Rosa Luxemburg erklärt ihren Brüdern Marx' "Das Kapital" mit Löffeln und Suppenschüssel. Seite 1 von 11: Den Rest der Leseprobe gibt es per Klick auf das Bild.

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Ausgabe 406
Schaubühne

Die rote Rosa

Von Oliver Stenzel
Datum: 09.01.2019
Vor 100 Jahren wurde Rosa Luxemburg am Ende der Berliner Januarkämpfe ermordet. Die Comiczeichnerin Kate Evans hat ihr eine einfühlsame, fesselnde und mit Quellen gesättigte graphische Biographie gewidmet – die zugleich ein guter Einstieg in das Werk der Sozialistin ist.

Schon Zeitgenossen sprachen vom 15. Januar 1919 als der "Marneschlacht der Revolution". Auf jeden Fall war die Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, den beiden führenden Figuren der frisch gegründeten Kommunistischen Partei Deutschlands, durch rechte Freikorpssoldaten eine Tat, die überdeutlich machte, dass die im November 1918 vergleichsweise friedlich begonnene Revolution in Deutschland in eine neue, viel blutigere und tiefe Wunden verursachende Phase eintrat, die die Spaltung der Arbeiterbewegung zementierte. Vor diesem fatalen Ereignis und seinen Folgen scheint das Lebenswerk der am 5. März 1871 in Zamość, im damals zu Russland gehörenden Polen, geborenen Luxemburg manchmal in den Hintergrund zu treten. Und damit auch die Tatsache, dass sie zu den brillantesten Köpfen der deutschen Sozialdemokratie ihrer Zeit zählte und viele ihrer Schriften noch heute erstaunlich aktuell wirken.

Wie nähert man sich am besten diesem viel zu kurzen und doch so vollen Leben? Vielleicht über einen Comic. 2013 hat die aus Kanada stammende, in England lebende Zeichnerin Kate Evans mit einem Werk über die berühmte Sozialistin begonnen, 2015 wurde "Red Rosa" dann zunächst auf Englisch veröffentlicht – und erntete sofort begeisterte Kritiken. Mittlerweile ist das Buch in mehrere Sprachen übersetzt, im September 2018 erschien auch eine deutsche Version.

Zeichnerisch pflegt Evans einen eigenwilligen, aber sehr prägnanten semi-realistischen Stil, der wenig an andere aktuelle Comickünstler, aber bisweilen leicht an die Karikaturen von George Grosz (1893-1959) erinnert – deren böse Bissigkeit sie aber nur für manche Figuren anwendet. Als "Graphic Novel" wird "Rosa" vom Dietz-Verlag beworben, also als Comicroman. Streng genommen müsste man von einer "Graphic Biography" sprechen, und Evans selbst beschreibt ihr Buch als "fiktionale Darstellung wahrer Begebenheiten".

Wo die Quellen es zulassen, verwendet sie in Dialogen tatsächliche Formulierungen Luxemburgs und ihrer Zeitgenossen, betont aber auch, dass sie angesichts der Fülle des Lebens der Protagonistin "kleinere Ereignisse ausgelassen, einige Nebenfiguren miteinander verschmolzen" und manchmal auch aus dramaturgischen Gründen die Abfolge der Ereignisse verändert habe. Freiheiten, die sich auch filmische Biographien erlauben, und die auch deswegen in "Rosa" meist nicht allzu schwer wiegen, da Evans alle Abweichungen im dicken Anmerkungsteil am Ende des Buches dokumentiert und erklärt. Dort sind zudem auch alle Originalzitate nachgewiesen und, falls im Comicteil gekürzt, in voller Länge dokumentiert. Das genügt dann fast schon wissenschaftlichen Ansprüchen.

Das allerdings bedeutet keineswegs, dass "Rosa" trockener Stoff ist, ganz im Gegenteil. Sehr feinfühlig, detailverliebt und fesselnd beschreibt Evans Luxemburgs Leben von der Geburt an, macht nicht nur die Entwicklung ihrer politischen Haltung plausibel, sondern die daraus resultierenden Werke auch wenig vorgebildeten Lesern zugänglich. Etwa, wenn die junge Rosa ihren beiden begriffsstutzigen Brüdern erklärt, um was es in Karl Marx' "Das Kapital" geht (siehe dazu die Leseprobe oben in der Bilderstrecke) – mit Hilfe eines Suppentellers, zweier Löffel, eines Salzfässchens und einer Geldmünze. Grandios. Oder wenn sie, basierend auf ihrer gleichnamigen Schrift, "Die Akkumulation des Kapitals" erklärt und in dieser über drei Seiten gehenden Sequenz mit ihrer Katze spielt. Zu Luxemburgs Beschreibung des Kapitalismus als "tobender Tiger, der nicht anders kann, als alle anderen Lebensformen aufzusaugen oder zu zerstören", haut der kleine Stubentiger dann seine Krallen und Zähne in einen Tischglobus. Nicht nur deswegen: Am Ende hat man es verstanden.

Mit solchen Kombinationen von Text und Grafik gelingt es Evans meisterlich, den Lesern das Leben und Werk Rosa Luxemburgs nahe zu bringen – und auch zu zeigen, was im Medium Comic erzählerisch möglich ist. Angesichts dessen ist auch zu verschmerzen, dass sie es in der Bewunderung ihrer Protagonistin manchmal an Distanz vermissen lässt und deren Widersacher als allzu verzerrte Karikaturen erscheinen lässt.


Kate Evans: Rosa. Die Graphic Novel über Rosa Luxemburg,
Dietz Verlag Berlin, 228 Seiten, 20 Euro.


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