KONTEXT Extra:
Ganz schlechte Noten für Kultusministerin Susanne Eisenmann

Joachim Straub, Florian Kieser und Jan Pfeiffer sind demokratisch legitimierte Vertreter von 1,5 Millionen Schülern und Schülerinnen im Land. Experten, die Erfahrungen vor Ort sammeln und selber direkt betroffen sind von allen bildungspolitischen Entscheidungen. Und die Jungs vom Landesschülerbeirat (LSBR) sind diplomatisch: Denn eigentlich hat Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) mindestens eine Fünf verdient, weil die das LSBR-Konzept für die anstehende Reform der Oberstufe nicht ein einziges Mal mit ihnen besprochen hat. Tatsächlich bekommt die Neustrukturierung des Wegs zum Abitur ab 2018/2019 nur magere eins bis drei Punkt oder das, was früher "Mangelhaft" hieß.

Als offizielles Beratungsgremium des Ministeriums hat sich der LSBR intensiv befasst mit der heiklen Thematik. Dafür habe es zweimal ein "Vielen Dank" aus dem Ministerium gegeben, berichtet Straub. "Wie kann das sein?", fragt sich der LSBR-Vorsitzende. Aus den Medien habe man erfahren, "dass die ganze Sache gelaufen ist". Das Vorgehen Eisenmanns hat System. Denn auch der Landeselternbeirat (LEB), als zweites offizielles und wichtiges Beratungsgremium des Kultusministeriums, war nicht befasst, sondern "eiskalt außenvor", berichtete dessen Vorsitzender Carsten Rees.

Eltern wie Schüler und Schülerinnen hätten so Manches beizutragen gewusst. Gerade dem Schülerbeirat passt die ganze Richtung nicht, weil die Allgemeinbildung künftig zu kurz komme. Anders als von der Kultusministerin entschieden, wird verlangt, dass Mathematik und Deutsch schriftliche Pflichtfächer bei der Abiturprüfung bleiben. Und dass die neuen Niveaukurse, "mehr Individualität gewährleisten", damit Schülerinnen und Schüler "ihren Interessen, allgemein, sprachlich, naturwissenschaftlich, gesellschaftswissenschaftlich nachgehen" können. Genau das sieht aber die Reform mit ihrem neuen naturwissenschaftlichen Schwerpunkt nicht vor. Das sei, sagt Straub, eine "ganz klare Diskriminierung der Geisteswissenschaften" und unverständlich gerade angesichts der zunehmenden gesellschaftspolitischen Kontroversen. (20.10.2017)

Mehr zum Thema Bildung im Artikel "Zurück in die Kreidezeit".


Jetzt weiß es auch die CDU: So viele bezahlbare Wohnungen fehlen

Baden-Württembergs Wirtschaftsminister Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) ist zufrieden: Weil die neue Wohnbau-Förderung im Land dazu geführt habe, dass "2017 nach knapp sechs Monaten Programmlaufzeit bereits Anträge für den Neubau von deutlich über 800 Sozialmietwohnungen sowie beantragte Bindungsbegründungen im Umfang von mehr als 300 Wohneinheiten vorliegen". Tatsächlich müsste sie hell entsetzt sein angesichts solcher Zahlen. Denn aus einer Studie, die die von ihr selber beförderte "Wohnraum-Allianz" in Auftrag gab, geht ein deutlich höherer Bedarf im Land hervor. Auch der Versäumnisse wegen, die frühere CDU-geführte Landesregierungen verantworten.

"Die Bestandsentwicklung im sozialen Wohnungsbau ist in Baden-Württemberg stark rückläufig", schreiben die Autoren. Ausgehend von 137 000 Wohnungen im Jahr 2002 sei es zu einem Rückgang auf rund 60 000 preisgebundene Wohnungen im Jahr 2015 gekommen. Weil weitere aus der Mietbindung fallen, wird es 2020 überhaupt nur noch 22 000 Einheiten im ganzen Land geben: "Vor diesem Hintergrund ist eine Verstärkung und Verstetigung der sozialen Wohnraumförderung über einen längeren Zeitraum von entscheidender Bedeutung." Der Stabilisierung und "sukzessive Weiterentwicklung" der angespannten urbanen Wohnungsmärkte komme auch eine "sehr wichtige" sozialpolitische Rolle zu. Nur um den Status quo von 60 000 mietgebundenen Wohnungen zu erhalten, müssen 1500 im Jahr umgewidmet oder gebaut werden. Um den tatsächlichen Bedarf zu decken, wären bis zu vier Mal so viele notwendig.

