Hochdeutsch oder Schwäbisch, doch auch Stoff zum Nachdenken. Wie beim Lied vom Fremdgehen: "Und eigentlich ist sie doch bestimmt nett. Und sicherlich auch ganz schön gut im Bett. Und eigentlich so wundervoll adrett. Und eigentlich …" Wird sich da nicht manch einer im Publikum ertappt fühlen?

Aber nochmal von vorn, in ihren eigenen Worten: "Elena Seeger lebt, musiziert, malt, gärtnert, kocht und arbeitet in Stuttgart. Warum das Killertal zwar kaum Kriminelle, dafür aber hervorragende Musiker ausspuckt, bleibt ein Rätsel." Killertal heißt der Oberlauf der Starzel bis Hechingen, die kurz oberhalb von Hausen, aber nicht in Burladingen entspringt. "Hausen gehört zu Burladingen dazu", klärt Elena Seeger dieses etwas verworrene Zugehörigkeitsproblem auf, "die meisten Hausener fühlen sich aber eher den Killertaldörfern zugehörig würde ich sagen (von welchen die Hälfte auch zu Burladingen gehört)." Ihre Absichten beschreibt sie so: "Dinge anders betrachten, Normen in Frage stellen – schön verpackt in ein quietschgelbes Universum voll Selbst- und Fremdironie."

"Mmmh.. ich rieche Mus, Apfel oder Quitte", singt die Fliege, nicht genau quietschgelb, aber collagiert aus großen Augen in kraftvollem Pink, mit Flügeln, die zwischen Türkis und Violett changieren, "und ein bisschen Kirsch, ich setz mich gleich in die Mitte, eine Fliege mag das" – und sie setzt sich auf den mittleren der drei mit Kreide an die Tafel gezeichneten Töpfe. "Und da bist du ich seh dich tausendfach gespiegelt in Facetten, die Gitarre in der Hand und dein Geruch ist mir bekannt." So beginnt die Hymne an den Verflossenen. "Jeder Mensch geht auf eine andere Art mit Trennungen um", schreibt die Sängerin dazu, "und manch einer stellt sich vor, er wäre eine Stubenfliege", die nämlich in die Wohnung ihres Ex fliegt, um ihm noch einmal nahe zu sein. Bis ihr dann auch die unangenehmeren Szenen wieder einfallen und das schöne Trugbild zerbröselt.

"Das ist alles selbstgemacht", sagt die Künstlerin, "von der Musik bis über die Aufnahme und der Film und die Bearbeitung auch. War ein größeres Projekt." Sie ist momentan "komplett ohne Einkommen (abgesehen von den virtuellen Hutspenden bei den LiveStream Konzerten, die leider bei weitem nicht ausreichen)." Die Livestream-Konzerte finden sich im Terminkalender auf ihrer Homepage www.elenaseeger.de. Das nächste findet am heutigen Mittwoch, den 1. April (kein Aprilscherz!) um 20.15 Uhr statt und ist über Facebook zu empfangen, ein weiteres folgt hier am Sonntag, 5. April um 19 Uhr.

 

Folge 6: Vorhang auf für Anja Binder! 

Montag, 30. März 2020

Schon als kleines Kind, erzählt Anja Binder, hat sie Musik gemacht. Für Großvater "Küfers Paul". Mit Stopf-Ei und Maßband, aus denen ein Mikro wurde, hat sie für ihn gesungen. Inzwischen ist das Material besser, die Bühne größer und das Publikum mehr geworden. Für Kontext hat sie ihren neuesten Song "Schnee" aufgenommen. Zuhause, wie es sich in diesen Zeiten gehört.   

 "Küfers Paul" hatte eine Weinstube in Holzgerlingen und immer samstags einen besonderen Wunsch: das Mädle sollte ihm einen Schlager vorsingen, vorzugsweise "Griechischer Wein" von Udo Jürgens. Damals, erinnert sich Anja Binder, habe sie die Hitparade rauf und runter draufgehabt.

