Ausgabe 189
Editorial

Ein Schuss Wahnsinn

Von unserer Redaktion
Datum: 12.11.2014

Der Ort hat zum Thema gepasst: das Haus der Demokratie in Berlin und der Nonprofit-Journalismus. Hier kann man trefflich über den Auftrag der Medien diskutieren, über ihre Wächterfunktion und die Frage, was davon übrig geblieben ist. Und mit wem geht es besser als mit dem Netzwerk Recherche, dem Gastgeber, der seit Jahren investigativen Journalismus fördert? Denn: Wer mitreden und mitbestimmen will, braucht Informationen, denen zu trauen ist, keinen News-Lobbyismus (Ukraine/GDL), der nur wenig mehr als Propaganda ist. Dazu braucht es aber auch neue Modelle im Medienwesen. Nicht profitgetriebene eben.

Die Kontext:Wochenzeitung ist eines dieser unabhängigen Projekte, das sich der Meinungs- und Informationsfreiheit (Artikel 5 Grundgesetz) verschrieben hat. In unserem vierten Jahr gehören wir schon zu den Veteranen dieses Aufbruchs, Krautreporter und Correctiv sind zuletzt gefolgt. Kontext-Frau Susanne Stiefel war mit ihnen in Berlin, um mit Stiftern, Spendern und Politikern über ihre Erfahrungen zu sprechen, unter dem viel sagenden Titel "Spenden, Stifter, Stipendien – Notgroschen fürs Medienprekariat – oder die Zukunft der Recherche?" Ihr Fazit: "Man braucht einen Schuss Wahnsinn, noch funktioniert es nur mit Selbstausbeutung, aber es tut sich etwas." Bei Kontext tragen die LeserInnen den Löwenanteil, aber es müssen noch mehr sein.

Von der Verdi-Sekretärin aus Nordrhein-Westfalen bis hin zu den Journalisten des Online-Projekts "Das ist Rostock" waren sie am vergangenen Donerstag  nach Berlin gereist, weil sie vor allem eines interessierte: Wie wird Journalismus gemeinnützig und woher kommt das Geld? Von Stephanie Reuter, der Geschäftsführerin der Rudolf-Augstein-Stiftung, haben sie gelernt, nach welchen Kriterien sie journalistische Projekte unterstützt und warum viele deutsche Stiftungen die Taschen noch zuhalten. Von Jens Rehländer (Volkswagen-Stiftung) haben sie gehört, dass es nicht nur bei den Stiftungen, sondern auch bei den Bürgern ein Umdenken geben müsse. Er würde am liebsten alle Nutzer von gut recherchierten Online-Zeitungen zwingen, auch dafür zu zahlen. Dafür bekam Rehländer zwar Prügel aus der Runde, doch in einem hat der Stiftungssprecher recht: Auch BürgerInnen müssen sich fragen, was ihnen unabhängiger Qualitätsjournalismus wert ist.

Die Politik in Nordrhein-Westfalen denkt bereits weiter, wie Peter Widlok von der dortigen Landesanstalt für Medien betonte. Doch noch ist unklar, welche Projekte mit den 1,6 Millionen Euro unterstützt werden sollen, die die rot-grüne Landesregierung dafür von den Rundfunkgebühren abgezwackt hat.

Man darf also einen Hauch von Aufbruch verspüren, den die Initiative Nonprofit-Journalismus Deutschland jetzt verstärken will. "Viele Journalisten stellen sich den neuen Herausforderungen und entwickeln innovative Alternativmedien", heißt es in diesem Aufruf des Netzwerks Recherche. "Dieser Journalismus ist gemeinwohlorientiert, hat es aber schwer, als solcher anerkannt zu werden. Die Initiative Nonprofit-Journalismus will das ändern." Der vollständige Aufruf kann hier gelesen und unterschrieben werden.

***

Augen und Ohren aufhalten, mit den Menschen sprechen – das tut auch Journalisten gut, und das hat Kontext-Autorin Stefanie Järkel auf ihre Art gemacht. Sie hat ihren Job bei der "Schwäbischen Zeitung" mit 33 Jahren aufgegeben, ist sechs Monate durch vier Kontinente und sieben Länder gereist und hat darüber jetzt ein Buch geschrieben. Es heißt "Einfach reisen – Über die Leichtigkeit, die Welt zu umrunden" und ist im Internet zu kaufen als Taschenbuch (14,99 Euro plus Versand) und E-Book (2,99 Euro). Die Weltreisende aus Böblingen verspricht Lesespaß für alle Reiselustigen.


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7 Kommentare verfügbar

  • Malvoisine
    am 13.11.2014
    @ Ulrich Frank

    Sicherlich erscheinen die Ukraine-Artikel auf Telepolis nicht in der Weise von SPON oder ZON reißerisch bis hetzerisch.

