KONTEXT Extra:
Ganz schlechte Noten für Kultusministerin Susanne Eisenmann

Joachim Straub, Florian Kieser und Jan Pfeiffer sind demokratisch legitimierte Vertreter von 1,5 Millionen Schülern und Schülerinnen im Land. Experten, die Erfahrungen vor Ort sammeln und selber direkt betroffen sind von allen bildungspolitischen Entscheidungen. Und die Jungs vom Landesschülerbeirat (LSBR) sind diplomatisch: Denn eigentlich hat Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) mindestens eine Fünf verdient, weil die das LSBR-Konzept für die anstehende Reform der Oberstufe nicht ein einziges Mal mit ihnen besprochen hat. Tatsächlich bekommt die Neustrukturierung des Wegs zum Abitur ab 2018/2019 nur magere einen bis drei Punkte oder das, was früher "Mangelhaft" hieß.

Als offizielles Beratungsgremium des Ministeriums hat sich der LSBR intensiv befasst mit der heiklen Thematik. Dafür habe es zweimal ein "Vielen Dank" aus dem Ministerium gegeben, berichtet Straub. "Wie kann das sein?", fragt sich der LSBR-Vorsitzende. Aus den Medien habe man erfahren, "dass die ganze Sache gelaufen ist". Das Vorgehen Eisenmanns hat System. Denn auch der Landeselternbeirat (LEB), als zweites offizielles und wichtiges Beratungsgremium des Kultusministeriums, war nicht befasst, sondern "eiskalt außenvor", berichtete dessen Vorsitzender Carsten Rees.

Eltern wie Schüler und Schülerinnen hätten so Manches beizutragen gewusst. Gerade dem Schülerbeirat passt die ganze Richtung nicht, weil die Allgemeinbildung künftig zu kurz komme. Anders als von der Kultusministerin entschieden, wird verlangt, dass Mathematik und Deutsch schriftliche Pflichtfächer bei der Abiturprüfung bleiben. Und dass die neuen Niveaukurse, "mehr Individualität gewährleisten", damit Schülerinnen und Schüler "ihren Interessen, allgemein, sprachlich, naturwissenschaftlich, gesellschaftswissenschaftlich nachgehen" können. Genau das sieht aber die Reform mit ihrem neuen naturwissenschaftlichen Schwerpunkt nicht vor. Das sei, sagt Straub, eine "ganz klare Diskriminierung der Geisteswissenschaften" und unverständlich gerade angesichts der zunehmenden gesellschaftspolitischen Kontroversen. (20.10.2017)

Mehr zum Thema Bildung im Artikel "Zurück in die Kreidezeit".


Jetzt weiß es auch die CDU: So viele bezahlbare Wohnungen fehlen

Baden-Württembergs Wirtschaftsminister Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) ist zufrieden: Weil die neue Wohnbau-Förderung im Land dazu geführt habe, dass "2017 nach knapp sechs Monaten Programmlaufzeit bereits Anträge für den Neubau von deutlich über 800 Sozialmietwohnungen sowie beantragte Bindungsbegründungen im Umfang von mehr als 300 Wohneinheiten vorliegen". Tatsächlich müsste sie hell entsetzt sein angesichts solcher Zahlen. Denn aus einer Studie, die die von ihr selber beförderte "Wohnraum-Allianz" in Auftrag gab, geht ein deutlich höherer Bedarf im Land hervor. Auch der Versäumnisse wegen, die frühere CDU-geführte Landesregierungen verantworten.

