Ausgabe 378
Politik

Der Traditionsfaschist

Von Gastautor Michael Weingarten
Datum: 27.06.2018
Der faschistische Philosoph Julius Evola ist bedeutender Ideengeber der Neuen Rechten. Wichtiges Element der von ihm empfohlenen Vorgehensweise ist der kalkulierte Tabubruch, wie ihn die AfD praktiziert. Am Wochenende hat sie ihren Parteitag in Augsburg.

"Begebe dich nicht dorthin, wo man sich verteidigt, sondern dorthin, wo man angreift."

Kein anderer Satz fasst die politische Theorie Julius Evolas so treffend zusammen wie dieser der "Bestimmung des Standorts" dienende Ratschlag aus seinem 1961 erschienenen Buch "Den Tiger reiten". Dabei stammt die Formulierung nicht von Evola selbst, sondern er entnimmt sie – ohne den eigentlichen Autor zu nennen – in freier Variation aus Ernst Jüngers Buch "Der Arbeiter" (1932). "Jemand" habe "irgendeinmal" diesen Satz vorgeschlagen, mit dem sich die "Schar" derjenigen identifizieren könne, die "Erbe der Tradition" ist, und die sich von allen übrigen Zeitgenossen, der "Masse", abheben möchte.

Evola, 1898 in Rom geboren, kannte sehr wohl diesen "jemand", hatte er doch selbst zu Ernst Jünger und dem Buch "Der Arbeiter" eine 1959 erschienene Abhandlung "Der 'Arbeiter' im Denken Ernst Jüngers" veröffentlicht. Eine solche bewusste Verschleierung der Urheberschaft verrät schon sehr viel. Ernst Jünger selbst hat in diesem Satz sein Vorgehen als "Stoßtruppführer" im Ersten Weltkrieg verdichtet. Eine kleine ausgewählte Schar bricht überraschend in den gegnerischen Graben ein und versucht in kürzester Zeit so viel Schaden, Angst, Schrecken und Verwirrung zu verbreiten wie möglich, um sich dann selbst rasch wieder in den eigenen Graben zurückzuziehen; Jüngers Buch "In Stahlgewittern" beschreibt viele solcher Aktionen. Ziel eines Stoßtruppunternehmens ist es gerade nicht, die gegnerische Position zu erobern und zu besetzen – das wäre das Ziel eines "Bewegungskrieges" –, sondern eben Verwirrung und Panik zu erzeugen im Kontext eines "Stellungskrieges".

Julius Evola, gegen 1940. Foto: gemeinfrei
Julius Evola, gegen 1940. Foto: gemeinfrei

Julius Evola überträgt, wie auch schon Ernst Jünger, dieses militärische Vorgehen auf politische Auseinandersetzungen und Kämpfe. Leben wir in einer "Epoche der Auflösung" und wissen wir, auf was die Zerstörungsprozesse gerichtet sind, nämlich die "bürgerliche Welt", die "bürgerliche Gesellschaft", dann gilt es nach Evola, diese Zerstörungsprozesse zu beschleunigen, auch wenn daraus keine Gewissheit über einen zu erringenden Sieg folgt. Akte der Gewalt, "direkte Aktionen", politische Morde und Terror erscheinen so als gerechtfertigte Mittel, um den ohnehin unausweichlichen Zerstörungsprozess zu beschleunigen. Und gerechtfertigt seien solche Mittel erst recht dann, wenn die Akteure, die "auserwählte Schar", sich selbst als "anders seiende Menschen" fühlen, sich "völlig außerhalb dieser Gesellschaft" wähnen und keine Forderung anerkennen, "sich in ein irgendwie geartetes, absurdes System einzufügen".

Doch halt! Genau dann nämlich, wenn sich terroristische Akteure in der Rechtfertigung von Gewaltakten so auf Evola berufen – und in Italien bezogen sich Ende der 1960er und in der ersten Hälfte der 1970er Jahre rechte, faschistische und linke Terrorgruppen rechtfertigend auf seine Schriften –, dann sagte Evola, solche direkten Gewalthandlungen habe er nicht gemeint. Denn in diesem Verständnis stünden die Akteure ja nicht außerhalb der Gesellschaft, die sie doch bekämpfen wollen, sondern seien immer noch verfangen in den Verhältnissen der Gesellschaft und deren politischem System. Seine Ausführungen seien meta-politisch gemeint und daher keine Handlungsanweisungen für politische Interventionen innerhalb des bestehenden politischen und gesellschaftlichen Systems.

