Die Hoffnung stirbt nie: Flüchtlings-Camp in Schistos.

Ausgabe 378
Überm Kesselrand

Sag mir, wo die Blumen sind

Von Johanna Henkel-Waidhofer (Text und Fotos)
Datum: 27.06.2018
Der Innenausschuss des baden-württembergischen Landtags war vier Tage in Griechenland – und in einem Flüchtlingslager nahe Athen ganz besonders mit den Auswirkungen der europäischen Abschottungspolitik konfrontiert: keine Jobs, zu wenig Hilfe, kaum Perspektiven. Nur die Hoffnung auf eine bessere Zukunft, die lebt immer weiter.

Die Schlaglöcher werden tiefer auf dem Weg der kleinen Stuttgarter Delegation aus Piräus nach Norden. Wilde Mülldeponien am Straßenrand, Metallschrott und Schutt, keine Lebensmittelläden, keine öffentlichen Verkehrsmittel vor dem Schlagbaum. Dahinter, in dem Lager auf dem ehemaligen Militärgelände ist die staatliche medizinische Versorgung der anhaltend hohen Flüchtlingszahlen in Kombination mit dem europäischen Spardiktat immer weiter ausgedünnt. Wer akut einen Arzt braucht, muss ins Taxi steigen. "Das Leben ist nicht einfach", sagt eine der Helferinnen, "aber viel besser als anderswo."

Der Innenausschuss des Landtags, zu Besuch in Athen, bekommt mit Schistos eine Vorzeigeeinrichtung zu sehen. Mit Gemeinschafts- und zahlreichen kleinen individuellen Familienunterkünften, samt Küche und sanitären Einrichtungen. Eine Art Selbstverwaltung sorgt für Sauberkeit, Flüchtlinge kümmern sich um die Mülltonnen. Selbst Menschen mit Bleiberecht leben hier, weil sie weder Wohnung noch Arbeit finden. Frauen können im kleinen Kreis über die Situation in der Familie reden, wenn's brenzlig ist. Die Bibliothek hat jeden Tag geöffnet, die Schule ohnehin. "Viele Kinder glauben, wenn sie nur fleißig lernen", erzählt ein Erzieher, "finden sie das Paradies in Deutschland."

Dabei steht gerade die Geschichte der schmucklosen, aber sicheren Heimat auf Zeit für aktuell knapp 800 Menschen auch dafür, wie moralischer Vandalismus gesellschaftsfähig geworden ist in den wohlhabenden Regionen des Kontinents.

Nur elf Tage waren nötig, um das Gelände 2016 zu planieren und in eine Zeltstadt zu verwandeln. Mehr als 2000 Menschen mussten danach ohne Heizung auskommen, mit zu wenigen Decken, rationiertem Wasser und ohne Registrierung oder die Möglichkeit, einen Asylantrag zu stellen. An die Einstellung neuer, dringend benötigter BeamtInnen war nicht zu denken, da alle Finanzhilfen an Kürzungen im öffentlichen Sektor gebunden waren.

Der Wolf im Schafpelz Sebastian Kurz, heute Österreichs Regierungschef, damals als Außenminister zuständig für Europa und Integration, lud im Winter 2016 nach Wien zur sogenannten Westbalkan-Konferenz. Vorausgegangen waren etliche scharfe Äußerungen zum Thema Grenzschließung oder Blitzasyl ("Wir werden hässliche Bilder sehen"). Ohne Rücksicht auf Verluste und die vielzitierten europäischen Werte wurden Fluchtwege dichtgemacht, vor allem zu Lasten der ohnehin krisengebeutelten Griechen mit ihren 18 000 Seekilometern EU-Außengrenze. Bis heute ist der gläubige Katholik Kurz, der inzwischen auf der Welle der Fremdenfeindlichkeit ins Kanzleramt surfte, ausweislich seiner Homepage stolz auf diesen Alleingang.