"Die Bestandsentwicklung im sozialen Wohnungsbau ist in Baden-Württemberg stark rückläufig", schreiben die Autoren. Ausgehend von 137 000 Wohnungen im Jahr 2002 sei es zu einem Rückgang auf rund 60 000 preisgebundene Wohnungen im Jahr 2015 gekommen. Weil weitere aus der Mietbindung fallen, wird es 2020 überhaupt nur noch 22 000 Einheiten im ganzen Land geben: "Vor diesem Hintergrund ist eine Verstärkung und Verstetigung der sozialen Wohnraumförderung über einen längeren Zeitraum von entscheidender Bedeutung." Der Stabilisierung und "sukzessive Weiterentwicklung" der angespannten urbanen Wohnungsmärkte komme auch eine "sehr wichtige" sozialpolitische Rolle zu. Nur um den Status quo von 60 000 mietgebundenen Wohnungen zu erhalten, müssen 1500 im Jahr umgewidmet oder gebaut werden. Um den tatsächlichen Bedarf zu decken, wären bis zu vier Mal so viele notwendig.

Hoffmeister-Kraut setzt bisher vor allem auf aufgestockte Mittel des Bundes, auf Investoren oder auf Förderungen, die auch einkommensschwächere Familien in Stand setzen, Eigentum erwerben zu können. Das Analyse-Institut Prognos rät ebenfalls zur "Gewinnung und Aktivierung privater Mittel, aber auch zur Verstetigung der Mittel des Landes". Auf einer Reise des Städtetags, der auch in der Allianz vertreten ist, konnten sich kürzlich VertreterInnen zahlreicher Städte und Gemeinden in der österreichischen Bundeshauptstadt Wien von einem ganz anderen Weg überzeugen: Dort wird sozialverträglicher Wohnungsbau Marktmechanismen weitgehend entzogen. Pro Jahr entstehen mehr als 10 000 neue, bezahlbare Einheiten. "Das wirkt preisdämpfend", heißt es in einer aktuellen Darstellung der Wohnbau-Strategie, "schafft zusätzliche Angebote und sichert außerdem mehr als 20 000 Arbeitsplätze." (17.10.2017)

Mehr dazu in den Artikeln "Besser wohnen in Wien" und "Friede den Hütten".


Punktlandung: Erster Feinstaub-Alarm im Herbst 2017

Nach den Regeln der Landeshauptstadt für die Ausrufung von Feinstaubalarm kann dies jeweils vom 15. Oktober an geschehen. Unter dem Aspekt der Sensibilisierung in der aufgeheizten Debatte für und wider Fahrverbote ist auf Petrus so gesehen jedenfalls Verlass: Das stabile Hoch lässt die Emissionen am Neckartor seit Tagen kontinuierlich ansteigen. Jetzt wurde für Montag, 16. Oktober, 0.00 Uhr, für den Autoverkehr und ab 18.00 Uhr für die Verwendung von Komfortkaminen Feinstaub-Alarm ausgelöst. Der Verzicht auf erstere ist freiwillig, der auf zweitere Pflicht.

An maximal 35 Tagen im Jahr darf die Feinstaubkonzentration über dem Limit von 50 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft liegen. Am Neckartor ist diese Schwelle aber schon in den ersten dreieinhalb Monaten 2017 mit 39 Tagen überschritten worden. Dennoch geht die Landesregierung, gedrängt von der CDU, gegen einen mit den Anwohnern am Neckartor im Sommer 2016 geschlossenen Vergleich vor, der ab dem 1.1.2018 eine Verringerung des Verkehrs an Feinstaubtagen um 20 Prozent vorsieht. Das Argument der grün-schwarzen Landesregierung lautet, es stünden entgegen der in diesem Vergleich gemachten Zusage keine "rechtmäßigen Maßnahmnen" zur Verfügung. Im November wird darüber vor dem Stuttgarter Verwaltungsgericht verhandelt. Wie die Stadt weiter mitteilte, bietet der VVS ab 16. Oktober für die gesamte halbjährige Feinstaub-Periode und nicht nur an Alarmtagen das neue, um rund 40 Prozent verbilligte "UmweltTagesTicket" an. Außerdem geht die Stadtbahnlinie U19 von Neugereut bis zum Neckarpark mit einem Zehn-Minuten-Takt werktags zwischen sechs und 20 Uhr ab Montag, den 16.10., in den Dauerbetrieb. Vom Dezemeber an wird zudem die U12 bis nach Remseck verlängert und mit den neuen 80-Meter-Zügen ihre Kapazitäten verdoppeln. Außerdem sollen das Projekt "Straßenreinigung Feinstaub" für 600 000 Euro fortgesetzt und die Fahrspuren und Gehwege rund um das Neckartor abgesaugt werden, um belastbare Daten darüber zu erhalten, ob dieses Vorgehen zu geringeren Schadstoffemissionen führt. Im grüngeführten Verkehrsministerium gibt es deutlich weitergehende Überlegungen: Die Fahrspuren an der B 14 zwischen Cannstatt und Innenstadt könnten verknappt werden, was den Verkehr zwangsläufig reduzieren und Platz für einen neuen Expressbus auf eigener Spur schaffen würde. (14.10.2017)