Meta-Politik – in der Terminologie Evolas: Apolitea – meint kulturphilosophische und kulturpolitische Interventionen: Das Besetzen von Themenfeldern, das Uminterpretieren von Begriffen, die entdifferenzierende Zuspitzung von Problemen bis hin zu "fake news", das Entfachen ungezügelter Affekte (z. B. "thymotische Politik" (von altgriech. "Thymos", u.a. Zorn und Empörung): für die intellektuelle Schickeria vermittelt von Sloterdijk, für das Fußvolk von Marc Jongen) bis hin zum raunenden Gemurmel vom "eigentlichen Seyn", wie es seit Jahren etwa Botho Strauss vorführt. In diesen Bereich der Meta-Politik gehören aber auch esoterische Schriften, wie sie von Evola selbst verfasst und im Unterschied zu seinen politischen Arbeiten in Deutschland stärker rezipiert worden sind; etwa die "Metaphysik des Sexus" (1958), "Die Magie als Wissenschaft vom Ich. Theorie und Praxis des höheren Bewusstseins" (1955) oder "Das Mysterium des Grals" (1934). In diesen Schriften entwickelt Evola ein paganistisches, indogermanische Mythen verwendendes Weltbild. Sowohl gegen monotheistische Religionen und Theologien wie auch gegen atheistische Weltbilder (Sozialismus und Kommunismus) beschwört er hier organisch geschlossene und hierarchisch gestufte Ordnungen des Kosmos und des menschlichen Zusammenlebens. Zu diesen esoterischen und paganistischen Schriften gehört auch sein "Grundriss der faschistischen Rassenlehre" (1941). Denn mit Rasse ist bei ihm nicht eine bestimmte Ethnie oder ein bestimmtes Volk gemeint, sondern eine geistige Elite und Aristokratie, die als Einzelne in jedem Volk, zumindest jedem indoeuropäischen, gefunden werden könne – die Beschreibung der Entdeckung eines Jedi-Ritters hätte Evola in dieser Hinsicht bestimmt gefallen.

Die Nazis waren Evola nicht radikal genug

Evola war bekennender Faschist und war als solcher zumindest in Italien bekannt. Trotzdem wurde er auch von der aktionistischen Linken rezipiert und geschätzt. Um das verstehen zu können, ist ein Blick in seine Biographie hilfreich. Geboren 1898 als Giulio Cesare Andrea Evola gehörte er am Ende des Ersten Weltkrieges als Maler und Poet zum Kreis der Futuristen um Filippo Tommaso Marinetti, später dann zu den Dadaisten um Tristan Tzara. Aber schon Anfang der 1920er Jahre widmete er sich ausschließlich esoterischen Themen, sympathisierte mit dem Regime von Benito Mussolini und versuchte, wie andere Futuristen auch, politischen Einfluss in der faschistischen Bewegung zu gewinnen. 1931 knüpfte er, begeistert von Oswald Spenglers Schrift "Der Untergang des Abendlandes", Kontakte zu den "Konservativen Revolutionären" im Deutschen Reich, zur NSDAP und insbesondere zur SS, da er deren Ordensburgen als eine Möglichkeit der Ausbildung einer neuen Aristokratie verstand. Wie bei vielen Expressionisten im Deutschen Reich, die sich zunächst begeistert der NSDAP anschlossen, oder bei Futuristen, die anfänglich Mussolini unterstützten, setzte auch bei Evola sehr rasch Enttäuschung und Distanzierung ein. Diese Bewegungen und Regime seien nicht radikal genug in der Zerstörung der bürgerlichen Welt und könnten insbesondere die eigentlichen Ideen des Faschismus nicht umsetzen, befand Evola; eine Kritik, wie sie auch von Heidegger und Jünger geäußert wurde.

Porträt Michael Weingarten

Philosoph Michael Weingarten, Jahrgang 1954, unterrichtet an den Universitäten Stuttgart und Marburg. Er ist Mitbegründer des Stuttgarter Hannah-Arendt-Instituts für politische Gegenwartsfragen und Mitglied der Linkspartei. Für Kontext verfasst er gelegentlich Gastbeiträge, zuletzt hier. (min)

