Blick von der Stuttgarter Königstraße auf den Bonatzbau im Jahr 1920. Ein Jahr zuvor wurde der noch nicht fertige Hauptbahnhof zur Festung ausgebaut. Foto: Postkarte, Privatbesitz

Ausgabe 408
Zeitgeschehen

Maschinengewehre im Bonatzbau

Von Erhard Korn
Datum: 23.01.2019
Als vor 100 Jahren in Berlin die Januarkämpfe tobten, gab es auch in Stuttgart blutige Auseinandersetzungen. Der angebliche kommunistische Aufstand war gar keiner, er diente aber als willkommener Vorwand, die Mitglieder der linken USPD aus der Regierung zu werfen.

Für Wilhelm Blos war die Deutung klar: "Am 9. Januar (1919) brach der unabhängig-kommunistisch-spartakistische Aufstand los, welcher den Sturz der Regierung und die Verhinderung der Wahlen zum Ziele hatte." So schreibt der erste gewählte Staatspräsident Württembergs in seinen Erinnerungen.

Dieser sogenannte "Spartakusputsch" gehört zu den wirkmächtigsten Geschichtslegenden und wird bis heute weitererzählt. Die Legende muss nicht nur die Morde an Rosa Luxemburg in Berlin, Kurt Eisner in München und tausender weiterer, oft unbekannter Opfer rechtfertigen, sondern auch die Abkehr von den grundlegenden Zielen der Novemberrevolution.

Während die Ereignisse im Januar 1919 in Berlin gut dokumentiert und bekannt sind, weiß heute allerdings kaum noch jemand, was zeitgleich in Stuttgart passierte. Auch hier hatte genau zwei Monate zuvor, am 9. November 1918, die bei vielen Soldaten "verhasste Militärmaschine" kapituliert. In Betrieben und Kasernen wählten die Revolutionäre ihre Vertretungen, die Arbeiter- und Soldatenräte (ASR), die schon am Abend eine provisorische Regierung einsetzten, gleichberechtigt geleitet durch Wilhelm Blos von den Mehrheitssozialdemokraten (MSPD) und Arthur Crispien von den linken Unabhängigen Sozialdemokraten (USPD). Noch am 17. November versprach Blos ein Weitertreiben der Revolution zum Sozialismus: "Wenn wir bei der politischen Revolution stehen bleiben wollten, würde die revolutionäre Entscheidung über uns hinausgehen."

Doch genau dieses "Stehen bleiben" zeichnete sich im Januar ab. Nicht einmal die für den 1. Januar 1919 zugesagte Einführung des Achtstundentags wurde eingehalten. In Stuttgart brodelte es, fast täglich fanden Kundgebungen statt. Gleichzeitig begann das Offizierskorps, seine Schockstarre zu überwinden. Das Bürgertum sammelte Geld für die Aufstellung von Söldnertruppen, Bürgersöhne und Korpsstudenten bildeten Militärverbände.

Der rote Hahn

In dieser Situation wurde Leutnant Paul Hahn zu einer zentralen Figur. Vor dem Krieg Lehrer und Kunstmaler, wurde Hahn am 9. November in Isny als Vorsitzender des Soldatenrats gewählt und bald als "der rote Hahn" tituliert. An Weihnachten 1918 erhielt er von Blos den Auftrag zur Bildung von "Sicherungskompanien" und am 6. Januar eine "Generalvollmacht für den Fall des Eingreifens bei etwa ausbrechenden Unruhen". Hahn stellte Verbände "zuverlässiger" Soldaten zusammen, eine "weiße Garde", wie er ironisch sagte, und einen "Nachrichtendienst", der die linken Gruppen infiltrierte.

Der ASR als damals oberstes Organ hatte Vorbehalte: Ein Eingreifen mit der Waffe dürfe nur mit Zustimmung einer Kommission des ASR möglich sein, ein Vorgehen gegen Demonstranten sei ausgeschlossen. Hahn verständigte sich allerdings mit Blos darüber, diese Kontrolle gegebenenfalls auszuschalten. In der Nacht vom 8. auf den 9. Januar 1919 ließ der Leutnant den Bahnhof besetzen und zu seinem Hauptquartier ausbauen: "Der neue Bahnhof, kaum halb fertig, war leicht zu verteidigen, beherrschte durch seinen Turm nicht nur die ganze Königstraße, sondern auch die Anlagen, den alten Bahnhof, den Schlossplatz und sämtliche Zugangsstraßen", so Hahn.

Am 9. Januar demonstrieren 20 000 Menschen in Stuttgart

In dieser angespannten Situation rief die USPD für den 9. Januar zu einer Demonstration auf. "Gegen 20 000 Männer und Frauen, darunter sehr viel Soldaten und Kriegsbeschädigte und Jungsozialisten lauschten am Morgen am Schlosshof den Rednern zu, die schonungslos mit der sogenannten Volksregierung abrechneten. Von drei Tribünen sprachen die Genossen Münzenberg, Schreiner, Rödel, Hörnle und Klara Zetkin. Rote Fahnen wehten über der Masse und Plakate schrien in den schönen Tag hinein: Schießt nicht auf eure Brüder!" So beschrieb der junge Arbeiterdichter Max Barthel die Ereignisse, die er später in seinem Roman "Der Putsch" verarbeitete.

