Ausgabe 437
Editorial

Kopf und Klick

Von unserer Redaktion
Datum: 14.08.2019

Die "Süddeutsche" ist die große Zeitung, die "Stuttgarter Zeitung" und die "Stuttgarter Nachrichten", zusammengefasst unter StZN, sind die Kleinen. Alle gehören sie zur Südwestdeutschen Medienholding SWMH, die wir in Kontext gerne als Krake bezeichnen, weil sie so viele Arme hat. Und so viele Probleme. Ihnen widmen wir uns mit großer Hingabe, weil es sonst (fast) niemand tut. Obwohl es so wichtig ist. Keine Demokratie ohne freie Presse. So heißt es doch.

Nun sei diese Presse, heißt es weiter, eine aussterbende Spezies. Ganz schlaue Experten sagen auch schon das Jahr voraus, in dem die letzte gedruckte Tageszeitung erscheinen wird. 2035 liegt derzeit ganz vorne. Der Grund: Die  Auflagen gehen dramatisch zurück, parallel dazu die Anzeigenerlöse – und schuld ist das Internet. Aber ist das wirklich so einfach?

Dieser Frage gehen wir auch in dieser Ausgabe wieder nach, und schauen dazu auf zwei Bühnen, wo gerade Lehrstücke aufgeführt werden. Print gegen Online, Kopf gegen Klick. Im Stuttgarter Pressehaus wird voll auf digital gesetzt, auf die Klickzahl und auf das Prinzip Hoffnung, dass die Kundschaft irgendwann zahlt. Auf jeden Fall so viel, dass die Verluste im Printgeschäft kompensiert werden können. Das ist Konsens in der Chefetage, die jetzt womöglich kleiner wird. Im Münchner SZ-Turm an der Hultschiner Straße stehen zwei Chefredakteure auf der Bremse: Kurt Kister und Wolfgang Krach. Beide wollen Print nicht kampflos aufgeben, beide wollen einen behutsamen Wandel. In Julia Bönisch haben sie eine Gegenspielerin, der es mit dem Digitalen nicht schnell genug gehen kann, die dafür eherne Gesetze schleifen will, die bei der "Süddeutschen" noch gelten. Die Trennung von Redaktion und Verlag zum Beispiel.

Hier wird es grundsätzlich. Der 62-jährige Kister, den die Kollegen Wolfgang Messner und Markus Wiegand als byzantinisch-barock beschreiben, verkörpert die SZ wie kaum ein anderer. Er ist ein unabhängiger Kopf. Die 39-jährige Bönisch, die Messner/Wiegand als "kesse Julia" erscheint, braucht keine Chefredakteure, die "wuchtige" Texte schreiben. Sie will Manager an der Spitze von Redaktionen. Für sie ist Journalismus ein "Workflow" zwischen IT und Vermarktung – und vorläufigem Verschnaufen auf der Karriereleiter. Eine gelbe Karte für den Digi-Fan. Wo gibt’s denn sowas? Von StZ-Chefredakteur Joachim Dorfs, Jahrgang 1964, sind wegweisende Worte nicht bekannt. Sieht man einmal von den toten Bäumen ab, die nicht mehr bedruckt werden. Er dürfte sich als Manager verstehen, voll auf der Höhe der Zeit, geschmeidig in der Haltung. Und was lernen wir daraus?

Die "Süddeutsche Zeitung" lohnt sich zu lesen.    

***

Pop und Politik haben nichts miteinander zu tun? Aber hallo! Von solch dünkelhaften Ressentiments hält Landesverkehrsminister Winfried Hermann offensichtlich ebenso wenig wie von Kritik an seinem Lokführer-Pool. Am 8. August stellte der grüne Minister – mit drei weiteren FußgängerInnen – das berühmte Cover-Foto des Beatles-Albums "Abbey Road" nach, auf dem die Herren Lennon, McCartney, Harrison und Starr hintereinander über einen Zebrastreifen laufen.

Hermann wählte dabei einen anderen Ansatz als die amerikanische Funk-Rock Band Red Hot Chili Peppers, die das Motiv 1988 nachstellte, und es ging ihm auch nicht nur darum, das 50. Jubiläum des Originalfotos – es entstand am 8. August 1969 – zu zelebrieren. Sondern er wollte damit, so verrät die dazugehörige Pressemitteilung, auf das Aktionsprogramm "1000 Zebrastreifen für Baden-Württemberg" aufmerksam machen. Ob sich Hermann dabei aber auch Gedanken über das Koalitionsklima gemacht hat? Denn Innenminister Thomas Strobl, der ja bekanntlich überall ist, wo eine Kamera knipst, könnte dies natürlich unter Zugzwang bringen, mit Entsprechendem gleichzuziehen. Und er hat dies, wie wir aus gewöhnlich einigermaßen gut unterrichteten Kreisen erfahren haben, bereits getan. Um neue Polizeiuniformen zu präsentieren, ließ auch Strobl ein berühmtes Beatles-Cover nachstellen: "Sergeant Pepper’s Lonely Heart Club Band". Wir wollen es Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, nicht vorenthalten:


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