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Massenmord mit SPD-Billigung

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Rechter Umsturzversuch: Am 13. März jährt sich der Kapp-Putsch zum hundertsten Mal. Klaus Gietinger hat darüber und über den darauffolgenden Ruhraufstand ein Buch geschrieben, das viele bislang unbeachtete Quellen berücksichtigt. Die damaligen Sozialdemokraten kommen nicht gut weg.

Für einige Tage, vom 15. bis zum 20. März 1920, war der Staat, der heute Weimarer Republik genannt wird, eine Stuttgarter Republik. Am 18. März tagte die Nationalversammlung im Kunstgebäude am Schlossplatz. Schon einige Tage zuvor war ein Großteil der Reichsregierung dorthin geflohen. Buchstäblich im letzten Augenblick: Nur zehn Minuten, nachdem Reichspräsident Friedrich Ebert, Reichskanzler Gustav Bauer, Reichswehrminister Gustav Noske (alle SPD) und andere Mitglieder der Regierung am Morgen des 13. März 1920 die Berliner Reichskanzlei verlassen hatten, betraten Soldaten der Marinebrigade Ehrhardt das Regierungsviertel und riegelten es ab. Es war der erste Tag des Kapp-Putsches.

Kapp-Putsch, was war das nochmal? Eine kleine Umfrage im Bekanntenkreis offenbart Unkenntnis und negative Erinnerungen an den Geschichtsunterreicht in der Schule. Daher ein kurzer Überblick.

Ziel der rechtsextremen Putschisten war eine Konterrevolution, die Liquidierung der jungen Republik. Der kurzfristige Anlass waren die von den Alliierten verlangte Reduzierung des deutschen Heeres auf 100.000 Mann und die Auflösung der im Januar 1919 entstandenen paramilitärischen Freikorps. Der namensgebende Wolfgang Kapp, ein hoher Verwaltungsbeamter, spielte dabei nur eine Nebenrolle. Der eigentliche Anführer war General Walther von Lüttwitz, im Hintergrund stand der frühere General Erich Ludendorff.

Zu Beginn des Putsches zeigt sich schnell, wie fatal es war, dass sich die SPD-geführte Regierung keine loyale Truppe geschaffen hatte: Sie muss fliehen, weil sich die Reichswehr, die sie schützen sollte, entweder auf die Seite der Putschisten schlägt oder neutral bleiben will ("Truppe schießt nicht auf Truppe"). Deswegen muss die Regierung ihren ersten Fluchtort Dresden auch bald wieder verlassen und flieht weiter nach Stuttgart. Selbst da zeigt sich das Militär anfangs schwankend. Den Schutz der Regierung in Stuttgart übernimmt daher größtenteils die Landespolizei unter Paul Hahn (während der Revolution eine höchst ambivalente Figur).

Schon am 17. März bricht der Putsch zusammen, vor allem durch einen landesweiten Generalstreik, den bis heute größten in der deutschen Geschichte. Parallel dazu haben in vielen Teilen des Reiches, vor allem im Ruhrgebiet, aber auch in den Industrieregionen Mittel- und Ostdeutschlands, bewaffnete Arbeiterverbände Freikorps- und Reichswehrverbände besiegt oder kampflos zum Aufgeben gezwungen. Sie verlangen nun von der Regierung Gegenleistungen, im Grunde eine Vollendung der steckengebliebenen Revolution. Mit der Folge, dass die knapp dem Putsch entronnene Regierung nun Militär gegen diese Arbeiterverbände vorgehen lässt, was besonders im Ruhrgebiet zu schweren, extrem blutigen Kämpfen führt – der Aufstand der dortigen "Roten Ruhrarmee" ist dabei die größte deutsche Aufstandsbewegung seit den Bauernkriegen 400 Jahre zuvor.

Die ersten Truppentransporte dorthin gehen am 18. März von Stuttgart aus ab, auf Befehl von Noske. Daimler-Arbeiter aus Untertürkheim versuchen sie zwar zu behindern, doch Bahnbeamte und rechte Studenten bewachen die Bahnsteige. Bis Ende April sterben bis zu 2.500 Menschen in der ganzen Republik.