Dann wogte die Demonstrationen zwischen Rathaus und dem Arbeitsministerium hin und her. Ins Landtagsgebäude luden Arthur Crispien und Ulrich Fischer um 16.30 Uhr zu einer gemeinsamen Beratung von Regierung und ASR ein. Im Sitzungsprotokoll heißt es: "Vor dem Hause eine mehrere hundert köpfige lärmende und tobende Demonstration, die durch eine Abordnung von Spartakisten u. USP Mitgliedern der Versammlung Forderungen stellt. Alle Augenblicke dringen bewaffnete Soldaten, die auch die Haus- und Seiteneingänge besetzt haben, in den Saal ein (...); erklären, die Menge sonst nicht mehr halten zu können u. dann jede Verantwortung für das weitere Geschehen ablehnen zu müssen.

Neben Forderungen zur Verbesserung der Arbeitslosenunterstützung verlangten die Demonstranten die Festsetzung von Mindestlöhnen, die sofortige Beschlagnahme von leerstehenden Villen zu Linderung der Wohnungsnot, die Verhinderung des Einsatzes von Truppen gegen Streikende oder demonstrierende Arbeiter, die Entwaffnung der Offiziere, die Bestrafung der am Krieg und seiner Verlängerung Schuldigen, die Entlassung reaktionärer Beamter, die Kontrolle der Betriebe durch die Arbeiter und ihre Räte.

Für Wilhelm Blos und die Regierungsmitglieder der MSPD, die gleichzeitig im Finanzministerium tagten, gab das militante Auftreten von Demonstrantengruppen die Begründung für die Ablehnung von Verhandlungen über diese Forderungen – und damit entschieden sie sich gegen eine Weiterführung des Umsturzes als soziale Revolution zur Demokratisierung auch von Bürokratie, Armee und Wirtschaft.

Die Besetzung des Tagblatts

Auf der Demonstration wurde derweil auf schnelle und konkrete Maßnahmen gedrängt. Willi Münzenberg, Funktionär der Sozialistischen Jugendinternationale und später "Pressezar" der KPD, der zu den Rednern zählte, forderte in einem Antrag "für die streikenden und revolutionären Arbeiter die technische Übergabe eines Betriebes zur Herstellung einer Zeitung". Er begründete dies "mit der Übermacht der bürgerlichen Presse, die teilweise täglich zweimal erschien, während für die politischen Gruppen der Demonstranten keine oder vielmehr nur eine kleine Zeitung erschien" – so beschrieb Münzenberg selbst in "Die Rote Flut" sein Agieren. Dem stimmten die Rätevertreter zu.

Die Forderung der Spartakisten nach Herausgabe von 1000 Gewehren lehnten sie ab, delegierten allerdings mit Albert Schreiner einen Spartakusanhänger zur Beaufsichtigung der Sicherungskompanien. Die Nachricht von der Verhaftung des USPD-Ministers Fischer durch Soldaten machte den ASR misstrauisch.

Eine Redaktionsgruppe sollte das Blatt erstellen, doch als sie nach der Sitzung beim "Stuttgarter Neuen Tagblatt" in der Torstraße ankam, hatten bereits etwa 50 bewaffnete Demonstranten das Verlagsgebäude besetzt. "Die Demonstration am 9. November war als friedliche geplant, sie ist aber über die Köpfe der Führer hinausgewachsen", erklärte der Spartakist Unfried im ASR die Besetzung. Die Redaktionsgruppe konnte sich dennoch "in loyaler Form" mit der Geschäftsleitung einigen und mit den Arbeiten an dem "Die rote Flut" getauften Blatt beginnen.

Hahn sah in der "Besetzung" allerdings "einen Angriff auf das Eigentum, der mich zum Eingreifen zwinge", und "beginnenden Terror und Diktatur". Er befahl ein militärisches Vorgehen seiner 15 Sicherungskompanien mit über 3000 Soldaten und verhaftete zunächst die ihm zur Aufsicht beigegebenen Arbeiter- und Soldatenräte, denen dann im Bahnhof von den Soldaten angedroht wurde, "sie totschlagen zu müssen". In der Akademie, dem vom Militär genutzten Gebäudekomplex der früheren Hohen Karlsschule, wurden Waffen beschlagnahmt. Im "Spartakusprozess" stellte sich später heraus, dass die Waffen von dem Matrosen Reisinger, einem der Lockspitzel Hahns, deponiert worden waren. Das Stuttgarter Bürgertum hatte erhebliche Geldbeträge für die "Bestechung" dieses Personenkreises gesammelt.

