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Der blaue Brief

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Seit elf Jahren amtiert Joachim Dorfs als Chefredakteur der "Stuttgarter Zeitung". Im Gewerbe munkelt man, dass er das Dutzend nicht voll kriegen wird. Jetzt berichtet der Branchendienst "dossier B", die neuen SWMH-Herren in München wollten ihn loshaben. Aus Kostengründen.

Was für ein Gefühl, morgens ins Büro zu kommen, auf den Schreibtisch zu schauen, um ihn zu entdecken oder nicht: den blauen Brief. Es ist ein schlechtes Gefühl, von dem Joachim Dorfs gerne erzählt hat, wenn er KollegInnen verabschiedet hat, die gingen oder gehen mussten. Er wollte ihnen damit sagen, dass er sie kennt, die Angst, den Job zu verlieren, wobei es eine Frage des Glaubens war, ob man ihm die Privatempirie abnahm oder nicht.

Vieles spricht für eine reale Angst. Als Vertreter der Marktwirtschaft in ungetrübt neoliberaler Form, wusste der Diplomvolkswirt vom Jahrgang 1964, dass Heuern und Feuern zum Geschäft gehörten, dass er Anpassungsleistungen zu erbringen hatte, je nach Gemütslage derer, die regierten.

Insofern wird ihn auch die Nachricht aus München nicht überraschen, wo "dossier B" seinen Sitz hat, ein für gewöhnlich gut unterrichteter Branchendienst. Herausgeber Peter Carl schreibt, Dorfs habe sich dem Vernehmen nach "auf die Suche nach einer neuen Aufgabe" gemacht, möglicherweise nicht allein aus eigenem Antrieb, sondern als Folge des Spardiktats der Südwestdeutschen Medienholding SWMH, die einen teuren Chefredakteur zur Findung eines neuen Jobs ermuntere. Die PR-Abteilungen von Daimler, Porsche, EnBW, berichten Insider, könnten passende Adressen sein. Der Betroffene selbst ist nicht befragbar, er weilt im Urlaub.

Personal abbauen, aber mit dem Ausdruck des Bedauerns

Dorfs war 2008 vom "Handelsblatt" gekommen, zeitgleich mit Richard Rebmann, dem gefürchteten Geschäftsführer der SWMH aus Oberndorf. Während der Schwarzwälder verkündete, keinen Stein auf dem anderen zu lassen, schob der gebürtige Essener schon mal die Kiesel, sprich das Personal hin und her, um die verlangten ersten Millionen einzusparen. Das tat er mit dem Ausdruck des Bedauerns, aber zügig, weil es galt, den Banken die Bilanzen aufzuhübschen, nachdem sich der Erwerb der "Süddeutschen Zeitung" doch nicht so flott finanzieren ließ, wie Rebmann sich das gedacht hatte. Der SWMH-Chef wollte die 720 Millionen Euro mit den Gewinnen des Weltblatts innerhalb kurzer Zeit bezahlen, was sich als ziemlicher Irrtum erwies. Spätestens ab 2008 ging es nur noch bergab. Mit den Abos und mit den Anzeigen.

In diese Zeit fiel auch das Bild mit den toten Bäumen, deren Bedrucken es nicht mehr lohnte. Dorfs bemühte es, wenn ein paar Altvordere wieder einmal für die Nachhaltigkeit des Wortes plädierten und nicht einsehen wollten, dass die Zukunft digital, schnell und volatil ist. Und vor allem nicht verschnarcht. Um diese Einsicht zu befördern, hat er auch lange Sitz-Konferenzen abgeschafft und kurze Steh-Meetings eingeführt, was sowohl seine konjunktivistischen Ausführungen (vielleicht, eventuell, könnte sein) als auch dezidierten Widerspruch reduzierte. Die gedruckte Zeitung ist dadurch nicht aufregender geworden. Nur bunter und mit weniger Text belastet.

Online und Klickzahlen first hieß jetzt die Devise, und dafür richtete der innovative Chefredakteur einen Newsroom ein, einen der "modernsten Deutschlands", in dem er die halbe Redaktion einsperrte. Hier war die Zukunft zuhause, die sich zunehmend am Boulevard entlang hangelte und heute ihren Höhepunkt in dem Samuraischwertmörder findet, der mit seiner Bluttat auf dem Stuttgarter Fasanenhof für Rekordklicks sorgt. Davon kann es nicht genug Geschichten geben.

Dorfs transportiert den Mainstream des schwäbischen Mittelstands

Wenn nun Herausgeber Carl in "dossier B" schreibt, es falle schwer, Dorfs mit journalistischen Highlights in Verbindung zu bringen, hat er einerseits recht, andererseits wieder nicht, weil selbige nicht vorgesehen sind. Dorfs transportiert den Mainstream, der von den Chefs des schwäbischen Mittelstands gespeist wird, zu dem sich auch Daimler zählt, wenn’s passt, und moderiert lieber ihre Veranstaltungen weg, als dass er sich inhaltlich mit den Themen beschäftigen würde. Das schafft Bilder im eigenen Blatt und in der Folge eine Fülle von Medienkooperationen, die kritische StZ-Kollegen vor die Frage stellen, wo sie noch recherchieren können, ohne auf die gute Nachbarschaft hingewiesen zu werden. Banken, Versicherungen, Messe, VfB, SWR, Wieland Backes – alles Freunde.

