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Vernachlässigte Schönheit

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 Fotos: Joachim E. Röttgers 

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Datum:

Die Villa Berg, sagt Peter Schneider, Professor für Baugeschichte an der Stuttgarter Fachhochschule, gehört zu den herausragenden Baudenkmälern der Landeshauptstadt. Allerdings befindet sie sich in einem beklagenswerten Zustand. Während Schneider sich schon einmal um das Belvedere, einen klassizistischen Pavillon im Park der Villa kümmert, will die Fachhochschule die Villa Berg in den kommenden Jahren zu ihrem Schwerpunktthema machen.

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Die hochherrschaftliche Villa hat manche Wechselfälle erlebt. Erbaut 1845 bis 1853 von Christian Friedrich Leins für das württembergische Kronprinzenpaar Karl und Olga, erwarb vor 100 Jahren die Stadt Stuttgart das Anwesen. Nach dem Zweiten Weltkrieg übergab sie die ausgebrannte Villa dem Süddeutschen Rundfunk, der die zum Teil noch erhaltenen Innenräume herausriss und durch einen Neubau in den historischen Außenmauern ersetzte. Auch vier Ecktürme des Originalgebäudes mussten weichen. Damals funktionierten wenigstens die teils historischen, teils neu gestalteten Wasserspiele noch, heute liegen alle Bassins trocken. 

Seit sich der Rundfunk aus der Villa zurückgezogen hat, hat sich die Situation keinesfalls verbessert. Zuerst hat die Stadt dem Stuttgarter Investor Rudi Häussler den Vortritt gelassen. Der wollte Luxuswohnungen in den Park bauen und ging dann pleite. Danach erhielt noch ein privater Investor, die Property Development Investors GmbH (PDI), den Zuschlag. Wohnungen kann PDI zwar nicht bauen, nachdem sich der Gemeinderat mit großer Mehrheit dagegen ausgesprochen hat. Doch der Investor ist weiterhin der Besitzer der Villa. Seit sieben Jahren steht sie nun leer und bröselt leise vor sich hin.

Peter Schneider kann dies nicht verstehen. Die Kronprinzenvilla, mit dem Geld der Zarentochter erbaut, repräsentiert für ihn das höchste Niveau der Architektur ihrer Zeit, vergleichbar allenfalls mit den Bauten von Gottfried Semper, des bedeutendsten historistischen Baumeisters.

Derweil hat sich der Bauhistoriker schon mal des Belvedere angenommen, eines offenen, klassizistischen Pavillons westlich der Villa, oberhalb des Rosengartens. Erbaut wurde es von Joseph Egle, dem Gründer der Winterbauschule, aus der die FH hervorging. Mithilfe der von einem ehemaligen FH-Schüler ins Leben gerufenen Knödler-Decker-Stiftung, des Unternehmens Kärcher und einem Zuschuss der Stadt in Höhe von 150 000 Euro fertigt Schneider mit seinen Studierenden exakte Bauaufnahmen, kartiert Schäden und dirigiert die Reinigung und Restaurierung.

Mit dem Belvedere anzufangen bot sich an, weil der Park nach wie vor im Besitz der Stadt ist. Aber im Hintergrund steht natürlich die Villa selbst, die die FH in den kommenden Jahren zu ihrem Schwerpunktthema machen will. So hat es die Fakultät beschlossen. Es sollen Studienarbeiten entstehen zur Architektur und Bauphysik, zur Baugeschichte und zur städtebaulichen Entwicklung.

Man muss kein Bauhistoriker sein, um zu erkennen, dass sich die Villa Berg in einem miserablen Zustand befindet. "Größtmögliche Diskrepanz zwischen noch erhaltener Schönheit und Vernachlässigung", sagt Peter Schneider.


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9 Kommentare verfügbar

  • Alfred
    am 24.08.2014
    Antworten
    Wenn ich mich richtig erinnere ist unter Oettinger die Denkmalschutzbehörde dem Finanzministerium untergeordnet worden.
    Das erklärt vieles was dann plötzlich möglich war.
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