Verdi-Frau auf IG-Metall-Kundgebung: Christina Frank mit Einzelhandels-Verkäuferinnen 2013 in Stuttgart-Feuerbach. Foto: Joachim E. Röttgers

Verdi-Frau auf IG-Metall-Kundgebung: Christina Frank mit Einzelhandels-Verkäuferinnen 2013 in Stuttgart-Feuerbach. Foto: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 334
Gesellschaft

Ein großes Herz steht still

Von Susanne Stiefel
Datum: 23.08.2017
Sie war sich sicher, den tollsten Job der Welt zu haben. "In welchem Beruf können Sie sonst noch die Realität verändern?", sagte Christina Frank einmal gegenüber Kontext. Nun hat die leidenschaftliche Gewerkschafterin den Kampf gegen den Krebs verloren.

Wer sich vorgenommen hat, die Arbeitswelt gerechter zu machen, hat viele Baustellen. Und einen Knochen-Job. Christina Frank, Gewerkschaftssekretärin bei Verdi Stuttgart, hat immer gewusst, dass die gewerkschaftlich geforderte 37,5-Stunden-Woche für sie nicht gilt. Sie hat mit den Schultern gezuckt, den Urlaub mal wieder verschoben und dafür die Bilder vom Mittelmeer an ihrer Bürowand angeschaut. Sie kämpfte für die, die man nicht sieht. Für die Mobbingopfer im Einzelhandel. Für Menschen, die depressiv werden, weil die Arbeitswelt immer gnadenlosere Flexibilität fordert. Und gegen die, die ihnen das zumuten.

Sie sorgte dafür, dass die Verkäuferinnen bei der Drogeriemarktkette Schlecker anständig entlohnt wurden und einen Betriebsrat wählten. Und als der Ehinger Millionär pleiteging, stritt sie nicht nur für ein angemessenes Stück aus der Insolvenzmasse, sondern auch für die Zukunft der Schleckerfrauen in eigenen Läden. Christina Frank wurde zum Schutz- und Racheengel der Frauen. Sie hat auch diesen Job sehr ernst genommen, hätte eigentlich tausend Arme und ihr Tag tausend Stunden haben müssen. Und wenn ihr die Haare mal wieder wild in alle Richtungen standen, hatte man den Eindruck, dass sie diesem Ziel sehr nahe kam.

Die gelernte Diplompädagogin hat die Menschen gesehen und nicht nur in Mitgliederzahlen, Hierarchien und Tarifstrukturen gedacht. Christina Frank war keine typische Funktionärin, das haben ihr auch die KollegInnen bescheinigt. Und das war nicht immer freundlich gemeint. Im Zweifel legte sie sich auch mit dem eigenen Laden an, wenn ihr der zu lahm, zu wenig engagiert, zu formal war. Vorgesetzte hatten nichts zu lachen, wenn sie anderer Meinung war. Sie hat weder sich noch andere geschont. "Du gehst ab wie Schmidts Katze", hat ihr eine der Schleckerfrauen einmal bestätigt und ihr eine Schachtel Pralinen mitgebracht.

Franks Engagement hat sich bundesweit herumgesprochen, die streitbare Gewerkschafterin war gerne gesehener Talkshow-Gast. Ein gerüttelt Maß an Leidenschaft wurde ihr bei Anne Will attestiert. Sie war groß in ihrer Hingabe und groß in ihrem Zorn. Und besaß diese ungetrübte Gewissheit, im Recht zu sein, die jedem hilft, der an beiden Enden brennt.

Sie war ganz oder gar nicht

Schon immer habe sie sich verantwortlich gefühlt, schon gegenüber den jüngeren Geschwistern, sagte sie gegenüber Kontext einmal, "das ist so ein Vogel, den ich schon als Kind entwickelt habe". Ungerechtigkeit weckte ihren Widerspruch und reizte ihren Ehrgeiz, es allen zu zeigen. Dass man im Recht war in seinem Kampf um Gerechtigkeit. Egal, ob es gegen den Männerklüngel in der Gewerkschaft ging oder gegen die Vorstandsetagen in den Betrieben.

Oder gegen Kontext. Sie hat unsere spendenfinanzierte Zeitung von Anfang an unterstützt, weil sie "die fetzige Schreibe" liebte und die Themen, die auch ihr am Herzen lagen. Texte, die ihr gefielen, schlürfte sie weg wie andere ein gutes Viertele. Sie hat sich aber auch empört abgewandt, als sie mit einem Artikel nicht einverstanden war. Sie war ganz oder gar nicht, keine Frau der Zwischentöne, und doch von bewundernswerter Herzlichkeit. Und immer war da diese Großzügigkeit, mit der sie sich und ihre Zeit verschenkte.

Am vergangenen Samstag wurde Christina Frank im Waldfriedhof in ihrem Heimatort Döffingen beerdigt. Sie wurde 62 Jahre alt. Statt Blumen lieber Spenden für die katholische Betriebsseelsorge, stand unter ihrer Traueranzeige. Was auch sonst.


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