Filmreifer Stoff, aber völlig vergessen

Hochdramatischer Stoff, der eigentlich nach einer Verfilmung schreit. Einer der wenigen, der daraus einen Film gemacht hat, ist der in Saarbrücken lebende Autor und Filmemacher Klaus Gietinger. Gemeinsam mit Bernd Fischerauer hatte er das Drehbuch zum 2011 entstandenen Dokumentarspiel "Die Konterrevolution" geschrieben, Teil der zehnteiligen Reihe "Vom Reich zur Republik" des Bayrischen Rundfunks. Mit den Ereignissen im Frühjahr 1920 hat sich Gietinger nun erneut auseinandergesetzt und ein Buch darüber geschrieben.

Ganz schön vielseitig: Der 1955 in Lindenberg im Allgäu geborene, heute in Saarbrücken lebende Klaus Gietinger ist studierter Sozialwissenschaftler, Buchautor, Regisseur von Dokumentar- und Spielfilmen (Kultstatus nicht nur im Allgäu erlangte "Daheim sterben die Leut'" von 1986), von TV-Produktionen ("Tatort", "Löwenzahn") und auch noch Redakteur der Zeitschrift "Saarbrücker Hefte". "Das ist in Deutschland immer etwas verdächtig, wenn man verschiedene Sachen macht", sagt Gietinger, "in anderen Ländern ist das kein Problem". Festlegen will er sich weiterhin nicht.  (os)

Der hundertste Jahrestag hat da natürlich eine Rolle gespielt. Aber eigentlich lässt Gietinger die unruhige Entstehungsphase der Weimarer Republik seit gut 30 Jahren nicht los, "seit ich 1989 begonnen habe, über den Mord an Rosa Luxemburg zu recherchieren." Aus den Recherchen entstand das 1993 veröffentlichte Buch "Eine Leiche im Landwehrkanal. Die Ermordung Rosa Luxemburgs", es folgten Bücher über den Offizier, der für die Ermordung verantwortlich war, den politischen Organisator und Waffenhändler Waldemar Pabst ("Der Konterrevolutionär"), eine der schillerndsten Figuren der deutschen Rechten kurz nach dem Ersten Weltkrieg, und eine Gesamtdarstellung der Revolution ("November 1918").

Und nun also der Kapp-Putsch, wegen der Bedeutung der Verantwortlichen heute meist Kapp-Lüttwitz-Putsch genannt, aber eigentlich, so Gietinger "Kapp-Lüttwitz-Pabst-Putsch" heißen müsste. Entscheidender als die genaue Benennung allerdings ist, an ihn überhaupt zu erinnern. Denn seit der letzten wissenschaftlichen Gesamtdarstellung sind über 40 Jahre vergangen. "Mich hat gewundert, dass die Ereignisse so verschüttet sind", sagt Gietinger, "noch mehr als die November-Revolution". Warum aber ist das so? Die Erinnerung sei schon mit dem Faschismus verloren gegangen, sagt Gietinger, dann zusätzlich mit dem Ende der DDR, in deren Geschichtsschreibung die Rolle der kommunistischen KPD im Kampf gegen die Rechten stark überbetont worden sei. Im Westen dagegen habe man sich fast nur mit den Putschisten beschäftigt.

Erfolgreicher Kampf gegen rechts? Letztlich nicht

Die westliche Sicht ist noch heute prägend: Der Kapp-Putsch wird meist dargestellt als Beispiel für die erfolgreiche Abwehr eines rechten Umsturzversuchs. Bezeichnend der Titel eines "Focus"-Artikels zum 90. Jahrestag: "Gefahr von rechts gebannt".

"Sehr einseitig" sei diese Sicht, sagt Gietinger. Zum einen habe der Putsch zwar schon gezeigt, "dass die Rechten keine Chance haben, wenn von den Linken bis zu den Bürgerlichen alle zusammenhalten". Und dieser spontane breite Schulterschluss nicht nur zwischen den drei Arbeiterparteien SPD, USPD und KPD, sondern auch dem bürgerlichen Lager gehört für Gietinger nach wie vor zu den erstaunlichsten Aspekten im März 1920.

