Julia Bönisch, die ungeliebte Digital-Chefin. Foto: Matthias Balk/pda

Julia Bönisch, die ungeliebte Digital-Chefin. Foto: Matthias Balk/pda

Ausgabe 437
Medien

Online second

Von Wolfgang Messner und Markus Wiegand
Datum: 14.08.2019
Auch bei der "Süddeutschen Zeitung" kracht es hinter den Kulissen. In der Chefredaktion ist der Richtungsstreit zwischen Print und Digital offen ausgebrochen. Erstaunlich ist, dass das gedruckte Wort noch eine Mehrheit hat.

Im Kern des Streits geht es darum, wie und vor allem in welchem Tempo die SZ die Transformation von Print zu Digital angehen will und kann? Gibt es weiter ein Primat der gedruckten Zeitung, die immer noch den überragenden Teil der Erlöse von 300 Millionen Euro beisteuert, oder setzt man jetzt aufs Digitale, das hohe Wachstumsraten vorweisen kann? Die Beantwortung der Frage wird von den Protagonisten in der Chefredaktion seit Monaten ausgefochten: Kurt Kister (62) und Wolfgang Krach (55) stehen für Print, Julia Bönisch (39) fürs Digitale. Ihr Debattenbeitrag in der Mai-Ausgabe des Branchenmagazins "Journalist" brachte das Fass zum Überlaufen.

Viele Redakteure nehmen ihr übel, dass sie ohne Not die Trennung von Redaktion und Verlag in Frage gestellt hat, die im SZ-Redaktionsstatut von 1971, so etwas wie dem Grundgesetz des Blattes, zwingend vorgeschrieben ist. "Wir müssen uns von gewohnten Hierarchien und linearen Top-Down-Strukturen verabschieden, ebenso wie von der strikten Trennung in Redaktion und Verlag. Um in einer Zeitung ein funktionierendes Podcast-Team aufzubauen, müssen wir Journalisten uns von Anfang an mit Kollegen aus der IT und der Vermarktung an einen Tisch setzen", formulierte sie forsch in ihrem Beitrag.

Mit ihren steilen Thesen zur Vermarktung, sagen viele Print-Redakteure, habe Bönisch eine rote Linie überschritten. Die Einlassungen der Digital-Chefin stellten "ein absolutes No-Go" dar. Auch dass sie in ihrem Text ihre beiden Chefredakteurskollegen Kister und Krach als angeblich unmodern und überkommen vorgeführt hatte, wird ihr redaktionsweit verübelt. Den Transformationsprozess in den Medien hatte sie auf einen Konflikt zwischen rückständigen mittelalten Männern und digital und modern denkenden jungen Frauen zugespitzt, die "für Veränderung" stünden. Statt sich um Schönschreiberei, Texte und ums Blattmachen zu kümmern, folgerte die Digital-Chefin, müsse eine Medien-Führungskraft von heute sich mehr dem Workflow annehmen, die Prozesse und ihre Optimierung steuern. Kurz gesagt: brauche man mehr "gute Manager an der Spitze von Redaktionen", als solche sich Bönisch offenbar auch selbst sieht.

Wuchtige Texte sind nicht mehr wichtig, sagt die Digital-Chefin

Redaktionsleitungen, die "sich ausschließlich über Inhalte" definierten, gehörten "zunehmend der Vergangenheit" an, befand sie weiter. Früher seien diejenigen Kollegen zum Ressortleiter befördert worden, die die "besten und wuchtigsten Texte schrieben", so Bönisch. Eine Sequenz, die innerhalb der Redaktion klar als auf den wortgewaltigen Chef Kurt Kister gemünzt verstanden wird. Auch Vertreter der Seite drei, die für sich in Anspruch nimmt, die besten und am schönsten aufgeschriebenen Artikel im Land zu veröffentlichen, fühlten sich übel angegangen, wie Redebeiträgen auf der Redaktionsvollversammlung am 24. Juni zu entnehmen war.

Gegen den peniblen Blattmacher Krach wird Bönischs Einlassung interpretiert, sie halte es "in dieser Zeit für ebenso wichtig, dass ein Chefredakteur, der sich mit der Bildunterschrift auf Seite sieben beschäftigt, sich der Frage stellt, wie sein Haus profitabel arbeitet". Das alles, finden viele SZ-Redakteure, sei reichlich holzschnittartig gedacht und ein Affront nicht nur gegen die beiden Chefs, sondern auch gegen die Printredaktion im Gesamten.

Außerhalb des Hauses erfuhr Bönisch für ihre Thesen von Digitalkollegen und anderen Führungskräften dagegen viel Zustimmung. Etwa von Hannah Suppa, Chefredakteurin Digitale Transformation bei Madsack. Was Bönisch über Transformation, Management, Führung und Zusammenarbeit gesagt habe, sei "richtig & wichtig", so Suppa. Auch in den Führungsetagen der SZ und der Südwestdeutschen Medienholding SWMH fanden das manche Granden wie aus dem Herzen gesprochen.