Hoffmeister-Kraut setzt bisher vor allem auf aufgestockte Mittel des Bundes, auf Investoren oder auf Förderungen, die auch einkommensschwächere Familien in Stand setzen, Eigentum erwerben zu können. Das Analyse-Institut Prognos rät ebenfalls zur "Gewinnung und Aktivierung privater Mittel, aber auch zur Verstetigung der Mittel des Landes". Auf einer Reise des Städtetags, der auch in der Allianz vertreten ist, konnten sich kürzlich VertreterInnen zahlreicher Städte und Gemeinden in der österreichischen Bundeshauptstadt Wien von einem ganz anderen Weg überzeugen: Dort wird sozialverträglicher Wohnungsbau Marktmechanismen weitgehend entzogen. Pro Jahr entstehen mehr als 10 000 neue, bezahlbare Einheiten. "Das wirkt preisdämpfend", heißt es in einer aktuellen Darstellung der Wohnbau-Strategie, "schafft zusätzliche Angebote und sichert außerdem mehr als 20 000 Arbeitsplätze." (17.10.2017)

Mehr dazu in den Artikeln "Besser wohnen in Wien" und "Friede den Hütten".


Punktlandung: Erster Feinstaub-Alarm im Herbst 2017

Nach den Regeln der Landeshauptstadt für die Ausrufung von Feinstaubalarm kann dies jeweils vom 15. Oktober an geschehen. Unter dem Aspekt der Sensibilisierung in der aufgeheizten Debatte für und wider Fahrverbote ist auf Petrus so gesehen jedenfalls Verlass: Das stabile Hoch lässt die Emissionen am Neckartor seit Tagen kontinuierlich ansteigen. Jetzt wurde für Montag, 16. Oktober, 0.00 Uhr, für den Autoverkehr und ab 18.00 Uhr für die Verwendung von Komfortkaminen Feinstaub-Alarm ausgelöst. Der Verzicht auf erstere ist freiwillig, der auf zweitere Pflicht.

An maximal 35 Tagen im Jahr darf die Feinstaubkonzentration über dem Limit von 50 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft liegen. Am Neckartor ist diese Schwelle aber schon in den ersten dreieinhalb Monaten 2017 mit 39 Tagen überschritten worden. Dennoch geht die Landesregierung, gedrängt von der CDU, gegen einen mit den Anwohnern am Neckartor im Sommer 2016 geschlossenen Vergleich vor, der ab dem 1.1.2018 eine Verringerung des Verkehrs an Feinstaubtagen um 20 Prozent vorsieht. Das Argument der grün-schwarzen Landesregierung lautet, es stünden entgegen der in diesem Vergleich gemachten Zusage keine "rechtmäßigen Maßnahmnen" zur Verfügung. Im November wird darüber vor dem Stuttgarter Verwaltungsgericht verhandelt. Wie die Stadt weiter mitteilte, bietet der VVS ab 16. Oktober für die gesamte halbjährige Feinstaub-Periode und nicht nur an Alarmtagen das neue, um rund 40 Prozent verbilligte "UmweltTagesTicket" an. Außerdem geht die Stadtbahnlinie U19 von Neugereut bis zum Neckarpark mit einem Zehn-Minuten-Takt werktags zwischen sechs und 20 Uhr ab Montag, den 16.10., in den Dauerbetrieb. Vom Dezemeber an wird zudem die U12 bis nach Remseck verlängert und mit den neuen 80-Meter-Zügen ihre Kapazitäten verdoppeln. Außerdem sollen das Projekt "Straßenreinigung Feinstaub" für 600 000 Euro fortgesetzt und die Fahrspuren und Gehwege rund um das Neckartor abgesaugt werden, um belastbare Daten darüber zu erhalten, ob dieses Vorgehen zu geringeren Schadstoffemissionen führt. Im grüngeführten Verkehrsministerium gibt es deutlich weitergehende Überlegungen: Die Fahrspuren an der B 14 zwischen Cannstatt und Innenstadt könnten verknappt werden, was den Verkehr zwangsläufig reduzieren und Platz für einen neuen Expressbus auf eigener Spur schaffen würde. (14.10.2017)


