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Ware Zeit

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Es gibt alles im Netz - Restaurant-Kritik, Analysen, Kommentare, Nachrichten sowieso. Braucht die Welt dann noch Zeitungsjournalisten? Natürlich, sagt der Schweizer Autor Constantin Seibt. Sie investieren Zeit in Stil, für die Ästhetik, und in Recherche. Zeit, die sie dem Leser sparen.

Zeitungsleser wissen mehr - und haben mehr Zeit. Foto: Martin Storz

Es gibt alles im Netz – Restaurant-Kritik, Analysen, Kommentare, Nachrichten sowieso. Braucht die Welt dann noch Zeitungsjournalisten? Natürlich, sagt der Schweizer Autor Constantin Seibt. Sie investieren Zeit in Stil, für die Ästhetik, und in Recherche. Zeit, die sie dem Leser sparen.

Was bleibt dem klassischen Journalismus als Marktlücke übrig? Nun, es gibt den Traum jeden Teenagers. Dieser unterhält sich mit einer begehrenswerten Frau, einem begehrenswerten Mann – und geht mit dem schrecklichen Gefühl, versagt zu haben: keinen geraden Satz gesagt, nur Bruch, Gestammel, peinliche Dummheiten.

Und mitten in seiner Erniedrigung träumt der Teenager: von ungleichmäßiger Zeit. Dass er oder sie nach dieser und jener Bemerkung des anderen eine Stunde Zeit gehabt hätte, über die richtige Antwort nachzudenken. Um dann die funkelnde Pointe, die kluge Nebenbemerkung oder den perfekten Anmachsatz zu äußern, die dem Teenager gerade jetzt eingefallen ist. Jetzt, wo es zu spät ist, da er längst einsam nach Hause geht.

Nach dieser kurzen Abschweifung zurück zur Frage dieses Textes: Was zum Teufel verkaufen wir eigentlich noch exklusiv? Oder marketingtechnisch formuliert: Was ist heute noch die USP, das Alleinstellungsmerkmal von Zeitungsjournalismus?

Denn längst sind nicht nur die Einnahmenquellen – allen voran die lukrative Rubrikenwerbung – ins Internet abgehauen. Sondern auch fast alle Exklusivprodukte: erst die News, dann die Kommentarkanzel sowie – last, but not least – das öffentliche Debattenforum, das es einst nur in Kneipen und auf Leserbriefseiten gab.

Jeder ist heute DDR-Geheimdienstchef

Grobe Rechnung: Wenn sie fünf Minuten liest, hat der Journalist dafür fünf Stunden Arbeit investiert. Foto: privatIn nur zehn Jahren sind fast alle Verteidigungslinien der Zeitung gefallen. Anfangs gab es zwar noch Polemiken. Journalisten schrieben von der sinnlichen Qualität von Papier und von kalten Computern, von erfahrenen Redaktionen und der chaotischen Desinformation im Netz, von der Lächerlichkeit der Amateur-Kommentare, verglichen mit denen der Profis. Das sind heute alles Argumente alter Männer. Natürlich gibt es im Netz viel Schrott. Aber auch tonnenweise verlässliche Nachrichten, brillante Faktensammlungen und viel zitierte Expertenblogs. Nicht zu sprechen von Dienstleistungen wie Film-, Literatur- und Gastrokritik, die ebenfalls zunehmend vom Netz übernommen werden. Und so sinnlich Papier raschelt – ein iPad hat auch seinen Reiz. 

Tatsache ist, dass der Besitzer eines Computers heute gratis so informiert ist, wie es vor 30 Jahren nur jemand wie der damalige DDR-Geheimdienstchef Erich Mielke war. Im Archiv des Internets steckt zwar viel Falsches, dank Facebook auch viel Klatsch – und das größte Problem für jeden Forschenden ist die gigantische Unübersichtlichkeit. Aber genau so war es im Stasiarchiv damals auch. 

Das wissen wir alle, denn das Internet hat jedem einzelnen Journalisten neben der Konkurrenz auch die Freiheit geschenkt: über jedes mögliche Thema zu schreiben. Etwas, was sich bis etwa 1997 nur Starjournalisten von Großzeitungen leisten konnten – etwa die Reporter des "Spiegels" mit seinem legendären Archiv. Das Internet hat uns von der Pflicht, uns zu spezialisieren, erlöst. (Das Resultat ist zwar nicht immer vorteilhaft; aber der Beweis der Freiheit ist ja gerade ihr Missbrauch.)

