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Uni Freiburg

Studierende wehren sich nicht

Uni Freiburg: Studierende wehren sich nicht
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Menschen in prekären Arbeitsverhältnissen gehörten zu den ersten, die in der Coronakrise ihren Job verloren haben. Selbst wenn sie jung sind und der Jobverlust ihren Lebensunterhalt bedroht, fällt es den allermeisten schwer, sich zu wehren. Das zeigen die Entlassungen beim Studierendenwerk Freiburg-Schwarzwald.

Am 15. Juni hatte das Studierendenwerk seine größte Mensa nach dem ersten Lockdown wieder eröffnet. Zeitgleich wurde den 100 studentischen Beschäftigten gekündigt. Ein großes Problem für die Betroffenen, insbesondere da die Mieten nicht wie die Einnahmemöglichkeiten sanken. Trotz Onlinesemester, in dem viele Studierende gar nicht in der jeweiligen Studienstadt gewohnt haben, sind die Mieten weiter rasant gestiegen. Das unterstreicht eine Studie des Finanzdienstleisters MLP, die im September "typische" Studiwohnungen von 30 Quadratmetern in Hochschulnähe untersuchte. Eine entsprechende Wohnung kostete in Freiburg 550 Euro warm. Allein im 2. Quartal 2020 sind die Angebotsmieten in diesem Bereich hier um 22 Prozent gestiegen.

Ausgabe 482, 24.6.2020

Geschasste Studierende

Von Fabian Kienert

In einer Zeit, in der Studierende auf die Straße gehen, weil sie kaum noch Möglichkeiten haben, ihren Lebensunterhalt zu finanzieren, kündigt das Studierendenwerk in Freiburg seinen Mitarbeitenden. Das kann ordentlich nach hinten losgehen.

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Was passiert, wenn in dieser Zeit zahlreiche junge Menschen durch das Studierendenwerk, das doch eigentlich einen sozialen Anspruch haben sollte, vor die Tür gesetzt werden? Werden sie ihre Situation öffentlich machen und versuchen sie zu verbessern? Eher nein.

Nachdem die Gewerkschaft FAU Kritik an den Entlassungen beim Studierendenwerk übte, sprang die Badische Zeitung (BZ), die auf dem Zeitungsmarkt der südbadischen Stadt bei der Lokalberichterstattung de facto einen Monopolstatus besitzt, den Verantwortlichen zur Seite. "Entlassungen der Freiburger Mensen taugen nicht zum Skandal." Für die Betroffenen seien diese ärgerlich, doch ihr ehemaliger Arbeitgeber habe sozialverträglich gehandelt. Das Studierendenwerk räumte in einer Pressemitteilung freimütig ein: "Alle geringfügig Beschäftigten haben bei uns eine sog. 'Nullstunden'-Arbeitszeitregelung. Dies bedeutet, es ist keine feste wöchentliche/monatliche Arbeitszeit vereinbart." In der Coronakrise bedeutet dieses angeblich "sozialverträgliche" Handeln, für die Betroffenen: Kein Anspruch auf Kurzarbeitergeld und nach der Entlassung kein Arbeitslosengeld.

Für die BZ ist es auch kein Skandal, dass das Studierendenwerk offensichtlich gegen geltendes Recht verstößt. Das Gesetz sieht nämlich selbst bei der Arbeit auf Abruf eine Vereinbarung über eine bestimmte Dauer der wöchentlichen und täglichen Arbeitszeit vor, ansonsten gelten 20 Wochenstunden als vereinbart. Obwohl somit gute Voraussetzungen für Lohnklagen vorlägen, traute sich keineR der Entlassenen, diesen Schritt gegen den ehemaligen Arbeitgeber zu gehen. Einzig ein betroffenes Mitglied der Gewerkschaft FAU reichte eine Kündigungsschutzklage ein. Beim Gütetermin vor dem Arbeitsgericht einigte man sich auf eine Abfindung von 500 Euro, weitere Schritte wagte der Betroffene nicht. Laut werden ist Sache der Coronaleugner oder der Unternehmen. Diejenigen, die die Krisenkosten offenbar bezahlen sollen, bleiben recht still.


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1 Kommentar verfügbar

  • Jue.So Jürgen Sojka
    vor 3 Wochen
    Antworten
    Die wehrhafte Demokratie [1] braucht Demokraten!

    Da Schreibt Peter Grottian im Juni 2017 auf Deutschlandfunk Kultur zum 250. Geburtstag von Wilhelm von Humboldt:
    Steht auf gegen die McDonaldisierung der Hochschule!
    Schlechte Arbeitsbedingungen für den akademischen Nachwuchs, intellektueller…
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