Neckartor Bürgerinitiative: Erler steigt vom Reitzenstein herab

Nachdem es den Anwohnern in Europas Feinstaub-Hochburg am Stuttgarter Neckartor Anfang September nicht gelungen ist, in der Villa Reitzenstein ihre Forderungen nach einer wirksamen Luftreinhaltung im Talkessel loszuwerden, nimmt sich jetzt die Staatsrätin für Zivilgesellschaft und Bürgerbeteiligung der Sache an: Es wird ein Gespräch mit Vertretern der Bürgerinitiative Neckartor geben. Gisela Erler (Grüne) will das Vorgehen der Landesregierung und vor allem des grünen Verkehrsministers Winne Hermann erläutern, darunter auch, warum – vorerst – keine rechtmäßigen Möglichkeiten gefunden wurden, um den Verkehr in der hochbelasteten B 14 ab 1.1.2018 an Feinstaub-Tagen um 20 Prozent zu reduzieren. Dieses Versprechen war Gegenstand eines Vergleichs aus dem April 2016, den die damals neue grün-schwarze Landesregierung einstimmig angenommen hat. Später ruderte die CDU, in der Koalition genauso wie im Gemeinderat, zurück. Inzwischen halten auch die Grünen, der Ausweichverkehre wegen, Fahrverbote oder Verkehrsbeschränkungen für nicht rechtmäßig. "Das heißt aber nicht, dass wir uns mit den Grenzwert-Überschreitungen abfinden", sagt Erler. Das Verkehrsministerium habe ein umfangreiches Maßnahmen-Paket ausgearbeitet. Dem allerdings verweigert der kleinere Regierungspartner noch die Zustimmung. (12.10.2017)

Mehr zum Thema im Artikel "Übel bleibt Übel".


Protest gegen Militärmesse in Stuttgart wächst

Hauptsponsor ist die Rheinmetall, Deutschlands umsatzstärkster Rüstungskonzern. Präsentiert werden Drohnentechnik, Raketenabwehrsysteme und andere Erfindungen, mit denen sich Menschen im 21. Jahrhundert möglichst effektiv gegenseitig umbringen können: In Köln musste die internationale Waffenmesse ITEC nach vehementen Protesten von Rüstungsgegnern, SPD, Grünen und Linken die Segel streichen. Und hat sich als Ersatz-Austragungsort ausgerechnet Stuttgart ausgesucht, vom 15. bis zum 17. Mai 2018.

Nachdem schon im Juli 2017 die SÖS/Linke-Stadtratsfraktion und Anna Deparnay-Grunenberg von den Grünen gegen die Messe protestiert hatten (Kontext berichtete ausführlich), legt jetzt die Grüne Jugend nach: "Dem werden wir auf keinen Fall still zuschauen", erklärt die Jugendorganisation mit dem wütenden Igel im Logo. Auf der Kreismitgliederversammlung hat sie einen Antrag gegen die Messe gestellt. Zwar wurde er mit großer Mehrheit angenommen und die Stuttgarter Grünen fordern den Aufsichtsrat der Messe auf, den Vertrag mit der ITEC zu kündigen und keine Messe mit ähnlich militärischem Bezug mehr in Stuttgart stattfinden zu lassen. Verhindern lassen wird sich der Rüstungszauber aber vermutlich nicht mehr. Proteste sind den Waffenbauern aber sicher. Die Grüne Jugend jedenfalls kündigt an, der ITEC zu zeigen, "dass sie in Stuttgart nicht willkommen ist." (06.10.2017.)

Dazu: "Die heimliche Militärmesse", Kontext-Ausgabe 328: https://www.kontextwochenzeitung.de/wirtschaft/328/die-heimliche-militaermesse-4470.html


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Ausgabe 177
Gesellschaft

Der Sponti-Kurator von Heidelberg

Von Mario Damolin
Datum: 20.08.2014
Urplötzlich häufen sich in Heidelberg im Sommer 2014 Veranstaltungen zur Jugend- und Studentenbewegung in den 60er- und 70er-Jahren. Offensichtlich will eine älter gewordene Generation noch einmal ihre "wilde" Jugendzeit nachfühlen. Zentraler Protagonist: der Verleger und Rechtsanwalt Manfred Metzner.

