Schniekes Logo – vielmehr ist bislang nicht zu sehen vom rebellischen Projekt.

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Ausgabe 304
Medien

R wie Rebellion

Von Michael Lünstroth
Datum: 25.01.2017
Eine Rebellion im Journalismus. In der Schweiz. Der Zürcher Starautor Constantin Seibt will nicht weniger als das. Mit einem anspruchsvollen Digitalmagazin will er gegen die Verlage zu Felde ziehen, die sich immer mehr vom Journalismus verabschieden.

Die Zukunft des Journalismus soll in einem ehemaligen Puff geschaffen werden. Constantin Seibt muss selbst grinsen, als er das erzählt. Aber genau das ist der Plan. Dort, wo erst die Artisten des Circus Knie wohnten und später Nutten und Freier verkehrten, soll der Journalismus seine Würde zurück bekommen. "Keine schlechte Umgebung für publizistische Pläne", findet Seibt. Der 50-Jährige ist einer der profiliertesten Autoren der Schweiz. Bis zum vergangenen Oktober war er Reporter beim Zürcher "Tagesanzeiger", 2007 "Journalist des Jahres", 2012 "Reporter des Jahres", 2013 "Kolumnist des Jahres" und 2016 dann nochmal "Reporter des Jahres".

Als er im Oktober gemeinsam mit seinem Kollegen Christof Moser ankündigte, seinen gut dotierten Job beim "Tagesanzeiger" hinzuschmeißen, verursachte das ein Beben in der Schweizer Medienwelt. Zwei angesehene Journalisten, die sichere Jobs für ein riskantes Vorhaben aufgaben – das war per se interessant. Und das, obwohl die beiden am Anfang nur eine sehr spartanische Internetseite, einen kryptischen Namen ("Project R", R wie Rebellion) und ein paar markige Worte vorweisen konnten: "Die Verlage investieren Ideen, Geld und Leidenschaft nicht mehr in den Journalismus, sondern in den Aufbau von Internet-Handelshäusern. Wir glauben, dass auch im Journalismus die Zeit für eine kleine Rebellion gekommen ist. Und arbeiten daran, sie zu machen", hieß es damals.

Journalistenrebell Constantin Seibt.
Journalistenrebell Constantin Seibt.

Seitdem sind vier Monate vergangen, das Ziel ist nach wie vor das gleiche: Make journalism great again. Wir treffen Constantin Seibt an einem Januarmorgen in einem Kaffeehaus in der Zürcher Bahnhofsgegend. Seibt trägt graues Haar, einen schwarzen Pullover mit Reißverschluss am Kragen und Jeans. Klassischer Reporterlook. Die Arbeit in den vergangenen Wochen ist intensiver geworden, allmählich wird es ernst für das Projekt. "Wir müssen jetzt beweisen, dass wir den Mund nicht zu voll genommen haben", sagt er. Wenn er sich über etwas amüsiert, dann gehen seine Mundwinkel hoch und seine eigentlich seriös-sonore Stimme bekommt etwas knödelig, kermithaftiges. Das also ist der Mann, der den Journalismus retten will.

Jammern hilft nichts, wenn der Verlag etwas anderes will

Angefangen hat alles vor mehr als fünf Jahren. Seibt saß an seinem Schreibtisch in der Redaktion und hatte das ungute Gefühl, dass in seinem Verlag (Tamedia, zweitgrößter Verlag der Schweiz) etwas kippt: "Es war mir klar, dass alles Klagen, Fluchen, Ärgern sinnlos ist – wenn mein Verlag in eine andere Richtung gehen will als ich, dann muss ich etwas verändern". Mehr als drei Jahre lang hat er im Geheimen mit Christof Moser an dem Konzept gefeilt. Herauskommen soll ein Digitalmagazin mit Erklär- und recherchiertem Debattenjournalismus, thematisch unterwegs zwischen Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur. Der publizistische Ansatz dabei: "Wir wollen nicht den ersten Artikel zu einem Thema schreiben, sondern möglichst den definitiven", sagt Seibt.

Das Konzept basiert auf seiner Analyse des gegenwärtigen Journalismus. "Der liberale Aufklärungsjournalismus funktioniert nicht mehr, weil ihm die Grundlagen entzogen wurden: gemeinsame Werte und die stille Übereinkunft, dass es eine Wirklichkeit gibt. In heutigen Debatten gibt es aber oft mindestens zwei Wirklichkeiten", befindet Seibt. Das Herstellen von Gemeinsamkeit in der Gesellschaft werde so schwieriger. Auch das Aufdecken von Skandalen habe heute kaum noch Wirkung. "Das kann man an Donald Trump sehen. Der trägt seine Skandale und Fiesheiten wie eine Ware vor sich her – als Zeichen für seine Macht und Ausdruck davon, dass er sich das leisten kann." Schlechte Informationen, meint Seibt, führen zu schlechten Entscheidungen, und davon profitierten am Ende nur die Rechtspopulisten.