Aufgefallen sei Dorfs nur, notiert Carl weiter, im Zusammenhang mit dem umstrittenen Gigaprojekt Stuttgart 21. Das stimmt. Erstens als Mitglied eines S-21-Unterstützerkreises, dem auch so wichtige Leute wie Nicola Leibinger-Kammüller, die Vorsitzende der Trumpf-Gruppe, angehören, und zweitens als Garant für eine Berichterstattung, die "Deutschlands dümmstes Großprojekt" (Süddeutsche Zeitung) nie in Frage gestellt hat. Dorfs war derjenige, der sich der Texte S-21-kritischer Kollegen angenommen hat, stets in der Sorge, dass ihm die schwäbische Society die Zuneigung entziehen könnte, die sie ihm zuteil werden ließ, weil er ihr journalistischer Kofferträger war.

Für die Zeitung war das nicht gut. Von den massiven Abokündigungen einmal ganz abgesehen, die Geschäftsführer Rebmann mit erstaunlicher Gelassenheit ertrug. Wer sollte dem Traditionsblatt den Begriff "unabhängig" im Titel noch glauben? Was wäre wohl gewesen, wenn er das Blatt geöffnet hätte, für die ganzen Debatten im Land, für die Ingenieure, Architekten, Geologen, Künstler, Schriftsteller? Der Mann im grauen Anzug ("Wir haben das vorbildlich gemacht") hat das nie kapiert. So wenig wie den paradiesvogelhaften Feuilletonisten Ruprecht Skasa-Weiß, der eine Institution in der Zeitung war, auch mit seinem Weihnachtsrätsel, das er fast 50 Mal ersann, zur Freude einer großen Fangemeinde. Gekippt von Dorfs, mit einem Anruf, wegen Unanständigkeit. Skasa ließ über Fürze rätseln, Kontext hat übernommen.

Lieber Marketing-Sprech. "Der neue Stuttgarter Weg" – die Fusion von "Stuttgarter Zeitung" (StZ) und "Stuttgarter Nachrichten" (StN). Das war das Kunststück im Jahr 2016, als der Kundschaft verkündet wurde, sie würde vom 1. April an eine noch bessere Zeitung bekommen. Gefertigt von einer 240-köpfigen Gemeinschaftsredaktion, die ihre geballte Kraft in die Produktion von Texten stecken würde, welchselbige dann in unterschiedlicher Form in die beiden Titel, die ihrerseits unterschiedlich blieben, einfließen würden. Das erschien Dorfs wichtig wegen der "Markenpositionierung", die man sich so vorstellen musste: Die StZ, Pflichtblatt der schwäbischen Industriegrößen (Mediummagazin), kümmert sich bei Daimler um die wirtschaftliche Analyse, die StN, das verbraucherorientierte Heimatblatt, um die Folgen für die Bevölkerung.

Die "Nachrichten" haben die Macht im Pressehaus übernommen

Über die Jahre hat sich dabei Vieles angeglichen, zumal Lesewertstudien unter dem Publikum ergeben haben sollen, dass leichte Themen mehr gemocht werden als schwere. Nur hin und wieder blitzt das alte rechte Kämpfertum bei den "Stuttgarter Nachrichten" auf, wenn sie exklusiv melden, dass der Linksextremist immer und überall ist. Bei den Hausbesetzern und den Jungen von Fridays for Future.

Die Kolleginnen und Kollegen von der bürgerlich-liberalen Seite, also von der StZ, fremdeln damit immer noch. Auch weil sie registrieren, wie sich die Kräfte verschieben, wie die "Nachrichten"-Truppe Tonlage und Schlagzahl im "Maschinenraum" bestimmt. Angeführt von einem Chefredakteur, der heute noch gerne bei der Bundeswehr übt: Christoph Reisinger, Oberstleutnant der Reserve, Kommando-Ton. Der Allgäuer drückt, zusammen mit seinem Stellvertreter, dem schwarzen Sheriff Wolfgang Molitor, den Meister des Konjunktivs, Joachim Dorfs, locker an die Wand, was bei der StZ-Belegschaft die Angst verstärkt, allein gelassen zu sein in Zeiten, in denen keiner einen Plan hat, aber mindestens einer so tut, als habe er einen. Und das ist Reisinger.

In München sieht man das offenbar ebenso, wenn auch aus einem anderen Blickwinkel. Dort residiert der neue SWMH-Geschäftsführer Christian Wegner, der keine Rücksichten mehr nehmen muss wie sein Vorgänger Rebmann. Er muss nur noch, wie zuletzt in Kontext berichtet, auf die Profitrate achten, die er durch heftiges Sparen zu steigern trachtet. Da ist es doch kostendämpfend, wenn ein Chefredakteur geht, der seine Schuldigkeit getan hat. Und einer bleibt, der meint, er könne es auch allein.

Presse im Umbruch

Print geht, digital kommt. Die meisten Verleger haben das zu spät bemerkt. Statt zu investieren, sparen sie den Journalismus kaputt. Aber es gibt auch positive Beispiele.

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4 Kommentare verfügbar

  • Philippe Ressing
    am 18.08.2019
    Antworten
    Die Verlaufsform der Entwicklung ist absehbar und von den einzelnen Akteuren unabhängig: Wie der Axel Springer Verlag, könnte man auch bei der SWMH in den Lokal- Regionalzeitungen keine Zukunft mehr sehen - renditemäßig. Dann könnte das Unternehmen zum Online-Shop mutieren, der Geld mit Imobilien-…
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