"Mein Gott, was für eine Selbstbeweihräucherung", stöhnt der aus dem dampfig-heißen Saal des Heidelberger Karlstorbahnhofs herausdrängelnde ehemalige 68er und jetzige Professor A., "was für ein Krampf." Anlass dieser Klage ist die Eröffnungsveranstaltung der Ausstellung "Eine Stadt bricht auf. Heidelbergs wilde 70er" (bis zum 21. September). Auf dem Podium haben sich gerade in einem netten Smalltalk der Direktor des Kurpfälzischen Museums, Frieder Hepp, und Manfred Metzner, Kurator dieser Ausstellung, gegenseitig die Worte in den Mund gelegt.

Ausstellungsplakat zu den "wilden 70ern" in Heidelberg. Plakat: Kurpfälzisches Museum
Ausstellungsplakat zu den "wilden 70ern" in Heidelberg. Plakat: Kurpfälzisches Museum

Ein freundlicher Herrenabend, garniert mit Musik und Sketchen. Draußen vor dem Karlstorbahnhof lungert ziemlich unschlüssig ein immer noch – obwohl 73 Jahre alt – drahtiger Mani Neumeier herum. Aus dem Rucksack des Guru-Guru-Chefs ragen ein paar Trommelstöcke, und dann fragt die Kultfigur des psychodelischen Rock mit großen Augen: "Wo ist denn hier das Wilde, ich höre die nur reden. Das ist ja richtige Provinz."

Manfred Metzner, der Inspirator dieser Veranstaltung, hat immer wieder betont, er habe sich bewusst für Heidelberg als Lebens- und Arbeitsort entschieden, für die Provinz. Sein gar nicht so unbescheidenes Motto: "Ich bleibe so lange in der Stadt, bis man es ihr anmerkt." Ein Satz wie in Stein gemeißelt. In der Tat gibt es einige Dinge in Heidelberg, die auch heute noch Metzners Handschrift tragen: der Verlag Das Wunderhorn, die Heidelberger Literaturtage, die Initiative für ein Literaturhaus, um nur einige zu nennen. Darüber hinaus ist Metzner unter anderem Herausgeber des Werkes von Philippe und Ré Soupault, Träger des französischen Verdienstordens "Officier de l'Ordre National du Mérite", ehemaliger Vorsitzender und Preisträger der Kurt-Wolff-Stiftung, führendes Mitglied im Arbeitskreis Heidelberger Literaturtage, Sprecher der Festivalregion Rhein-Neckar, Lehrbeauftragter an der Universität Heidelberg und, und, und ... "Männe" Metzner, der Kulturfunktionär mit großem Radius.

"Männe" Metzner begegnet dem Besucher, wo er nur hinschaut

Aber gerade die "Träger großer Radien" zeichnen sich manchmal dadurch aus, dass sie in einer Art permanenter Selbstreferenz kreisen. Bei Metzner tritt dieser Drang in der Ausstellung zu den "wilden 70ern" überdeutlich zutage. Der Kurator, sozusagen als exemplarisches kulturpolitisches Gesamtwerk, begegnet dem Besucher, wo er nur hinschaut: Metzner als Verleger, Metzner als "Carlo Sponti"-Verkäufer, Metzner als Stadtrat, Metzner als OB-Kandidat, Metzner als Fotograf, Metzner als Postkartenproduzent, Metzner als Inhaber der "Sammlung Metzner", Metzner als Moderator, Metzner und der Internationalismus, Metzner als Führer durch die Ausstellung, Metzner in der Ausstellungszeitung.

Manfred Metzner als "Carlo Sponti"-Verkäufer. Foto: Kurpfälzisches Museum/privat
Manfred Metzner als "Carlo Sponti"-Verkäufer. Foto: Kurpfälzisches Museum/privat

