Ulrike Wuhrer (rechts) bei einer Verdi-Aktion während der Karstadt-Insolvenz 2009. Foto: privat

Ulrike Wuhrer (rechts) bei einer Verdi-Aktion während der Karstadt-Insolvenz 2009. Foto: privat

Ausgabe 426
Wirtschaft

"Wehrt euch!"

Von Brigitte Matern (Interview)
Datum: 29.05.2019
Am kommenden Freitag streiken wieder Beschäftigte im Einzelhandel. 35 Jahre lang kämpfte Ulrike Wuhrer für bessere Arbeitsbedingungen in dieser Branche. Oft lag sie dabei im Clinch mit der Gewerkschaft. Die Hertie-Pleite hat sie hautnah miterlebt – und glaubt weiter an die Zukunft der Warenhäuser.
Ulrike Wuhrer

Foto: Adam Schleif

Ulrike Wuhrer, aufgewachsen am nördlichen Bodenseeufer, lernte bei Neser (Konstanz) das Buchhandelsgeschäft und arbeitete Anfang der 1980er Jahre in der Londoner Buchhandlung Foyles. Ab 1983 managte sie die Buchabteilung von Hertie Konstanz, bis sie 1987 in den Betriebsrat und sofort zur freigestellten Vorsitzenden gewählt wurde. Von 1990 an war sie Schriftführerin im Vorstand des Gesamtbetriebsrats erst von Hertie, dann von Karstadt. Im Gesamtbetriebsrat war sie zudem Sprecherin der Karstadt-Region Baden-Württemberg / Rheinland-Pfalz / Saarland. Sie vertrat auch zwanzig Jahre lang – von 1999 bis 2019 – die Belegschaftsinteressen im Aufsichtsrat von Karstadt. Ulrike Wuhrer ging im Februar 2019 in Rente.(bm)

Frau Wuhrer, Sie haben in Konstanz in Nesers Bücherstube gelernt. Wie und wann kamen Sie zu Hertie?

Das war 1983. Zuvor hatte ich in London in der Buchhandlung Foyles gearbeitet. Als ich zurückkam, war ich arbeitslos. Dann vermittelte mich das Arbeitsamt an Hertie – da habe ich gedacht: Na gut, dann mach ich das mal für ein Jahr.

Und dann sind Sie 36 Jahre geblieben. Warum?

Zum einen war der Arbeitsplatz gar nicht so schlecht: Hertie hatte damals noch eine Vollbuchhandlung, das heißt, man konnte Bücher bestellen und das Sortiment selbst gestalten, da sprach kein Eigentümer mit, ich hatte also freie Hand. Und dann wurde ich 1987 in den Betriebsrat gewählt. Der damalige Vorsitzende hörte auf und hat mich gefragt, ob ich nicht kandidieren möchte. Da sagte ich mir: Okay, dann mach ich das.

Ein Sprung ins kalte Wasser?

Allerdings. Mein Vorgänger hatte mir auf dem Schreibtisch nur das Betriebsverfassungsgesetz und etwa achtzig Auflösungsverträge hinterlassen. Schon damals begann der Personalabbau, Betriebsrat und Firmenleitung hatten bereits alles ausverhandelt, und so bestand meine erste Amtshandlung darin, all diese Kolleginnen und Kollegen zu verabschieden. Danach waren wir nur noch etwa 300 Leute, davon arbeiteten rund zwei Drittel in Vollzeit.

Wie sah Hertie in den achtziger Jahren aus?

Hertie war damals noch ein richtiges Warenhaus, in dem man alles bekam, auch Lebensmittel. Wir hatten eine Möbelabteilung, ein Küchenstudio, eine Teppichabteilung, eine Gardinenabteilung ... – das alles wurde dann aber nach und nach aufgelöst.

Auch das Umfeld sah anders aus?

