Ausgabe 227
Medien

Wächter aus dem Wieslauftal

Von Susanne Stiefel
Datum: 05.08.2015
Sie sind mit ihren Kameras da, wo es weh tut: in der ersten Reihe. Die Fotoreporter der Beobachternews schauen Neonazis auf die Finger, aber auch der Polizei. Mancher Demonstrant fühlt sich seitdem sicherer, mancher Ordnungshüter unter verstärkter Beobachtung. Und das ist ganz im Sinne des Erfinders Alfred Denzinger.

Im Sommer macht auch der linke Protest Ferien. Und so hatte Alfred Denzinger und seine MitstreiterInnen am vergangenen Wochenende tatsächlich mal frei. Kein G7-Gipfel, kein homophober Aufmarsch gegen Bildungspläne, keine rassistischen Stugida-Aktivitäten und damit auch keine Gegendemos. Es ist ruhig im Südwesten der Republik, nichts zu beobachten für die Wächter aus dem Wieslauftal. "Das ist auch mal ganz nett", sagt Alfred Denzinger und lacht. Eine kleine Sommerpause tut auch unermüdlichen Kämpfern gegen alte und neue Nazis, gegen Intoleranz und gegen polizeiliche Übergriffe mal gut.

Im kargen Empfangsbüro: Alfred und Nico Denzinger. Foto: Kontext
Im kargen Empfangsbüro: Alfred und Nico Denzinger. Foto: Kontext

Da sitzen sie in dem kargen Raum, in den sie zum Gespräch gebeten haben, Alfred und Nico Denzinger. Draußen vor der Tür steht groß vms-Versicherungen und klein Beobachternews, drinnen ein Tisch, ein Telefon, ein Computer, an der Wand ein Kaufhausbild, drunter Vater und Sohn. Alfred Denziger, 58 Jahre, sorgfältig gestutzter Vollbart, im früheren Leben Versicherungsmakler, heute Gründer und Herz des Online-Magazins Beobachternews und voller Mitteilungsdrang. Sohn Nico, 35 Jahre, Hausmann, propere Langhaarfrisur, Tätowierungen am sommerlich entblößten Arm, freundliches Lächeln, eher wortkarg. Die Beobachternews sind ein Familienunternehmen der besonderen Art.

Sohn Nico kam dazu, als Neonazis seinen Vater bedrohten. Das war 2010, Nazis hatten in Weiler bei Schorndorf die "Linde" als Versammlungsort ausgeguckt, Alfred Denzinger gründete mit anderen "Weiler schaut hin", um mit Mahnwachen direkt gegenüber die braune Wirtschaft zu beenden. Als einer der Rechten den Vater am Kragen packte, war für Nico aus mit lustig, "das geht gar nicht". Der Vater zeigte den rechten Schläger an, der Sohn erklärte sich solidarisch und ist seitdem mit dabei. "Wir lassen uns von Rechten nicht einschüchtern", sagt Alfred. "Wir kuschen auch nicht vor der Polizei", ergänzt der Sohn. Das ist Journalismus mit Haltung und viel mehr als eine Vater-und-Sohn-Geschichte.

Mit den Denzingers steht man immer in der ersten Reihe

Zu zweit haben sie 2010 mit den Beobachternews ("Uns ist kein besserer Name eingefallen") angefangen. Inzwischen sind sie im Redaktionsteam zu viert, haben etwa 20 ehrenamtliche MitarbeiterInnen. Täglich berichten sie von Bundeswehr-Gelöbnissen, Hooligan-Aufmärschen, NPD-Parteitagen aus dem Südwesten, 2000 Zugriffe haben sie täglich.

Ganz nah dran an der Demo für alle. Foto: Nico Denzinger
Ganz nah dran an der Demo für alle. Foto: Nico Denzinger

Sie sind parteilich und näher dran als viele Journalisten, weil sie immer vorne mit dabei sind und von der Antifa nicht als Feind wahrgenommen werden. Sie verstehen sich als Demobeobachter und als Wächter und sie sind immer für Überraschungen gut. Zu den Demos gegen Stuttgart 21 oder zum Nazi-Aufmarsch in Göppingen fährt Alfred Denzinger schon mal in seinem Porsche, Kamera und Presseausweis im Kofferraum. Das Geld für die Luxuskarosse hat er als Versicherungsmakler verdient. Für Beruf und Fahrzeug schämt er sich genauso wenig wie dafür, dass er sein Geld nun in sein Online-Magazin steckt. Auch der Schorndorfer Stadtrat Wilhelm Pesch ist schon mal mitgefahren. "Das hat Spaß gemacht", sagt der Grüne, der mit dem Benzinfresser aus Zuffenhausen keine Schwierigkeiten hat. Mit anderem allerdings schon. Als Vorsitzender von "Weiler gegen rechts" hat er sich vor Jahren mit "dem Freddy" überworfen, weil ihm der zu linksradikal und zu nahe an der Antifa war, während Pesch die bürgerliche Öffentlichkeit nicht vergrätzen wollte. Inzwischen, sagt Pesch, gäben sie sich wieder die Hand.