Neckartor Bürgerinitiative: Erler steigt vom Reitzenstein herab

Nachdem es den Anwohnern in Europas Feinstaub-Hochburg am Stuttgarter Neckartor Anfang September nicht gelungen ist, in der Villa Reitzenstein ihre Forderungen nach einer wirksamen Luftreinhaltung im Talkessel loszuwerden, nimmt sich jetzt die Staatsrätin für Zivilgesellschaft und Bürgerbeteiligung der Sache an: Es wird ein Gespräch mit Vertretern der Bürgerinitiative Neckartor geben. Gisela Erler (Grüne) will das Vorgehen der Landesregierung und vor allem des grünen Verkehrsministers Winne Hermann erläutern, darunter auch, warum – vorerst – keine rechtmäßigen Möglichkeiten gefunden wurden, um den Verkehr in der hochbelasteten B 14 ab 1.1.2018 an Feinstaub-Tagen um 20 Prozent zu reduzieren. Dieses Versprechen war Gegenstand eines Vergleichs aus dem April 2016, den die damals neue grün-schwarze Landesregierung einstimmig angenommen hat. Später ruderte die CDU, in der Koalition genauso wie im Gemeinderat, zurück. Inzwischen halten auch die Grünen, der Ausweichverkehre wegen, Fahrverbote oder Verkehrsbeschränkungen für nicht rechtmäßig. "Das heißt aber nicht, dass wir uns mit den Grenzwert-Überschreitungen abfinden", sagt Erler. Das Verkehrsministerium habe ein umfangreiches Maßnahmen-Paket ausgearbeitet. Dem allerdings verweigert der kleinere Regierungspartner noch die Zustimmung. (12.10.2017)

Mehr zum Thema im Artikel "Übel bleibt Übel".


Protest gegen Militärmesse in Stuttgart wächst

Hauptsponsor ist die Rheinmetall, Deutschlands umsatzstärkster Rüstungskonzern. Präsentiert werden Drohnentechnik, Raketenabwehrsysteme und andere Erfindungen, mit denen sich Menschen im 21. Jahrhundert möglichst effektiv gegenseitig umbringen können: In Köln musste die internationale Waffenmesse ITEC nach vehementen Protesten von Rüstungsgegnern, SPD, Grünen und Linken die Segel streichen. Und hat sich als Ersatz-Austragungsort ausgerechnet Stuttgart ausgesucht, vom 15. bis zum 17. Mai 2018.

Nachdem schon im Juli 2017 die SÖS/Linke-Stadtratsfraktion und Anna Deparnay-Grunenberg von den Grünen gegen die Messe protestiert hatten (Kontext berichtete ausführlich), legt jetzt die Grüne Jugend nach: "Dem werden wir auf keinen Fall still zuschauen", erklärt die Jugendorganisation mit dem wütenden Igel im Logo. Auf der Kreismitgliederversammlung hat sie einen Antrag gegen die Messe gestellt. Zwar wurde er mit großer Mehrheit angenommen und die Stuttgarter Grünen fordern den Aufsichtsrat der Messe auf, den Vertrag mit der ITEC zu kündigen und keine Messe mit ähnlich militärischem Bezug mehr in Stuttgart stattfinden zu lassen. Verhindern lassen wird sich der Rüstungszauber aber vermutlich nicht mehr. Proteste sind den Waffenbauern aber sicher. Die Grüne Jugend jedenfalls kündigt an, der ITEC zu zeigen, "dass sie in Stuttgart nicht willkommen ist." (06.10.2017.)

