Besucherinnen und Besucher der re:smartphonia. Foto: re:publica/Gregor Fischer

Besucherinnen und Besucher der re:smartphonia. Foto: re:publica/Gregor Fischer

Ausgabe 320
Medien

Journalistisches Gründungsfieber

Von Wilhelm Reschl
Datum: 17.05.2017
Auflagenschwund, Zeitungssterben: Das Ende einer jahrhundertealten Kulturtechnik, dem Drucken von Wörtern auf Papier, scheint gekommen. Wie JournalistInnen auf diesen epochalen Umbruch reagieren, das war auch Thema bei der diesjährigen re:publica in Berlin.

Mehr als 9000 Besucher aus 70 Ländern diskutierten auf dieser größten Internetkonferenz Europas über Recht und Sicherheit, Politik und Spaß, Geld und Gesundheit im World Wide Web. Und nicht zuletzt über neue Modelle für den Journalismus. Dass der meist online verbreitet wird, ist hier keine Frage. Ebenfalls einig ist sich zumindest die Netzgemeinde darin, dass die Zukunft der Zunft multimedial sein wird: weg von der Textlastigkeit, hin zum Bewegtbild und zum Hörbaren.

Doch wie dieser Journalismus der Nach-Gutenberg-Ära aussehen soll, wie er organisiert und vor allem auch finanziert werden soll, darüber gehen die Meinungen weit auseinander. Bei der Vorstellung neuer Modelle werden stets auch die Pioniere des Online-Journalismus erwähnt. Ganz vorne mit dabei ist Kontext. Für die neuen Projekte ist das Onlinemagazin aus Stuttgart, gemeinnützig, spendenfinanziert und anzeigenfrei, nun schon ein Klassiker, der bereits unglaublich lange sechs Jahre besteht.

Besonders das Netzwerk Recherche e. V., ein gemeinnütziger Zusammenschluss etablierter JournalistInnen, hat den Non-Profit-Journalismus zu seinem Anliegen gemacht. Vor allem sollen Nachwuchsprojekte gefördert werden. Bei der re:publica 2017 stellte Netzwerk Recherche einige geförderte Projekte vor. Dabei handelt es sich freilich nicht um Online-Zeitungen, sondern um journalistische Netz-Aktivitäten, die als Ergänzung zu den klassischen Medien gedacht sind.

Journalistische Netz-Aktivitäten als Ergänzung zu Print

FragDenStaat etwa ist eine Plattform für Informationsfreiheit. Und sie funktioniert so: EinE BürgerIn hat eine Frage an Behörden, etwa Gerichte, Stadtverwaltungen oder Finanzämter. Die Plattform stellt die Frage ins Netz und veröffentlicht dort auch die Antwort "des Staates". Zahlreiche Fragen und Antworten etwa zu Hartz IV oder zu Geheimdiensten sind schon jetzt auf der Website zu finden.

Hostwriter bringt JournalistInnen auf der ganzen Welt zusammen. Jemand will eine Reportage in Bosnien realisieren. Er oder sie fragt nach bei Hostwriter und bekommt so KollegInnen vor Ort vermittelt. Die bieten nicht nur eine Übernachtung, sondern auch Einblick in die Gegebenheiten vor Ort, und helfen bei der Realisierung der Geschichte.

Das Projekt Newscomer beschreibt sich selbst in einem Satz so: "Wir bringen Geflüchtete in Kontakt mit Lokalredaktionen." So sollen Reportertandems gebildet werden, die durch ihre gemeinsamen Geschichten vor Ort zur Verständigung zwischen Einheimischen und Neuankömmlingen beitragen.

Ein paar Bälle werfen, und fertig ist das Start-up, oder was? Foto: re:publica/Jan Michalko
Ein paar Bälle werfen, und fertig ist das Start-up, oder was? Foto: re:publica/Jan Michalko

Das sind alles Initiativen von NachwuchsjournalistInnen, die meist frisch von der Uni kommen. Es sind klassische Start-ups, wie es sie in allen Branchen und auf der ganzen Welt gibt. Finanziert werden diese journalistischen Initiativen, neben der kargen Förderung durch das Netzwerk Recherche (2500 Euro), vor allem durch Crowdfunding. Das bringt nicht nur Geld, sondern macht die Projekte auch bekannt und hilft, eine UnterstützerInnengemeinschaft aufzubauen. Eindrucksvoll beweist dies derzeit das Schweizer Projekt R. Die Initiative um den Journalisten Constantin Seibt hat den Weltrekord im Medien-Crowdfunding geschafft. Seit 26. April haben sie mehr als zwei Millionen Franken eingesammelt und mehr als 10 000 UnterstützerInnen gewonnen.

Für den Sommer plant das Netzwerk Recherche eine Gründertour durch ganz Deutschland. Schwerpunkt wird dabei das vom Zeitungssterben besonders betroffene Nordrhein-Westfalen sein. Hier sollen möglichst viele alternative Presseprojekte neu entstehen. In diesem größten deutschen Bundesland gibt es auch die Stiftung Vor Ort, die von der Landesmedienanstalt finanziert wird. Sie soll dem gemeinnützigen Journalismus auf die Sprünge helfen. Ob auch künftig öffentliche Gelder für gemeinnützigen Journalismus fließen werden, scheint zumindest fraglich.

Mit Journalismus Geld zu verdienen, bleibt schwierig

Doch nicht nur Neulinge, sondern auch gestandene, ja sogar bekannte JournalistInnen denken über neue Möglichkeiten im Internet nach. So hat sich bei der re:publica auch das Start-up RiffReporter vorgestellt. Geworben wird dafür mit dem Slogan: "Journalismus direkt vom Erzeuger". Wie die Milchbauern haben freie JournalistInnen eine Genossenschaft gegründet und wollen nun, ohne einen Verlag als Zwischenhändler, ihre Artikel direkt an LeserInnen verkaufen.

Das ist natürlich schwierig, ohne eine etablierte Marke im Hintergrund. Außerdem sind die Rahmenbedingungen, etwa das Bezahlen sehr kleiner Beträge (Micropayment), noch unterentwickelt. Für Spezialthemen, die sich an feste Zielgruppen richten, kann dieses Modell durchaus funktionieren und für die Beteiligten wenigstens einen Nebenverdienst bedeuten.

Manche Start-ups wollen aber richtig klotzen und nicht um Kleinbeträge kleckern. So hat die Firma OpenDataCity "einen höheren sechsstelligen Betrag" von Google bekommen, um die Nachrichten-App xMinutes zu entwickeln. Mit Partnern wie der "Tagesschau" und "Spiegel online" soll xMinutes ab Ende des Jahres zumindest in Deutschland die Vormacht von Facebook bei den Nachrichten brechen.

Vom winzigen Studenten-Start-up bis zu den Kommandohöhen der digitalen Gesellschaft – überall herrschen Aufbruch- und Gründerfieber. Krasser könnte der Kontrast zu den schrumpfenden Alt-Verlagen mit ihren siechenden Zeitungen und Zeitschriften nicht sein.


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