Auch der Korber SPD-Vorsitzende Jürgen Klotz schätzt Alfred Denzinger als engagierten Rechercheur. Kennengelernt haben sie sich vor Jahren, als Korb in Aufruhr war: die NPD hatte die Gemeinde bei Winnenden ausgeguckt für ihren Landesparteitag und ihre Jugendorganisation wollte hier ihren Bundesparteitag abhalten. Engagierte Korber wehrten sich gegen den braunen Aufmarsch, auch Alfred Denzinger war mit dabei. "Sie werden von den Parteien zu Unrecht in die ganz linke Ecke gestellt", sagt Klotz, der für seine Partei auch im Korber Gemeinderat sitzt, "dabei dokumentieren sie nur eindrucksvoll, dass nicht jeder Polizeieinsatz verhältnismäßig abläuft." Und Luigi Pantisano von der Stuttgarter Linken fühlt sich auf Demos wohler, wenn er die leuchtenden Westen mit dem Logo der Beobachternews sieht: "Es gibt mir ein Gefühl der Sicherheit, wenn die Denzingers da sind", sagt der 36-Jährige.

Die allerdings können sich nicht sicher fühlen. Wer Neonazis und Staatsschutz so genau auf die Finger sieht, muss mit Gegenbeobachtung rechnen. Bei Demonstrationen werden die Denzingers und ihre JournalistenkollegInnen immer besonders genau von der Polizei überprüft. "Und manchmal werden wir von wildfremden Polizisten namentlich begrüßt", sagt Nico grinsend und lehnt sich vor auf den Resopaltisch. Eine unwirkliche Atmosphäre herrscht in diesem aufgeräumten Zimmer, das so gar keine Rückschlüsse auf die Arbeit der Beobachter zulässt oder eine Redaktionsarbeit widerspiegelt.

Ein Quäntchen Geheimniskrämerei muss erlaubt sein

Und das ist Absicht. Sie sind bei rechten Veranstaltern und Polizei nicht eben beliebt. Und wie Neonazis mit ihren Gegner umgehen, ist sattsam bekannt. Alfred Denzinger lebt damit, dass er mit Bild und Namen in einschlägigen Steckbriefen veröffentlicht ist. In Zeiten, in denen Flüchtlingsheime wieder brennen, ist das kein gutes Gefühl. Sein Sohn Nico hat sich aus dem Melderegister streichen lassen. Er will seine Frau und seine zwei Kinder schützen. Da muss ein Quäntchen Geheimniskrämerei und Konspiration erlaubt sein

Nico Denzinger selbst wurde bei Demonstrationen schon von Polizisten gepackt und so heftig am Rucksack zu Boden gezogen, dass dabei ein Kreuzband riss. Der Anwalt riet von einer Anzeige ab, weil dann sofort mit einer Gegenanzeige zu rechnen sei, erzählt der Vater. Seitdem trägt der Sohn eine Kameralinse an seinem Rucksack. Wer die Berichterstattung über den NSU-Untersuchungausschuss verfolgt, weiß, dass es auch unter Polizisten schwarze Schafe gibt.

Alfred und Nico Denzinger bei der Arbeit. Foto: Timo Kabel
Alfred und Nico Denzinger bei der Arbeit. Foto: Timo Kabel

Begonnen hat die journalistische Arbeit von Vater und Sohn mit dem Stuttgarter Bündnis für Versammlungsfreiheit, gegründet 2008, als CDU und FDP das baden-württembergische Versammlungsrecht verschärfen sollten. Die Denzingers waren Mitbegründer der AG Demobeobachtung. Bald richteten sie ihren kritischen Blick weit über Stuttgart hinaus, gründeten 2010 ihre eigene Plattform, druckten zwischendurch mal neun Ausgaben, stellten fest, dass das zu teuer ist und kamen 2014 wieder aufs Internet zurück.

Das Geld kommt vom Verkauf von Denzingers Versicherungsfirma, von wenigen Spenden und über den Verkauf ihrer Bilder: "Die NPD-Frau Edda Schmidt haben wir schon öfter verkauft", sagt Alfred Denzinger. Doch wer meint, er könnte mit den Denzinger-Fotos gegen Demonstranten ermitteln, hat sich getäuscht. Der Polizei rücken sie weder Nazi- noch Antifa-Fotos raus. Informantenschutz? "Wir sind nicht scharf auf geile Bilder", sagen die Denzingers unisono, "wir wollen festhalten, was schief läuft." Die Gesichter von Demonstranten sind meist verpixelt.

Anfangs schossen sie hauptsächlich Bilder, inzwischen recherchieren die Beobachter-Journalisten verstärkt Hintergründe. Unterstützt werden sie dabei von der Journalistin und dju-Funktionärin Renate Angstmann-Koch. Für viele sind sie die Helden der Straße, mit ihrer Kamera immer an vorderster Front, wo es Pfefferspray und Gerangel gibt. Für Angstmann-Koch sind sie in bester journalistischer Manier "da, wo andere nicht hinschauen".

Streitbar sind sie allemal. Praktisch auch - der Porsche ist längst einem VW-Bus gewichen, in dem auch das Büro Platz hat. Und sie haben noch viel vor. Der Südwesten ist ihnen längst zu eng. Sie waren beim G-7-Gipfel in Garmisch, bei Blockupy in Frankfurt und am liebsten hätte Alfred Denzinger in jeder größeren deutschen Stadt einen Beobachter und Mitarbeiter sitzen. Vielleicht werden sie im September weitere dazugewinnen. Dann sitzt Alfred "Freddy" Denzinger als Experte beim Kongress der linken Medienakademie LIMA in Berlin. Dort referiert der Demo-Berichterstatter aus dem Wieslauftal darüber, was es alles braucht, um ganz vorne mitzumischen, ohne zwischen die Fronten zu geraten.


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