Frau, Onlinerin, noch keine 40, ein Affront

Dass es aber in der Redaktion gewaltige Vorbehalte gegen sie gibt, ist Bönisch nicht unbekannt. Schon in ihrem Beitrag hatte sie geschrieben: "Für manchen Kollegen in der Branche bin ich ein Affront. Frau, Onlinerin, noch keine 40." Auch dass sie "publizistisch kaum in Erscheinung" trete, wie sie selbst einräumt, wird ihr vorgehalten. Kurz und knapp lautet die Kritik: Die Bönisch kann es nicht. Sie habe weder je eine große Geschichte recherchiert, noch eine aufgeschrieben. Sie beherrsche das Handwerk schlicht nicht – zumindest nicht auf SZ-Niveau. Dieser Mangel zeige sich auch in ihren Herausgeberbriefen an die SZ-Digital-Abonnenten, bei denen sie sich mit ihren Chefkollegen abwechselt, in denen ihr eine "Regionalzeitungsschreibe" konstatiert wird.

"Die ist bei uns viel zu schnell hochgeschossen und nun werden ihre Defizite offenbar", meint ein hochrangiger SZ-Redakteur abschätzig. Bönisch war 2007 kurz nach dem Studium eingestellt worden. Zunächst war sie für Bildungsthemen zuständig; aber schon drei Jahre später reüssierte sie als Chefin vom Dienst und 2017 beförderte man sie zur Chefredakteurin von "sueddeutsche.de". Im Mai 2018 wurde sie wie ihr Vorgänger Stefan Ottlitz (vormals Plöchinger) in die Gesamtchefredaktion der "Süddeutschen Zeitung" berufen – ironischerweise übrigens auf Vorschlag von Kister und Krach. Damit war sie das erste weibliche Mitglied an der SZ-Spitze.

Bei der Redaktionsvollversammlung am 24. Juni gehen Kister und Krach vor mehr als 150 Redakteuren und Redakteurinnen deutlich auf Distanz zu ihrer Kollegin. Krach sagt, es sei durch Bönischs Beitrag zu einem "Vertrauensbruch" innerhalb der SZ-Chefredaktion gekommen, von dem man nicht wisse, ob und wie er wieder zu heilen sei. Kister wiederholt inhaltlich den Vorwurf, ohne jedoch das Wort vom "Vertrauensbruch" aufzugreifen, erinnern sich Teilnehmer.

Noch bestimmt Print das Tempo, nicht das Digitale

Auffällig ist: Der machtbewusste Krach und der geschmeidigere Kister lassen den Konflikt nun schon fast zwei Monate schwelen. Es ist kaum denkbar, dass das ohne Kalkül geschieht. Die alten Fahrensmänner schüren so weiter das Feuer gegen die junge Digital-Chefin. Unklar ist, warum beide nicht auf ihre Ablösung drängen. Denn offenkundig ist eine Führung nicht handlungsfähig, wenn das Vertrauensverhältnis gestört ist. Möglicherweise wollen beide nicht die Verantwortung für den Abgang übernehmen. Zudem gibt es im Herausgeberrat und in der Geschäftsführung keine Mehrheit für eine Ablösung. Dort werden zwar die Thesen von Bönisch mehrheitlich geteilt, jedoch wurde der Beitrag als nicht förderlich für die Stimmung im Haus betrachtet.

Noch immer arbeiten die Print- und die Onlinekollegen der SZ in verschiedenen Gesellschaften mit verschiedenen Arbeitsverträgen. Kister und Krach wollen beide die Fusion. Aber in einem Tempo, das die Printredaktion als zumutbar betrachtet. Onliner halten das gemächliche Vorgehen dagegen für eine gefährliche Fehleinschätzung, da ein, zwei Jahre im digitalen Zeitalter bereits Ewigkeiten bedeuten. Das ist der eine Kern des Streits.

Hinzu kommt, dass die Beteiligten den Fusionsprozess für ihre Zwecke zu nutzen versuchen. Insbesondere Krach wird unterstellt, er möchte die Fusion Print/Online unbedingt durchsetzen, um seine Machtbasis zu vergrößern. Krach hatte einst die Einführung des E-Papers durchgesetzt. Nun würde eine Großfusion eine gute Basis bedeuten, wenn es eines Tages darum geht, wer Kalif anstelle der Kalifen werden soll, heißt es.

