Ausgabe 175
Zeitgeschehen

Der Wahre Jacob

Von Oliver Stenzel
Datum: 06.08.2014
Das in Stuttgart erscheinende sozialdemokratische Blatt "Der Wahre Jacob" ist die größte Satirezeitschrift des Deutschen Kaiserreichs. Seine Karikaturen spiegeln den Wandel der SPD im Krieg wider und zeigen, welche Feindbilder zur Mobilmachung der Genossen dienen sollten.Teil XVII unserer Serie "Der Weltkrieg im Südwesten".

Der deutsche Michel, sonst in der Karikatur eher eine traurige Gestalt, ist auf einmal zum dynamischen Kämpfer geworden. Von zwei Helfern unterstützt, vermöbelt er mit dem Dreschflegel drei am Boden liegende Soldaten, stereotype Repräsentanten Russlands, Großbritanniens und Frankreichs. Die Karikatur ziert das Titelblatt der sozialdemokratischen Zeitschrift "Der Wahre Jacob" vom 28. August 1914. Auch wenn die Bildunterschrift "Jetzt hilft nur noch das Dreschen" suggeriert, dass vorher alles versucht wurde – es ist das erste offen für den Krieg mobilisierende Bild in einem Blatt, das bis dahin immer den Frieden und die Solidarität der internationalen Arbeiterbewegung im Kampf gegen den Militarismus propagiert hat und wegen seines Spotts schon zahlreiche Strafprozesse hinter sich hat.

Zu Beginn des Ersten Weltkriegs ist der "Wahre Jacob" die größte Satirezeitschrift im Deutschen Kaiserreich. Mit einer Auflage von 366 000 Exemplaren liegt er weit vor dem heute viel bekannteren "Simplicissimus", der nur auf 80 000 kommt. Im Vergleich zu diesem ist der "Wahre Jacob" aber ein Parteiblatt, der SPD dient er nicht nur als Unterhaltungs-, sondern auch als wichtiges Agitations- und Bildungsmedium, und zwar eines mit einer viel größeren Breitenwirkung als das oft sehr akademische Parteiorgan "Vorwärts". Entsprechend enthält er neben satirischen auch "ernste" Beiträge.

"Der Wahre Jacob" ist in Arbeiterhaushalten oft einzige Lektüre

Seinen großen Einfluss auf die deutsche Arbeiterschaft zeigt schon die Auflage, wobei die tatsächliche Leserschaft auf das Zehnfache geschätzt wird. Zeitgenossen berichten, in vielen Arbeiterhaushalten seien der "Wahre Jacob" und dessen einmal jährlich erscheinender Kalender die einzige Lektüre gewesen. 

Gegründet wird er als Monatszeitschrift 1879 in Hamburg von dem Drucker und Verleger Johann Heinrich Wilhelm Dietz und dem Journalisten Wilhelm Blos, der 1919 erster württembergischer Staatspräsident werden soll. Der Titel leitet sich von einer damals verbreiten Redensart her: Wenn etwas "der wahre Jacob" ist, dann trifft es den Kern einer Sache. 1881 wird das Blatt unter dem Druck des Sozialistengesetzes wieder eingestellt, erst 1884 kommt es in Stuttgart zur Neugründung durch Dietz und Blos. Bereits 1881 ist Dietz nach Stuttgart gegangen, weil das Sozialistengesetz hier vergleichsweise zurückhaltend angewandt wird, und hat den Verlag J. H. W. Dietz gegründet. Von nun an geht es mit dem "Wahren Jacob" stetig aufwärts, ab 1888 erscheint er zweiwöchentlich, im Oktober 1890 steigt die Auflage erstmals über 100 000. Großformatige Karikaturen gehören, wie in den anderen Satiremagazinen der Zeit auch, von Anfang an zu den wichtigsten Elementen. Sie kommentieren nicht nur die aktuelle Innen- und Außenpolitik, sondern sollen auch das Selbstverständnis der Arbeiterbewegung in prägnante, bisweilen pathetische Bilder fassen.

