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Wie ein Pfeil ins Herz

Wie ein Pfeil ins Herz
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Ein Mann guckt und Hunderte Menschen sind verzückt. Weil dieser Mann nämlich den "gebenden Blick" hat – und eine Menge Goldschmuck zu verkaufen.

Er hat sie beseelt, er, Braco (ausgesprochen Braßo), ein Kroate, der seit 1995 durch die Welt tourt, sich auf Bühnen stellt, guckt und wieder geht. Am vorigen Wochenende kam Braco nach Wernau bei Esslingen. In der dortigen Stadthalle Quadrium trat er von 9 bis 14 Uhr stündlich auf. Für zehn Euro Eintritt ließen sich Menschen jeweils sechs Minuten lang angucken. Außerdem konnten sie Bücher, DVD und Goldschmuck kaufen. Bracos Symbol ist eine eigenwillig gestaltete zackige Sonne, Einstiegspreis 190 Euro. "Die gibt es nur hier. Damit haben Sie direkten Kontakt zu Braco und Höherem", verrät eine der Verkäuferinnen.

Um kurz vor elf Uhr tönt eine freundliche weibliche Lautsprecherstimme durchs Foyer des Quadriums. Man sei herzlich willkommen zu Bracos Blick, möge jetzt die Handys ausschalten und sich in den Saal begeben. Viele der Besucher, in der Mehrheit Frauen ab etwa 45, haben Tulpen, Rosen, Gerbera im Arm. Die Blumen nehmen helfende Hände entgegen – Braco hat viele ehrenamtlich Tätige, wie in diversen Gesprächen betont wird – und die Leute nehmen ihre Plätze ein. Die Mehrheit der 140 aufgestellten Stühle wird besetzt. Damit die Braco-Anhänger nicht nur die sechs Minuten Blick bekommen, stimmt ein braungebrannter Endvierziger das Publikum auf das Kommende ein. Der Moderator, der von sich sagt, er sei Arzt, begrüßt die Menschen, möchte wissen, wer zum ersten Mal hier ist (wenige) und wer schon seit Längerem kommt (mehr). Er geht zu einer Frau. "Seit wann kommen Sie zu Braco?" "Seit September 2009." "Was hat sich dadurch für Sie verändert?" "Mein ganzes Leben." Durchsetzungsfähiger sei sie geworden, kümmere sich mehr um sich selbst, sagt sie.

Wie fühle ich mich? Ökonomisiert.

Der Esoterikmarkt boomt. Ob Reiki, Mineralsteine im Wasser, Wünschelruten, Bachblüten, Kraftorte, Geistheiler – viele Menschen suchen in diversen, explizit nicht wissenschaftlich erklärbaren Angeboten ihr Seelenheil. Exakte Zahlen zum Umsatz auf diesem Markt sind kaum zu finden. Laut einem Artikel vor zwei Jahren in der "Zeit" soll die Esoterikbranche um die 20 Milliarden Euro im Jahr umsetzen. (gel)

Das reicht noch nicht. Der Moderator wendet sich einer Dame in einem gelben Pullover zu. Sie habe Braco 2001 zum ersten Mal erlebt, erzählt sie. Damals hätten Ärzte ihrer behinderten Tochter keinerlei Zukunft vorausgesagt und als sie, die Mutter, nach dem Braco-Besuch wieder nach Hause kam, habe die Tochter mit ihr gesprochen. "Vorher konnte sie nur ein, zwei Worte." Es folgt eine ausladende Erzählung, von wie vielen Krankheiten Tochter und auch die Mutter der Mutter geheilt wurden und wie bedeutend dafür die goldene Sonnenkette war. Applaus. Der Moderator legt nach. Neulich habe ihm eine Frau erzählt, dass sie einen "sehr schmerzhaften Gesichtsschmerz" gehabt habe. Nachdem sie bei Braco gewesen sei, habe das aufgehört, heute sei sie vollkommen geheilt. Das sei erstaunlich, findet der Moderator und fügt schnell an: "Braco sagt, er ist kein Heiler, kein Guru, er vertritt keine Weltanschauung. Er sagt, er ist einfach."

Der tut nichts

Auch auf den Werbezetteln und auf der Braco-Webseite wird unterstrichen, dass der Mann kein Heiler sei. Das dürfte juristische Gründe haben, denn Heiler müssen in der Regel mehr können als gucken. Braco verspricht nichts, Braco tut nichts, und weil er keine Weltanschauung vertritt, muss er auch keine Vorstellungen von Gesellschaft, der Welt oder dem Universum von sich geben. Das wirkt ausgesprochen praktisch und belastet somit weder ihn noch seine Anhänger mit überflüssigem Gedankengut.