In Konstanz gab es damals fast nur Einzelhandelsfirmen, deren Besitzer meist selbst im Laden standen. Markenprodukte, wie S.Oliver, Schiesser, Gerry Weber, Esprit, Tom Tailor und so weiter, gab es damals nur im Warenhaus. Irgendwann kamen diese Unternehmen dann auf die Idee, eigene Läden aufzumachen. Dadurch hat sich sehr viel verändert. Es brauchte plötzlich kein Warenhaus mehr, um an solche Labels ranzukommen.

Die Struktur des Einzelhandels hat sich also völlig verändert?

In der Stadt gab es neben Hertie und Woolworth nur kleine Läden. Das Lago und Ketten wie H&M gab's noch nicht. Und einen Betriebsrat hatten nur die Belegschaften von Woolworth und Hertie.

Wozu braucht es überhaupt einen Betriebsrat?

Das A und O ist die Interessenvertretung, dass jemand da ist, der darauf achtet, dass die Tarifverträge und die Gesetze eingehalten werden. Dass es eine Instanz gibt, die schützt und unterstützt und mit der zusammen man sich wehren kann. Das ist gerade im Einzelhandel sehr wichtig, wo es schnell einmal heißt: "Wie, Sie haben heute nur so wenig Umsatz gemacht? Da muss mehr laufen!" oder "Sie bleiben heute eine Dreiviertelstunde länger und putzen noch den Laden!"

Kurz nach Ihrem Amtsantritt kam es zwischen dem Einzelhandelsverband, der Politik und Ihrer Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen HBV, die 2001 in Verdi aufging, zu heftigen Konflikten.

Im Zentrum stand die Auseinandersetzung um die Ladenöffnungszeiten, das begann etwa Mitte der achtziger Jahre. Die damalige CDU/CSU/FDP-Regierung unter Helmut Kohl wollte den sogenannten Dienstleistungsabend einführen – jeweils donnerstags bis 20.30 Uhr – und die Ladenöffnungszeiten generell ausweiten. Wir wehrten uns nach Kräften. Am ersten Tag der verlängerten Öffnungszeit, 1989, ich erinnere mich noch gut, trugen wir Trauerbinden am Arm – zum Entsetzen des damaligen Geschäftsleiters, der ist im Viereck gesprungen. Aber uns hatte man immerhin den Feierabend geklaut!

Hat sich die Ausweitung der Öffnungszeiten auf Ihre Arbeit ausgewirkt?

Die Belegschaft ist heute wegen der unterschiedlichen Arbeitszeiten und Schichtsysteme fragmentiert. Selbst die Leute, die in derselben Abteilung arbeiten, sehen sich kaum noch. Damals war am Samstag um 14 Uhr Feierabend, sodass wir vom Betriebsrat aus mit allen Angestellten einmal im Jahr ein Grillfest veranstalten konnten. Das geht nicht mehr. Früher hatten wir eine Betriebsgruppe, die sich abends um 19 Uhr im Gewerkschaftshaus traf und diskutierte. Heute ist es schon schwierig, eine Betriebsversammlung abzuhalten. Dazu kommt, dass früher fast alle Kolleginnen und Kollegen in Konstanz gelebt haben; heute wohnt nicht einmal mehr die Hälfte hier, weil die Mieten zu hoch sind. Und wer in Engen wohnt, fährt nicht gern an seinem freien Tag zur Betriebsversammlung nach Konstanz. Das macht es sehr schwierig, etwas zu organisieren.

Waren die Arbeitsbedingungen früher besser?

Rückblickend glaubt man das immer. Aber ich würde schon sagen: Ja, insgesamt gesehen waren sie besser – auch wenn viele Junge die längeren Ladenöffnungszeiten gut finden und sagen: Ach, ich arbeite lieber von 11 bis 20 Uhr, da kann ich länger schlafen. Außerdem waren früher die Einzelhandelsbeschäftigten ohne Befristung und in Vollzeit angestellt. Heute werden im Einzelhandel so gut wie keine Stellen mehr in Vollzeit angeboten – alle arbeiten Teilzeit, viele davon als 450-Euro-Jobber. In ganz Konstanz gibt es nicht ein Einzelhandelsgeschäft, das unbefristete Vollzeitstellen anbietet.