Gefragt sind Phantasie, Mut und Menschlichkeit

In wenigen Tagen wird Österreich turnusmäßig für ein halbes Jahr den EU-Vorsitz übernehmen, der nach dem Wunsch des Kanzlers von den Themen Asyl und Migration bestimmt sein soll. Wie krude die Logik des erst 32-jährigen Studienabbrechers ist, zeigt sein Schulterschluss mit den Scharfmachern von jenseits der bayerischen Grenze. Die von CSU-Bundesinnenminister Horst Seehofer angekündigte Zurückweisung von Flüchtlingen an deutschen Grenzen würde einen "Dominoeffekt" auslösen, sagt sein Freund Kurz in freudiger Erwartung. Konkret plant er Grenzkontrollen am Brenner, an Österreichs Grenze zu Italien – "aber auch an vielen anderen Orten". Viel Phantasie gehört nicht zu der Prognose, dass es dann eine weitere Zuspitzung der Lage geben wird. "Wir haben nichts Gutes zu erwarten", sagt in Athen einer der griechischen Gesprächspartner, der seinen Namen nicht veröffentlicht sehen will und Angela Merkel enthusiastisch lobt.

Wer in Schistos durch die Anlage geht, in der Kies ausgeschüttet wurde, damit der Starkregen seinen Schrecken verliert – anders als vor zwei Jahren, als noch die Zelte komplett unterflutet wurden –, wer die jungen Männer diskutieren hört, die Frauen Englisch büffeln sieht oder die Kinderzeichnungen studiert, der bekommt ganz ohne Reise in Kriegsgebiete, in die Hunger- und die Armutsregionen der Welt eine Idee davon, warum alle Abschottungs- und Rückweisungsversuche das Migrationsproblem niemals werden lösen können. Gefragt sind Phantasie, Mut, Menschlichkeit, Solidarität, Effizienz und nicht zuletzt mehr Kompetenz in der komplizierten Thematik.

Der mitgereiste baden-württembergische Innenminister Thomas Strobl (CDU) denkt laut über eine rasche Verstärkung des Grenzschutzes durch 1500 deutsche Polizisten nach. Was die genau tun sollen, weiß er aber auch nicht. "Abschreckung muss scheitern", sagt eine junge Frau, die im Camp für eine Hilfsorganisation arbeitet. Denn: "Die Hoffnung auf ein besseres Leben stirbt nicht zuletzt, die Hoffnung stirbt gar nicht, weil die Verzweiflung größer ist als die Angst."

Im Schifffahrtsministerium bekommen der Bundesvize der "Christlich Demokratischen Union Deutschlands" und die Mitglieder des Landtagsinnenausschusses ein Video zu sehen. Es soll zeigen, welche Anstrengungen die Griechen im Kampf gegen Schmuggler unternehmen, gegen den Menschen- und Drogenhandel, bei der Küstenwache und das ungebrochene Bemühen um Menschlichkeit, wenn Tag für Tag von Schleppern verlassene, überfüllte Boote aus Seenot gerettet werden. Und warum der zynisch sogenannte Grenzschutz faktisch kaum eine Rolle spielen kann bei solchen Einsätzen. Der Blick auf Land- und Seekarten der Weltgegend mit ihren zerklüfteten Küsten und den ungezählten kleinen und größeren Inseln lehrt ohnehin, dass eine zuverlässige Kontrolle der EU-Außengrenzen nicht einmal mit deutscher Gründlichkeit gelingen würde.

