Karikatur: Oliver Stenzel

Ausgabe 365
Kultur

Kontext lässt verklemmten StZ-Furz fahren

Von Ruprecht Skasa-Weiß
Datum: 28.03.2018
Das Rätsel zum Fest. Das war für ganz viele LeserInnen der "Stuttgarter Zeitung" Weihnachten. 49 Jahre lang. Bis Chefredakteur Joachim Dorfs beschloss, dass Schluss ist. Seine Begründung: Ein Rätsel über Fürze sei degoutant und könne dem Publikum nicht zugemutet werden. Die Empörung darüber ist auch bei Kontext angekommen. Deshalb gibt es das Weihnachtsrätsel hier im Netz und am Samstag in der taz. Jetzt eben zum Osterfest.

Flatulenz. Leute, lacht nicht – und: Leute, schämt euch nicht! Zwei entgegengesetzte Appelle, beide fruchtlos. Denn eins wie das andre passiert immerfort und geradezu zwanghaft, sobald der Mensch sich allzumenschlich "gehen lässt". Die Weltgeschichte ist voller Hosentrompeter, denen es eine Lust war, derbfröhlich forciert Laut von sich zu geben – und andren, die sich's verkniffen und selbst noch den leisesten Ton peinlich zu unterdrücken versuchten. Zehn ausgemachte Stänker stehen auch im Zentrum unsres Rätsels; wer sie entdeckt, den erwartet zum Trost reichlicher Lohn: Es winken dufte Preise.

Ein Filmstar, bekannt als bekennender Furz-Fan

Man lese und staune: "Einige Menschen haben die Fähigkeit, durch gezieltes Spannen des Darmschließmuskels die Tonhöhe der Abwinde zu modulieren. Der bekannteste dieser Kunstfurzer, die früher auf Jahrmärkten und Rummelplätzen auftraten, war der Franzose Joseph Pujol, der unter dem Künstlernamen Le Pétomane (von französisch le pet, deutsch "der Furz") auch im Pariser Moulin Rouge in den 1890er Jahren auftrat. Allerdings soll Pujol die Fähigkeit gehabt haben, auch über den Anus Luft einzusaugen und somit geruchsfrei Geräusche produzieren zu können. Sein Repertoire umfasste die Imitation von Gewittern, von Kanonenschlägen bis hin zur Intonation von Melodien. Auch in neuerer Zeit sind derartige Darbietungen bekannt geworden. Im Rahmen des von André Heller 1987 realisierten Vergnügungsparks Luna Luna traten mehrere Kunstfurzer auf. Mit einer ähnlichen Nummer reiste der unter dem Künstlernamen Mr. Methane auftretende Brite Paul Oldfield ab 1991 durch Fernsehshows rund um die Erde."

Der Weg zum Lösungswort

Zehn Stänker sind gesucht. Es gilt, ihren Namensklang aufzuteilen in feinere Tönchen und diese, als ob es Bauchwinde wären, herauszulassen wie folgt:

♥ vom 1. Namen den 1. Ton
♥ vom 2. Namen den 7. Ton
♥ vom 3. Namen den 1. Ton
♥ vom 4. Namen den 2. Ton
♥ vom 5. Namen den 7. Ton
♥ vom 6. Namen den 1. Ton
♥ vom 7. Namen den 2. Ton
♥ vom 8. Namen den 9. Ton
♥ vom 9. Namen den 7. Ton
♥ vom 10. Namen den 1. Ton

Aber aufgepasst, die zehn Tönchen sollten Sie nun gründlich durcheinanderwehen lassen, so lange, bis etwas entstanden ist, was allen Pupsen dieser Welt zu Grunde liegt. Das ist das Lösungswort.

Dieses Zitat, entnommen einer webbasierten Enzyklopädie, welche auf quälende Fragen possierliche Antworten gibt, umreißt das Sensationswerk der Pujolschen Kunstfurzerei völlig korrekt. Da das Peinliche, wenn es von andern hervorgebracht wird, uns durchaus ergötzen kann, gehören Pups-Imitatoren noch heute zu so mancher Party – und die Furzkissenindustrie erkannte beizeiten einen Bedarf, den sie erbärmlich misstönend zu decken gedachte.