Hinzu kommt, dass der Tarifvertrag im Einzelhandel früher allgemeinverbindlich war. Diese Allgemeinverbindlichkeit verschwand im Jahr 2000, also unter der rot-grünen Regierung von Gerhard Schröder. Andererseits hat heute die Technik dem Personal aber auch Arbeit abgenommen: Durch das Warenwirtschaftssystem wird die Ware automatisch und bereits ausgezeichnet angeliefert – früher musste der Verkäufer, die Verkäuferin jeden einzelnen Artikel noch von Hand mit einem Preis versehen. Auch die Arbeit an den Kassen hat sich verändert, alles ist automatisiert.

Ganz unproblematisch ist neue Technik meist auch nicht ...

Stimmt, die heutigen Erfassungssysteme erlauben eine viel genauere Leistungskontrolle: Wie viele Kunden gehen aus dem Laden, ohne etwas gekauft zu haben? Wie viel Umsatz macht eine Verkäuferin? Solche Zählsysteme gibt es ja inzwischen überall. Bei Karstadt hat der Betriebsrat verhindert, dass diese Erhebungen Folgen haben. Das bedeutet zum Beispiel, dass die Verkäuferinnen und Verkäufer keinen Druck bekommen, wenn die Umsätze nicht hoch genug sind.

Kommen wir auf die Gewerkschaft zu sprechen. Was hat sich in den dreißig Jahren verändert?

Die HBV war damals eine ganz andere Organisation als Verdi heute: klein, übersichtlich, bewegungsorientiert und konfliktbereit. Zudem war die Gewerkschaft früher vor Ort präsent. Wenn du ein Problem hattest, hast du angerufen und gefragt: Wie gehen wir da vor? Der heutige Gewerkschaftssekretär ist auch für Betriebe in Lörrach, Freiburg, Offenburg, Rottweil, Tuttlingen und so weiter zuständig. Wir hatten auch noch eine Fachgruppe Einzelhandel, die vor Ort tagte. Wenn sie heute zusammenkommt, dann meist in Geisingen. Wer fährt abends von Konstanz noch nach Geisingen zur Fachgruppensitzung? Und als es vor Ort noch den DGB gab, haben wir bei Arbeitskonflikten auch mehr Zuspruch von anderen Gewerkschaften erfahren – von den verschiedenen Verdi-Fachbereichen ist nichts mehr zu hören. Es findet kein Austausch mehr statt.

Die Gewerkschaft zieht sich aus der Region zurück ...

Ja, und auf jede Umstrukturierung innerhalb der Gewerkschaft folgt ein weiterer Rückzug: Verdi konzentriert sich auf die Großstädte und ist auf dem Land und in kleineren Städten kaum noch vertreten. Die Schulungen für Betriebsräte und Vertrauensleute haben die Gewerkschaftssekretäre früher selber organisiert. Heute macht das bei Verdi eine gemeinnützige Bildungseinrichtung, und die SchulungsleiterInnen sind in der täglichen Arbeit nicht mehr verankert.

Wie hat sich der Organisationsgrad im Laufe der Jahre entwickelt?

Mitte der achtziger Jahre gab es bei Hertie noch so gut wie keine gewerkschaftliche Aktivität. Ich war eine von vielleicht fünf, sechs GewerkschafterInnen im ganzen Betrieb, und das bei etwa 380 Beschäftigten. Durch die vielen Aktionen gegen die verlängerten Öffnungszeiten haben wir viele Mitglieder gewonnen, dazu die ganzen Warnstreiks in den Tarifrunden – das wirkt immer. Ende der Achtziger waren dann weit über sechzig Prozent der Belegschaft gewerkschaftlich organisiert. Damals musste man die Leute nicht groß überzeugen, den Gewerkschaften war es in den Jahren zuvor gelungen, die Löhne und Gehälter deutlich anzuheben. Heute kannst du lang an die Leute hinreden, sie wollen nicht in die Gewerkschaft und wissen auch gar nicht mehr, was ihnen das bringen soll ...