Und dazu die Metzner'sche Geschichtsschreibung. Die geht ungefähr so: Die linke politische Bewegung sei spätestens 1978 am Ende gewesen, und dann stellte sich die Frage, wie man die Kultur zur kreativen Erneuerung der Gesellschaft einsetzen könne – sozusagen eine Umwidmung von Politik in kulturelle Aktivität. Die Spontis, zu deren Chefrepräsentanten sich Metzner im Laufe der letzten Zeit – in stiller Konkurrenz zu seinem Autor Michael Buselmeier - berufen fühlt, sollen jetzt, knappe vierzig Jahre danach, als die wahren "Träger der Kreativität" in den "wilden" 70er-Jahren beschrieben und dingfest gemacht werden. Schließlich sei über dieses Kapitel der Studentenbewegung, so Metzner, noch überhaupt nicht wissenschaftlich und historisch gearbeitet worden. Was übrigens nicht stimmt, denn gerade vor Kurzem ist Sven Reichardts umfangreiche Studie "Authentizität und Gemeinschaft. Linksalternatives Leben in den Siebziger- und frühen Achtzigerjahren" bei Suhrkamp erschienen, und schon 1978 beschäftigte sich unter anderem das Buch "Autonomie oder Getto? Kontroversen über die Alternativbewegung" mit den Lebensvisionen und Verwerfungen in der Spontiszene.

Das medial lancierte Festival zur Erinnerung an die Spontis in Heidelberg geht natürlich einher mit den üblichen kleinen Geschichtsklitterungen und Legenden. Beispiel: "Carlo Sponti". Diese Studentenzeitung der 70er-Jahre, war nicht etwa, wie man nach den vielen Auftritten von Metzner meinen könnte, seine Kreation. Es war ein Uniblättchen, gemacht von einer permanent wechselnden Gruppe von Anarchisten, Spontaneisten, undogmatischen Linken an der Universität – anfangs ohne Metzner. Namensgeber war ein heute noch in Heidelberg lebender Rechtsanwalt.

Diese oft zielgerichtet provokante, selbst geklebte "Illustrierte" war, und das muss betont werden, im Geiste ihrer Zeit ein Gruppenprodukt. Nur der presserechtlich Verantwortliche erschien – und das erst in den späteren Ausgaben – mit Namen und erfüllte somit die Bedingungen für den Vertrieb eines Printprodukts. Einen Herausgeber Metzner, wie in manchen Veröffentlichungen unwidersprochen behauptet wird, gab es nicht. Auch bei den Gründungsdiskussionen und ersten Aktivitäten des Verlags Das Wunderhorn waren weit mehr Personen beteiligt, als das in der Öffentlichkeit kommuniziert wird. Das schmälert nicht das interessante und von vielen Fachleuten so belobigte Verlagsprogramm, aber auch hier waren Gruppenprozesse leitend und die solventen und im Hintergrund bleibenden Sponsoren, die dieses Programm auf Dauer erst möglich machten.

Küßchen gibt's auch von der Chefin der Lokalzeitung

Der Übergang vom "Sponti-Wir" über das "Nach-Sponti-Ich" zum Sponti-Kurator ist Metzner im Laufe der letzten Jahrzehnte gut gelungen. Dieser Prozess entspricht auf anderer Ebene in etwa dem stufenweisen Umzug aus der selbst definierten, "kreativen" Spontiszene in die moderne "Kreativwirtschaft", dieses ominöse neue Feld der Ökonomie, aus dem natürlich prompt Referenten für Kreativwirtschaft gewonnen werden – die neuen Verwalter und Administratoren, die die Verteilung der gesellschaftlichen und privaten Gelder kontrollieren. Eine neue Bürokratie der Kreativen, mit starkem Selbstbehauptungsdrang. So zu beobachten etwa bei den diversen "Denkfesten" in der Region, auch als "Kreativschmiede" angepriesen, bei denen Metzner als Vertreter einer die Gesellschaft inspirierenden "kreativen Klasse" (ein Begriff des US-Ökonomen Richard Florida) ebenso vertreten ist.

Gründungsfoto des Verlags Wunderhorn.
Gründungsfoto des Verlags Wunderhorn. Foto: Kurpfälzisches Museum/Michael Berger

Und diese "kreative Klasse" wird natürlich auch vom bürgerlichen Mainstream hofiert. So ist etwa der frühere Zeitungssponti Metzner in der Lokalpresse immer wieder und gut vertreten, wird von der Lokalchefin der "Rhein-Neckar-Zeitung" mit Küsschen begrüßt. Und moderiert mit ihr zusammen eine auf Harmonie und historische Versöhnung ausgelegte Podiumsdiskussion über die "wilden 70er" und die Ausstellung dazu. Doch die Ausstellung demonstriert in aller Deutlichkeit, was eigentlich, im Rückblick, die Sponti-Kreativität gewesen sein soll: Frauengruppen, Männergruppen, Schwulengruppen, Filmfestivals, Verlage, Zeitungen, Straßentheater und so weiter. Kultur eben und nur sehr vermittelt Politik. So gerät das Thema Stadtsanierung in dieser Ausstellung schon fast zum stadtpolitischen Feigenblatt. Denn mit der Ökonomisierung und Kommerzialisierung der Heidelberger Altstadt beschäftigten die Spontis sich nur am Rande. Man dümpelte da eher in der Wohngemeinschafts- und Selbstfindungskultur.