Der Musikgeschmack hat sich gewandelt. Aus Udo Jürgens wurden bereits mit zwölf Punk und Police, aus dem Mädle ein Singer/Songwriter, auch dank Michael Gaedt, Joe Bauers Flaneursalon und Eric Gauthiers Gitarristen, den Auftritten im Theaterhaus, im Merlin und im Bix. Ihre Lieder schreibt sie selbst, ihre Stimme ist eine ganz eigene, in ihr mischen sich eine authentische Verletzlichkeit, Wut und Versöhnung, persönliche Betroffenheit und unaufdringlicher Sprachwitz. Manchmal greift sie noch selbst zur Gitarre oder in die Tasten und lässt ansonsten ihre Band machen. Folk, New Wave, Alternative Rock, Worldmusic. Solche Sachen.

Aktuell heißt die Band "My coOpers tApe" (meines Küfers Kassette), als Reminiszenz an den Großvater gedacht. Zusammen mit Andreas Rieker, Dieter Fischer, Oliver Utzt und Christian Walther wäre sie gerne im April ins Studio gegangen. Aus bekannten Gründen wird daraus nichts. So hat sie die kleine Variante gewählt. "Homerecording – konsequent in der #stayathome Zeit", sagt Anja Binder, verbunden mit einem Dank an die Tochter, das Kamerakind, an den Mann am Klavier Christian Walther, und einer Spende an Kontext.

Weitere Informationen unter www.mycooperstape.com.

 

Folge 5: Vorhang auf für Theresa Szorek!

Sonntag, 29. März 2020

Ha-Tschumm! Theresa Szorek hat das Stück, das sie letztes Jahr für ein Tutorium im Bereich Stimmkunst und Neues Musiktheater an der Stuttgarter Musikhochschule ausgegraben hat, noch in einem Kindergarten aufgeführt. Kurz bevor die Kindergärten schlossen, alle Auftritte gecancelt wurden und als erste Regel des zivilen Umgangs miteinander der absolute Imperativ Premiere feierte: in die Armbeuge niesen! Ungeschützt, vor Publikum: mittlerweile völlig undenkbar. Dabei ist der Nieser eigentlich nur Teil einer erweiterten Stimmtechnik. Cathy Berberian, die "unbestrittene 'Primadonna der Avantgarde''', wie das Magazin "Newsweek" damals schrieb, hatte sie 1966 nach einem Besuch bei Umberto Eco in ihr Fünf-Minuten-Stück "Stripsody" hinein komponiert, das wiederum Szorek hier vorführt. Eco besaß eine große Comic-Bibliothek, die er Berberian zeigte – falls sie davon mal etwas gebrauchen könne. Die Mezzosopranistin konnte und fügte die nonverbalen stimmlichen Äußerungen aus den Bildergeschichten zu einem musikalischen Bühnenwerk zusammen.

Comics galten damals, weit mehr noch als heute, als viel zu trivial, um einer seriösen Beschäftigung wert zu sein. Neue Musik war dagegen E-Musik – die Rundfunk-Abkürzung für "ernst" im Gegensatz zur bloß unterhaltenden U-Musik. Für Berberian schrieb die Crème de la crème der Avantgarde, von John Cage bis Igor Stravinsky, mit Luciano Berio war sie verheiratet. Aber die Tochter armenischer Einwanderer aus New York sang auch Lieder der Beatles – wenn auch eher im Stil einer Opernsängerin – und auch Berio hielt sich nicht an die Konventionen der Neutöner und arrangierte für seine Frau eine Suite von Folk Songs.

Theresa Szorek, 1994 in Leverkusen geboren und aufgewachsen, hat schon als Kind Jugend-musiziert Wettbewerbe gewonnen und nimmt Gesangsunterricht, seit sie zehn Jahre alt ist. Während ihres Schulmusikstudiums in Lübeck begann sie, für Zeitungen zu schreiben, am liebsten natürlich, wie sie selbst sagt, über ihre große Liebe, die Neue Musik. Seit 2017 studiert sie in Stuttgart und ist nebenher schon sehr aktiv auf Bühnen unterwegs, von Alter Musik bis hin zu erst kürzlich einem neuen Werk des Komponisten Bernhard Lang im Stuttgarter Opernhaus. Eigentlich hätte sie sich momentan auf einer kleinen Tournee durch Gasthäuser am Bodensee befinden sollen, um mit Chören, Jodlern und Neuer Musik musikalische Frühschoppen zu gestalten. Abgesagt, ebenso wie ein Konzert in der Reihe "Musik am 13." in Stuttgart-Bad Cannstatt und eines zur Ehrung der Komponisten Matthias Spahlinger und Nicolaus A. Huber an der Musikhochschule. Und Szorek hat, wie die meisten freischaffenden Künstler, kein festes Gehalt und keine Rücklagen.

