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"Hart oder weich?"

"Hart oder weich?"
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 Fotos: Joachim E. Röttgers 

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Datum:

Jürgen Schneider betreibt einen der ältesten Friseursalons in Stuttgart. Seine Einrichtung ist mittlerweile schon wieder retro. Seine Kunst ist gefragt, bei solchen, an denen alle neuen Haarmoden der letzten Jahrzehnte spurlos vorbeigerauscht sind. Aber auch bei denen, die Frisuren wollen, die sonst kaum mehr einer kann. Der Salon Schneider ist eine Oase der Ruhe. Keine Musik, keine Show. Nur Haare. Seit 1956. Eine Huldigung an die Dauerwelle.

Auf Jürgen Schneiders Glasvitrine neben der Kasse sammelt sich ein Friseurleben. Der "Wanderpokal des Fachstudios der Friseurinnung Landau-Bad Bergzabern", 1. Preis, eine Medaille der Landesmeisterschaft 1973, ein kleiner Pokal in Silber zu Schneiders 20-Jahr-Betriebsjubiläum, eine Ehrenurkunde der Innung zum 40. Jürgen Schneider ist 62 Jahre alt, Friseur, kein Stylist. Haare sind sein Leben.

Drei Kämme trägt er in der Brusttasche, zwei dicke schwarze, einen dünnen, drum herum kariertes Hemd, unten schwarze Jeans, über allem eine Menge Lachfalten, sehr tief, weil oft gebraucht.

Er hat hier in diesem Salon bei seinem Vater seine Lehre gemacht, den Meister 1977. "Dann war ich ein Jahr weg", sagt Jürgen Schneider. Bad Cannstatt, Auslandssemester quasi. Irgendwann wurde eine Friseuse krank, Jürgen Schneider sagt "Friseuse", nicht "Friseurin", musste ersetzt werden. Und so ist er geblieben, mehrere Fassonschnitt-Epochen lang, bis heute, immer am selben Ort in der Gerberstraße 10.

Auf seinem Stuhl sitzt momentan ein 22-Jähriger, Philip. Seine Freundin hat Jürgen Schneider empfohlen, weil deren Freundin der Freundin Jürgen Schneider empfohlen hat. Jürgen Schneider hat noch nie Werbung gemacht. Aber weil er seit 50 Jahren nichts anders macht, bleiben ihm seine alten Kunden erhalten. Für die, die ihm unter der Schere wegsterben, kommen solche, denen der ganze hippe Stylisten-Trubel anderer Salons mehr und mehr auf die Nerven geht und die es besonders finden, sich in diesem alten Ambiente frisieren zu lassen. Vor einiger Zeit hat Scheider dann doch eine Facebook-Seite angelegt. Jetzt kommt auch noch eine ganze Burschenschaft regelmäßig zur Frisur unterm Mützchen und eine Gruppe Burlesque-Tänzerinnen, die alle paar Monate die Wasserwelle aus der Versenkung holt. Schneider wellt mit der Hand eine imaginäre Locke am Kopf seines Kunden entlang. "Ich könnt noch Marilyn Monroe frisieren", sagt er. "Und Greta Garbo! Kürzer machen?"

Einige Kunden kennt er schon ein ganzes Leben lang

"Nö, gut so", sagt Philip. "Was reinmachen?" "Gern." "Hart oder weich?" "Was passt halt." Jürgen Schneider streicht eine wohlriechende Paste ins Haar. Keine Werbung, keine Verkaufsshow. Nur eierschalengelbe Raufaser, ein Ficus am Fenster, daneben eine Wärmelampe in Sechzigerjahre-Orange, die Schneider nur noch, ganz, ganz selten mal benutzt, wenn er auf die Schnelle eine Haarfarbe antrocknen muss.

Diriliriling!, macht die Glocke an der Eingangstür. Ein alter, gebeugter Mann setzt sich auf den türkisfarbenen Stuhl mit dem verschlissenen Lederbezug. 87, schon immer Schneider-Kunde, standhaft wortlos. Er liest "Sport-Bild". "Hut ab zum Gebet", singt Schneider. Der Mann nimmt die Brille ab. Lange her, da wollte er mal "modernisieren", sagt Schneider. Ungefähr in der Minipli-Zeit. "Aber ehrlich gesagt war mir das zu teuer." Also blieb alles alt, bis es wieder hip wurde. Die Spiegel mit den runden Ecken im Herrensalon geradeaus durch, die Häkel-Gardinen im Verkaufsraum, die Schwarzkopf-Trockenhauben in Rosarot im Damengeschäft.

