Wer es nicht über die Grenze schafft, landet früher oder später im Ambulanzzelt neben der Mülldeponie. Mehr Fotos mit Klick auf den Pfeil.

Wer es nicht über die Grenze schafft, landet früher oder später im Ambulanzzelt neben der Mülldeponie. Mehr Fotos mit Klick auf den Pfeil.

Ausgabe 442
Überm Kesselrand

Gestrandet auf der Müllhalde

Von Johanna Henkel-Waidhofer
Fotos: Ines Schiller
Datum: 18.09.2019
Würden Tiere in solchen Verhältnissen leben, käme der Tierschutz. Aber es geht um Menschen, die auf einer Müllhalde an Europas Außengrenze zwischen Bosnien und Kroation gestrandet sind. Die Hoffnung treibt sie Abend für Abend ins nächste Elend.

Ines Schiller ist eine jener internationalen HelferInnen, die nicht wegschauen wollen. Die österreichische Sozialdemokratin hat Kopflampen mitgebracht in den äußersten Nordwesten von Bosnien, ins Lager Vučjak, das die Stadt Bihac auf einer ehemaligen Mülldeponie errichtet hat, nachdem ihr offizielles Lager völlig überfüllt war. Die Lampen sind hoch begehrt, weil die Suche nach der grünen Grenze gefährlich ist. Wer in der Umgebung des Lagers unterwegs ist, hat immer eine Karte in der Hand, auf der eingezeichnet ist, wo Minen aus dem Bosnienkrieg liegen könnten.

Wer auf- oder besser: ausbrechen will, will im Dunkel bleiben. Im Schutz der Nacht machen sich Abend für Abend Männer auf ins "Game", wie sie sagen, und versuchen, EU-Territorium zu erreichen. Die Erfolgsaussichten sind verschwindend gering, viel wahrscheinlicher ist, von kroatischen Polizisten jenseits der Grenze gefasst zu werden. Geschlagen, beraubt und gedemütigt kehren die allermeisten zurück, was dem eigenen Elan und dem anderer, es wieder zu versuchen, keinen Abbruch tut.

So viel zum Thema Pull-Faktor und die inzwischen vielerorts unerwünschte Anziehungskraft reicher EU-Ländern auf Menschen aus Staaten wie Syrien, Afghanistan oder Pakistan, über den bürgerliche/christdemokratische PolitikerInnen im warmen mitteleuropäischen Büro so gerne philosophieren. Jenen, die in Vučjak festsitzen, kann nichts und niemand das Verlangen nach einem besseren Leben ausreden.

Für 4500 Euro ist der Weg nach Europa frei

"Wer Geld hat, kommt sowieso durch", berichtet Ines Schiller. Taxis im acht Kilometer entfernten, 60 000 Einwohner zählenden Bihać bringen Flüchtlinge für 4500 Euro an die Grenze. Die Posten schauen weg, ebenso kroatische Polizisten. Die Mittellosen müssen sich, wenn sie gefasst werden, in einer Reihe aufstellen, Schuhe oder Rucksäcke werden ihnen abgenommen, verbrannt, Handys zerstört. Und dann geht es zurück über die Außengrenze, nicht ohne Schläge und Tritte. Mit Striemen, mit Schnitt- und Platzwunden oder gebrochenen Armen kommen die Geschundenen zurück ins Ambulanzzelt auf der Müllhalde.

Dass sie nicht von allen im Stich gelassen sind, haben sie Dirk Planert zu verdanken. Der Dortmunder war schon einmal hier, um spontan Hilfe zu leisten. Vor 25 Jahren ist er mitten im Balkankrieg zuerst mit einem kleinen Lastwagen nach Bihać gefahren, später noch sechs Mal mit seiner "Aktion Soforthilfe" und 400 gleichgesinnten freiwilligen Helfern. Sogar jene Tage der serbischen Großoffensive 1994, bei der Tausende Panzergranaten flogen, hat er in der Stadt verbracht. Damals ist ihm klar geworden, wie er im März 2019 im ARD-Interview sagt, "dass jetzt die Zeit ist, etwas zu tun, und nicht in der Uni zu sitzen, zu reden und sich darüber aufzuregen, dass die Weltgemeinschaft das bosnische Volk verrecken lässt. (…) Wenn man sich darüber aufregt, dass die Politik nichts tut, gibt es nur eine Möglichkeit: selbst etwas tun. Am nächsten Morgen habe ich angefangen".