Unter den Bumsartikelfreunden finden und fanden sich Prominente jeder Couleur, darunter Stefan Raab, Bernhard Grzimek und Prinz Harry, der seiner Meghan zur Hochzeit hoffentlich nicht wieder just dasselbe schenkte, womit er seine Großmutter vordem beglückte: ein Furzkissen, schau an, vielmehr, hör an! Das die Queen indessen rasch vom Gabentisch verschwinden ließ, gequält amused …

Und dann gibt es da einen Filmstar, einen sehr schönen, der nennt sich selbst einen bekennenden Furz-Fan. Gemeinsam mit seinen Freunden ist er sich einig, Blähungen seien die "lustigste Sache in der Geschichte der Menschheit": "Schon allein das Wort 'Furz' bringt mich zum Lachen." Und was tut er nicht alles für dieses sein Hobby! "Ich habe", spricht er prahlerisch, "iFart auf meinem Mobiltelefon. Und ich habe Pupskissen mit Fernbedienung." Dass er den künstlichen mitunter auch ganz natürliche Darmwinde beizumengen versteht, bezeugt der "Berliner Kurier" unter Berufung aufs Dienstpersonal, das ihm in Hollywood nahekam: "Es macht ihm nichts aus, vor der Haushaltshilfe zu rülpsen und zu furzen." Sein Ruhm als Schauspieler, Drehbuchautor, Filmproduzent, Regisseur hat darunter bisher absolut nicht gelitten.

Die ungeheure Kraft des Darmwindgottes

Crepitus, der Gott des Darmwinds, war eine vertraut-gefürchtete Erscheinung im alten Rom wie in Ägypten. Vor seiner donnernden Allgewalt mochte man sich entsetzen, doch was mit dieser zu bewirken war, imponierte als Zeichen der Kraft ungemein. So entdeckte der Mensch, pressfroh und unerschrocken, wie er oft war, dass sich mit einem wohlgezielten Blähton auch Abwehr, Geringschätzung, ja, größte Verachtung ausdrücken ließen. Als Aubrey Beardsley daranging, die "Lysistrata" des Aristophanes zu illustrieren, zeichnete er einen Weiberpopo samt seinem Darmwind, über welchen hinweg Lysistrata die Akropolis flottfeministisch verteidigt gegen den Andrang der Männer. In einer Satire des Horaz erzählt ein hölzerner Priapus, wie er, furzend aus Furcht vor den Hexen, mit seinem Abgasmirakel zuletzt alle Hexen vertrieb. Und wie hatte der Kraftsechser Martin Luther sich papstwärts geäußert? "Wenn ich einen Furz lasse, soll man es riechen bis nach Rom!" Ein Diktum, zwar lustig, doch drohend schon auch.

Aber die größten Freunde der skatologischen Kraftmeierei waren dann doch die Franzosen. Vor allem einer, der selber ehdem zum Priester geweiht worden war, bevor er sich als Arzt versuchte, trieb mit dem Flatulieren die ausgelassensten Scherze - sein Hauptwerk, ein herrlich grotesker Roman, ist ein einziges Hohelied auf den Furz, welchen die Helden als jederzeit scharfe Waffe zu nutzen wissen. Da schreibt er etwa von einem "Darmschuss", welcher bewirkte, dass einem "armen Gefangenen der Kopf zerspalten war und sein Gehirn verprüßet. Denn er fazte so ungestüm, dass der aus seinem Leib ausstoßende Wind drey Wagen mit Heu umwarf und von einem Fist, der ihm entfuhr, vier Windmühlen füglich mahlen konnten." Wer war dieser Autor?

Wie der dicken Grit plötzlich etwas entfuhr

Vor oder nach dem Jawort? Wann haben Eheleute erstmals vom Partner etwas vernommen, was eine hochanständige Mitwelt kühl als Sichgehenlassen definiert? So sicher diese Frage zu den intimsten aller Gewissenserforschungen zählt, so gewiss ist doch auch, dass ehrliche Liebe den Pups des Geliebten miteinzuschließen vermag. James Joyce zum Beispiel rühmte seine hochgeschätzte Nora (notiert an einem Morgen, als er noch nicht mit ihr verheiratet war) mit folgenden Worten, hier wiedergegeben im Originaltext: "I think I would know Nora's fart anywhere. I think I could pick hers out in a roomful of farting women."

