Julia Knopp und Maximilian Damm im Büro der Filmkombüse. Fotos: Jens Volle

Ausgabe 378
Kultur

Einmal Radikalisierung und zurück

Von Minh Schredle
Datum: 27.06.2018
Ein ehemaliger Salafist und ein früherer Neonazi: Der Dokumentarfilm "Hassjünger" porträtiert ihren Werdegang. Von der Radikalisierung bis zum Ausstieg. Julia Knopp und Maximilian Damm, verantwortlich für Skript und Regie, freuen sich auf die Premiere diesen Freitag. Und sind voll im Stress. Ein Besuch in der Mannheimer Filmkombüse.

"Eigentlich war die Erstausstrahlung für September geplant", erzählt Maximilian Damm. Kurz vor der Premiere, die nun wegen des Doku-Festivals des SWR auf den 29. Juni vorgezogen wird, stehen ihm und seiner Kollegin Julia Knopp arbeitsintensive Tage bevor: Bis zum Freitag muss der Feinschliff fertig sein, etwa eine Farbkorrektur vorgenommen werden. Trotzdem haben sie sich Zeit genommen für ein Pressegespräch im Mannheimer Jungbusch, wo sie seit knapp zwei Jahren mit ihrer Produktionsfirma sitzen, der Filmkombüse. Die haben sie noch zu Studienzeiten an der Filmakademie in Ludwigsburg, wo sie sich als Kommilitonen kennenlernten, "und dann haben wir uns gegenseitig zugetraut, was Vernünftiges zu machen", berichtet Knopp lachend.

Die beiden haben über den Journalismus zum Dokumentarfilm gefunden. Angefangen mit freier Mitarbeit bei Lokalzeitungen, studierte Damm Journalistik, Knopp arbeitete acht Jahre lang fürs ZDF. Den Blick des Berichterstatters wollen sie beibehalten: "Unser Selbstverständnis liegt zwischen Journalist und Dokumentarfilmer." Starke Bilder wollen sie mit starken Inhalten verbinden. Dafür haben sie sich im C-Hub eingemietet, einem trendigen Glasklotz im Mannheimer Hafengebiet, direkt am Neckarufer, der laut Selbstauskunft ein "Zentrum für Mannheims neue Arbeiterklasse" sein möchte und der vor allem von Start-ups (Damm hasst den Begriff – "Wir sind eine Produktionsfirma!") genutzt wird. Auf jeder Etage gibt es, zur gemeinschaftlichen Nutzung vorgesehen, eine gemütliche Plauder-Ecke samt Schaukel und auch einen Kaffeeautomaten, der seinen Dienst allerdings erst nach Münzeinwurf verrichtet.

Das kleine Büro der Filmkombüse ist gerade groß genug für drei Schreibtische und ein Regal. Knopp und Damm sind sind die einzigen Festangestellten der Produktionsfirma, etwa zwölf freie Mitarbeiter unterstützen sie. Die Filmkombüse haben sie unter anderem gegründet, um sich einen Zwischenschritt zu sparen: Für gewöhnlich hat der Produzent als übergeordnete Instanz ein paar Wörtchen mitzureden, wie der Film als Produkt zu gestalten ist. Das muss nicht sein, wenn man es selber macht. Ohnehin gelten für Fernsehproduktionen in aller Regel strenge Vorgaben. Häufig wird vom Sender sogar vorgeschrieben, bis zu welcher Sendeminute die Protagonisten spätestens eingeführt sein müssen, um die Sehgewohnheiten des Publikums zu bedienen. Die Zahl der Dokumentarfilmer in Deutschland, die ganz darauf verzichten können, für solche formatierten Sendeplätze zu produzieren und trotzdem einen auskömmlichen Lebensunterhalt haben, lässt sich an wenigen Händen abzählen, heißt es in der Branche.

Knopp und Damm wollen nun das eine tun, ohne das andere bleiben zu lassen. Für das ZDF-Format "37 Grad" produzieren sie aktuell einen 30-minütigen Beitrag, "Die Berührerin", der die buchbare Zärtlichkeit einer Sexualbegleiterin porträtiert. Damm betont: "Ein formatierter Sendeplatz muss für sich genommen noch nichts Schlechtes sein." Schließlich gebe es durchaus Gründe, weswegen sich entsprechende Vorschriften nach Lehrbuch etabliert haben. Doch die zwei von der Filmkombüse lieben kreative Freiheit. Deswegen wollen sie manch ein Herzensprojekt mit Formatbeiträgen querfinanzieren.

1,5 Jahre für 60 Minuten

Ihr bislang aufwändigstes Stück, "Hassjünger", wird nun beim Dokumentarfilm-Festival anlaufen und, "da hatten wir kaum Vorgaben", freut sich Knopp. Allein die Laufzeit von 60 Minuten ist ungewöhnlich für TV-Dokumentationen. Ebenso der Erzählstil: Der nimmt sich Zeit, ist unaufgeregt, setzt wenig Vorwissen voraus, um schließlich selbst in die Tiefe zu gehen. Von der Konzeption des Films bis zu seiner Fertigstellung dauerte es anderthalb Jahre. Der SWR tritt als Co-Produzent auf, die Arbeit haben überwiegend honorarfrei schaffende Studierende der Filmakademie Ludwigsburg erledigt.