    Aber wenn man aufmerksam liest, merkt man auch hier, dass einem doch auch auf Telepolis einiges einfach untergejubelt werden soll.

    Ein Beispiel:

    "Die OSZE-Beobachtermission hatte in den letzten Tagen von mehreren Konvois von militärischen Fahrzeugen mit Artillerie und von Panzern gesprochen, die in den von den Separatisten besetzten Gebieten Richtung Frontlinie gefahren seien. Nato-Oberkommandeur Philip Breedlove hat die Berichte gegenüber Journalisten bestätigt. Man habe auch solche Konvois gesehen, es seien "russische Panzer, Artillerie, Luftabwehrsysteme und Kampfsoldaten" in die Ukraine gebracht worden. In der Ukraine befänden sich mehr russische Soldaten, die Separatisten an modernen Waffen ausbilden. Am stärksten besorge ihn die offene, völlig poröse Grenze, über die alles von Russland aus in die Ukraine gebracht werden könne."
    (Telepolis: Ukrainischer Verteidigungsminister bereitet Truppen auf neue Kämpfe vor)

    Der Text beinhaltet eigentlich zwei Informationen:

    1. Die OSZE sah mehrere militärische Konvois innerhalb der von Neurussland besetzten Gebiete.
    2. Die NATO behauptet (nicht bestätigt, da kein Beweis!) es würden verschiedene Waffen(systeme) und Soldaten aus Russland nach Neurussland kommen etc.

    Die Informationen sind eigentlich getrennt zu behandeln und erfordern bei korrekter Berichterstattung einen eigenen Absatz.

    Wer hier nicht genau aufpasst, fasst die Information dahingehend auf, dass die OSZE die Lieferung von Waffen und Material aus Russland bestätigt hat.

    Dem ist aber mitnichten so!

    Diese Darstellung ist kein harmloser Fehler und sie "passiert" auch nicht einfach so, sondern man muss davon ausgehen, dass die unzulässige Verknüpfung von Fakten bewusst stattgefunden hat.

    Abgesehen davon behauptet die NATO schon seit allmählich einem halben Jahr, reguläre russische Truppen und Material seien in der Ostukraine - bislang mit keinem einzigen stichhaltigen Beweis. Mittlerweile ein Treppenwitz...

    Aus all dem schließe ich: Telepolis ist mittlerweile leider auch keine Alternative mehr - höchstens noch das Telepolis-Forum, wo manchmal interessante Links veröffentlicht werden.

    Und im Ergebnis bleibt dann k e i n politisches Medium mit tagesaktuellen Inhalten mehr übrig, dem man zutrauen könnte, sich um weitgehende Objektivität zu bemühen.

    Ich schreibe das ungern, aber eigentlich kenne ich das bislang nur aus Diktaturen.
  • Ulrich Frank
    am 13.11.2014
    @Malvoisine, 12.11.2014 22:57 - Möchte mich dafür entschuldigen daß ich Ihren Verweis auf telepolis in Ihrem ersten Kommentar übersehen habe. Zu Ihrem skeptischen Hinweis auf den dortigen Artikel "Ukraine: Steht ein Angriff der Separatisten bevor?", http://www.heise.de/tp/artikel/43/43285/1.html - so möchte ich Ihre Einschätzung nicht ganz teilen. Herr Rötzer scheint mir, in vorsichtiger Weise und in den angebrachten grammatischen Formen, die zur Verfügung stehenden Informationen und Aussagen zu referieren, dabei die jeweiligen Quellen nennend. Der mainstream tendiert zum Indikativ. Das Wort "angeblich" taucht da m.E. selten auf.
  • MC Quadrat
    am 13.11.2014
    Aber, aber, Frau/Herr invinoveritas.. gerade der 'Mainstream' behauptet doch unablässig 2+2 ergebe 5!
    Es bestätigt sich mal wieder, daß zuviele Viertele oftmals doch nur zu herablassender Heimeligkeit und Regierungs-Apologetik statt zur Wahrheit führen.
    So wird das nix mit einer anderen, besseren Welt für unsere Kinder und Kindeskinder.
    Immer wenn Menschen mit dem Wörtchen 'Frieden' an unsere gemeinsame Verantwortung erinnern, findet sich auch gleich jemand, der zur ansonsten substanzlosen Gegendarstellung NATO- und Merkel-Fähnchen schwenken muß. Durchaus symptomatisch, nach so vielen bleiernen Jahren. Aber dennoch mehr als müßig.
    Lassen Sie uns friedliebende Naivlinge doch in Ruh mit Ihren Rechnungen, die Sie noch mit irgendwelchen Putins offen zu haben scheinen.. und vergessen Sie auf dem Weg zum 'Welt'-Forum nicht Ihr 'I love GEZ' T-Hemd.
  • Malvoisine
    am 12.11.2014
    @ Ulrich Frank

    Ja, Telepolis erwähnte ich auch in meinem Kommentar und empfahl ich auch noch vor einiger Zeit als Quelle zur Ukraine-Krise. Jetzt allerdings findet man dort Artikel wie jenen mit der Überschrift: "Ukraine-steht ein Angriff der Separatisten bevor?"