Web: www.theresaszorek.jimdofree.com

 

Folge 4: Vorhang auf für Stefanie Keller!

Samstag, 28. März 2020

Stefanie Keller zaubert mit Worten. Sie ist Rednerin für freie Trauungen, Schreibtherapeutin und – sie erzählt Märchen. Auf Festen, in Wohnzimmern oder in der Natur wie kürzlich beim Wurzelfest im Waldkindergarten. Derzeit geht davon nichts mehr.

Wie in einer Achterbahn, sagt Keller, 44 Jahre alt, wenn man sie fragt, wie es ihr derzeit geht. "Es gibt Tage, da akzeptiert man, was gerade passiert, an anderen könnte ich heulen." Und andererseits sei dieser erzwungene Stillstand daheim auch eine Zeit zum Luftholen nach Jahren der Selbständigkeit ohne Urlaub, ohne Pausen. Und dann aber, kurz vor der Entspannung in den Gedanken hinein, platz wieder dieses riesige Fragezeichen: Wie lange dauert das alles? Was wird in der Zukunft? Und: wie lange halte ich durch?

Stefanie Keller ist Märchenerzählerin. Gelernte sogar, mit dutzenden Verkleidungen im Schrank für alle möglichen Märchen-Gelegenheiten. Sie sei eine Rampensau, sagt sie über sich selbst. Eine, die den Applaus und die Interaktion mit echtem Publikum liebt. Und derzeit schmerzlich vermisst. Da ist das Erzählen via YouTube kein Ersatz aber immerhin eine Möglichkeit, die Menschen daheim für ein paar Minuten in eine andere Welt zu entführen.

Der Februar sei bei ihr schon durchwachsen gelaufen, der März winkte dagegen mit großen Aufträgen, um das entstandene Loch wieder zu füllen. Die sind jetzt alle passé. Also hat sie "ein paar Pakete geschnürt" und bietet momentan Gutscheine an, die jetzt gekauft und nach Corona eingelöst werden können. Über Märchenwanderungen durch die Natur, Wohnzimmererzählungen in kleinem Kreis oder Stadtspaziergänge mit amourösen Geschichten.

Märchen, sagt Keller, die in Bietigheim-Metterzimmern lebt, seien viel mehr als nur Geschichten. "Wenn das gesprochene Wort der Märchen durch das Ohr den Weg ins Herz findet, legt es einen Zauber über die Seele, es berührt und bewegt sowohl das Herz als auch den Verstand." So steht es auf ihrer Homepage. Manchmal können sie auch zu Mutmachern werden, die selbst die Erzählerin über schwere Zeiten hinwegtragen. Wie das Märchen vom weißen Pferd, das seinem Besitzer wegläuft. Ist das Verschwinden des Tiers nun ein Unglück? Oder vielleicht doch ein Glück? Uns erzählt sie das Märchen vom Brunnen der Wahrheit, das zeigt, dass es manchmal nur eine gute Idee braucht. Und: dass Frauen eben einfach klug sind.

Web: www.wortzauber.org, und auf Facebook.

Folge 3: Vorhang auf für Dorle Ferber und Njamy Sitson!

Freitag, 27. März 2020

Sie sei eine "schamanenhaft-verquere" Musikerin, schrieb einst die "Berner Zeitung", heiter, frisch, schräg und sehr vergnüglich. Das wird Dorothea ("Dorle") Ferber nicht dementieren, so wenig wie das Bild vom "verrückten Huhn", das in ihrem Dorf kursiert. In Owingen-Taisersdorf, hinter Überlingen im Linzgau. Es hat 300 Einwohner und dreistellige Telefonnummern. Eigentlich ist Dorle eine Teufelsgeigerin.

