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Kahlschlag bei Eberspächer

Die Kündigungen sind raus

Kahlschlag bei Eberspächer: Die Kündigungen sind raus
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Die Autoindustrie stellt langsam um auf Elektromotor, und Zulieferer nutzen Corona als Vorwand, Verbrennerteile ins billigere Osteuropa zu verlagern. Best-Cost-Countries nennen Unternehmen das. So auch das Familienunternehmen Eberspächer in Esslingen.

Sie haben um ihre Arbeitsplätze gekämpft und verloren. Rund 260 Frauen und Männer aus dem Heizungsbereich der Firma Eberspächer in Esslingen erhielten in den vergangenen Wochen ihre Kündigungen. Ein Teil muss Mitte 2021 gehen, der Rest Ende 2021. Das Unternehmen verlagert die Fertigung nach Polen.

Filiz Sefer, seit 22 Jahren in der Fertigung, ist mal unglaublich wütend, mal unglaublich niedergeschlagen. Die 41-Jährige hat ihre Kündigung zum Jahresende 2021 bekommen. "Die Stimmung ist extrem am Boden, die Leute sind mehr als sauer." Zudem seien alle über die niedrigen Abfindungen verärgert. Der Sozialplan sieht für diese einen Faktor von 0,34 vor, das heißt: Pro Beschäftigungsjahr in der Firma gibt es das Drittel eines Monatsgehalts. Als Eberspächer vor drei Jahren schon einmal Leute entlassen hatte, gab es pro Beschäftigungsjahr noch ein ganzes Monatsgehalt.

Ausgabe 497, 7.10.2020

... und dann Hartz IV

Von Gesa von Leesen

Corona scheint für die Autoindustrie und ihre Zulieferer ein guter Vorwand zu sein, Leute zu entlassen. Lieber lässt sie in Billiglohnländern arbeiten. Ein aktuelles Beispiel ist Eberspächer in Esslingen, ein Unternehmen, das gerne seine Familientradition hervorhebt.

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Insgesamt lässt sich Eberspächer die Entlassungen 18 Millionen Euro kosten. Davon geht ein Teil in eine Transfergesellschaft. Die stellt die Entlassenen für maximal zwölf Monate sozialversicherungspflichtig ein. Den Lohn in Höhe von rund 80 Prozent des bisherigen Monatsgehalts bezahlen die Arbeitsagentur (in Höhe des Kurzarbeitergeldes) und der Arbeitgeber.

Die Motivation ist am Boden

Die Transfergesellschaft hat die Aufgabe, die Leute zu coachen, sinnvolle Qualifizierungsmaßnahmen zu finden, Arbeit zu vermitteln. Jürgen Groß von der IG Metall Esslingen hält das für sinnvoll: "Das ist ein Jahr lang Sicherheit, um nach Arbeit zu suchen und sich zu orientieren." Für ihn ist die Verlagerung des Werkes weiterhin "eine Sauerei. Zumal wir ein gutes alternatives Konzept für die Weiterführung des Heizungsbereichs in Esslingen hatten."

Filiz Sefer weiß noch nicht, was sie beruflich machen will. Gelernt hat sie mal Friseurin, aber nie in dem Job gearbeitet. "Im Moment bin ich zu aufgewühlt, um klare Gedanken zu fassen. Mein Stolz ist ziemlich verletzt." So sei es auch bei den KollegInnen. "Die Motivation ist natürlich am Boden." Das hat auch das Unternehmen festgestellt und Leiharbeiter eingestellt. Zudem bietet es den Beschäftigten in der Montage Prämien an, wenn sie sich nicht mehr als einen Tag im Monat krank melden (150 Euro) und wenn die Teams die Stückzahlen schaffen (650 Euro). "Das interessiert im Moment keinen", sagt Sefer. Die Haltung sei eher: "Dafür haben sie Geld, aber für einen vernünftigen Sozialplan nicht? Nicht mit mir."

Auch die Geschäftsführung von Balluff auf den Fildern hat sich durchgesetzt, verlagert die Fertigung nach Osteuropa und hat 202 Beschäftigten die Kündigungen zugeschickt. Gewerkschafter Groß befürchtet: "Im kommenden Jahr wird das in anderen Betrieben weitergehen." Dabei gäbe es bessere Lösungen. "Mit Kurzarbeit und anderen Formen der Arbeitszeitverkürzung können Arbeitsplätze bei uns erhalten werden." Die Arbeitgeber müssten das allerdings auch wollen.


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