Hertie: von Krise zu Krise

1882 Gründung des Warenhauses Hertie durch Hermann Tietz

1933 "Arisierung" und schrittweise Enteignung der Familie Tietz durch ein Bankenkonsortium (Deutsche Bank, Dresdner Bank, Bankhaus Hardy u.a.) in Absprache mit dem Reichswirtschaftsministerium. Übernahme durch Georg Karg und nach seinem Tod durch seinen Sohn Hans Georg Krag.

1963 Hertie kommt nach Konstanz und bezieht einen Neubau an der Hussenstraße

1974 Übertragung der Firmenanteile an die Hertie Stiftung

1993 Übernahme durch die Karstadt AG, zu der auch der Neckermann-Versand gehörte, seit 2001 führt auch die Konstanzer Hertie-Filiale den Namen Karstadt

1999 Fusion mit Quelle zur KarstadtQuelle AG

2004 erste Krise mit Abschluss eines Sanierungstarifvertrags in sämtlichen Firmenteilen

2007 Ende des Sanierungstarifvertrag

2008 vier Tage Streik in Konstanz während der Tarifrunde. Zweiter Sanierungstarifvertrag, um eine drohende Insolvenz zu verhindern

2009 Insolvenz und Abwicklung (Auflösung) von Quelle

2010 dritter Sanierungstarifvertrag, um Investor anzulocken, Berggruen wird neuer Eigentümer

2013 Karstadt verlässt die Tarifbindung

2014 Übernahme durch die Signa Holding

2016 Abschluss des vierten Sanierungstarifvertrags mit fünfjähriger Laufzeit. Dadurch kehrt Karstadt in die Tarifbindung zurück – mit dem Versprechen, 2021 wieder nach dem dann gültigen Tarifvertrag im Einzelhandel zu zahlen. (bm)

Wann bekamen Sie Probleme mit der Gewerkschaft?

Im Laufe des Insolvenzverfahrens habe ich mich von Verdi entfernt. Oder besser gesagt: Die Gewerkschaft hat sich von mir entfernt. Da wurde gegen so viele Grundprinzipien verstoßen, dass ich das kaum mehr mittragen konnte. Wir hatten aufgrund der Dauerkrise zuerst bei Hertie, dann nach der Übernahme 1994 bei Karstadt immer wieder Sanierungstarifverträge abschließen müssen [siehe Kasten; d. Red.]. Das heißt, die Belegschaften haben ab 2004 auf Lohnanteile verzichtet, damit das Unternehmen überlebt. Das führte dazu, dass wir bei den Tariferhöhungen außen vor blieben.

Auf wie viel Lohn haben die Beschäftigten verzichtet?

Insgesamt, in den ganzen Jahren? Das habe ich noch nicht ausgerechnet. Aber allein seit 2013 hat jede Verkäuferin aufaddiert circa 12 600 Euro eingebüßt. Mittlerweile liegt das Gehalt einer Verkäuferin monatlich rund 300 Euro unter dem Tarifgehalt.

Die Firma hat das nicht gerettet.

Erst einmal nicht. 2009 folgte die Insolvenz. Der Vorstandsvorsitzende Thomas Middelhoff hatte die KarstadtQuelle AG in den Jahren zuvor durch den Zukauf des Reiseunternehmens Thomas Cook zu Arcandor, mit über 104 000 Arbeitsplätzen, ausgebaut, aber das funktionierte nicht. Arcandor ging pleite.

Und was hatte die Gewerkschaft damit zu tun?

