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Keine Spiele mehr

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Die Kolumne ist erst in der dritten Ausgabe und schon überholt. Keine Spiele mehr, nirgends. Selbst Oberolympier Thomas Bach muss seinen Zirkus verschieben.

In Zeiten wie diesen hören wir auf unsere Wissenschaftler. Und wir vertrauen unseren Regierenden, solange wenigstens im Ansatz erkennbar ist, dass auch sie auf Basis wissenschaftlicher Fakten agieren. Wir ärgern uns über Leute, die inmitten größtmöglicher Virus-Turbulenzen den Pauschalurlaub in Hurghada, Tunis oder Marrakesch antreten und dann aufwändig zurückgeholt werden müssen. Über Menschentrauben in Biergärten, Partys und Ignoranten, die trotz allem schön die Tüte kreisen lassen am Flussufer. Wir haben Angst vor dem, was noch kommen mag. Und wir kochen vor Wut über asoziale Behörden austrischer Wintersportreviere, die trotz Kenntnis der Dinge business as usual betrieben, infizierte Menschen in alle Welt reisen und das Virus weiter verteilen ließen. Möge sie der Blitz beim Scheißen treffen.

Was den Sport in Zeiten von Corona angeht, so haben wir uns längst satt gesehen an den höchstbezahlten Fußballprofis, die im eigenen, salongroßen heimischen Fitnessraum Klopapier jonglieren. Natürlich auch Dietmar Hopp wieder mittendrin, vom Hurensohn zum Ehrensohn, weil eine maßgeblich von ihm mitfinanzierte Firma angeblich weit vorne mit dabei ist beim Entwickeln eines Impfstoffs.

Sport ist auch in Zeiten von Corona in allererster Linie Fußball. EM, Bundesliga, UEFA, FIFA, DFL. Das große Geld ist auch im öffentlichen Leiden groß, während die zahllosen anderen Sportarten wie üblich unerwähnt strampeln und um die Existenz kämpfen. Bis auf das Internationale Olympische Komitee natürlich, das eigentlich die Interessen all dieser anderen Sportarten würdigen und vertreten sollte und doch nur seine eigenen finanziellen Interessen zu verfolgen scheint. Geführt von "unserem" Olympiasieger Thomas Bach, der einst mit dem Florett die feine Klinge führte und heute eher wie ein ganz grober Klotz überall dahin drängt, wo es warm rauskommt. Der aus finanziellen Gründen Tokio 2020 so lange nicht absagt hat, bis so viele einzelne Länder einen Boykott ausgesprochen haben, dass man keine Spiele mehr durchführen kann. Spiele, bei denen einem das Brot wieder hochkäme, fänden sie heuer statt. Jetzt sollen sie also 2021 stattfinden.

Vom Sport wissen wir, wie man sich auf einen Gegner vorbereitet. In unterklassigen Ligen trinkt man drei Weizen, und dann volle Lotte. Aber je höher das Niveau, desto genauer die Pre-Match-Analyse. Stärken, Schwächen, Chancen, Risiken, Analysetools, der ganze Hokuspokus. Längst vorbei die Zeiten, in denen es hieß: Geht's einfach raus und spielt's euer Spiel. Wer sich überraschen lässt, der hat seine Hausaufgaben nicht gemacht.

Und jetzt haben wir alle einen Gegner, von dem wir offenbar kaum wissen, wie er agiert. Täglich neue Einschätzungen, neue Herausforderungen. Unsere Experten, zumindest die besseren unter ihnen, geben zu, die Dinge noch vor Kurzem ganz anders eingeschätzt zu haben. Jede und jeder von uns hat viele offene Fragen. Warum wissen die Experten immer noch so wenig? Aber auch: Was passiert in der schon lange andauernden Hölle der Flüchtlingslager in Griechenland? Warum gibt es dafür keine Steigerungsform von Schande? Und so weiter ...

Unsere Regierenden sind jetzt quasi unsere Trainer, auch sie scheinen fast stündlich überrollt zu werden von neuen Entwicklungen. Lasst uns ihnen, zumindest was das Virus und die damit zusammenhängenden Maßnahmen betrifft, trotz allerlei durchaus massiver Kritik weiterhin vertrauen, hier, im Land mit einem vergleichsweise guten Gesundheits- und Sozialsystem.

Und auch wenn's besonders irre scheint in Zeiten, in denen es ganz vielen Kleinen und Mittleren und auch vielen Großen ans Eingemachte gehen wird, in denen die Dinge sich so grundlegend ändern, wie man das niemals für möglich hielt: Lasst uns doch versuchen, zum Brot auch rasch wieder ein paar Spiele zu bekommen. Geisterspiele dann eben. Fußball vor allem. Denn Routinen sind wichtig, erst recht, wenn alles durcheinander geht. Und Fußball ist Routine für sehr viele Menschen. Fußball ist am ehesten in der Lage, Geisterspiele zu finanzieren. Fußball will das ja auch, Geisterspiele finanzieren, die Bundesliga-Saison partout zu Ende spielen, TV-Gelder kassieren. Und wenn wir dann im Mai, vielleicht auch im Juni, draußen über 30 Grad, immer noch daheim rumhocken müssen, dann sollen sie halt kicken, gladiatorengleich, die jungen, mehrdimensional gesunden Männer. Und das Fernsehen soll es frei für alle übertragen. Ganz im Sinne des Titels dieser Kolumne, der dann doch wieder passen würde. Mehr als je zuvor sogar. Falls das dann noch möglich ist.


Christian Prechtl ist Autor, Kommunikationsberater und Begründer der Aktionsreihe "Ballwall", die sich zuletzt insbesondere Geflüchteten und dem Thema Integration widmete. In seinem Blog "By the way" hat er viele Jahre über Sport und Gesellschaft geschrieben. Seine Tätigkeit als Kolumnist führt er unter dem Titel "Brot und Spiele" in Kontext fort.


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