Dazu: "Die heimliche Militärmesse", Kontext-Ausgabe 328: https://www.kontextwochenzeitung.de/wirtschaft/328/die-heimliche-militaermesse-4470.html


KONTEXT
per E-Mail:
Immer informiert:

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochs um 9 Uhr unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Datenschutz-Hinweis

Aldi-Baustelle in Rommelshausen.

Aldi-Baustelle in Rommelshausen.

Ausgabe 182
Schaubühne

Fluch und Segen

Von Jürgen Lessat
Fotos: Joachim E. Röttgers
Datum: 24.09.2014
Die Discounter gewinnen immer mehr Marktanteile im Lebensmitteleinzelhandel. Wo sie neue Filialen eröffnen, mussten in der Vergangenheit Tante Emma und andere Läden schließen. In einer alternden Gesellschaft ist Nahversorgung jedoch (überlebens-)wichtig. Kontext besucht zwei Ortschaften in der Region Stuttgart, wo mit Neuansiedlungen von Aldi & Co. große Erwartungen verknüpft sind.

Ein Kreisverkehr ist gewöhnlich ein untrügliches Zeichen dafür, dass Größeres geplant ist. Erst recht, wenn das kreuzungsfreie Rondell in einer Gegend steht, in der sich Hase und Igel gute Nacht sagen. So wie auf den Höhen des Schurwalds, rund 30 Kilometer südöstlich von Stuttgart. Im Zuge der L 1151 empfängt den Besucher kurz vorm Dorfeingang von Thomashardt, einem Ortsteil der Gemeinde Lichtenwald, ein derart mächtiger Kreisel.

Großstadtkreisel vorm Schurwalddorf Thomashardt.
Großstadtkreisel vorm Schurwalddorf Thomashardt.

Ortsfremden erschließt sich anhand eines großen Baustellenschilds, warum der 1200-Seelen-Flecken sich das großstädtisch anmutende Verkehrsbauwerk vor die Nase gesetzt hat: Vom Kreisverkehr führt eine Stichstraße hinauf ins neu erschlossene Gewerbegebiet "Thomashardt-Ost". Während im hinteren Areal noch umgewühlte Ackerkrume kommende Bebauung ankündigt, ist der mit knapp 5700 Quadratmeter größte Bauplatz ganz vorne unweit des Kreisels bereits aufgesiedelt. Ein Heilbronner Investor hat dort einen dieser schmucklosen Flachbauten samt ausgedehntem Parkplatz errichtet, die bundesweit Schnäppchen-Einkaufsdomizile beherbergen. Vermietet ist der neue Funktionsbau im einstigen Grünen an die Firma Netto-Marken-Discount, einer Edeka-Tochter mit nach eigenen Angaben 19 Millionen Kunden und rund 69 700 Mitarbeitern. Der Laden im einsamen Schurwald ist mit das neueste Glied im Netto-Netz von über 4150 Filialen.

Werbung fürs Gewerbegebiet "Thomashardt-Ost".
Werbung fürs Gewerbegebiet "Thomashardt-Ost".

Für die "Perle in der Region Stuttgart", wie sich die Schurwaldgemeinde Lichtenwald selbst bewirbt, war die Discounter-Eröffnung im vergangenen Mai fast wie Ostern und Weihnachten auf einmal, schwärmt Ferdinand Rentschler. "Die Dorfbewohner stürmten den Laden regelrecht", erinnert sich der Bürgermeister der Gemeinde. "Ich selbst bekam auch erst im dritten Anlauf einen Parkplatz", sagt er. Sein Einkauf dauerte gefühlte Stunden, so groß war nicht nur der Andrang, so zahlreich musste er auch Glückwünsche seiner Bürger zur Discounter-Ansiedlung entgegennehmen. Der junge Schultes (30), der vor zwei Jahren als unabhängiger Kandidat ins Amt gewählt wurde, war die treibende Kraft dazu. Er warb bei allen Discounter-Ketten für Thomashardt als neuen Filialstandort. Als einziges Unternehmen zeigte Netto Interesse. "Nach Jahren haben wir endlich wieder einen Nahversorger", kommt die Euphorie der Einheimischen für Rentschler nicht von ungefähr. Im Gemeinderat stieß die Ansiedlung parteiübergreifend auf mehrheitliche Zustimmung.