Die fuhr uns beim Insolvenzverfahren in die Parade. Der Konkursverwalter suchte nach einem Investor. Der erste Interessent hätte zu viele Filialen geschlossen und viele Tausend Leute entlassen. Das konnten wir nicht akzeptieren, also suchten wir vom Gesamtbetriebsrat nach einer Alternative – und fanden sie in der italienischen Unternehmensgruppe Borletti, die damals unter anderem die traditionelle Warenhauskette La Rinascente betrieb. Wir führten – gemeinsam mit dem Immobilienbesitzer – Gespräche, die ohne Wissen des Insolvenzverwalters stattfanden. Aber mit Wissen und Zustimmung der damaligen Handelsverantwortlichen von Verdi, Monika Mönig-Raane. Borletti hatte Erfahrung im Warenhausgeschäft, signalisierte Interesse und ließ erkennen, dass er mit den Betriebsräten zusammenarbeiten wolle. Kurz vor der entscheidenden Sitzung des Gläubigerausschusses zauberte der Konkursverwalter jedoch Nicolas Berggruen aus dem Ärmel. Und noch während der Sitzung hörten wir, dass Mönig-Raane über die Medien eine Erklärung abgab, dass sich Verdi für Berggruen entscheidet. Sie hat einen Interessenten torpediert, der vom Fach gekommen wäre, der eine Strategie hatte und der bereit gewesen wäre, in die Warenhäuser zu investieren.

Die Folgen dieser Entscheidung zeigten sich ja schnell.

Der von den Medien und Verdi als Retter gefeierte Berggruen bekam Karstadt für einen Euro und investierte keinen Cent. Die gesamte Karstadt-Belegschaft verzichtete zwischen Herbst 2009 und Sommer 2012 auf insgesamt 150 Millionen Euro, trotzdem wurden 2000 Stellen abgebaut. Die Insolvenz kostete die Arbeitsämter 100 Millionen Euro, die Kommunen mussten auf die Gewerbesteuer verzichten und das Immobilienkonsortium verlor rund 400 Millionen – und Berggruen kassierte Millionen an Lizenzgebühren für Markenrechte. 2013 war dann die nächste Krise da.

Für eure Vorgespräche mit Borletti seid ihr schwer kritisiert worden.

Der Konkursverwalter Klaus Hubert Görg hatte überhaupt kein Interesse, dass jemand Karstadt bekommt, der auf die Belange der Beschäftigten eingeht. Und die Gewerkschaft kritisierte uns, weil wir hinter ihrem Rücken mit Borletti verhandelt hätten – obwohl das nachweislich nicht stimmte.

Und da haben Sie gesagt: Scheiß Gewerkschaft ...

Ja. Das alles war sehr, sehr ärgerlich. Und eine saublöde Situation, denn selbstverständlich sind Gewerkschaften wichtig. Trotzdem war ich in meiner Grundüberzeugung erschüttert. Gewerkschaften müssen meiner Meinung nach basisdemokratisch handeln, und Einzelne dürfen nicht über den Kopf der Basis hinweg entscheiden. Bei der Insolvenz habe ich genau das Gegenteil erlebt. Das führte dazu, dass ich mein Engagement für Verdi erst einmal einstellte.

Sind Warenhäuser überhaupt noch konkurrenzfähig?

Ja. Es gibt nach wie vor viele Kunden, die gern im Warenhaus einkaufen und es bequem finden, alles unter einem Dach zu haben und an einer Kasse bezahlen zu können. Dazu braucht es die richtige Strategie und Geld für Investitionen. Das Einkaufen muss interessant sein, die Menschen wollen was erleben, sonst kaufen sie online ein. Und bei den Sortimenten muss man sehr im Detail arbeiten und dem Kundenbedürfnis gerecht werden, da reicht nicht der Blick aufs große Ganze und schon gar nicht der alleinige Blick auf die Rendite.

Dennoch wird dem Warenhaus-Konzept keine große Zukunft vorausgesagt. Jetzt mussten ja auch noch Karstadt und Kaufhof fusionieren.

Der stationäre Einzelhändler steht insgesamt unter Druck. Und dafür gibt es zwei Gründe. Die unglaubliche Verkaufsflächenerweiterung in ganz Deutschland und der Internethandel. Jeder hat heute einen Online-Versand und die Bequemlichkeit der Kundschaft nimmt ständig zu. Und parallel dazu der permanente Verkaufsflächenzuwachs. In keinem anderen Land ist er so hoch wie in Deutschland. Überall dieselben Läden, egal, in welcher Stadt man sich befindet. Und die Gemeinden versuchen, sich gegenseitig die Kundschaft abzujagen. Erst das Lago in Konstanz, dann wurde in Radolfzell das Outlet-Center erweitert, und in Singen kommt dieses Cano-Wahnsinnsgeschoss von ECE hin. Das macht die Städte kaputt, und das macht die Einzelhändler kaputt.