Die Combo, die das verhindern will, ist in den letzten Monaten gewachsen. Neben den beiden Journalisten Seibt und Moser sind inzwischen auch sechs weitere ExpertInnen aus Wirtschaft, IT und der Start-up-Branche an Bord. Der Start ist für den 1. Januar 2018 geplant, aber davor steht noch eine große Hürde – ein Crowdfunding für die Anschubfinanzierung. "Für uns ist das auch ein Markttest: Gibt es überhaupt eine Nachfrage nach unserem Produkt? Wir wollen kein Magazin machen, das keiner lesen will", sagt Seibt. Im Mai soll die einmonatige Spendensammlung beginnen. Damit die Hürde übersprungen wird, müssen die potenziellen LeserInnen zwischen 500 000 und einer Million Franken vorlegen. Gelingt dies, kommt weiteres Geld von Investorenseite. Jeder gespendete Franken löse vier weitere von Geldgebern aus, das sei fest vereinbart, versichert Seibt. Wer diese Sponsoren sind, verrät er nicht. Nur so viel: "Es sind hauptsächlich Leute, die am Journalismus als Wachhund der Demokratie interessiert sind."

Noch mehr Rebellen.
Noch mehr Rebellen.

Bringt das Crowdfunding genügend Geld in die Kassen, soll im Sommer der Aufbau der Redaktion beginnen. Zehn bis 15 Leute stark soll die Belegschaft sein, "aber nicht alle in Vollzeit". Das konkrete redaktionelle Konzept soll erst gemeinsam mit dem Team erarbeitet werden. Aber der Rahmen steht fest: "Wir wollen die großen Geschichten erzählen und das auf einer Breitleinwand", sagt er. Kein Klein-Klein, sondern die großen Themen unserer Zeit sollen verhandelt werden: Digitalisierung, Robotisierung, Finanzsystem, so was. Und alles natürlich multimedial. Die Redaktion soll aber nicht nur im Netz bleiben, sondern auch physischen Kontakt zu den LeserInnen suchen – über Salons, Veranstaltung von Filmreihen und einmal im Monat soll die Redaktion mit den LeserInnen trinken. Damit das ganze Geschäft auch über die Anschubfinanzierung hinaus läuft, brauchen sie nach ihrem Businessplan im ersten Jahr 5000 AbonnentInnen und im fünften Jahr 22 000.

Unterhält man sich länger mit Seibt, kann man vor allem zwei Dinge bemerken. Erstens: Der Mann ist in der Schweiz schon so viel zu seinem Projekt gefragt worden, dass er auf einen vollen Korb von Satzbausteinen zurückgreifen kann. Zweitens: Er scheut auch keine Kampfansagen. Den "Tagesanzeiger", seine frühere Wirkungsstätte, bezeichnet er als "Totenschiff", er selbst wolle mit seiner "Guerillatruppe besseren Journalismus bieten als die stehenden Heere der jetzigen Publizistik" und "Project R" soll eine "Arche Noah für den Journalismus" werden.

Wer so spricht, erntet naturgemäß Widerspruch. Zum Beispiel von Andreas Häuptli. Als Geschäftsführer der Schweizer Medien, dem Verband der privaten Schweizer Medienunternehmen, ist er so etwas wie der natürliche Feind von Seibts Projekt. "Der Vorwurf von Seibt und Moser, dass sich die Schweizer Medienhäuser vom publizistischen Geschäft verabschieden, gilt nicht. Dies zeigt die große Medienvielfalt in allen Landesteilen der Schweiz. Und sie ist auch nicht fundamental gefährdet", sagt er auf Nachfrage von Kontext. Insgesamt bezeichnet Häuptli die Initiative zwar als interessant, er glaubt aber nicht an einen wirtschaftlichen Erfolg: "Obwohl ich die Planung nicht kenne, bin ich skeptisch, was die Kommerzialisierung angeht", sagt er. Eine Anschubfinanzierung möge über ein Crowdfunding funktionieren, für die Sicherung des Tagesgeschäftes tauge sie aber kaum. Professionelle Investoren finde man nur mit einem "fundierten und realistischen Geschäftsmodell".

Constantin Seibt kennt diese Kritik. Er weiß selbst am besten, dass sie zu wirtschaftlichem Erfolg verdammt sind, wenn sie das Mediensystem verändern wollen. Nur wenn sein "Project R" lebensfähig ist, kann er Nachahmer ermutigen und nachhaltig wirken. "Wir dürfen es einfach nicht vermasseln", kontert der Journalist, andernfalls müssten sie "entehrt das Land verlassen, in die Provinz ziehen und in die Werbung gehen". Die gute Nachricht für ihn – die schwierigen Zeiten. Seit Trump und Brexit ist das Bedürfnis nach anspruchsvollem Erklärjournalismus so groß wie lange nicht mehr.


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