Und die waren, je nach Zuständigkeit am Set, ganz nah dran an den Protagonisten: Felix Benneckenstein, einem früheren Neonazi, und Dominic Schmitz, einem ehemaligen Salafisten. Knopp und Damm begleiteten sie Monatelang. Sie waren bei Präventionsveranstaltungen dabei, aber auch dort, wo es brenzlig werden kann. Im Dortmunder Stadtteil Dorstfeld etwa, der straßenweise von Neonazis dominiert wird – ein Ort aus Benneckensteins Vergangenheit –, mussten sie den Dreh abbrechen. Nach wenigen Minuten liefen dort Rechtsextremisten auf und notierten sich das Kennzeichen der Filmemacher. "Das war ein Leihwagen", beruhigt Damm, "wir sind ja nicht blöd."

Die Zahl der Aussteiger, die offen über ihre extremistische Vergangenheit reden, ist eher überschaubar – auch weil sie unter ihren ehemaligen Kameraden meist als Verräter gelten. "Ein bisschen Überzeugungsarbeit hat es schon gebraucht, die beiden für unser Projekt zu gewinnen", erzählt Julia Knopp. Doch über die Filmakademie hatten sie zu beiden bereits vorher Kontakte. Bei der Dokumentation handelt sich um ihre gemeinsame Diplomarbeit an der Filmhochschule. "Hassjünger" sei kein urteilender Film, sagt Knopp. Er solle anhand von zwei Fallbeispielen die Umstände beleuchten, unter denen sich junge Menschen radikalisieren.

"Ihre Ideologien wollen wir dabei auf keinen Fall gleichsetzen", betont Damm. "Aber dennoch gibt es bei den beiden Lebensläufen verblüffend viele Parallelen." Beide waren in emotional belastenden Phasen auf der Suche nach Sinn. In den Reihen der Radikalen fanden sie die Anerkennung, die ihnen andernorts versagt blieb. Bei der Aufarbeitung ihrer Vergangenheit unterscheiden sich die beiden Aussteiger hingegen erheblich. Der frühere Salafist Dominic Schmitz spricht sich selbst von Schuld frei. Ex-Nazi Benneckenstein nicht. Der hielt den Holocaust lange Zeit für eine Lüge und steht im Film sichtlich geläutert in der KZ-Gedenkstätte Buchenwald, wo fast 60 000 Menschen ermordet wurden. Hinter einem Tor, das die Nazis mit "Jedem Das Seine" überschrieben haben. Diese Opfer verhöhnt zu haben, sagt Benneckenstein, werde er sich nicht verzeihen können.

Das große Problem mit geschlossenen Weltbildern ist, dass sie sich gegen jeden Ansatzpunkt für Kritik immunisieren. Alles, was nicht in den Gedankenkosmos der Rechtsextremisten passte, wurde in Benneckensteins Augen zur deutschlandfeindlichen Propaganda. Bis er in jeder Gegenrede eine Bekräftigung für seine These sah, dass "die Wahrheit" strukturell unterdrückt werden solle. Erst als ihm im Geschichtsrevisionismus seiner alten Kameraden, die er damals als vertrauenswürdige Quellen schätzte, immer mehr Widersprüche auffielen, wurde er stutzig.

Laut Damm wird aus Ideologie dann Extremismus, wenn Überzeugungen zu fanatischem Glauben werden, und Anhänger blind den Dogmen ihrer Führer folgen. Ein Patentrezept, wie dem vorzubeugen sei, kann und will er nicht anbieten: "Hinter jedem Einzelfall steht ein komplexes Ursachengeflecht, da verbieten sich einfache Erklärungsversuche." Kritisches Denken verstärkt zu schulen und aufklärerische Prävention seien sicher gute Ansätze, "aber haben leider auch keine hundertprozentige Erfolgsgarantie". Wo Unzufriedenheit entstehe, gebe es meist auch einen Nährboden, um Hass zu sähen.

Damit die verseuchte Saat fruchten kann, scheinen die intellektuellen Voraussetzungen weniger relevant als die emotionalen. Das verständlich darzustellen, ohne fanatische Ideologie zu verharmlosen, ist eine große Leistung, die Maximilian Damm und Julia Knopp geglückt ist. Bei der Premiere am Freitag werden die beiden, ebenso wie die Protagonisten ihrer Dokumentation, vor Ort sein, um mit dem Publikum zu diskutieren. Bis dahin heißt es aber: Mit Hochdruck ran an den letzten Feinschliff.


Info:

"Hassjünger", 29. Juni, 17 Uhr, Metropolkino Stuttgart. Die Erstausstrahlung im TV ist auf September angesetzt, ein konkretes Datum ist noch nicht festgelegt.


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