Dazu passen auch die weiteren Ausführungen des Moderators. Er spricht von Materie, einer intelligenten Kraft, die hinter allem stecke, Funken, "die wir in uns haben". Die heutige Zeit sei voll von Problemen und Aufruhr. Es komme ihm vor wie bei einem Düsenjet, bevor die Schallmauer breche. Dann erzählt er noch was von einem Wissenschaftler, der sage: "Wir sind in einer neuen Phase der Evolution", und dass "wir als Menschen zusammenwachsen zu einem Organismus". Das wirkt alles recht wirr, scheint aber niemanden zu stören. Bevor es zum Höhepunkt der Veranstaltung kommt, wird ein kurzer Werbefilm eingespielt. In dem erzählen Menschen aus verschiedenen Ländern, wie wichtig der goldene Sonnenschmuck für sie sei; dazwischengeschnitten sind Bilder von Braco, wie er auf Meer, Berge, Wiesen guckt. Anschließend bestärkt der Moderator noch einmal die Kernbotschaft: "Menschen sagen immer wieder, dass die Sonne die stärkste Verbindung zu Braco ist." Nun kommt Braco wirklich. Der Moderator fordert dazu auf, sich zu erheben, und bereitet das Publikum darauf vor, dass manches passieren kann, zum Beispiel Schwanken oder Tränen. "Lassen Sie alles kommen. Hier ist Braco. Alles Gute."

In weißem Stehkragenhemd und schwarzer Jeans stellt sich Braco auf die Bühne und guckt. Mit bewegungsloser Miene dreht er den Kopf ganz langsam von links nach rechts nach links nach rechts nach links. Dazu ertönt eine süßlich-esoterische Säuselmusik. Einige Besucher halten Fotos von ihren Lieben vor sich, denn es funktioniert auch, dass Bracos Blick über Fotos den Daheimgebliebenen hilft. Nach sechs Minuten ist Braco fertig und verschwindet hinter dem Vorhang.

"Darf ich fragen, wie es war?", wendet sich der Moderator an eine junge Frau in der ersten Reihe. "Ruhe, man hat sich umhüllt gefühlt von Liebe, eine mächtige Kraft, die durch den ganzen Körper geht." Der Moderator macht das Publikum noch einmal darauf aufmerksam, dass es mit Braco verbunden bleiben kann durch die Bücher, die DVD und natürlich den goldenen Sonnenschmuck. Kostenlos könne zudem jeder über die Homepage am Lifestream teilnehmen und so Bracos "gebenden Blick" empfangen. Die Wirkung sei die gleiche wie beim Liveauftritt, sagt der Moderator.

"Wohl zu viel Kopf dabei"

Um die Presse kümmert sich eine Mitarbeiterin von Braco. Ria Kosak besorgt Interviewpartner: den Moderator, der nicht sagen will, wie er heißt, weil er schlechte Erfahrungen mit der Presse gemacht habe und demzufolge dann auch kaum spricht. Und Matthias Kamp. Auch er sei Arzt, sagt er, arbeite in einer Klinik in Mitteldeutschland in der Inneren. Er hat den Event in Wernau organisiert, und zwar über einen Verein, dessen Namen er nicht nennen möchte. Eine spätere Google-Eingabe zeigt, dass Kamp ein lobendes Buch über Bruno Gröning geschrieben hat, einen deutschen Wunderheiler, der in den 1950er-Jahren für Furore sorgte und behauptete, von Gott gesandten "Heilstrom" weiterzuleiten. Zu Braco sagt Kamp, es hätten viele Menschen von positiven Veränderungen in ihrem Leben erzählt durch die Begegnung mit Bracos Blick. "Das kann man nicht mit konventionellen Mitteln erklären." Also ist er ein Heiler? Kampf entgegnet scharf: "Er ist kein Heiler. Er hat eine Gabe." Und dann sagt er noch was von Quantenphysik und Bewusstseinsforschung.

Die Braco-Mitarbeiterin holt noch zwei Helfer. Die Geschwister Sara und Christian Mast, 20 und 25 Jahre alt und aus der Nähe von Limburg, sind durch ihren Vater zu Braco gekommen und würden bei Events so oft wie möglich helfen, erzählen sie. Er habe fast keine Hautprobleme mehr, sagt der junge Mann, der auf Lehramt studiert. Sie, Rettungssanitäterin, erzählt, mit Hilfe Bracos habe sie "in einer Zeit, als es mir psychisch nicht so gut ging, gemerkt, dass ich selber entscheiden kann, was ich tun will". Was hat sie denn damals belastet? "Ich hatte mich von meinem Freund getrennt."

Vor dem Quadrium erklären sich Saskia Schaefer und Franz-Josef Arnuga bereit, zu erzählen, wie sie ihren ersten Braco-Besuch erlebt haben. Arnuga berichtet, er habe im Bruno-Gröning-Freundeskreis in Aalen von dem Braco-Event gehört und sich zunächst auf der Braco-Webseite den "Dokumentarfilm" angeschaut. "Schon da musste ich weinen und es schoss mir wie ein Pfeil ins Herz", erzählt er. So etwas wie den gröningschen "Heilstrom" habe er auch bei Braco gespürt. "Ich hatte glasige Augen, mir war wohlig warm und ich habe mich wie auf einer Wolke gefühlt, also nicht, dass ich geschwebt hätte, aber es war alles ganz leicht." Wie war es bei ihr? Schaefer: "Abgeschwächter. Bei mir war wohl zu viel Kopf dabei."


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1 Kommentar verfügbar

  • Maja
    am 11.03.2020
    Antworten
    Liebes Kontext -Team,
    Also, Braco wird Brazoo(mit weichem z ,wie Zoo)ausgesprochen und bedeutet übersetzt kleiner Bruder. Wird eher zärtlich und verniedlichend für (kleine)Jungs benutzt.
    Grüße
    Maja
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