Doch auf der anderen Seite führte das brutale Vorgehen gegen die Teile der Arbeiterbewegung, die den Putsch an der Basis gestoppt hatten und nun nicht gleich wieder zur Tagesordnung übergehen wollten, zu einer bleibenden Traumatisierung und Spaltung der Linken. Die Quittung gab es schon bei den Reichstagswahlen am 6. Juni 1920: Dort bekam die Weimarer Koalition (SPD, linksliberale DDP, katholische Zentrumspartei) nur 43,6 Prozent der Stimmen, bei den Wahlen zur Nationalversammlung im Januar 1919 waren es noch 76,2 Prozent gewesen. Eine Mehrheit sollte sie bis zum Ende der Weimarer Republik nie mehr bekommen.

Hufeisen historisch

Es sei im Grunde alternativlos gewesen, dass die Regierung die bewaffneten Arbeiterverbände im Ruhrgebiet und woanders militärisch zerschlagen ließ. Das ist sinngemäß der Tenor vieler historischer Darstellungen. "Die Streikbewegung setzte (…) politische Energien frei, die wiederum von der radikalen Linken zur Entfesselung einer revolutionären Aufstandsbewegung genutzt wurden", schreibt etwa der Stuttgarter Historiker Wolfram Pyta.

Auch das sei eine Verzerrung, ärgert sich Gietinger, denn sehr radikal seien die Arbeiterforderungen nicht gewesen. "Es wurde keine Diktatur des Proletariats gefordert, nicht einmal von der KPD. Es wurde, zumindest anfangs, auch keine neue Regierung gefordert." Stattdessen sei gefordert worden, den Räten wieder mehr Macht zu geben, vor allem aber, das Militär zu demokratisieren, die alte Reichswehr zu zerschlagen und eine Milizarmee von unten aufzustellen – Forderungen, die die SPD auch schon in ihrem Erfurter Programm 1891 hatte. Ausgerechnet der eher rechte Gewerkschafter Carl Legien war es, der als erster eine Arbeiterregierung forderte – ein "kurzer Hang zur Radikalität", wie Gietinger spöttisch bemerkt.

All diese Entwicklungen zeichnet Gietinger in seinem Buch mit akribischer Recherche und vielen bislang unberücksichtigten Quellen nach. Damit schafft er manch neue Einsicht – und widerlegt auch immer wieder verbreitete Deutungen. "In Darstellungen zum Kapp-Putsch wird oft von rechter und linker Gewalt gesprochen", sagt Gietinger. Eine historische Anwendung der viel zitierten Hufeisentheorie, dort so falsch wie in aktuellen Debatten über Rechts- und Linksextremismus. Denn: "Massaker von links gab es nicht", von rechts dagegen umso mehr. Von der Regierung gebilligt, töteten Freikorps und Sicherheitspolizei wahl- und maßlos, schreckten auch vor der Ermordung von Krankenschwestern nicht zurück. Dem "weißen Terror" im Ruhrgebiet fielen mindestens 1.000, eher 1.500 Angehörige der "Roten Armee" und Zivilisten zum Opfer, auf Seiten der Reichswehr gab es 241 Tote.

Der Ruhraufstand: von Putschisten niedergeschlagen

Erstmals weist Gietinger auch nach, wie hoch der Anteil der Freikorps, also der Putschisten, bei den zur Niederschlagung des Ruhr-Aufstands eingesetzten Truppen war: 85 bis 90 Prozent. "Das ist eigentlich ein viel größerer Skandal, als ich bislang dachte", sagt er. Die Regierung ließ also an der Ruhr die Arbeiter, die sie zuvor vor dem Putsch gerettet hatten, zum Dank größtenteils von Putschisten erschießen. Beteiligt war, auch das war bislang kaum bekannt, neben der berüchtigten Brigade Ehrhardt auch die Brigade Löwenfeld, und in beiden hatten die Truppen schon Hakenkreuze auf ihre Helme gemalt, bereits vor der NSDAP-Gründung ein Symbol der völkischen und antisemitischen Rechten.