Der Kriegsbeginn bedeutet für den "Wahren Jacob", bislang stets kritisch gegenüber Reichsregierung und Kaiser, einen gravierenden Einschnitt. Am 4. August 1914 stimmt die Fraktion der SPD im Berliner Reichstag geschlossen für die Bewilligung der Kriegskredite, ebenso wie alle anderen Parteien – es ist der Beginn des "Burgfriedens". Schon zuvor ist der "Wahre Jacob", wie die gesamte Parteipresse, inhaltlich meist der Reichstagsfraktion gefolgt, und unter Berthold Heymann, seit 1901 Chefredakteur des Blattes, ist kein Ausscheren zu erwarten. Heymann, zugleich SPD-Abgeordneter im württembergischen Landtag, zählt in Stuttgart neben Wilhelm Keil zum rechten Parteiflügel und zu den Meinungsführern der Burgfriedenspolitik. Zwischen dieser Gruppe und der Parteilinken um Friedrich Westmeyer und Clara Zetkin kommt es kurz nach Kriegsausbruch zu heftigen Auseinandersetzungen, in deren Folge es schon Ende 1914 in Württemberg faktisch zu einer Spaltung der Partei kommt (mehr dazu im Artikel "Krieg dem Kriege").

Feindbild schon vor dem Krieg: das despotische Russland

Der "Wahre Jacob" gerät durch seinen zwei bis drei Wochen vor Erscheinen liegenden Redaktionsschluss angesichts der sich überschlagenden Ereignisse zunächst ins Hintertreffen. Die Ausgabe vom 8. August, die erste nach der Reichstagsentscheidung zu den Kriegskrediten, ist noch voller Aufrufe zum Frieden und Warnungen vor dem Krieg. Die Redaktion sieht sich genötigt, eine "Ersatznummer" herauszubringen, die am 28. August mit der eingangs erwähnten "Dreschen"-Karikatur aufmacht und die Vaterlandsverteidigung propagiert. Zumindest die Titelkarikatur vom 8. August passt aber, zufälligerweise, schon zum neuen Kurs: Ein mächtiger Kosak droht, den Staatschefs der Balkanstaaten die Köpfe abzuschlagen. Russland erscheint als Aggressor.

Die Reichsregierung hat am 4. August die SPD-Spitze durch den Hinweis auf die russische Kriegserklärung zur Bewilligung der Kriegskredite bewegen können. Dass der Waffengang ein vom despotischen Zarismus aufgezwungener Verteidigungskrieg sei, wird zum zentralen Pfeiler der Kriegsrechtfertigung innerhalb der Partei. Eine Argumentation, die auch deshalb gut funktioniert, weil sie sich perfekt in das bereits bestehende, in der Partei und ihrer Presse gepflegte Feindbild von Russland als expansionsgieriger Großmacht und Hort der Autokratie, Unterdrückung und Rückständigkeit fügt.

Die lange Tradition dieses Bildes lässt sich gut in den Karikaturen des "Wahren Jacob" nachverfolgen: Schon in den 1890er-Jahren und besonders seit der brutalen Niederschlagung der russischen Revolution von 1905 gehört die scharfe Kritik an Russland, oft symbolisiert durch wilde, barbarische Kosaken, zu den wiederkehrenden außenpolitischen Themen des Blattes – übrigens in großer Übereinstimmung mit der bürgerlichen satirischen Presse. Bereits am 4. April 1914, Monate vor der Julikrise, scheint eine Karikatur des "Wahren Jacob" die Kriegsbegründung vorwegzunehmen: Ein riesiger Polyp mit dem Kopf von Zar Nikolaus II. greift mit seinen Tentakeln nach den Ländern Europas.

Obwohl die antirussischen Beiträge nach Kriegsausbruch stark zunehmen, verliert das Zarenreich im "Wahren Jacob" noch 1914 den Status als wichtigstes Feindbild. Häufiger wird bald Großbritannien alsHort des Kapitalismus und Imperialismus angegriffen, in den Karikaturen verkörpert entweder durch die Nationalfigur John Bull oder den britischen Außenminister Edward Grey, der meist als besonders dämonische Figur gezeichnet wird. Damit reiht sich das Blatt in den patriotischen Mainstream ein: Für die bürgerliche Presse gilt Großbritannien von Anfang an als Hauptfeind; geschmäht wird das "perfide Albion" dort als verlogene Krämernation, der es nur um Profit gehe, die auf der Bühne der Weltpolitik stets bestimmen wolle und Deutschland nichts gönne, weder Kolonien noch erfolgreichen Handel. Kritik an Profitgier ist auch für sozialdemokratische Leser kompatibel.