Aber keine Missverständnisse: Sie hat ganz klassisch Musik studiert, in Mannheim und dort auch am Nationaltheater gearbeitet, bis sie sich auf Wanderschaft begeben und mit den verschiedensten Gruppen gespielt hat. Cochise, Elster Silberflug, Kraan – alles Bands, die einen nationalen Namen hatten. Damals, beginnend mit den Siebzigern. 

In Owingen-Taisersdorf dürften sie eher unbekannt gewesen sein, Achtundsechzig, Woodstock und Hippies waren weit weg. Insoweit war es durchaus mutig vor 20 Jahren, nach Oberschwaben zu ziehen, und das auch noch mit einer Künstler-Kommune, die das alternative Landleben ausprobieren wollte. Doch schau einer an: Die MusikerInnen, BildhauerInnen und MalerInnen sind  immer noch da, inzwischen verteilt auf Einzelhöfe, Nachbar Jan Fide von Kraan trommelt im umgebauten Stall. Die Einheimischen sprechen schon vom "Worpswede des Linzgaus" und Dorothea Ferber komponiert eine dadaistische Hymne für den Landkreis Sigmaringen.

Sie ist Jahrgang 52 und längst im Hinterland des Bodensees angekommen, ein Paradiesvogel, der auch mit der Blasmusikkapelle der Behinderteneinrichtung Lautenbach auftritt, unermüdlich unterwegs ist, das Kulturangebot zu bereichern. Das aber gibt es jetzt nicht mehr. "Mir brechen gerade viele meiner musikalischen und pädagogischen Aufgaben weg", schreibt sie uns, und fügt ein Video bei, das sie bei einem Konzert für die Gruppe "Keine Waffen vom Bodensee" zeigt.

Unser Angebot ist ein anderes. Ihr Konzert mit Njamy Sitson, empfohlen von Kontext-Autor und Kenner Dietrich Heißenbüttel. Er schreibt: Njamy Sitson ist ein Stimmkünstler, Multi-Instrumentalist, Geschichtenerzähler, Schauspieler und Musiktherapeut aus dem Kamerun, der seit 2000 in Augsburg lebt. Geboren in der Metropole Duala, ist er nicht nur mit der Musik und den Überlieferungen seiner eigenen Volksgruppe, der Bamileke, aufgewachsen, sondern mit einer großen Vielfalt von Stimmen und Traditionen bis hin zum gregorianischen Choral, weil er auch im Kathedralchor sang. Daraus hat er seine eigene, einzigartige "Vocal Polyphony" entwickelt. Der musikalische Begriff Polyphonie ist hier durchaus auch in einem übertragenen Sinne als Vielstimmigkeit der Kulturen und Individuen gemeint. Eine schöne Beschreibung findet sich auf dieser Website.

Weitere Informationen zu Dorothea Ferber finden sich hier. Aber obacht: Beim Lesen kommt man aus dem Staunen nicht heraus.

 

Folge 2: Vorhang auf für das COMMUNITYartCENTERmannheim!

Donnerstag, 26. März 2020

Blockiert, verunsichert, hilflos. So beschreibt Annette Weber ihren derzeitigen Gemütszustand. Die 55-Jährige ist freie Regisseurin und Leiterin des Mannheimer Community art Center (CaC), um das sich zwischen 60 und 70 KünstlerInnen gruppieren. Sie teilen ihr Schicksal, das da heißt: keine Veranstaltungen, keine Proben, kein Geld.

Am 2. Mai wollte Weber mit ihrem Stück "Kein Stress" Premiere feiern. Erst beim DGB, dann in berufsbegleitenden Schulen. Den Stress haben sie nun auf andere Weise. Die Schauspieler, ohnehin tendenziell prekär, wissen nicht, was die nächsten Monate bringen. 200 Euro pro Vorstellung wären es gewesen. Besser als nichts. Aber es wird keine Vorstellungen geben. Auch der Regisseurin "zerhaut’s die ganzen Pläne".