In der Geschäftsführung steht die Zusammenführung der Print und der Digital GmbH derzeit nicht oben auf der Prioritätenliste. Man findet, dass das Geschäft auch in der alten Struktur läuft. Gegenwärtig liegt die Anzahl der Digital-Abos bei knapp 50.000 – sie wächst jährlich um rund 20 Prozent. Nimmt man die so genannten Aufstocker dazu, die zusätzlich zum Print- auch ein Digital-Abo abgeschlossen haben, kommt man auf rund 75.000 Digital-Abos. Das ist im Branchenvergleich ordentlich. Intern sieht man sich auf dem richtigen Weg. Vor allem die Premium-Inhalte aus dem "SZ Magazin", aber auch längere Zeitungsstücke sorgen für Registrierungen und Digitalverkäufe. Vor allem, wenn sie im digitalen Textmarketing gut verkauft werden. Auf der Verlagsseite sieht man Letzteres vor allem als Verdienst von Bönisch und möchte sie halten.

Noch ist das Blatt in einer soliden wirtschaftlichen Verfassung. Den Umsatz beziffern interne Berichte im Jahr 2018 auf 300 Millionen Euro. Das Ebitda-Ergebnis (vor Steuern und Abschreibungen) betrug noch 28 Millionen Euro. Damit ist die Ebitda-Marge auf 9,3 Prozent gefallen. Im Branchenschnitt ist das okay, aber auch nicht besser. Die Werbeerlöse sanken im vergangenen Jahr auf 84 Millionen Euro (minus fünf bis sechs Prozent zu 2017), der Vertrieb erreichte 170 Millionen Euro (plus zwei bis drei Prozent zu 2017).

Bei weiteren Verlusten drohen empfindliche Sparrunden

In den vergangenen drei Jahren sind die Werbeerlöse um rund 22 Millionen Euro gesunken. In der Branche geht man davon aus, dass sich in Zukunft der Niedergang im Anzeigengeschäft eher beschleunigen wird. Die dort anfallenden Verluste müssen im Vertrieb oder durch neue Geschäftsfelder aufgefangen werden. Sonst drohen weitere empfindliche Sparrunden. Allein zur Print GmbH zählen in Verlag und Redaktion knapp über 1.000 Mitarbeiter; davon sind rund 450 Redaktionsmitglieder. Etwa 420 davon sind festangestellt. Die Digital-Gesellschaft kommt auf rund 250 Mitarbeiter, etwa die Hälfte in der Redaktion und auf Technik und Verlag verteilt. Der Redaktionsetat von mehr als 60 Millionen Euro ist vermutlich der höchste in Deutschland. Mittelfristig ist unsicher, wie der große Aufwand bei bröckelnden Erlösen finanziert werden soll, räumen Verlagsquellen ein. Kurzfristig allerdings seien keine drastischen Schritte geplant. Das wiederum hieße aber, dass die Rentabilität der SZ weiter sinken würde, was die Gesellschafter tolerieren müssten.

Geschäftsführer Stefan Hilscher hat es intern bisher vermieden, sich eindeutig zu positionieren. Es sei nicht geplant, die Chefredakteurin Bönisch abzulösen, teilte Hilscher auf Anfrage mit. "Die Chefredaktion besteht aus drei Leuten. Dabei bleibt es." Auch bei den drei Herausgebern der SZ war die Eskalation des Streits schon Thema. Der langjährige Geschäftsführer von SZ-Eigner SWMH, Richard Rebmann, hält das Ganze offenbar für eine Posse. Der öffentlichkeitsscheue Verleger Thomas Schaub (u.a. Rheinpfalz) erkenne ebenfalls kein größeres Problem, heißt es aus Unternehmenskreisen. Am ehesten gilt der ebenfalls öffentlichkeitsscheue Johannes Friedmann (mit 18,75 Prozent der Anteile Minderheitseigentümer) als Sachwalter der Interessen der Printredaktion. Insbesondere Kurt Kister werden hervorragende Kontakte zu den Herausgebern nachgesagt. In der Redaktion gilt er daher als Garant gegen harte Sparmaßnahmen.


Der Beitrag ist eine gekürzte Fassung der Titelgeschichte im Branchenmagazin "Kress Pro", Ausgabe 6/2019.

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2 Kommentare verfügbar

  • Philippe Ressing
    vor 14 Stunden
    trickreich versucht sich die Managerin als verfolgte Frau aus der Affaire zu ziehen. Unabhängig von den Macho-Strukturen in deutschen Medienbetrieben - sei es Privatwirtscahftlich oder Öffentlich-Rechtlich - versucht sie quasi als Trojanische Stute davon abzulenken, dass für sie Journalismus nur Nebensache ist. Business counts - das endet dann in opulenten Texten, die sich nachher als Fake entpuppen - siehe Spiegel oder auch SZ-Magazin.
  • Klinger
    vor 2 Tagen
    Der Twitter-Button funktioniert nicht, übergibt nicht einmal die URL!

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