Einige Kunden kennt er schon ein ganzes Leben lang. Er hat sie als Baby frisiert, zur Konfirmation, zur Hochzeit, hat deren Haare kommen und gehen sehen. Bei seinen "alten Mädels", die 40, 50 Jahre lang in diesen und keinen anderen Salon kamen, macht er mittlerweile Hausbesuche. "Der Pflegedienst geht immer gleich wieder, Essen auf Rädern auch, und mich haben sie eine Stunde sicher."

Der alte Mann blättert, "so baut Klopp den BVB um". "Gut?", fragt Schneider und hält einen Spiegel an den Hinterkopf. Der Mann nickt, rollt seine Zeitung zusammen, zahlt. "Schönes Wochenende!", ruft Schneider. Diriliriling! Der Alte kommt jede Woche. Wenn Schneider dann Zeit hat, gut, wenn nicht, läuft er ebene noch eine Runde um den Block und schaut dann noch mal vorbei. "Frauen machen mehr Termine", sagt Jürgen Schneider. "War schon immer so." 

Er besitzt noch Waschbecken, in denen die Köpfe nach vorne gewachsen werden können. "Früher gab's nur vornerum", sagt Schneider. Bis irgendwann mal einer draufgekommen sei, das den Frauen beim Hintenrum-Waschen die Schminke nicht so zerläuft.

Kunde Peter sitzt auf dem türkisfarbenen Ledersessel, Modeschmuckverkäufer der oberen Preisklasse, mit Flip-Flops und bunten Shorts. Seit 20 Jahren kommt er hierher. Keine Massagen, keinen Schnickschnack, Ruhe. Männerschnitt kostet 15 bis 18 Euro, Frauen 30 bis 34. Seine Mutter, sagt Peter, hatte immer eine Perücke in der Handtasche. "Falls man mal nach der Sauna Essen gehen wollte, schwupp, Perücke auf, TA-DEL-LOS." Dann geht er wieder. Schneider fegt dunkle Haarreste auf einen Haufen unterm Heizungsrohr. Drei Stunden Haare. Braune, graue, blonde.

Gewickelt hält besser

"Bizerba!", ruft Jürgen Schneider und zieht eine Art Ansaugföhn mit Lockenfunktion von gleichnamiger Firma aus einer Halterung. Spitz vorne, unattraktiv grau mit einem dicken Schlauch, der in einem Kasten mündet, wie bei einem klobigen Staubsauger. "Das gibt's gar nicht mehr", sagt der Frisör. Hat ein Stuttgarter Kollege anno dazumal erfunden. Wurde ein Flop. Jürgen Schneider schwört darauf und hat sich gleich zwei davon gekauft. Als Ersatzteillager. Das andere Modell steht traurig und ausgenommen in einer Ecke.

Diriliriling! "Frau B.", sagt Jürgen Schneider und muss nicht mal hinschauen. Freitags, immer 14 Uhr, jede Woche, alle neun Wochen für die Dauerwelle, alle drei für die Farbe, 6-68 Hellkastanie, 7-75 Kupfergold. Setzen, Umhang, Papierstreifen um den Nacken, waschen. Bei Jürgen Schneider kommt das Shampoo noch aus einer Pumpe am Waschbecken und nicht aus der Packung. Er seift und sagt: "Früher hat man alles gewickelt. Und plötzlich kam Vidal Sassoon und hat die Föhnfrisur erfunden." Ohne Wickel. Jürgen Schneider atmet aus. Dabei würden gewickelte Locken viel besser halten als geföhnte. 

"Ich erinner mich noch an die heiße Dauerwelle", ächzt die Kundin. "Jesses, das war was", sagt Schneider und föhnt eine Strähne über eine Bürste. "Wickler rein, Metallreiter drauf, dann wurde das angekabelt und heiß gemacht. Aber knackig", sagt er. "Furchtbar schlimm", sagt die Kundin. "Erst verbrannt, dann Putzwolle, dann Schnittlauchhaare." Sie mag Kurzhaarfrisuren gern, sagt sie. Im Sommer 1947 hatte sie eine. Kurz vorher hatte sie ihren Zopf gegen eine Salami getauscht. 

Jürgen Schneider föhnt. Kämmt winzige Ringellocken zu glatten Wellen, Locke um Locke legt sich zu einer sanften, hügeligen Landschaft von Ohr zu Ohr. Jeder Kopf, sagt Jürgen Schneider, habe irgendwo eine Welle. Und wenn man eine richtig gute Welle beherrscht, sagt er, dann beherrscht man das Wesen der Frisur an sich.


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2 Kommentare verfügbar

  • Floh
    am 15.08.2014
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    Liebe Anna Hunger,
    Korrektur vom Meister selbst: Seit 1956 bzw. seit 58 Jahren - kleiner Dreher :-)
    schönes Wochenende
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