Ein anderer nicht ganz unbedeutender Autor, diesmal ein deutscher, schwärmte in seinem wohl zweitbedeutsamsten Werk ein ganzes Kapitel hindurch vom Hinterteil der dicken Grit. Das Buch, das anhub mit dem "schönsten ersten Satz eines deutschsprachigen Romans" (so das Urteil einer prominenten Jury), nahm im Verlauf rasch an Deftigkeit zu, um nicht zu sagen: auch an obszöner Drastik. Und im erwähnten Kapitel fallen dann Sätze, an denen genaugenommen viel dran war, nur eben nicht unbedingt Schönes: "Als die dicke Gret einen Furz fahren ließ" (aus Gründen, die hier zu weit führen würden), "nahmen wir beide das bisschen Gegenwind hin. Schließlich hatten wir, wie regelmäßig am Mittwoch, zu Rübchen und gepfefferten Schweinerippen dicke Bohnen gegessen; und wer den Furz seiner Liebsten nicht riechen kann, der soll nicht von Liebe reden …"

Exakt diese Weisheit hält der Volksmund, der dafür noch keinen Nobelpreis bekam, in einem Sprichwort fest: "Aus Liebchens Arsch riecht lieblich auch der Furz." Ob das der Autor gewusst hat?

O weh, die Blähung geht ins Gehirn!

Im Freien darf er ins Freie, drinnen bleibe er drin – nach dieser Regel zügelt der zivilisierte Mensch seinen Pupsdrang. Bei Gastereien haben Flatulenzen nichts verloren, ausgenommen selbstverständlich "La grande bouffe", in dessen Verlauf Michel Piccoli minutenlang die geräuschvolle Detonation seiner selbst zelebriert, was auf der Kinoleinwand gottlob olfaktorisch ohne Folgen bleibt.

Vincent Klink spendiert den Hauptgewinn

Wer das Lösungswort gefunden hat, notiere es auf einer Postkarte und schicke diese an KONTEXT:Wochenzeitung, Hauptstätter Str. 57, 70178 Stuttgart. Absender nicht vergessen! Alternativ können Sie uns auch eine E-Mail an osterraetsel@kontextwochenzeitung.de senden. Einsendeschluss ist der 20. April 2018.

Unter allen richtigen Einsendungen verlosen wir Bücher von Ruprecht Skasa-Weiß aus der Reihe "5 Minuten Mediendeutsch". Als Hauptgewinn spendiert der Patron des Stuttgarter Restaurants Wielandshöhe, Vincent Klink, ein Abendmahl, das zusammen mit dem Rätselmeister eingenommen werden kann. Der Sternekoch lobt das Essen als "Arschkracher zum gemeinsamen Abheben" aus. Wir danken und wünschen viel Glück.

Zwar hatte Neros Stiefpapa, der Kaiser Claudius, schon allen Ernstes überlegt, "leise und laute Blähungen bei Tisch" per Rechtsedikt zu gestatten, doch erst zu Luthers Zeiten machten tafelnde Teutsche daraus eine fröhliche Übung. Einer der Allerteutschesten, Simplicissimus, kam hundert Jahre später mit seinem Mutwillen freilich in schwerste Bedrängnis: Da "hub ich das linke Bein samt dem Schenkel in alle Höhe auf, drückte von allen Kräften was ich konnte... als aber der ungeheure Gespan, der zum Hintern hinauswischte, wider mein Verhoffen so greulich tönete, wusste ich vor Schrecken nit mehr was ich täte, mir wurde einsmals so bang, als wenn ich auf der Leiter am Galgen gestanden wäre, und mir der Henker bereits den Strick hätte anlegen wollen" – naja, so schlimm kam's nicht. Was der Simpl bezog, waren lediglich "Schläg auf den Buckel". Zur Sühne für den Furzfrevel mal eben die Bastonade.

Aber soll man Winde immer einhalten? Just diese Frage ventilierte ein römischer Autor, dem Tacitus nachsagt, er habe "den Tag im Schlaf, die Nacht in Geschäften" verbracht, durchaus verneinend. In seinem satirischen Roman tritt ein Gastgeber auf, welcher höchstselbst unter grausigen Blähungen leidet, weshalb er warnend zu bedenken gibt, es gebe nach seinem Erachten nichts Qualvolleres als das Verheben – und überdies nichts, was schädlicher sei, da die Flatulenz "ins Gehirn geht und Aufruhr verursacht im ganzen Körper". Als der Autor in Ungnade fiel vor seinem Kaiser, hielt er mitsamt dem Darmwind auch das eigene Blut nicht mehr ein: Er schnitt sich lässig die Pulsadern auf. 

Eine Kabarettistin lässt's ungeniert krachen

Grob ordinär zu sein, galt jahrhundertelang als das Vorrecht der Männer – was Wunder, dass Feministinnen darin einen Verstoß, besser gesagt, eine grobe Benachteiligung sehen? Auch sie lassen's inzwischen ungeniert krachen. "Wer gar nicht pupst, ist ein schlechter Mikrobengastgeber", erklärt fein lächelnd Giulia Enders, die über derlei Darm-Events ein ganzes Buch geschrieben hat, den Bestseller "Darm mit Charme".