Warum Journalisten cleverer sind als Leser

Aber zurück zum Thema: was also bleibt Zeitungsredaktionen bei dieser Konkurrenz als exklusive Ware übrig? 

Es ist der Teenagertraum.

Denn die Ware im Journalismus ist im Kern nicht die Nachricht, die Unterhaltung oder der Kommentar, sondern die Ware jedes professionellen Schreibers: komprimierte Zeit. 

Um das zu verstehen, nützt ein einfaches Rechenbeispiel. Wenn ich als Journalist die grundsätzlichen Fakten für einen Artikel zusammenhabe, rechne ich – also noch ohne Recherche – mit einem Schreibtempo von 1000 Zeichen die Stunde. Diese 1000 Zeichen lesen Sie in knapp einer Minute weg.

Das heißt, es ist für mich keine große Kunst, etwas cleverer, informierter, verblüffender zu sein als Sie, denn ich habe 60 Mal mehr Zeit, nachzudenken.

Zu dieser Zeit gehört nicht nur das pure Vorwärtsschreiben, sondern gelegentliches Herumträumen, das Streichen von Dummheiten, das Feilen an Pointen. Und in finsteren Momenten sogar der großzügige Service, den Text abstürzen zu lassen. Lieber Schweigen als Unfug.

Das Konzept von komprimierter Zeit ist auch der Grund, warum Leute gern lesen: Sie machen ein blendendes Geschäft. In einer Minute haben sie eine Stunde fremde Denkarbeit oder mehr gewonnen.

Die Rolls-Royces werden überleben und nicht die VWs

Nicht schneller arbeiten, sondern gründlicher. Foto: privat Es ist auch der Grund, warum Journalismus nicht beliebig rationalisierbar ist: Je höher der Output des einzelnen Redakteurs, desto korrupter ist die Qualität der Ware. Zugegeben, es gibt Momente der Gnade, in denen man seine Artikel wie diktiert herunterschreibt. Und oft sind das die besten. Aber Inspiration ist Gnade. Die Regel ist sie nicht. (Und die Recherche ist ebenfalls nicht eingerechnet.)

Als Geschäftsmodell versagt das Sweat-Shop-Schreiben. Je mehr sich die Schreib- der Lesezeit annähert, desto überflüssiger, fehleranfälliger, ähnlicher mit der Konkurrenz ist das Produkt.

Deshalb, so meine erste Prognose, haben Zeitungen langfristig nur eine Chance: die Flucht in die Qualität, also in zeitraubende Bereiche wie Recherche und Stil zu investieren. Denn es werden eher die Rolls-Royces überleben als die VWs. Eventuell als dünnere Blätter, als Wochenzeitungen oder als teure Zeitungen für die Elite. Denn das letzte Alleinstellungsmerkmal, die sie anbieten, ist konkurrenzlos. Redaktionen sind Manufakturen für komprimierte Zeit: eine organisierte Gruppe von Profis, die zehn Stunden am Tag für nichts anderes bezahlt werden, als sich mit der Welt zu beschäftigen.

Auch Online-Nachrichtenportale werden – so meine zweite Wette – spätestens sobald Kunden bezahlen müssen, aber auch sonst, nicht darum herumkommen, erstens weniger einzelne Texte zu veröffentlichen, zweitens einen wesentlichen Anteil ihrer Artikel langsamer zu produzieren: einfach, weil ihr Lesenutzen bei zu großem Tempo gegen null tendiert. (Hier ein kleines Beispiel: der Erfolg des Online-Magazins "Salon" durch Abbau der Artikelzahl.) 

Für Zeitungen, die sich erneuern, für Journalisten, die sich etablieren wollen, heißt das Gesetz der komprimierten Zeit: unverschnittene Ware zu liefern. Die richtige Strategie ist, im Zweifelsfall weniger und konzentrierter zu schreiben. 

Alles andere läuft mittelfristig am Produkt und damit am Markt vorbei. 

 

 

Weiteres journalistisch Selbstreflexives gibt es im Blog von Constantin Seibt beim Züricher "Tages-Anzeiger".


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1 Kommentar verfügbar

  • hajomueller
    am 06.06.2012
    Antworten
    Constantin Seibt hat recht wenn er schreibt, "die einzige Chance der Zeitungen ist die Flucht in die Qualität."
    Genau dort aber liegt der Hund begraben. Jeden Tag bin ich erschüttert über die seichte Qualität deutscher Medien. Kann ja aber auch nicht anders sein, wenn der Verleger der Stuttgarter…
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