Einige Tage ist der inzwischen 52-jährige Fotograf und Journalist wieder in Bihać, bekommt eine Ehrenurkunde für sein Engagement, eine Ausstellung der Bilder aus dem Jahr 1994 wird besprochen. "Das Alte soll vom Neuen überschrieben werden, wie auf einer Festplatte", sagt er, und dass sich "das gut anfühlt". Solange bis er vom Lager auf der Müllhalde erfährt. Die Vergangenheit holt ihn ein und er fängt wieder an, Hilfe zu organisieren. "Arbeiten, um nicht zu denken", wird er nur ein paar Wochen später schreiben, "ich mache Bilder, folge einer Familie ein Stück und bleibe stehen, ich bin hilflos, sie gehen den kroatischen Polizeiknüppeln und den Hunden der slowenischen Polizei entgegen, Europa ist gewalttätig."

Eine Handvoll Ehrenamtliche sind im Ambulanzzelt: Ines aus Österreich, Wolfgang aus Heidelberg, eine Schwedin, ein junger Ungar. Das Rote Kreuz aus Bihać versorgt die Flüchtlinge mit zwei bescheidenen Mahlzeiten am Tag. Obwohl die, die hinten in der Schlange stehen, wissen, wie oft das Essen nicht reicht, wird geteilt mit den HelferInnen. "Unsere Mittel sind begrenzt", klagen die Rot-Kreuz-MitarbeiterInnen. Die gesamte bosnische Migrationskrise abgeladen auf den Kanton Una-Sana.

Der Heidelberger Arzt hat solche Zustände noch nicht gesehen

Schon Ende September drohen nachts einstellige Temperaturen. In kalten Wintern hat es minus 20 Grad. "Da braut sich eine Katastrophe zusammen", befürchtet Ines, die Spenden sammelt und ApothekerInnen daheim im Salzkammergut dazu bringt, sie mit dringend notwendigen Medikamenten zu unterstützen. Gerade hat sie Zahnbürsten und Duschgel, Kleidung und Schuhe ins Lager gebracht. Ihre Augen werden feucht, wenn sie von dem jungen Mann erzählt, der geweint hat, weil er getragene Nikes abgreifen konnte.

"Hier wird die Menschenwürde mit Füßen getreten", sagt Wolfgang Heide. Auch der Heidelberger Gynäkologe kann und will nicht wegschauen. Bei seinen humanitären Einsätzen überall in der Welt hat er schon viel gesehen, aber noch nie, dass "Menschen unter verheerenden hygienischen Zuständen auf einer Müllhalde gehalten werden". Das gehe gar nicht, "für nichts und für niemanden". Zu den Verletzungen kommt die Krätze. Über und über sind Körper mit Geschwüren übersät, die kaum zu behandeln sind.

Regelmäßig stehen 200 Patienten Schlange. An manchen Tagen ist für die etwa achthundert Lagerinsassen kein einziger Arzt vor Ort. "Wir hatten einen Vorfall mit Verdacht auf Blinddarmentzündung und 42 Fieber, aber es kommt niemand, um den Mann in ein Krankenhaus zu bringen", berichtet Ines Schiller, die zwölf Jahre in Österreich in der Pflege gearbeitet hat. Im Lager habe sie "der Not gehorchend" sofort Aufgaben übernommen, die Pflegekräfte in Mitteleuropa nie erledigen dürften: Spritzen setzen, Blut abnehmen oder Schmerzmittel dosieren. "Aber wer sieht, wie die Menschen hier leben", sagt sie, "fragt nicht mehr, was darf ich, sondern was kann ich."