Als Frau Enders in einer NDR-Talkshow das Zusammenspiel zwischen äußerem und innerem Schließmuskel pries, deren Sensorzellen mithelfen bei der Entscheidung, ob etwas Drängendes "leise rauswitschen" dürfe oder besser doch nicht, und als sie begeistert davon sprach, wie sehr sie sich freue über jede entsprechende Lautwerdung in Gesellschaft ("Bei älteren Leuten find ich's eher süß, bei Freunden denk ich: So gemütlich sind wir schon zusammen!") – da war der Moderator tief beeindruckt. Frau Enders, rief der als "Zeit"-Chef bekannte Herr Giovanni Di Lorenzo entzückt, "Sie verändern mein Leben!"

Den Willen zur Lebensveränderung, nochmals anders, nochmals wüster, erkennen wir unschwer auch im Programm einer Komikerin, die von sich sagen darf, sie sei die Erfolgreichste und Vulgärste im Land. "Alpha Pussy" heißt ihre Bühnenschau, expressis verbis gewidmet der weiblichen Flatulenz. Als sie mit just diesem Pussyprogramm im Stuttgarter Renitenztheater auftrat, notierte die Kritikerin der StZ genau, was die Künstlerin locker-lässig zum Besten gab: "Ihr Körper werde nach hemmungslosem Bierkonsum mitunter zur 'Biogasanlage', die es an Phonstärke mit jeder Harley-Davidson aufnehmen könnte. Das sei in feministischer Hinsicht berichtenswert, weil Frauen ob ihrer Niedlichkeit ja gar keine Flatulenz zugetraut werde. 'Ich furze für alle Frauen auf der Welt', sagt sie im Minikleid und auf High Heels und reckt die Faust in die Luft." In welche Luft, möcht' man nach alldem schon gar nicht mehr wissen …

Die traurige Geschichte eines großen Tonsetzers

Einer habe sich hören lassen. Das ist der vornehmste Ausdruck für das, was die Bayern zum Beispiel meinen, wenn sie sagen, oana hätt' an Schoaß lassn. Musiker sind am Hörbaren naturgemäß besonders interessiert, und so muss es nicht wundern, dass der Pups auch in der Tonkunst seine Spuren hinterlassen hat. Als die Shonkey Brothers, ein australisches Comedy-Duo, einmal einen – nach ihrer Meinung – besonders "schön klingenden" Furz aufnahmen, waren sie von dem Ergebnis derart begeistert, dass sie es als Grundlage für eine Komposition nutzten. Friedrich Gulda wiederum rächte sich im Streit mit dem Kritiker Franz Endler, der Guldas Cellokonzert als Furz bezeichnet hatte, postwendend durch die Schöpfung einer eigenen Furz-Endler-Ode.

Und dann war da einer, der unzweifelhaft zu den Größten und Allerlieblichsten der Musikgeschichte gehört – und der doch an seine Cousine Briefe schrieb, in denen er immerfort kundtat, wie sehr ihm das Defäzieren und Stinken ein Herzenswunsch war. So schrieb er der geschätzten Anverwandten (die sich lange Zeit nichts sehnlicher wünschte, als von ihm zum Traualtar geführt zu werden) folgende derbe, auch orthografisch drangvoll ungestüm herausgelassenen Zeilen:

"iezt muß ich ihnen eine trauerige geschichte erzehlen, die sich jezt den augenblick erreignet hat. wie ich an besten an dem brief schreibe, so höre ich etwas auf der gasse. ich höre auf zu schreiben –– stehe auf, gehe zum fenster  –– und – höre nichts mehr –– ich seze mich wieder, fange abermahl an zu schreiben –– ich schreibe kaum 10 worte so höre ich wieder etwas –– ich stehe wieder auf –– wie ich aufstehe, so höre ich nur noch etwas ganz schwach –– aber ich schmecke so was angebrandtes –– wo ich hingehe, so stinckt es. wenn ich zum fenster hinaus sehe so verliert sich der geruch, sehe ich wieder herein, so nimmt der geruch wieder zu –– endlich sagt Meine Mama zu mir: was wette ich, du hast einen gehen lassen?"