Auf Lesbos, Samos, Kos, Leros und Chios sind die inzwischen völlig überbelegten EU-Hotspots eingerichtet. Nicht eine, sondern gleich mehrere Meerengen trennen die Türkei nur weniger als zehn Kilometer von der EU. Ohnehin ist die Zusammenarbeit der Behörden, der Polizei und der Küstenwache mit der Türkei schwierig. Eben erst hat Ankara wieder einmal Teile der Rückführungsabkommen mit der Europäischen Union ausgesetzt, weil Athen acht Soldaten, laut Erdoğan Putschisten, nicht nur nicht ausliefert, sondern auch noch aus der Haft entlassen und ihnen Asyl in Aussicht gestellt habe. Seit die Küstenwächter von Frontex 2016 die Arbeit aufnahmen, wurden etwa 1700 Menschen übers Meer zurückgebracht an die türkische Küste. Allein auf Lesbos sitzen derzeit rund 9000 Menschen fest, in einem Camp – wie die Lager weichgespült genannt werden – mit eigentlich nur 1200 Plätzen. Und Mitteleuropäer, allen voran Kurz, Seehofer und Bayerns neuer starker Mann Markus Söder, der bekanntlich in fast allen öffentlichen Gebäuden Kreuze hat aufhängen lassen, wollen von Barmherzigkeit oder Nächstenliebe nichts wissen.

"Was machen wir mit den Menschen? Lassen wir sie ertrinken?"

Diese Grundprinzipien seien "ausgesprochen wichtig, und ich versuche mein Handeln danach auszurichten", erklärte Österreichs Kanzler kürzlich in einem von der Erzdiözese Wien veröffentlichten Interview. Hehre Worte, die Taten sehen anders aus. Die Innenpolitiker aus Baden-Württemberg besuchen die christlich-orthodoxe Mission "Apostoli". Einer der Verantwortlichen beschreibt den Umgang der weitüberwiegenden Mehrheit seiner Landsleute mit den Lasten der Zuwanderung: "Wir sind stolz auf unsere Gastfreundschaft." Außerdem sei "der durchschnittliche Grieche gläubiger als der durchschnittliche Mitteleuropäer", und "das Streben nach Besserem zutiefst menschlich".

Längst kann niemand mehr bestreiten, dass effektive Hilfe vor Ort allein am Wollen der Globalisierungsgewinner hängt. Dimitris Vitsas, kommunistischer Migrationsminister mit 40 Jahren Erfahrung in der Privatwirtschaft, erinnert an die Hungerkatastrophe rund um den einmal 10 000 Quadratkilometer großen Tschad-See, mit Ufern im Tschad, in Kamerun, Nigeria und Niger. Vor einem Jahr haben die G7-Staaten eine exemplarische Untersuchung der Fluchtursachen in Auftrag gegeben, dabei ist die Verelendung der Region seit einem halben Jahrhundert seriös vorhergesehen worden, einschließlich der Gefahr immer längerer Dürreperiode, bitterer Armut, des Verlusts jeder staatlichen Kontrolle. "Was machen wir mit diesen Menschen? Lassen wir sie ertrinken im Meer?", will Vitsas von seinen BesucherInnen wissen, "was ist die Lösung?"

Einige Familien in Schistos haben für ihren schwierigen Alltag keine große, aber eine kleine Lösung gefunden und Hand angelegt. Zwischen einzelnen der schmucklosen Container sind von Flüchtlingen, meistens aus Afghanistan, kleine Gärtchen angelegt, mit ein paar Blumen, mit Schattenspendern, mit Kräutern und Gemüse. Er habe erfolglos mit seiner Rührung gekämpft, erinnert sich ein NGO-Helfer, als ihm zum ersten Mal eine selbstgezogene Gurke überreicht wurde."At least … we try to be decent", sagt ein junger Flüchtling: "Wir versuchen wenigstens, anständig zu sein."

Eine kleine grüne Gurke lässt sich teilen, großer Wohlstand nicht. Stattdessen wird Hysterie geschürt – als wenn Europa mit seinen mehr als 500 Millionen Bewohnern von zwei oder drei Millionen Flüchtlingen der Untergang drohe. Aus den Büchern oder all den anderen alten und neuen Medien, die Geschichte weitertragen werden an künftige Generationen, ist diese von den reichen Ländern und vom Westen maßgeblich zu verantwortende Schande schon lange nicht mehr zu tilgen.


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