Es gäbe sogar einen Linienbus nach Stuttgart

Alle HelferInnen eint auch das Verständnis für die Bevölkerung in der nahen Stadt. Unterhalten wird von den UN ein privatwirtschaftlich geführtes offizielles Lager, das allerdings komplett überfüllt ist. Parks und Straßen waren derart überlaufen, dass die Verwaltung keinen anderen Ausweg mehr sah, als das Gelände der Müllhalde für ein weiteres Lager notdürftig aufzuschottern. "Am Anfang, als das losging, haben sehr, sehr viele Menschen den Flüchtlingen geholfen, Essen, Wasser, alles Mögliche", weiß Planert. Aber weil die kroatische Grenze dicht ist, kommen sie nicht weiter. "Das ist wie ein Flaschenhals, der vollläuft", beschreibt er, "und irgendwann wird der Druck immer größer". Bürgermeister und Stadträte dachten, sagt Ines Schiller, es käme Hilfe, wenn die Bilder in der EU gesehen werden. In Wahrheit ist der Teufelskreis festgeschlossen: Weil die Müllhalde internationalen Standards nicht entspricht, halten sich internationale Organisationen fern, mit Ausnahme vom Roten Kreuz.

"Das ist das Ergebnis der Abschottungspolitik der EU", schreibt Planert. Vergessen sei der Sommer der Menschlichkeit 2015, als Helfen normal war: "Nach vier Jahren Hetze gegen Flüchtlinge in der EU kann sich kaum jemand mehr vorstellen, dass irgendwer diesen Leuten helfen möchte." Dabei wäre es so einfach. Jeden Tag fährt der Linienbus von Bihać zum Flughafen in Stuttgart, klimatisiert und mit WC, versteht sich. Die Fahrt dauert gut 14 Stunden und kostet 45 Euro pro Person. "Wir verbinden Europa", lautet der Werbespruch der Anbieter.


Wer helfen will mit Spenden, die zur Gänze bei den Geflüchteten in Vučjak ankommen: Dirk Planert, Kontonummer: DE51 5001 0517 5537 2011 12


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!

2 Kommentare verfügbar

  • Brigitte Augspurger
    vor 1 Woche
    Die Helfer wurden bereits vor einer Woche behördlicherweits ausgewiesen, jegliche Hilfe untersagt. Mittlerweile berichten das ARD-Studio Wien, der Weltspiegel, die Deutsche Welle, news.at.... die Redaktion wurde am vergangenen Montag informiert: https://balkanstories.net/2019/09/28/behorden-schliesen-einzige-medizinische-versorgung/?fbclid=IwAR3V43wAF9243ENEJqN92PGQ8JhQDn8K_Q0ETN_ROu5osYB12CsLRc3b4Oo ...schade, daß ihr das Thema nicht wieder aufgegriffen habt. Denn da hülfe nur Öffentlichkeit.
  • Barbara Dedie
    vor 3 Wochen
    Schon Sonntag und noch kein Kommentar. Was bedeutet das?
    Ist halt so, kann man nichts machen.
    Soll sich Trump drum kümmern, sind ja seine Flüchtlinge.
    Oder Soros, je nach Lesart.
    Ich sehe das Lager vor meinen Augen, Moria auf Lesbos, aber das scheint noch Zucker zu sein im Vergleich zu all den anderen Orten der Hoffnungslosigkeit.
    Die BRD nimmt 25% der Mittelmeerflüchlinge auf, Strecke Afrika - Italien.
    Und was ist mit all den anderen, auf dem Balkan?
    Und sagt bitte nicht, das ginge Euch alles nichts an. Geht es wohl.

Neuen Kommentar schreiben

KONTEXT per E-Mail

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochvormittags unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.JETZT ANMELDEN

Letzte Kommentare:
















Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!