Der Einsatz der rechtsextremen Freikorps in diesen Kämpfen ist für Gietinger "die Geburtsstunde des deutschen Faschismus", und weil sie ihren Massenmord mit Billigung der Regierung praktizierten, nennt er die SPD-Führung und die Weimarer Koalition "am Aufkommen des Faschismus mitverantwortlich". Ein hartes Urteil, aber auch dieses letztlich durch Quellenbelege vertretbar. Denn Gietinger zeichnet nicht nur das Verhalten der Regierung während Putsch und Ruhr-Kämpfen nach, sondern auch davor. Detailliert zeigt er auf, wie umfangreich SPD-Reichswehrminister Gustav Noske schon das ganze Jahr 1919 den rechten Militärs entgegenkam, wie er neben großen Freikorps-Einheiten auch eine quasi-militärische Sicherheitspolizei, eine bewaffnete Technische Nothilfe und hochgerüstete Einwohnerwehren plante. "Da wäre eine Million unter Waffen gewesen, das taucht eigentlich sonst nirgendwo in der Literatur auf", wundert sich Gietinger immer noch. "Da wurde sozusagen ein neuer Militarismus hochgezogen, mit sozialdemokratischer Genehmigung, und erst der Versailler Vertrag hat das verhindert."

Lässt sich, platt gesagt, heute etwas aus dem Kapp-Putsch lernen? "Man kann da natürlich nicht einfach Analogien ziehen", sagt Gietinger, "es sind andere Zeiten, die Demokratie viel fester verankert." Ein paar Ähnlichkeiten gebe es aber schon – etwa die Untauglichkeit der Gleichsetzung linker und rechter Gewalt, siehe oben, oder die Tatsache, dass große Teile des Mittelstandes heute rechts wählen, zur AfD abwandern.

Lernen ließe sich vielleicht auch etwas über einen bewussteren Umgang mit Geschichte. "Nach den Morden von Hanau hat die SPD den Spruch 'Seit 156 Jahren keinen Fußbreit dem Faschismus!' in die Welt geschickt", sagt Gietinger. Spott gab es dafür unter anderem schon vom "Tagesspiegel", weil es bei der Parteigründung vor 156 Jahren noch weit und breit keinen Faschismus gab. "Und antifaschistisch beim Kapp-Putsch? Na ja", sagt Gietinger.
 

Info:

Klaus Gietinger: Kapp-Putsch. 1920 – Abwehrkämpfe – Rote Ruhrarmee, Schmetterling-Verlag, 328 Seiten, 19,80 Euro.

Buchvorstellung, Lesung und Gespräch mit Klaus Gietinger am Dienstag, dem 24. März, 20 Uhr, im Kino Cinema, Königstraße 22, Stuttgart (Eintritt frei). Zu Beginn stellt Stadtflaneur Joe Bauer die Geschichte des Marquardtbaus vor, der unter anderem das Cinema beherbergt; früher war hier das Hotel Marquardt, in dem viele Mitglieder der während des Putsches nach Stuttgart geflohenen Reichsregierung untergebracht waren.

Stadtführung "Der Kapp-Putsch in Stuttgart" mit Erhard Korn, 16. März, 17 Uhr, und 24. März, 18.30 Uhr; Treffpunkt jeweils vor dem Metropol-Kino in der Bolzstraße 10.


Titelfoto:

Putschende Freikorps-Truppen der Marinebrigade Ehrhardt riegeln am Berliner Wilhelmsplatz das Regierungsviertel ab. Foto: Bundesarchiv, Bild 183-J0305-0600-003 / CC-BY-SA 3.0, Link

 


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5 Kommentare verfügbar

  • Steiner
    vor 3 Wochen
    Antworten
    Es ist schon erstaunlich, wie sich die SPD u.a. auch unter diesen berechtigten Vorwürfen weg duckt. Ja, es mag junge SPDler geben, die sich dieser Verantwortung stellen könnten. Aber die "Altvorderen" geben weiterhin den Ton an. Und der lautet: Die eigne Schande beschweigen. Von demokratischer Seite…
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