Neben den Kriegsgegnern attackiert der "Wahre Jacob" auch Feinde im eigenen Land. Die Zielscheiben sind aber nicht mehr Kapitalisten, Bourgeoisie, Junkertum, Militär und Kirche wie vor 1914, es geht nun gegen Wucherer, Schieber und Kriegsgewinnler. Auch das deckt sich weitgehend mit der Stimmung im bürgerlichen Lager und ihrer Presse, bis hin zu antisemitischen Tendenzen: Der Wucherer wird bisweilen als Jude karikiert.

Keine "vaterlandslosen Gesellen": Ein neues Eigenbild wird konstruiert

Zugleich zielen viele Beiträge darauf, ein positives Eigenbild unter den neuen Bedingungen zu konstruieren. Galt vor dem Krieg der Militarismus mit als das Übel schlechthin, versinnbildlicht durch die Pickelhaube, so setzen sich die Genossen nun selber die Pickelhaube auf – und erweisen sich dabei im Grunde als die besseren Soldaten und Patrioten. "Vaterlandslose Gesellen", das alte Schimpfwort für politisch Linke, betitelt etwa am 18. September 1914 die Zeichnung einer Soldatengruppe. Ein Feldwebel gibt knappe Anweisungen, der Kommentar der Soldaten weist ihn als ehemaligen lokalen SPD-Funktionär aus: "So kurz angebunden war Schulze auch als Distriktführer. Dafür klappte auch alles!"

Zumindest erzeugen Krieg und die Beschwörung nationaler Einheit tatsächlich für manche Sozialdemokraten eine Art Versöhnungsgefühl. So schreibt der SPD-Politiker Konrad Haenisch, der bis 1914 eher zum linken Parteiflügel zählte und die Kriegskredite anfangs noch ablehnte, über seine Empfindungen nach Kriegsausbruch: "Dieses drängend heiße Sehnen, sich hineinzustürzen in den gewaltigen Strom der allgemeinen nationalen Hochflut ... Bis dann ... plötzlich die furchtbare Spannung sich löste, bis man es wagte, das zu sein, was man doch war, bis man – allen erstarrten Prinzipien und hölzernen Theorien zum Trotz – zum ersten Male aus vollem Herzen, mit gutem Gewissen und ohne jede Angst, dadurch zum Verräter zu werden, einstimmen durfte in den brausenden Sturmgesang: Deutschland, Deutschland, über alles ..."

Freilich geht es bei Weitem nicht allen Genossen so. Nicht nur in Stuttgart, sondern auch in anderen Städten flackert schon 1914 Widerstand gegen den Burgfriedenskurs auf, und spätestens ab 1916 zeichnet sich immer deutlicher eine Parteispaltung ab, die im April 1917 schließlich in die Gründung der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei (USPD) mündet. Die innerparteilichen Konflikte werden im "Wahren Jacob" allerdings nur in wenigen Karikaturen offen thematisiert. Eine davon, im Februar 1917 auf dem Titel, zeigt die führenden Vertreter beider Parteilager als griechische Hopliten im Kampf gegeneinander. Während die Mehrheitssozialdemokraten Philipp Scheidemann, Friedrich Ebert und Hermann Molkenbur aufrecht im Vordergrund stehen, greifen die späteren USPD-Führer Hugo Haase, Georg Ledebour und Wilhelm Dittmann im Hintergrund an, aus ihren Augen wachsen dabei Balken. Der Bibelspruch unter der Karikatur lässt keinen Zweifel, wer zu verurteilen ist: "Halt, ich will dir einen Splitter aus deinem Auge ziehen! Und siehe da, ein Balken ist in deinem Auge!" Andere Karikaturen beschwören einfach, ohne klare Bezüge, die Geschlossenheit der Partei.

Der "Durchhalte-Jacob" propagiert das Weiterkämpfen bis zum Schluss

Der Krieg bringt den "Wahren Jacob" in die Krise, die Auflage sinkt schon bis zum März 1915 auf rund 170 000, weniger als die Hälfte des Vorjahresstands, und verharrt in diesem Bereich. Der Spaltungsprozess der SPD ist zwar nicht der einzige Grund – die gesamte deutsche Presse hat im Krieg mit Umsatzeinbußen durch Abonnementskündigungen und sinkenden Anzeigenaufkommen zu kämpfen – doch ein zweifellos gewichtiger. Dennoch propagiert das Blatt bis zum Schluss die amtliche Politik des Durchhaltens im Kampf gegen die Entente – "Durchhalte-Jacob" wird die Zeitschrift deshalb auch spöttisch genannt.

