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Durchatmen, bitte!

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Der "Hurensohn" geht im Stadion nicht mehr als Folklore durch, seit damit ein Schwergewicht des Investorenfußballs geschmäht wurde. Unser Kolumnist sieht das als Chance für eine allgemeine Bewegung gegen den Hass. Den KSC will er aber weiterhin beleidigen dürfen.

Früher liebte man "seinen" Fußballverein, und man hasste ein paar andere. Wie man halt so gehasst hat, auf halbwegs zivilisierte Art und Weise beim Fußball. "Scheiß KSC" wurde gesungen. Oder "wer ist grün und stinkt nach Fisch?". Und wenn der gegnerische Torwart den Ball abschlug, ertönte schon vor sehr vielen Jahren im ganzen Stadion, also im "weiten Rund" sozusagen, der unflätige Dreier, dessen letzter Teil aktuell auch abseits Gangster-Sein-wollender Subkulturen wieder zu besonderer Prominenz gelangt ist. "Arschloch, Wichser, Hurensohn" wurde da nämlich geschrien, hauptsächlich aus der Kurve heraus, aber nicht nur. Wer nie im Stadion war, mag das kaum glauben. War aber wirklich so. Als Fan des VfB Stuttgart war es das normalste der Welt, übelste Schmähungen gegen VfB-Präsident und Landesminister Gerhard Mayer-Vorfelder zu hören oder gleich selbst zu äußern.

Diese Schmähungen waren sogar fußballfern an der Tagesordnung – sie wurden wahrscheinlich in fast jedem Lehrerzimmer Baden-Württembergs mehrmals täglich ausgestoßen. Was damals an Beleidigungen in den Stadien abging, das war mitunter richtig schlimm. Aber es ging quasi als Folklore durch, jeder hatte andere Hassobjekte, und keiner machte dazu das ganz große Fass auf. Wer damals schon organisiert hassen wollte, die Nazis vorneweg, den halfen die zu jener Zeit entstehenden organsierten Fangruppen, "Ultras" genannt, zügig zu vertreiben beziehungsweise mindestens hinderten sie rechte Gruppen daran, sich in den Kurven vieler Stadien dauerhaft zu etablieren.

Heute hasst jeder Jeden, der "Hurensohn" geht seit Kurzem nicht mehr als Folklore durch. Heute geben die Ultras den Ton in den Stadien an, und heute hassen scheinbar alle Ultras Dietmar Hopp, den Mäzen der TSG Hoffenheim, eines Dorfclubs, der nur dank Hopps Millionen in den bezahlten Fußball vorstoßen und sich dort etablieren konnte. Aber in Wirklichkeit hassen gar nicht alle Dietmar Hopp.

In Wirklichkeit hassen sie die TSG Hoffenheim. Weil dieser Club viel Geld hat und auch noch gute Arbeit macht mit dem Geld. Bessere Arbeit womöglich, als der eigene Club, der ja auch nicht gerade arm ist. Und sie hassen den Deutschen Fußball Bund DFB, weil er es erlaubt hat, dass Dietmar Hopp die TSG Hoffenheim finanziert. Und jetzt sind wir mittendrin. Die Ultras hassen Dietmar Hopp stellvertretend für die TSG stellvertretend für den DFB. Wegen Hoffenheim. Aber noch viel mehr, weil der DFB und seine Tochter DFL (Deutsche Fußball Liga) mit den Ultras in vielen Dingen schon seit Jahren über Kreuz liegen. Pyrotechnik im Stadion und Kollektivstrafen hier vor allem. Und die allgemeine rauschhafte Kommerzialisierung, die Profitgier. Und genauso, wie sich die Vereinsbosse, Manager, Berater und Spieler im Lauf der Jahre im Big Business immer wichtiger und unfehlbarer fühlten, fühlten sich auch die Ultras immer wichtiger. Als Kämpfer für einen Fußball, wie er angeblich früher mal war. Als Bewahrer des Reinen und Guten, auch wenn das Reine durchaus raue Seiten hat.

Und weil diese Auseinandersetzung zwischen DFB und Ultras in Zeiten allgemeinen Hassens und galoppierenden medialen Wahnsinns ganz furchtbar nervt, weil ohnehin das Geheul des Establishments so lächerlich ist wie eine Schwalbe von Andreas Möller, und weil auch die Wichtigtuerei einiger Ultras die Tatsache ignoriert, dass Ultra-Sein eben nicht für alle Menschen das Nonplusultra ist, wird die Analyse des ganzen Schlamassels an dieser Stelle abgebrochen. Statt dessen ein paar ganz konkrete Forderungen:

Die Vereine und Clubs der Fußball Bundesliga hören bitte auf, die Unschuldslämmer zu geben und machen ab sofort von ihrem Hausrecht Gebrauch, wenn sie nicht wollen, dass strafbar beleidigende, rassistische, homophobe oder sonstwie ungesetzliche Plakate gezeigt werden. Jeder Club weiß genau, wer wo im Stadion steht, welcher offizielle Fanclub wie viele Dauerkarten bezieht. Jeder kehrt vor der eigenen Haustüre, sozusagen. Der Besuch eines Fußballspiels ist kein demokratisches Grundrecht, das Stadion kein rechtsfreier Raum, und Meinungsfreiheit ist nicht Rechtsfreiheit. Kommt aus Fanclub XY ein Vergehen, gibt es eine Ansage. Und beim nächsten Mal weniger Karten. Und so weiter.