    Und das - obwohl es gute Gründe für Truppenverlegungen für die Ostukrainer gibt, nachdem die Kämpfe trotz des Waffenstillstands weitergehen - die Überschrift ist damit eindeutig tendenziös, der Artikel liest sich auch nicht wirklich neutral.

    Telepolis - war - eine gute Quelle, aber man ist dort anscheinend aus irgendeinem Grund eingeknickt (worden). Schade.
  • Ulrich Frank
    am 12.11.2014
    @Malvoisine, 12.11.2014 12:43h. Es wäre zu beachten daß alternative Publikationen zumeist keine unbegrenzten Ressourcen haben, weder an Geld noch Personal. Zur Ukraine - und zu vielen anderen Themen - gibt es allerdings ausgezeichnete "alternative" Beiträge, z.B. (!) im vom heise-Verlag online herausgegebenen telepolis-Magazin. (nur z.B. : http://www.heise.de/tp/artikel/43/43265/1.html) Dort auch eine fortgesetzte Auseinandersetzung mit dem mainstream-Journalismus (einfach einmal "Kornelius" eingeben bei telepolis...).

    Eine Gegenöffentlichkeit in Gestalt alternativer Publikationen ist notwendiger denn je.
  • invinoveritas
    am 12.11.2014
    "Eine sehr einsame Rolle, aber absolut nötig im Sinne der Demokratie und für den Frieden in Europa"? Genau. Wenn sich die entsprechenden Journalisten erstmal so richtig gegen den Mainstream stellen, dann wird alles gut. Dann werden Putins kleine grüne Männchen auf der Krim endlich richtig gewürdigt - Stichwort Frieden! -, dann erkennen wir Weisheit und Weitblick der ostukrainischen Separatisten bei ihrer Entscheidung, anti-separatistische Parteien zu ihrer "Wahl" gar nicht erst antreten zu lassen - Stichwort Demokratie!- , dann sieht man vielleicht endlich ein, wie lächerlich und historisch überholt das bis dahin geltende eiserne Prinzip war, dass die europäischen Völker nach zwei Weltkriegen nie mehr gewaltsam Grenzen souveräner Staaten verrücken oder sich zum Eigennutz fremdes Territorium einverleiben. Dann wird endlich dem "Propagandakrieg gegen die ostukrainischen Rebellen und gegen Russland" eine "echte Alternative" geboten. Die wird nämlich dringend gebraucht - so dringend wie eine Abwechslung zur immergleichen mainstream-message, zwei mal zwei sei vier. fünf wäre schließlich viel lustiger.
  • Malvoisine
    am 12.11.2014
    "Wer mitreden und mitbestimmen will, braucht Informationen, denen zu trauen ist, keinen News-Lobbyismus (Ukraine/GDL), der nur wenig mehr als Propaganda ist."

    Leider wird von den genannten alternativen Medien zum Propagandakrieg gegen die ostukrainischen Rebellen und gegen Russland keine echte Alternative geboten.

    Hier im Kontext ist der letzte Artikel zum Thema Ukraine von irgendwann Oktober - ist seither nichts Berichtenswertes mehr geschehen?

    Die Krautreporter - kaum erschienen - sind sofort auf die offzielle Propaganda-Linie eingeschwenkt - und seither war nichts mehr zum Thema zu lesen.

    Auf Correctiv habe zumindest ich bislang nichts zum Thema gefunden.

    Also bliebe nur noch Telepolis als Alternative - aber auch da findet man einen zunehmend einknickenden Herrn Rötzer, der zunehmend und unbegründet Pro-Kiew schreibt, indem er deren gezielt gestreute Gerüchte unkritisch wiederholt.

    Fazit: Möchte man alternative Nachrichten zur Ukraine, muss man wohl auf eines der "anrüchigen" Portale ausweichen und alle rufen dann - halt nein - dies sind Verschwörungstheoretiker, lest das nicht!

    Aber was, bitte, bleibt uns, wollen wir nicht die offensichtlichen plumpen Lügen aus Kiew serviert bekommen?

    Insofern halte ich die oben genannte Konferenz grundsätzlich für Augenwischerei - die wirkliche Alternative wird nicht oder zu wenig geboten.

    Für wirklich guten Journalismus sind die Leser sicher bereit zu bezahlen, man hat ja früher auch den Spiegel gekauft, der nicht eben günstig war.

    Aber das würde bedeuten, dass sich die entsprechenden Journalisten auch tatsächlich gegen den Mainstream stellen - eine sehr einsame Rolle, aber absolut nötig im Sinne der Demokratie und für den Frieden in Europa!

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