Die "wilden 70er" sind eine Sponti-Puppenstube mit Lederjacke

So sorgt der Haupttenor dieser Ausstellung über die Heidelberger "wilden 70er-Jahre" für einigen Widerspruch: Entgegen dem präsentierten Sponti-Puppenstuben-Bild (inklusive Manfred Metzners 70er-Lederjacke über der Stuhllehne) werden – nicht nur in der FAZ – die wirklich "wilden" Elemente der 70er-Jahre angemahnt, weil sie fehlen: die RAF und das Sozialistische Patientenkollektiv (nur in der Ausstellungszeitung erwähnt); die wild gewordene Heidelberger Justiz mit ihren in Deutschland einzigartigen Massenverfahren und -verurteilungen; die Relegationen vieler Studenten von der Universität; die Hetzkampagnen der "Rhein-Neckar-Zeitung" und vieles mehr. Man kann zu Recht einwenden, dass in solch einer Bilderschau nicht alles gezeigt werden kann, aber man muss schon darauf hinweisen, dass etwas weniger Sponti-Kurator mehr und besser gewesen wäre – allein der historischen Richtigkeit wegen. Dass beispielsweise der von den Spontis zu Recht bekämpfte und teilweise übermächtige KBW (Kommunistischer Bund Westdeutschlands) mit Helga Rosenbaum in den 70er-Jahren die erste "linke" Stadträtin stellte, wird einfach unterschlagen, stattdessen darf Metzner sich als "kreativer" Stadtpolitiker exponieren.

Innenansicht des Heidelberger Collegium Academium.
Innenansicht des Heidelberger Collegium Academium. Foto: Kurpfälzisches Museum/Communale Archiv

So entpuppt sich diese Ausstellung am Ende, ob gewollt oder nicht, als eine Art Manfred-Metzner-Gedächtnisveranstaltung. Erstaunlich viele Stimmen bedauerten, dass Museumsdirektor und Kurator nicht auf das in Heidelberg umfangreich vorhandene Bild- und Tonmaterial zurückgegriffen haben und dass diese gute Idee, die Chance eines historischen Rückblicks – als kollektive Erinnerung – nicht ergriffen wurde. Man wollte wohl unter sich sein, und da ist die Selbstbeweihräucherung nicht weit. Karl Markus Michel 1978 in seinem Essay "Provinz aus dem Kopf. Neue Nachrichten über die Metropolen-Spontis" über die von ihm sogenannten Hellroten: "Die Hellroten beziehen sich nur projektiv, nur symbolisch auf Äußeres, in Wahrheit auf sich selbst (...) Sie sind wirklich betroffen nur von dem, was sie selbst betrifft (...) Das erklärt ihren Lokozentrismus, der in der Provinz u. a. als Kirchturmpolitik in Erscheinung tritt."

"Ich bleibe so lange in der Stadt, bis man es ihr anmerkt", betont Manfred Metzner immer wieder. Hoffnung oder Drohung? Jedenfalls ein klassisches Provinz-Mantra – und zugleich der sehnsuchtsvolle Ruf nach Unvergänglichkeit. Man stelle sich nur vor: In Stuttgart, München, Frankfurt, Köln, Berlin oder Hamburg würde jemand aus der Kulturszene versuchen, mit diesem Spruch öffentlich zu reüssieren. Schallendes Gelächter oder zumindest sarkastische oder gar hämische Kommentare wären ihm gewiss. Aber so ist sie halt, die Provinz, sie braucht eben den Provinzler, selbst wenn der Name "Metropolregion" (hier: Kurpfalz) als Verpackung doch ganz Anderes suggerieren will. Das ist Kreativwirtschaft.

 

Hier geht es direkt zur Ausstellung.


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