Das Tagblattgebäude wurde umstellt, Fritz Rück, der erste Vorsitzende des Arbeiter- und Soldatenrats, eilte zum Bahnhof. Auf seine Frage, wer den Befehl gegeben habe, öffnete Hahn nur die Tür zum Nebenzimmer, in dem sich die Minister Blos und Lindemann aufhielten. Zurückgekehrt forderte Rück die Besatzung auf, die Waffen niederzulegen. Als Hahn um 4.30 Uhr das Zeitungsgebäude stürmen ließ, wurde kein Widerstand geleistet. Die Besatzung durfte, so Hahn, "unter Entgegennahme von Prügeln in die Gegend entweichen".

10. Januar: die ersten Toten

Die Revolution war in Stuttgart bis dahin fast unblutig verlaufen. Doch am 10. Januar schossen Regierungssoldaten aus einer von ihnen besetzten Druckerei und töteten mindestens vier, nach anderen Berichten sieben bis acht Demonstranten und Neugierige. Am Nachmittag waren die schwer bewaffneten und mobilen Sicherungskompanien Herr der Lage.

Leutnant Hahn machte derweil seinem Kriegsminister Ulrich Fischer und dem Co-Regierungschef Arthur Crispien deutlich, wer inzwischen das Sagen hatte: "Morgens erschienen Crispien und Fischer bei mir im Bahnhof, da sie gehört hätten, dass hier Maschinengewehre aufgestellt seien, um die Demonstranten zu empfangen. Ich stellte es keineswegs in Abrede, dass der neue Bahnhof nicht nur stark befestigt sei, sondern zeigte auch in zuvorkommender Weise den beiden Herrn Ministern meine Vorbereitungen und die Aufstellung der Maschinengewehre, die die Königstraße, die Anlagen und den alten Bahnhof absolut beherrschten. Ich fügte noch bei, dass auch ein Minenwerfer für indirekten Schuss auf den Schlossplatz und andere Ansammlungsorte Stuttgarts aufgestellt sei. Unter fürchterlichem Protest gegen die Überschreitungen meiner Vollmacht verließen sie den Bahnhof. Die Demonstrationen verliefen an sich ruhig, obwohl die Stimmung eine hochgespannte war."

Als kurz darauf im Bahnhof eine Regierungssitzung stattfand, an der auch Crispien und Fischer teilnehmen wollten, fauchte Blos Crispien an, "er solle sich zum Teufel scheren" und ließ ihn nicht in den Raum. So endete die sozialistische Revolutionsregierung. Crispien und Fischer appellierten an den Arbeiterrat, der aber letztlich Blos unterstützte und Hahns Vorgehen deckte.

Der Spartakistenprozess

In der folgenden Nacht ließ Hahn die führenden Spartakisten verhaften und rechtswidrig in Schutzhaft nehmen. Als "württembergischer Noske" wurde er später von der Linken beschimpft (Der MSPD-Politiker und nach einem eigenen Zitat "Bluthund" genannte Gustav Noske war verantwortlich für das harte Vorgehen und den Einsatz von Freikorps bei der Niederschlagung unter anderem der Januarkämpfe in Berlin). Vor dem ASR erklärte Hahn am 13. Januar allerdings, "dass er mit seiner Person dafür bürge, dass die Sicherheit der Inhaftierten gewährleistet ist". Zwei Tage später wurden in Berlin Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht nach ihrer Verhaftung ermordet, während das Stuttgarter Schwurgericht die angeklagten Spartakisten im Juni freisprach.

Der Prozess belegte, dass die Demonstrationen am 9. Januar nicht den Sturz der Regierung zum Ziel und den Einsatz von Waffen vermieden hatten. Der angebliche Aufstand war für Blos Vorwand gewesen zur Ausschaltung der verhassten USPD aus der Regierung – und damit letztlich ein Zeichen der Entmachtung der Arbeiter- und Soldatenräte, die sie eingesetzt hatten.

Darin spiegelten sich allerdings auch die veränderten Macht- und Mehrheitsverhältnisse. Die USPD erreichte am 12. Januar bei den Wahlen zur Verfassungsgebenden Landesversammlung nur vier Mandate. 60 Prozent wählten "bürgerlich", vor allem auf dem Land.

 

Erhard Korn ist aktiv in der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft und in der Rosa Luxemburg Stiftung. Der vorliegende Text beruht auf einer Stadtführung und einem anschließenden Vortrag "Auf den Spuren der Novemberrevolution".

Weiterführende Literatur:

Paul Hahn: Erinnerungen aus der Revolution in Württemberg (1922)

Eberhard Kolb und Klaus Schönhoven: Regionale und lokale Räteorganisationen in Württemberg 1918/19 (1976)

Willi Münzenberg: Die dritte Front (1930/1972)

Manfred Scheck: Zwischen Weltkrieg und Revolution (1981)

Karl Weller: Die Staatsumwälzung in Württemberg 1918-1920 (1930)


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1 Kommentar verfügbar

  • Fritz Hirschmann
    am 23.01.2019
    Gut recherchiert und belegt. Hoffentlich ein wichtiger Beitrag, einiges in der bisherigen Geschichtsschreibung gerade zu rücken.

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