Um's kurz zu machen: mit der Beteuerung, die Mama habe es schon getroffen, schloss er sein Schreiben: "Nun leben sie recht wohl, ich küsse sie 10000mahl und bin wie allzeit der alte junge Sauschwanz". Die Empfängerin dieser Post hieß mit Vornamen nun aber wie?

Vom Anus-Röhrchen bis zum Aroma-Slip

Lustvoll in die Welt trompetet – oder schamvoll verkniffen? Diese Dichotomie bestimmt von jeher des Menschen Umgang mit seiner tönenden Backside. Gesittete Gesellschaften sannen beizeiten auf Methoden der Unterdrückung (möglichst geräuschlos) – oder, sofern dies aus gesundheitlichen Gründen wenig wünschenswert war, zumindest auf akzeptable Weisen der Transformation und der geruchlichen Neutralisierung. Kurzum, des Menschen Erfindergeist sah sich hier nicht nur ernstlich gefordert, nein, er war auch so kreativ, dass etliche Firmen alsbald groß ins Geschäft einsteigen konnten.

Zu Kaiser Wilhelms Zeiten gab es den Mello, das war, wie eine Zeitungsannonce großsprecherisch verhieß, ein "dünnes, überaus geistvoll erdachtes Röhrchen, wird unfühlbar im After getragen und entfernt die Gase restlos; unhörbar und ohne üblen Geruch, stets in winzigen Mengen und überraschend oft auch bei denen, die glauben, nie welche zu haben. Er ist äußerst einfach, im Gebrauch unzerbrechlich und versagt nie. Wir schicken sofort 36 Mk zurück, wenn er nicht hilft."

Heutzutage will die Industrie von Afterröhrchen nichts mehr wissen. Dafür hat Colonial Medical nun einen "Flatulence Deodorizer" entwickelt, der als in die Unterhose eingelegtes Aroma-Pad zur Entschärfung allfälliger Darmwinde taugen soll; und Shreddies Ltd. aus Leicester – wiederum eine britische Firma, sehr bezeichnend! – wirft untendrein furzsichere Unterwäsche auf den Markt, die an den entscheidenden Stellen mit Zorflex bestückt ist, einem Material mit eingearbeiteter Aktivkohle. Shreddies gibt die Wirkung ihres patentierten Aktivkarbonfilters mit dem Faktor 200 an (worauf immer diese Ziffer sich bezieht), und wie es heißt, sei ein bekannter Fußball-Nationalspieler, der den Effekt schon mehrfach bei sich erprobte, von Shreddies Höschen hochbegeistert: "They're an answer to a prayer, absolutely fantastic, so effective and discreet", jauchzte er, was die Firma hochdankbar auf ihrer englischen Homepage festhielt. Der ehemalige Rekordtorschütze des FC Chelsea, der im Februar 2017 seine Profikarriere beschloss und berühmt für seine kraftvollen Weitschüsse war, dürfte bei Shreddies Stammkunde sein.

Wie nun? "Mach doch" oder "Untersteh dich"?

Ob es erlaubt sei, sich vor andern Leuten gehen zu lassen, galt bereits in der Antike als fragwürdig-strittige Sache. Wie sehr der immerwährende Zwiespalt zwischen Machdoch und Unterstehdich die Menschen indessen verstören kann, zeigt beispielhaft ein Vorkommnis aus dem dritten Jahrhundert vor Christus. Da lebte ein Philosoph, ein Grieche mit dem Hang vorerst zur Lehre des Theophrastos von Eresos, später jedoch ganz klar zum Kynismus, der war, obschon aus begüterter Familie stammend, besorgt, die Aufnahme in die Akademie der Peripatetiker nicht angemessen zu schaffen. Denn in diesem Kreise war's geboten, wie ein feiner, reicher Herr aufzutreten und einen luxuriösen Haushalt zu führen – was aber widerfuhr nun ihm? Als sei seine finanzielle Klemme nicht bereits peinlich genug, benimmt er sich gräßlich blamabel daneben: Es entfährt ihm ein Furz – und vor Scham augenblicklich im Boden versinkend, beschließt er, seinem Leben ein Ende zu machen durch die Einstellung jeglicher Nahrungsaufnahme.

Wie es heißt, habe der Kyniker Krates von Athen, von dem Geschehenen hörend, dem Halbverhungerten einen Besuch abgestattet, um ihn zu überzeugen, dass dem Vorfall nichts beschämend Schlimmes, vielmehr nur was Gesundes und Willkommenes zu Grunde liege. Als aber alle Argumente den Hungerphilosophen nicht umstimmen können, greift Krates, der vorsorglich ein gigantisches Bohnengericht zu sich genommen hat, zum letzten Mittel: Er furzt gleichfalls.