Discounter im Grünen: Netto-Filiale Thomashardt.
Discounter im Grünen: Netto-Filiale Thomashardt.

Denn auf der Einzelhandels-Landkarte war die Schurwaldgemeinde seit Langem ein weißer Fleck. "Die letzten Dorfläden in unseren beiden Ortsteilen haben vor etwa 15 Jahren geschlossen", erzählt der Schultes. Zuletzt gab es in Thomashardt nur noch einen Bäcker, der halbtags ein begrenztes Angebot vorhielt. Holzofenbrot sowie saisonales Obst und Gemüse bietet der Erlenhof, der einzige Direktvermarkter im Ort. Auch die Gastronomie trat den Rückzug an. Das einzige Wirtshaus im Dorfkern schloss vor Jahren. Als Alternative blieb nur das Sportlerheim weit draußen im Grünen. Kaum besser war die Versorgungssituation im Ortsteil Hegenlohe. Ein kleines Sortiment an Fleisch- und Wurstwaren ist stundenweise bei einem Nebenerwerbs-Metzger erhältlich.

Kein Café mehr: Gastronomie im Dorfzentrum? Fehlanzeige
Kein Café mehr: Gastronomie im Dorfzentrum? Fehlanzeige.

Fürs Notwendigste oder Alltäglichste mussten sich die Lichtenwalder so zuletzt immer in Bus oder Auto setzen und hinunter ins Filstal nach Reichenbach oder in die andere Richtung bis nach Schorndorf im Remstal fahren. Mit einer Wegstrecke von ungefähr zehn Kilometer ist das nicht die Welt. Doch aufgrund der steilen und kleinen Straßen vor allem in kalten und schneereichen Wintern oft keine Selbstverständlichkeit.

Der Bürgermeister blickt optimistisch in die Dorfzukunft

"Damit eine ländliche Gemeinde funktioniert, braucht es auch einen richtigen Laden", betont Rentschler. Dabei versteht der Bürgermeister die Einkaufsmöglichkeit auch als Teil dörflicher Lebensqualität. Denn Lichtenwald ist wie viele Schurwaldorte eine Pendlergemeinde, die werktags fast wie ausgestorben wirkt, weil viele Bewohner tagsüber im industriell geprägten Filstal oder noch weiter entfernt in der Landeshauptstadt Stuttgart arbeiten.

Rentschler glaubt, dass die Pendler ihre Einkäufe wieder mehr vor Ort tätigen werden, auch weil der Netto-Discount mit rund 3600 Artikeln fast schon ein Vollsortimenter sei. Für Attraktivität sorgten auch Bäckerei und Getränkehandel, die sich an den Laden angedockt haben. "So ein breites Sortiment ist schon etwas Besonderes in einer kleinen ländlichen Gemeinde", freut sich Rentschler. Eine Einschätzung, die offenbar stimmt: Auch ein halbes Jahr nach Ladeneröffnung hält der Andrang an, ist der Parkplatz vor allem am späteren Nachmittag gefüllt. Die Autokennzeichen verraten, dass auch Bewohner anderer ladenloser Schurwalddörfer den Thomashardter Discounter ansteuern. Dass die Geschäfte gut laufen, lassen auch die Öffnungszeiten vermuten. Einkaufen in einer Gegend, wo gewöhnlich Hase und Igel den Tag beschließen, ist bis 21 Uhr möglich.

Discounter-Ansiedlung verkürzt den Weg zur Nahversorgung.
Discounter-Ansiedlung verkürzt den Weg zur Nahversorgung.

