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Integration

Geflüchtet und systemrelevant

Integration: Geflüchtet und systemrelevant
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Im Juli berichtete Kontext über den Syrer Alaa Aljarmakany. Der hat sich nach seiner Flucht 2015 den Hürden und Herausforderungen des deutschen Integrationssystems gestellt – und seinen beruflichen Weg komplett umgekrempelt.

Einst in Damaskus zum Anwalt ausgebildet, hat Alaa Aljarmakany nun in Deutschland einen neuen Platz gefunden: auf dem Fahrersitz der Stuttgarter S-Bahnen. Seit Mai 2020 fährt er fünf Mal die Woche – inzwischen ohne Ausbilder – kreuz und quer durchs Stuttgarter Schienennetz.

Die Routine in der Fahrerkabine ist zwar inzwischen eingekehrt und jeder Handgriff sitzt. Langweilig wird ihm in seinem roten Gefährt aber trotzdem nicht. "Der Beruf ist sehr herausfordernd, ich habe eine riesige Verantwortung für Hunderte Fahrgäste und muss deshalb immer hochkonzentriert sein." Außerdem fährt er jeden Tag in einer anderen S-Bahn-Linie und bekommt so nicht nur ein neues Arbeitsumfeld, sondern auch neue Pausenräume: "Ein Tag hier, ein Tag dort – gestern habe ich in Backnang Pause gemacht, die haben sogar einen Balkon!" (Die DB hat an allen Endhaltestellen Pausenräume für ihre LokführerInnen, Anm. d. Red.)

Ausgabe 485, 15.7.2020

Vom Anwalt zum Lokführer

Von Samuel Müller (Interview)

Irgendwo zwischen Damaskus und Stuttgart ging sein Traum verloren. Dass Integration kein leichtes Unterfangen ist, das hat der Syrer Alaa Aljarmakany mit voller Wucht zu spüren bekommen. Die Geschichte eines Lokführers, der früher einmal Jurist war.

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Natürlich ist auch dieses besondere Jahr nicht spurlos an ihm vorübergegangen, beruflich hatte er aber als Lokführer keine Einschränkungen. Zu Beginn der Pandemie im März hatte die Bahn kurzerhand den S-Bahnverkehr aufgrund der Ausgangsbeschränkungen halbiert, was mit einem Aufschrei der pendelnden Berufstätigen quittiert wurde: zu viele Menschen in den Waggons und keine Möglichkeit, den Mindestabstand einzuhalten. Kurz darauf fuhren alle Bahnen wieder regulär. Als Lokführer in Deutschland systemrelevant zu sein, das ehrt Aljarmakany.

Momentan ist er zufrieden mit seinem Beruf. Er liebäugelt bereits mit einem weiterbildenden Studium zum Meister für Bahnverkehr. Bis dahin braucht er aber erstmal drei Jahre Berufserfahrung, deshalb konzentriert er sich zunächst auf die Fahrabschnitte vor ihm. Eine persönliche Weiche wird für ihn aber bereits im Januar gestellt: Dann soll er seine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung bekommen. Ab 2021 könnte er damit den deutschen Pass beantragen. Ein Ziel, das er unbedingt erreichen will.

"Schritt für Schritt fühle ich mich immer deutscher: Ich habe einen Beruf, ich spreche die Sprache, kenne die Regeln, das System", sagt er. "Noch nicht perfekt – aber ich versuche, es zu werden." Bis dahin übt er sich weiter in der deutschen (Bahn-)Sprache mit (Fremd-)Wörtern wie "Flankenschutzeinrichtung" oder "Notbremsenüberbrückungsabschnitt".


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