Und diese Fürze brachten die Wende. Der Hungernde schloss sich dem Krates an und wurde zum Kyniker. Als solcher ist er, wie Diogenes Laertios berichtet, im hohen Alter gestorben, einfach indem er – die Luft anhielt.

Im Schlafgemach die blanke Leibesnot

Aber ja! Beim ungezügelten Preisgeben dessen, was potenziell auch einhaltbar wäre, kann man auch übertreiben. So manche Partnerschaft gerät eines Tages mitsamt ihrem Näheverlangen in Trouble, bloß weil da einer einseitig dem Erleichterungsprinzip zu huldigen gedenkt. Andererseits sind aus nächster Distanz fallende Bumse, deren Pressluftwolken lange Zeit im Zimmer hängen bleiben, nicht immer Zeichen übermütig frech-enthemmter Selbstverwirklichung. Auch blanke Leibesnot steckt bisweilen dahinter – was zahllose Leute, schwangere Frauen zuvörderst, bestätigen können.

Als eine von denen, ein kalifornisches Model, weithin bekannt aus Fernsehauftritten, Reality-Soaps und Modeschmuck-Clips, vor gut zwei Jahren daheim in Bel Air (!) in ihrem Ehe- respektive Wochenbettchen lag, wurde es dem dritten Gatten, einem Rapper, bald zuviel. Der Mann, sonst ganz andere Töne gewohnt, nun aber auf die Dauer doch entnervt, wich aus dem Schlafgemach entsetzt hinüber ins Gästezimmer. Was Gangsta-Rap und Hip-Hop nicht schafften, erzielte die Dame leichthin abdominal. Ihr Name, der wäre?

Einer Ehebrecherin höchst schändliches Getön

Unter den vielen Legenden der Nonne Roswitha von Gandersheim findet sich auch eine Ehebruchsgeschichte, die das Motiv des rächerischen, Schmach und Verderben bringenden Flatus effektvoll in den Mittelpunkt rückt. Worum geht's? Einem burgundischen Ritter – die Sache liegt zirka zwölfhundert Jahre zurück – wird berichtet, sein Weib habe Ehebruch begangen, und zwar gleich nach der Hochzeit, mit einem Priester. Die Frau leugnet. Der fromme Ritter drängt sie zu einem Gottesurteil: Sie solle ihr Händchen in Quellwasser tauchen – aber schau, wie sie sie's herauszieht, ist es verbrannt! Da weiß der Brave alles Nötige. Und trotzdem vergibt er dem bösen Weib. Bloß den Priester lässt er verbannen weit außer Lands. Umsonst, die Treulose holt ihn zurück, und der Priester ermordet den frommen Ritter, worauf beide fliehen.

Jetzt sollen aber am Grab des ermordeten Gatten Wunder geschehen sein, lauter Wunder. Doch als die böse Frau davon erfährt, fängt sie sofort zu spotten an: Ihr toter Gatte, ätzt sie belustigt, "verbringt ebenso Wunder, wie mein Hintern Lieder singt". Kaum hat sie's gesagt, erschallen aus ihrem Popo die scheußlichsten Fürze. Auf dieses Flatulenz-Event (das sich an jedem Freitag wiederholen sollte, weil ein Freitag der Todestag des großen Heiligen war) hat die Legende sich folgende Reime gemacht: "Sie ließ in schändlichem Getön/ Vernehmen einen Laut,/ Den anzugeben graut/ Dem schamhaft stummen Munde mein,/ Und brachte fernerhin, so oft/ Sie nur ein Wort verlor,/ Auch dabei wieder vor/ Unfehlbar diesen garst'gen Ton …" Der fromme Ritter drunten in seinem Grab hat davon gottlob nichts mehr gehört. Wie hieß der Gute?


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2 Kommentare verfügbar

  • Dorothea Geiges
    am 03.04.2018
    Noch nix gelesen, leider erst jetzt gesehen, aber mein Weihnachtswunsch geht zu Ostern in Erfüllung: das vermisste Rätsel in KONTEXT! Danke allen Beteiligten!
  • Peter Hermann
    am 28.03.2018
    Danke fürs Rätsel. Und dem verklemmten Herrn Dorfs (nebst neuerlicher Erhöhung des Bezugspreises bei permanenter Absenkung des Niveaus) verdankt die Stuttgarter Zeitung die Kündigung unseres Abonnements zum 31.12.2017...

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