Futurismus, Dadaismus und Surrealismus wurden von ihm als "Revolte gegen die moderne Welt" – so der Titel seines 1934 erschienenen politischen Hauptwerkes – immer wertgeschätzt; ihnen komme eine die bürgerliche Welt zerstörende, aber keine neue Welt schaffen könnende Bedeutung zu. In genau dieser Hinsicht beurteilten auch (kommunistische) Linke wie Lunatscharski und Trotzki in der frühen Sowjetunion den Futurismus; er zerstöre endgültig alle Formen bürgerlicher Kunstproduktion und bereite so einer sozialistischen Kunst und Kultur den Weg. Der durch den Surrealismus gesetzte Impuls reiche aber über die Zeit nach 1945 hinaus. In "Den Tiger reiten" schreibt Evola: "Als schließlich Breton erklärte, die einfachste surrealistische Tat sei es, 'mit Revolvern in den Fäusten auf die Straße zu gehen und blindlings soviel wie möglich in die Menge zu schießen', nahm er in der Theorie vorweg, was nach dem Zweiten Weltkrieg von einigen Exponenten der jüngeren Generation in die Praxis umgesetzt wurde, die eben mittels der absurden und zerstörerischen Tat den einzig möglichen Sinn des Lebens finden wollten." Die Äußerung Bretons ist, wenn man so will, die surrealistisch-linke Variante des von Evola zitierten Satzes Ernst Jüngers. Auch hier erhebt sich die Frage, ob und inwiefern das Zitat eine künstlerisch-ästhetisch gemeinte Provokation ist oder eine ernst gemeinte Handlungsaufforderung. An dieser Stelle muss durchaus daran erinnert werden, dass der erste terroristische Bombenanschlag im Umfeld der bundesdeutschen Studentenbewegung dem Jüdischen Gemeindehaus in Berlin galt, symbolisch verübt am 9. November 1969 von der Gruppe um Dieter Kunzelmann.

Im Sinne einer Künstlerkritik am Bürger und an der bürgerlichen Gesellschaft wurde diese Form der Provokation jedenfalls praktisch von den Situationisten aufgegriffen und theoretisch von Herbert Marcuse. In der Kritik und Zeitdiagnose stimmt Evola Marcuse durchaus zu, wenn er ihm auch vorwirft, nicht über die bloße Revolte, die Zerstörung des Bestehenden hinauszudenken. Dazu bedürfe es einer metaphysischen Konzeption. "Die natürliche Heimat des Menschen, das Land, das seine Sprache spricht, ist die Welt der Tradition. [...] In diesem besonderen Verständnis des Begriffs darf eine Zivilisation oder Gesellschaft als traditional gelten, wenn sie sich nach Grundsätzen richtet, die die nur menschliche oder nur individuelle Ebene übersteigen, wenn jedes ihrer Gebiete von oben und nach oben gestaltet und geordnet ist."

"Den Tiger reiten"

Den Tiger zu reiten heißt nach Evola, gegen die Stimmungen der Massen, gegen die Abstimmungen in der Massendemokratie, gegen den bloß scheinbaren Aktionismus von bloßen Mode- und Zeitströmungen Politiken der Identität zu formulieren und zu leben. Sei es in der Form der ästhetischen Gestaltung der Abwendung von den gesellschaftlichen Auseinandersetzungen in einer zerfallenden Welt, wie es prototypisch Ernst Jünger in seiner Erzählung "Auf den Marmorklippen" (1939) vorführte oder Botho Strauss heute praktiziert. Oder sei es in der Form der Provokation und provozierenden Intervention, die nur zerstörerisch und erschreckend wirken möchte. Gerade in dieser Hinsicht von destruktiven Aktionsformen sind aktionistische Gruppierungen in der Neuen Rechten, wie etwa die Bewegung der Identitären, gelehrige Schüler der 68er-Bewegung. Überfallartige Interventionen, um Veranstaltungen zu sprengen oder Diskussionen zu verhindern, unterscheiden sich in beiden Fällen nicht in der Form und wohl auch nicht im Ergebnis. Zu befürchten ist aber, dass gerade weil auf die Dauer der gewünschte Effekt solcher Provokationen ausbleibt, die Bereitschaft weiter wächst, Gewalt anzuwenden.

Elitäre Konzepte wie das von Julius Evola brauchen nichts zu befürchten, sollte Provokation in terroristische Gewalt umschlagen. Denn sie ziehen sich zurück auf die feinsinnige Unterscheidung eines passiven und eines eigentlichen Aktivismus. Passiver Aktionismus resultiert aus einem Anstoß von außen, er kommt nicht aus dem "Inneren" der Akteure. Der wirkliche Aktionismus hat die Form des "unbewegten Bewegers", er setzt in Bewegung, ohne sich selbst zu bewegen. Er stiftet Aktionen an, in deren Durchführung er dann nicht selbst involviert ist. Und er kann immer sagen: Das war ja alles nicht so gemeint.

Kontext schaut nach den Rechten

Wer sich als Alternative für Deutschland anpreist, muss Lösungen anbieten. Kontext lässt sich durch politische Nebelkerzen und dreiste Lügen nicht einlullen, sondern checkt die Fakten.

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