Es sind ja die Kommunen, die das zulassen.

Die lassen sich ködern, weil es heißt: Wir schaffen Arbeitsplätze. Dabei sind das keine guten Arbeitsplätze.

Das Wachstum stößt an Grenzen?

Der Markt ist erschöpft und die Mieten sind hoch. Selbst in Konstanz ist es nicht mehr so einfach: Wenn ein Einzelhandelsunternehmen die Filiale aufgibt, haben die Immobilienbesitzer je nach Lage auch schon mal Probleme, neue Mieter zu finden. Das sieht man auch an den Ketten: Zero (Fashion) verlässt das Lago, S.Oliver wechselt auf eine kleinere Fläche. Viele haben finanzielle Probleme. Gerry Weber steckt in der Insolvenz, Esprit, H&M, Tom Tailor, C&A – viele Textilketten kämpfen mit massiven Schwierigkeiten.

Die Gemeinden sollten also keine neuen Flächen mehr ausweisen.

Ja klar. Aber es gibt auch in Berlin Handlungsbedarf: Der Einzelhandelstarifvertrag muss wieder für allgemeinverbindlich erklärt werden. Ebenfalls unterbunden werden muss die Befristung von Arbeitsverhältnissen und die im Handel grassierende Teilzeittätigkeit, denn da hast du als Betriebsrat nur geringen Einfluss. Niemand kann von einem Teilzeitlohn leben, schon gar nicht im Einzelhandel.

Sind für Karstadt/Kaufhof nun ruhigere Zeiten in Sicht?

Zunächst müssen die Belegschaften verhindern, dass es wieder rückwärts geht. Im Oktober 2016 haben wir Betriebsräte dafür bekämpft, dass Karstadt in die Tarifbindung zurückkehrt. Das war uns dann auch gelungen: Man beschloss die Rückkehr zum normalen Tarifvertrag ab 2021.

Ist das durch die Fusion mit Kaufhof gefährdet?

Ich weiß es nicht, weil die Verhandlungen mit Kaufhof erst begonnen haben. Aber ich befürchte es. Auf den letzten Betriebsversammlungen habe ich den Leuten gesagt: Jetzt müsst ihr was tun, es geht um euch! Tretet in die Gewerkschaft ein und fangt an, euch zu wehren! Immerhin haben wir es jetzt bei René Benko und der Signa-Holding mit einem Eigentümer zu tun, der Geld hat – was er aber ganz sicher nicht freiwillig hergibt.


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1 Kommentar verfügbar

  • phronopulax
    am 30.05.2019
    Es ist natürlich sehr bedauerlich, wenn Ulrike Wuhrer so schlechte Erfahrungen gemacht hat. Ich habe in Stuttgart 2007/2008 erlebt, dass es bei Ver.di auch ganz anders sein kann.

    Die Zuschläge für Spät- und Nacht-Arbeit sollten gestrichen werden. Bernd Riexinger hat auf den täglichen Streikversammlungen darauf hin gewirkt, dass die Streikenden selbst beraten und beschließen, wie es weitergeht. Das hat sehr motiviert. Morgens wurden die Kollegen aus dem Umland empfangen, die als Streikbrecher fungieren sollten - und sie wurden als neue Mitglieder gewonnen. Es wurden eigene Streiklieder entwickelt und wenn man optimistisch singend von Betrieb zu Betrieb gezogen ist, hat das bei den Passanten, die direkt angesprochen worden sind, großen Eindruck gemacht.

    Immer mehr Mitglieder konnten gewonnen werden und so hat man nach immer längeren Streiks und nach über einem Jahr den Erhalt der Zuschläge durchsetzen können. Lediglich die Zuschläge Samstags zwischen 14 und 18 Uhr wurden durch eine Einmalzahlung ersetzt.

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