Tatsächlich scheint das Durchhalten für viele Mehrheitssozialdemokraten alternativlos zu sein, auch wenn schon früh Zweifel an der Begründung des Krieges wachsen. Bezeichnend ist, wie dies der Chefredakteur des "Wahren Jacob", Berthold Heymann, in einem Brief an seinen einstigen Mentor Eduard Bernstein im Januar 1915 rechtfertigt: "Nun sind wir mitten im Krieg unter der Devise, dass Deutschlands Unabhängigkeit und Unversehrtheit erhalten und geschützt werden muss. Sollen wir diese Devise plötzlich fallen lassen? Sollen wir unseren Parteigenossen, die bisher unter dieser Devise draußen gekämpft haben, plötzlich zurufen: halt, es ist nicht wahr, dass ihr die Heimat verteidigt ... werft eure Waffen weg, denn eure Feinde haben recht und ihnen gebührt der Sieg?"

Der Sieg des Vaterlands steht über allem anderem – viele Karikaturen des "Wahren Jacob" sind noch im letzten Kriegsjahr dieser Maxime verpflichtet und spiegeln dabei offensichtlich eine Haltung, die die Historikerin Susanne Miller in ihrem Standardwerk "Burgfrieden und Klassenkampf" von 1974 prägnant beschreibt: "Nicht die unter dem Belagerungszustand und auch sonst möglichen Repressionen hinderten ... die Sozialdemokraten daran, alle ihnen potenziell zur Verfügung stehenden Mittel im Kampf gegen die von ihnen als falsch erkannte Politik einzusetzen. Vielmehr legte ihr eigenes, alle anderen Erwägungen zurückdrängendes Interesse an einem für Deutschland günstigen Verlauf des Krieges ihnen diese Hemmungen auf. Die Effektivität der Landesverteidigung wurde für sie oberstes Gebot, dem sich alles Handeln unterzuordnen hatte. Faktisch bedeutete das oft Nichthandeln."

In Deutschland handeln dann im November 1918 die Soldaten und Arbeiter selbst und machen Revolution, die SPD übt sich dabei vor allem in der Bewahrung von Ruhe und Ordnung und im Eindämmen allzu weitgehender Forderungen. Zurückhaltend bleibt auch der "Wahre Jacob"; die Republik wird begrüßt, gegenüber der radikalen Linken bleibt er skeptisch bis feindselig. So kehrt in einer Karikatur vom 31. Januar eine weibliche Revolutionsallegorie nicht nur die Vertreter der Monarchie und Kapitalisten mit einem Besen hinweg, sondern auch den bayrischen USPD-Ministerpräsidenten Kurt Eisner (am Koffer mit Aufschrift "K Ei" zu erkennen) – drei Wochen später wird er von einem völkisch-nationalistischen Studenten ermordet. Nicht unter den Weggefegten sind Vertreter von Militär und Justiz, vor dem Krieg immer Zielscheibe von Satire. Nun stützt sich die SPD, unverhofft zur Macht gekommen, auf sie.

An seine Vorkriegsbedeutung soll der "Wahre Jacob" in der Weimarer Republik nicht mehr anknüpfen können. Im Oktober 1923 wird die Zeitschrift wegen der Inflation eingestellt, der Dietz-Verlag ersetzt sie aber schon im Januar 1924 durch das Nachfolgeblatt "Lachen links". 1927 erfolgt wieder die Umbenennung in den traditionellen Namen. Das Ende des "Wahren Jacob" besiegelt der Nationalsozialismus: Kurz nach Hitlers Machtübernahme wird die Satirezeitschrift, wie alle anderen sozialdemokratischen Printmedien, am 28. Februar 1933 verboten.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!

1 Kommentar verfügbar

  • CharlotteRath
    am 07.08.2014
    Danke für diesen Artikel!
    Ist es heute so viel anders, mit der Meinungsmache in den Medien, mit dem dortigen Anbiedern an den so genannten Zeitgeist, mit den Auswirkungen auf unsere Meinungen, unser gesellschaftliches Engagement ... und schließlich mit entsprechenden Auswirkungen auf unsere Politik, unsere Gesetze?

Neuen Kommentar schreiben

KONTEXT per E-Mail

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochvormittags unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.JETZT ANMELDEN

Letzte Kommentare:
















Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!