Sie leitet eine Einrichtung, die ziemlich einmalig ist in der Republik. Das CaC, 2012 gegründet, von der Stadt und der Freudenberg-Stiftung gefördert, sitzt im sozialen Brennpunkt Neckarstadt-West und versteht sich als Ort der Begegnung. Von Künstlern und Lebenskünstlern, derer es in diesem Viertel viele gibt. Jetzt ist die Location in der Laurentiusstraße zu.

Annette Weber hat uns ein Video geschickt, das an diesem Ort zuhause ist. Es trägt den Titel "#Stress", hat acht Folgen, und viele schräg-liebenswerte Protagonisten: Lia, die ein Youtube-Star werden will,  ihr Freund Alex, der in einer Assi-Familie lebt, ihr Bruder Mario, der krumme Geschäfte macht, und natürlich böse Immobilienhaie, die ständig Häuser aufkaufen, während Mutter Margot mit Zitaten von Ernst Bloch, Hannah Arendt und Oskar Negt um sich wirft. Das ist so bitter wie in hohem Maße vergnüglich.

Alle Folgen sind hier zu finden. Auch aufmunternde Worte können hier platziert werden, wobei Frau Weber im Sinne Blochs optimistisch bleibt. Corona könnte, sagt sie, vom neoliberalen Denken wegführen.

Web: www.communityartcenter-mannheim.de, Facebook: facebook.com/COMMUNITYartCENTER

 

Folge 1: Vorhang auf für Werner Schretzmeier!

Mittwoch, 25. März 2020

Man mag es nicht glauben: Da hängen sie alle am Eingang des Theaterhauses. Familie Flöz, Gauthier Dance, Eure Mütter, Alfons, Caveman, Django Asül und so weiter. Werner Schretzmeier will gar nicht hinschauen, als er uns die Tür öffnet, die jetzt verschlossen ist. "Wir stellen den Spielbetrieb vorerst bis 19. April ein", steht auf einem Zettel hinter Glas, "wenn Sie uns helfen wollen, können Sie bei Rückgabe des Tickets den Betrag auch gerne spenden".

Wahrscheinlich fühlt sich's an, als würden einem die Kinder weggenommen, die man über viele Jahre mit großgezogen hat. Schretzmeier ist Jahrgang 1944, hat das Theaterhaus 1985 gegründet, zusammen mit seiner Frau Gudrun (mit der er 50 Jahre verheiratet ist) und Peter Grohmann. Seitdem sind viele auf der Bühne gestanden. Große und Kleine.

Die scheinbar Kleinen sind's, die nun eine "wirkungsvolle Hilfe" brauchen, sagt der Theaterhaus-Chef, die einen "totalen Verdienstausfall" verkraften müssen, denen ein Kredit nichts nützt, weil sie ihn nicht zurückzahlen können. Das sind die meisten. Nicht von ungefähr fordert er ein bedingungsloses Grundeinkommen für mindestens sechs Monate. So weit ist die Politik noch nicht.

Allerdings scheint es sich hier zumindest herum gesprochen zu haben, dass Soforthilfe geboten ist. Unter anderem sollen die sogenannten Solo-Selbständigen eine Einmalzahlung in Höhe von bis zu 9.000 Euro erhalten (mehr dazu hier).

Auf privater Ebene sind Joe Bauer, Tom Adler, Goggo Gensch und Peter Jakobeit unterwegs und sammeln Spenden für die KünstlerInnen. Kontext hat in der vergangenen Ausgabe darüber berichtet.

Wichtig sind auch die Handreichungen, die etwa bei der Gewerkschaft Verdi ("Solidarität in Zeiten von COVID-19") abgerufen werden können. Dort finden sich viele Hinweise für die Kulturschaffenden, was in dieser Situation zu tun ist. 

Dasselbe gilt für die "Freienbibel" der Freischreiber, in der feinsäuberlich abgearbeitet ist, welche Schritte überlegt sein müssen: "Kann ich ALG II bekommen? Und wie geht das?"

Nun wäre Schretzmeier nicht Schretzmeier, wenn er in Resignation verfallen und das Feld kampflos aufgeben würde. Da hält er's doch lieber mit dem etwas jüngeren Udo Lindenberg, Jahrgang 1946:  

       Hinterm Horizont geht's weiter
       Ein neuer Tag

       Hinterm Horizont immer weiter
       Zusammen sind wir stark


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