Remstal-Rechnung: drei Supermärkte plus ein Aldi  

Ortswechsel vor die Tore Stuttgarts nach Rommelshausen, einem Ortsteil von Kernen im Remstal. Knapp zehn Kilometer oder zwei S-Bahn-Stationen haben es die "Römer", wie sich die 9000 Bewohner nennen, bis zur östlichen Stadtgrenze der Landeshauptstadt. Die Situation im Einzelhandel ist hier im Vergleich zur Schurwaldgemeinde Lichtenwald eine völlig andere. Mitten im Ortskern von Rommelshausen residiert ein großer Edeka-Aktiv-Markt. In fußläufiger Entfernung vom Dorfzentrum sichern zwei weitere, kleinere Supermärkte die Nahversorgung der Römer – ein "Treff-Lebensmittel" im Dorfkern sowie ein "Nah und Gut"-Laden im benachbarten Wohnquartier. In der Stettener Straße, der "Einkaufsmeile" von Rommelshausen, finden sich zudem Metzger, Bäcker, Bank, Blumen- und Buchladen, Optiker und Gebrauchtwarenladen. Einen Katzensprung weiter hat die Drogeriekette Rossmann im neu erbauten "Römer-Carré" eine Filiale eröffnet. Und im fünf Kilometer entfernten Ortsteil Stetten können sich die Bewohner in einem zentral gelegenen modernen Rewe-Markt versorgen. Dennoch planierten vor wenigen Wochen Bulldozer eine ökologisch wertvolle Streuobstwiese am östlichen Ortsrand von Rommelshausen, um Platz für eine neue Aldi-Süd-Filiale zu machen. Im Winter soll der Discounter in der Remstalgemeinde eröffnen.

Protest gegen weitere Versiegelung fruchtbaren Ackerbodens in Rommelshausen.
Protest gegen weitere Versiegelung fruchtbaren Ackerbodens in Rommelshausen.

Vorausgegangen ist der Aldi-Ansiedlung eine jahrzehntelange Diskussion im Gemeinderat von Kernen. Umstritten waren Sinn wie Standort des Discounters. Zuletzt standen sich zwei Lager gegenüber. Eine Koalition aus Christdemokraten, der stärksten Fraktion im Rat, und Offener Grüner Liste votierte zuletzt unter Vorbehalt für einen innerstädtischen Standort. Der ließ sich aber aufgrund der benötigten Fläche nicht finden. Eine Mehrheit aus Freien Wählern und Sozialdemokraten setzte dagegen auf einen Discounter und dessen Ansiedlung am Ortsrand. Bürgermeister Stefan Altenberger, der seit 2003 als unabhängiger Schultes Kernen verwaltet, unterstützte das Mehrheitsvotum auf Kosten der Streuobstwiese. Im Ausschreibungsverfahren setzte sich Aldi-Süd gegen das Neckarsulmer Unternehmen Lidl durch.

Aldi statt Streuobst: Im Remstal kommen immer mehr Äpfel aus Neuseeland.
Aldi statt Streuobst: Im Remstal kommen immer mehr Äpfel aus Neuseeland.

"Mit der Aldi-Ansiedlung wollen wir Kaufkraft zurückholen", begründet Bürgermeister Altenberger die Entscheidung. Kernen besitzt den niedrigsten Kaufkraftbindungswert der gesamten Region Stuttgart. Sprich: Die Römer tätigen ihre Einkäufe am wenigsten zu Hause, sondern geben ihr Geld lieber im Umland aus. Darunter leidet der ortsansässige Handel massiv. Mit 1663 Euro pro Einwohner machen die Einzelhändler in Kernen den geringsten Umsatz in der Region. Zum Vergleich: Im benachbarten Fellbach lässt sich ein Umsatz von 8051 Euro pro Einwohner erzielen, in der Landeshauptstadt Stuttgart sind es 6884 Euro. "Die Leute steigen ins Auto und machen ihre Großeinkäufe in den benachbarten Städten und Gemeinden, wo es große Discounter und SB-Märkte gibt", sagt Kernens Bürgermeister Altenberger. Vor Ort kauften sie allenfalls Milch und Butter. "Aber davon kann keiner überleben."

