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Tod im Zirkuszelt

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Der Blutzoll, den der Süden im Ersten Weltkrieg zahlte, war hoch: Hundertausende Soldaten verloren ihr Leben an der Front, Bomben und Mangelernährung forderten viele Opfer auch unter der Zivilbevölkerung. 120 Menschen starben bei einem Fliegerangriff auf den Zirkus Hagenbeck. Der letzte Teil der Kontext-Serie "Der Weltkrieg im Südwesten".

Auf dem Gebiet des heutigen Bundeslandes Baden-Württemberg gab es im Kriegsjahr 1914 drei Territorien: das Königreich Württemberg mit 2 525 000 Einwohnern, dann das Großherzogtum Baden mit 1 104 000 Bewohnern und schließlich Hohenzollern (amtlich: Preußischer Regierungsbezirk Sigmaringen); da lebten knapp 70 000 Menschen. Insgesamt also etwa 3 700 000 Südwestdeutsche, ein starkes Drittel der Bewohnerzahl heute.

Nur das Königreich Württemberg verfügte über ein eigenes Heer, die Badener hatten zwar mit dem Großherzog Friedrich einen Landesherren, ihre Soldaten waren aber in das preußische Heer eingegliedert; immerhin ziemlich geschlossen im XIV. Armeekorps.

Die Hohenzollern, benannt nach dem Stammschloss der Familie des Kaisers und Königs von Preußen, gingen als echte, schwäbische Preußen ganz und gar im preußischen Heer auf. Darauf waren die meisten auch ziemlich stolz.

So ist die Zahlenbasis für die traurige Bilanz des Ersten Weltkriegs im Südwesten sehr heterogen und leider auch ziemlich lückenhaft.

In Württemberg sind während des Krieges 550 000 Männer eingezogen worden; knapp 22 Prozent der Gesamtbevölkerung. Davon kehrten 80 820 Gefallene und dauerhaft Vermisste nicht wieder (Angaben aus dem Jahre 1957), also etwa 15 Prozent der württembergischen Soldaten.

Das noch nicht einmal halb so große Baden hatte mit 72 623 Kriegstoten (ohne zivile Opfer) einen noch höheren Blutzoll zu entrichten. Hier ist allerdings die Zahl der Eingezogenen nicht eindeutig zu ermitteln.

Hohenzollern stellte insgesamt 14 000 (preußische) Soldaten, also etwa den gleichen Anteil wie das Königreich Württemberg. Davon sind allerdings 2766 (19,8 Prozent) gefallen, 3800 Mann wurden verwundet und 900 gerieten in Gefangenschaft. Ungewöhnlich hohe Verluste also, die den Bewohnern des Stammlands der Hohenzollern abverlangt wurden.

Insgesamt lagen die Opferzahlen in Südwestdeutschland über dem Reichsdurchschnitt. Vor allem in den 20er-Jahren war man darauf auch noch mächtig stolz.

Besonders im Großherzogtum Baden hatten die Menschen unter dem Luftkrieg zu leiden, der freilich mit dem des Zweiten Weltkriegs nicht zu vergleichen ist.

Es gab 227 Tote und 402 Verletzte unter der badischen Zivilbevölkerung.

Am Fronleichnamstag, dem 22. Juni 1916, trafen französische Flieger ein Zelt des Zirkus Hagenbeck in dem gerade eine Kindervorstellung stattfand. So waren von den 120 Toten 71 Kinder; 169 Menschen wurden verletzt. Gemessen an der Opferzahl war dies der schwerste Luftangriff auf eine deutsche Stadt während des Ersten Weltkriegs.

Die zivilen Opfer nur auf die Bombentoten zu reduzieren wäre freilich falsch: ungezählt viele alte Menschen und Kinder sind, besonders in den größeren Städten, an der Mangelernährung gestorben. Besonders hart traf es auch die Ärmsten der Armen in den Heil- und Pflegeanstalten, sie wurden zwischen 1915 und 1918 so schlecht versorgt, dass mehr als 3000 Patienten in den südwestdeutschen Einrichtungen verstarben.

Die Kriegsfolgen trafen besonders Baden hart, durch die Abtretung des Elsass war man nun zum Grenzland geworden. 

Immerhin wurde so bereits in den 20er-Jahren der Südweststaat gefordert, der Zusammenschluss der drei Territorien, Württemberg, Baden, Hohenzollern, die heute das Bundesland Baden-Württemberg bilden.

 

Die Kontext-Serie "Der Weltkrieg im Südwesten" ist ab Ende August als Buch erhältlich. Bestellungen ab jetzt unter verein@kontextwochenzeitung.de oder telefonisch (Mo bis Fr) unter +49 711 66 48 65 48, Preis 14,90 € zzgl Versandkosten.


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