Auch die offiziellen Fanclubs, darunter auch und vor allem die Ultras kehren bitte vor ihrer eigenen Türe. Wer verbotene Aktionen macht, der fliegt halt irgendwann raus. Das ist vor allem bei Auswärtsspielen wichtig, wo ja besonders gerne Pyros gezündet werden. Wenn etwas verboten ist, dann macht man es nicht trotzdem und tut dann so, als wäre das ziviler Ungehorsam und das Wohl des christlichen Abendlandes hinge davon ab. Wer sich nicht benimmt, der kriegt kein Ticket mehr zugeschoben. Und bitte kümmert Euch doch mal zunächst um Eure eigenen Vereine, bevor Ihr gegen Dietmar Hopp wettert. Echte Liebe gibt es nicht umsonst; der russische Gaskonzern ist schlimm genug; der Daimler ist auch eng mit Katar; Quattrex, Aroundtown und Co sind nicht die Heilsarmee; die DFL beschließt nur, was die Vertreter der Vereine wollen. Mit euren Stimmen auf den Mitgliederversammlungen könntet Ihr mehr erreichen als mit allen Hurensohn-Plakaten zusammen.

DFB und DFL hören bitte auf, mit dem Säbel zu rasseln als wären gerade mehrere Genozide an ihnen selbst begangen worden. Statt dessen zeigen sie Dialogbereitschaft und echtes Engagement gegen Rassismus, Homophobie und Sexismus. Mehr mit den Leuten sprechen als zu den Leuten predigen. Und wenn man schon die Deutungshoheit für sich selbst beansprucht, dann sollte man bitte nicht mit dem Stinkefinger in die falsche Richtung zeigen. Die Möglichkeiten wenigstens ansatzweise nutzen, die man als größter Sportverband der Welt hat. Pyros in ausgewählten Blöcken erlauben, meinetwegen. Und vor allem sofort aufhören, mit Spielabbrüchen und Hausdurchsuchungen zu drohen. Ihr habt offenbar keine Vorstellung davon, wie schnell wir hier einen vereinsübergreifenden Wettbewerb zum Thema "Wer schafft mehr Spielabbrüche?" hätten.

Wir alle atmen bitte ein paar Mal tief durch, denken dran, dass Fußball nicht alles ist und arrangieren uns mit dem Umstand, dass natürlich und wie fast immer und fast überall erst dann gegen etwas angegangen wird, wenn die weißen alten und wohlhabenden Männer davon betroffen sind. Auch wenn es sich vielleicht schlecht anfühlt, naiv klingt, viele Details der Vorgeschichte ausblendet, von einigen als ungerecht, von anderen als Schwachsinn abgetan wird: Dieser Zusammenschluss des Establishments des modernen Investorenfußballs ist eine Chance. Wenn diese Leute gemeinsame Sache machen, um den gefühlten Hass gegen einen von ihnen zu beenden, dann kann daraus eine allgemeine Bewegung gegen den Hass entstehen. Und zwar gegen den Hass auf die Anderen. Die nicht originär zum Establishment gehören. Auf die Ausländer, die mit anderer Hautfarbe, die Schwulen, die Frauen. Also genau das, was wir jetzt brauchen. Denn ein Verein, der gegen individuell adressierte Hurensohn-Plakate vorgeht, wird zwingend auch gegen andere Beleidigungen vorgehen müssen. Er wird rassistische Schmähungen tatsächlich ahnden müssen, er wird insgesamt bemüht sein müssen, für ein gedeihliches Miteinander zu sorgen. Mehr als bisher.

"Scheiß KSC" sollte man natürlich weiterhin singen dürfen. Gerne auch "Scheiß TSG". Aber jemanden mit Plakaten und vor den TV-Kameras im Stadion ganz organisiert persönlich als Hurensohn bezeichnen sollte man eher nicht mehr. Nicht im Stadion, und auch nicht anderswo.


Christian Prechtl ist Autor, Kommunikationsberater und Begründer der Aktionsreihe "Ballwall", die sich zuletzt insbesondere Geflüchteten und dem Thema Integration widmete. In seinem Blog "By the way" hat er viele Jahre über Sport und Gesellschaft geschrieben. Seine Tätigkeit als Kolumnist führt er unter dem Titel "Brot und Spiele" in Kontext fort.

 


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1 Kommentar verfügbar

  • Thomas Müller
    am 11.03.2020
    Antworten
    Das ist ein guter Kommentar. Bis auf den Schluss. Als gebürtiger Karlsruher und KSC Fan- ja auch das gibt es beim schwäbischen KONTEXT- kann ich der Schlusspassage des Kommentars aber nur dann ganz zustimmen, wenn auch weiterhin von KSClern erlaubt ist:"Stuttgarter- Arschlöcher" zu skandieren und…
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