Für selbstbestimmtes Leben auch im hohen Alter wichtig: kurze Wege zum Einkaufen.
Für selbstbestimmtes Leben auch im hohen Alter wichtig: kurze Wege zum Einkaufen.

Ob ortsansässige Einzelhändler von einem Aldi tatsächlich profitieren, bleibt umstritten. Mittlerweile bietet das Unternehmen ein breites Standardsortiment, das selbst frische Brötchen und Blumen umfasst und sich mit dem Angebot örtlicher Geschäfte vielfach überschneidet. Und dies oft zu unschlagbar günstigen Preisen. Ein Gutachten hatte dem Kernener Gemeinderat dennoch positive Umsatzeffekte für den hiesigen Einzelhandel prognostiziert. "Das glaube ich erst, wenn ich die echten Umsätze schwarz auf weiß sehe", sagt Andreas Stiene, Fraktionsvorsitzender der Grünen Liste. "Nicht alle, die zu Aldi gehen, werden danach zum Einkaufen nach Rommelshausen kommen", gesteht auch Altenberger zu. Doch wenn nur drei bis fünf Prozent der Discounter-Kunden auch die hiesigen Geschäfte besuche, sei viel gewonnen. Sprich: dann steige der Umsatz der örtlichen Händler spürbar.

Bestehende Edeka-Filiale in der Ortsmitte von Rommelhausen.
Eine bestehende Edeka-Filiale sowie zwei weitere Supermärkte in der Ortsmitte von Rommelhausen ...

Dass sich drei Supermärkte in fußläufiger Entfernung zu einem Aldi-Markt auf Dauer halten können, glaubt auch das Gemeindeoberhaupt nicht. "Wir wollten keinen Vollsortimenter", betont er zwar, direkten Wettbewerb vermeiden zu wollen. Letztlich entscheide wohl Sortiment, Ladengröße sowie das Einzugsgebiet, wer im Wettbewerb bestehe. Altenberger verweist auf die alte Kaufmannsregel, wonach Konkurrenz auch das Geschäft belebe. Dafür habe man in Rommelshausen bereits ein Beispiel mit der Neuansiedlung einer Tankstelle direkt gegenüber der künftigen Aldi-Filiale. Die Befürchtung sei groß gewesen, dass durch die neue Konkurrenz eine alteingesessene Tanke in der Ortsmitte bald auf dem Trockenen sitze. Das habe sich jedoch nicht bestätigt, betont Altenberger. Stattdessen habe deren Besitzer vor Kurzem viel investiert, um Zapfsäulen und Verkaufsraum zu modernisieren.

... haben eine Mehrheit im Gemeinderat nicht von der Ansiedlung einer Aldi-Filiale auf der grünen Wiese abgehalten.
... haben eine Mehrheit im Gemeinderat nicht von der Ansiedlung einer Aldi-Filiale auf der grünen Wiese abgehalten.

"Unser neue Einkaufsmöglichkeit wird auch kein 08/15-Aldi", unterstreicht der Bürgermeister, dass die Bebauung am Ortsrand ein schönes Eingangstor werde. Im städtebaulichen Vertrag hat sich die Discounter-Kette zum Bau eines Ladengebäudes mit ansprechender Holz-/Glasfassade sowie ökologischer Dachbegrünung und Regenwasser-Versickerung verpflichtet.

 

Kontext wird überprüfen, ob sich die Erwartungen an die Discounter-Ansiedlungen in der Schurwaldgemeinde Lichtenwald und Kernen im Remstal tatsächlich erfüllen. In einem Jahr will der Autor die neuen Discounter-Gemeinden wieder besuchen und von seinen Eindrücken berichten.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!
botMessage_toctoc_comments_9210

Letzte Kommentare:
















Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!