Ausgabe 406
Kolumne

Denunzianten, Hollerith juchhe

Von Peter Grohmann
Datum: 09.01.2019

"Jeder Kongoneger hat 'n Bettvorleger – aber unsereiner – der hat nix!", so ein treffendes, wenn auch rassistisches Volkslied aus dem Schwäbischen. Es geht aber nicht um Bettvorleger und auch nicht um freiere Wahlen oder Demokratie, sondern ganz schlicht um Kinderarbeit, Sklaverei, Ausbeutung, Mord und Totschlag, um Gold, Platin, Diamanten und Coltan für das Handy von meiner Omi Glimbzsch in Zittau und das Schnitzel von Ribéry. Das sollten wir im Hinterkopf behalten, wenn wir uns über politische Korrektheit oder die kommenden Unruhen im Kongo empören. Gewusst wie und warum also. Doch der schlimmste Feind des Menschen ist seine Dummheit. Wenn sich selbst prominente Bildungsbürger mit ihren Daten bis auf die Unterhose ausziehen und alles rauskommt, was drinsteckt, war's nicht das Bundesamt für IT-Sicherheit, sondern die Gier nach Gerede und Klicks. Wer heute im Netz über Erdoğan und seine Moslemschwestern lästert und morgen an der Fata Morgana am Schwarzen Meer Urlaub machen will, unterschätzt die Kapazitäten der Geheimdienste. Hase, du bleibst hier!

Der türkische Geheimdienst Millî İstihbarat Teşkilâtı hat mit Unterstützung kalifornischer Umweltschützer eine App entwickelt, mit der man in der Türkei, aber auch von hier aus endlich Freunde, Nachbarn oder Kollegen (direkt vom Sofa aus!) denunzieren kann. Doch der MIT hinkt seiner Zeit hinterher: Bei uns wusste die Obrigkeit schon lange vor 1933 durch die Hollerith-Karten (Hermann Hollerith, deutscher Erfinder aus der Pfalz, ausgewandert wegen politischer Repression), wo der Jude und wo der Kommunist wohnt und wer durch sein Handicap ein unnützer Esser war. Die Aussortierten konnten dann acht bis zehn Jahre später am hellen Tag zu Hause abgeholt werden, dank der Wahlerfolge der Rechtsfront. Die türkische App kann man heute noch kaufen.

Und wenn wir schon beim Thema sind: In Göttingen beschlagnahmte die Polizei kistenweise Beweismaterial, etwa ein Handy und einen Laptop und "Die Känguru-Chroniken", um zu belegen, dass der Student der vergleichenden Literaturwissenschaften an den Hamburger G-20-Krawallen beteiligt war. War er aber nicht, im Gegensatz zu einem anderen V-Mann, der Randale in Hamburg machte. Unser Mann war hingegen zur fraglichen Zeit in Japan, stellte man jetzt fest. Sorry, dem Mann ist doch nichts passiert. Außer dass er jetzt beim Neurologen ist, Trauma und so.


Peter Grohmann ist Kabarettist und Koordinator des Bürgerprojekts Die AnStifter.Alle "Wettern"-Videos gibt es hier zum Nachgucken.


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3 Kommentare verfügbar

  • Kornelia .
    am 12.01.2019
    ".. Ist seine Dummheit." (Vll muss ich ja froh sei, über das geschlechtliche Zuordnen ;)

    Immer wieder diese 'dumme' Anbiederung an die Machtelite!
    Die staatlichen Institutionen, die den Rahmen setzen MÜSSEN, in dem ich mich frei bewegen kann, haben sich selbst entmannt und sind zu den größten Datendealern geworden!
    Ein Staatsgebilde hat den Auftrag, seine Bürger zu schützen!
    Unsere Systeme entmündigen/entdaten die Menschen und schicken die Bürger auf den Strich!
    #Staatsversagen!

    Mich ärgert diese Aufforderugs/Meinungs- Kumpanei, die Tätersymbiose zw. RotGrünLinken mit Ökonomie-Diktatoren!

    Es gab eine Zeit, da war Briefgeheimnis ein wichtiges Gut und es gab hohe Strafen, wenn es gebrochen wurde, später kam dann Telefon hinzu!
    Warum nun im 21.Jahrhundert der Einzelne sich da schützen muss, wo die Staatsdiener absichtlich versagen und mit den Diktatoren eine Datensucht pflegen, ist mir seit über 30Jahren ein Rätsel!
  • Peter Meisel
    am 09.01.2019
    Hermann Hollerith, deutscher Erfinder aus der Pfalz! Na bitte, dort aus Kaltstadt / Wein Str. stammt die Familie Trump.
    Nur der Herman Hollerith wurde bereits 1911 von Thomas Watson Sr. in die Tabulating Machine Company (später IBM) aufgenommen.
    Auch mein Arbeitsplatz, die deutsche IBM Hauptverwaltung am Stuttgarter Kreuz, ist heute stillgelegt, gehört der Stadt Stuttgart und ist ein Baudenkmal mit eigenem Hubschrauber LandePlatz.
    Ein Kollege, Vertriebsleiter auf der IBM Geschäftsstelle in Mannheim war ein gewisser Ditmar Hopp. Seine Firma SAP ist heute mehr Wert als Siemens? Das IBM Motto lautet immer noch THINK. "Wenn sich selbst prominente Bildungsbürger mit ihren Daten bis auf die Unterhose ausziehen und alles rauskommt" sind sie selbst schuld! Dazu lese ich gerade das Büchlein über 700 Seiten von Shoshana Suboff mit dem Titel "Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus" wonach wir selbst die Quellen für den alles entscheidenden Überschuss des Überwachungskapitalismus sind. Wir sind die Quelle des Informations Kapitalismus!
    Ego cogito ergo sum (ich denke also bin ich) wird zum Objekt des menschlichen Verhaltens der Ziele anderer.
    • Charlotte Rath
      am 10.01.2019
      Hallo Herr Meisel,
      Das Gelände der ehemaligen IBM Hauptverwaltung gehört nicht der Stadt Stuttgart, hat ihr m.W. auch nie gehört, sondern wechselt die privaten Eigentümer wie ein Baum die Blätter. Vermutlich aufgrund dieses Umstands hört es derzeit auf den putzigen Namen "Garden Campus", siehe hier: http://garden-campus.de/, wiewohl dort kein Garten, sondern ein neuer Stadtteil beabsichtigt ist, siehe hier: https://www.steidle-architekten.de/projekt/wb-garden-campus-vaihingen/. Jüngster Eigentümer soll eine Schweizer AG sein, die von SSN im vergangenen Herbst einen Großteil der Aktien übernommen habe.

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