Tina (Carolyn Genzkow) ist 17 Jahre alt und will dazugehören. Fotos: Koch Media/Filmagentinnen

Tina (Carolyn Genzkow) ist 17 Jahre alt und will dazugehören. Fotos: Koch Media/Filmagentinnen

Ausgabe 269
Kultur

Ich sehe was, was du nicht siehst!

Von Rupert Koppold
Datum: 25.05.2016
Adoleszenz und Teenage Angst: Der Regisseur Akiz verschmilzt in seiner Geschichte von Tina und ihrem "Vieh" das Genre des Horrorfilms mit der bildenden Kunst. Faszinierend und souverän, meint unser Filmkritiker.

Dieser Film warnt vor sich selber! Die laute Musik und die Stroboskop-Effekte, so ist zu lesen, könnten für Epileptiker zum Problem werden. Aber es ist zu spät, die Bässe schlagen schon ein im Bauch, die Lichtblitze zerreißen schon den Raum. Techno will Tanz und Trance, duldet keine Distanz, keinen Widerspruch. Und mittendrin in diesem Knäuel zuckender Leiber die siebzehnjährige Tina (exzellent: Carolyn Genzkow), die auch dazugehören will. Es ist Nacht und verbotene Schwimmbad-Party, mit ihren Freundinnen ist sie durch ein Loch im Zaun geschlüpft, probiert Alkohol und Drogen ("Ich glaub, jetzt merk ich was!"), beäugt verstohlen den coolen Adam (Wilson Gonzalez Ochsenknecht), ist irritiert von einem Facebook-Foto und dann noch mehr von seltsamen Geräuschen beim Freiluftpinkeln. Da ist doch, ganz buchstäblich, was im Busch!?

Aber noch lässt der Regisseur Akiz seinen Nachtmahr nicht los. Er inszeniert zunächst lieber Bilder eines nächtlichen Unfalls, die von seiner Erzählung wiederholt respektive eingeholt werden, so wie das im neueren Horrorfilm geschieht oder auch in jenen Loops von Video-Installationen, die in modernen Galerien in Endlosschleife laufen. Der 1969 geborene Akiz, mit bürgerlichem Namen Achim Bornhak, hat an der Ludwigsburger Filmakademie studiert und arbeitet auch als Bildhauer. In seinem faszinierenden neuen Werk überschreitet er – trotz des extrem kleinen Budgets von knapp 100 000 Euro – souverän die Grenze zwischen bildender Kunst und Genrekino. Selten waren solch luzide Szenen von Teenage Angst und Paranoia zu sehen, und selten hat ein Regisseur derart darauf bestanden, dass sich die Verwirrungen der Pubertät, die Stürme der Adoleszenz, diese ganze Panik und Euphorie des Coming-of-Age nicht so komplett erklären und besänftigen lassen, wie das etwa einschlägige TV-Dramen vorgeben.

Am Anfang war nicht das Wort, sondern die Figur. Eine "Mischung aus einem uralten Mann und Embryo", wie Akiz sagt. Er hat diese Figur, die ihm nicht mehr aus dem Kopf ging, schließlich nachmodelliert und sie in verschiedenen Umgebungen fotografiert. Dann aber drängte sich ihm doch, aus eigenen Skizzen und Notizen, eine Geschichte zu dieser Figur auf, ein narrativer Film, der inspiriert ist von den Psychoanalytikern Freud und Jung, von den Dichtern Goethe und William Blake, und natürlich von Johann Heinrich Füssli, der Ende des 18. Jahrhunderts düster-romantische Bilder von einem dämonischen Wesen gemalt hat, das schwer auf dem Bauch einer in weißem Nachtgewand schlafenden Frau kauert und dem Betrachter dabei direkt ins Gesicht blickt. "Der Nachtmahr", so heißt dieses Gemälde, dessen Titel nun auch zu dem von Akiz' Film wurde.

Ist also das, was der schmalen, ernsten Tina passiert, nur geträumt? Sind es nur Fantasien, mit denen das Hirn einer Schlafenden des Nachts den täglichen Stress des Jungseins zu verarbeiten sucht? Sind also auch diese Geräusche aus der Küche nur eingebildet? Tina geht den Tönen nach, öffnet die Tür – und will sie sofort wieder zuschlagen. Denn da hockt ein nacktgraues, buckliges Wesen und frisst unbeirrt den Kühlschrank leer! Der Horror könnte nun so richtig ordentlich beginnen und sich einreihen in US-Teenage-Slasher-Serien oder japanische Geisterstorys. Aber es geht Akiz, auch wenn sein als erster Teil einer geplanten Trilogie entstandener Film stets spannend bleibt, mehr um das Spiel mit diesem Genre, anders gesagt: Es geht ihm mehr um den Ausdruck von Angst als um die Erzeugung derselben.

Dieser Nachtmahr ist Ausdruck von Tinas innerem Zustand, zunächst also materialisierte Angst. Am Anfang will sie, nicht mehr Kind und noch nicht erwachsen, sich in einem Ausbruch von Regression noch zu ihren Mittelschichtseltern ins Ehebett flüchten. Das Verstörende aber folgt bald darauf: Sie wird von diesem als "Vieh" bezeichneten Wesen zwar heimgesucht und erschreckt, aber sie akzeptiert es schließlich und lässt es sogar in ihrem Zimmer schlafen. Die anderen freilich können (oder wollen?) den Nachtmahr nicht sehen, weder die Freundinnen, für die Tina jetzt nicht mehr zur Clique gehört, noch die hilf- und auch ein bisschen lieblosen Eltern, die ihr Kind zum Psychiater schicken.

Tina ist nicht mehr Kind und noch nicht erwachsen.
Tina ist nicht mehr Kind und noch nicht erwachsen.

Die Psychoanalyse und das Horrorkino waren ja schon immer Konkurrenzdisziplinen, hier jedoch verbinden und ergänzen sie sich auf fruchtbare Weise. Wenn der Psychiater (Alexander Scheer), der natürlich nur an Träume denkt, seiner Patientin Tina rät, sie solle dieses Wesen doch ansprechen und anfassen, so ist dies kein schlechter Rat. Aber "nur" Träume will Akiz eben nicht bebildern, er reißt die Grenze zur Realität ein, er gibt, wenn man so will, auch der Perspektive von Tina recht. Seine vom expressionistischen Kino inspirierten Doppelungen und Schattenwelten lassen sich zwar oft schlüssig interpretieren – der schmatzende Nachtmahr, der die von Tina gemiedenen Eier (Pickelangst!) verdrückt, etwa als grandioses Bild für eine Essstörung! –, aber die Entschlüsselung allein hilft nicht weiter. Es geht für Tina vielmehr darum, Herrin über ihre eigenen Bilder zu werden.

Tina schaut in den Spiegel, ändert ihren Jungmädchen-Look, steigt in High Heels, wird zur selbstsicher-mondänen Frau, schwingt sich zum Star einer Party auf, bei der sie gar nicht eingeladen war. Ein Traum? Wie immer ist das in diesem nicht linear erzählten, sondern zwischen Raum, Zeit und Zuständen springenden Film nicht zu entscheiden. Ein radikaler Außenseiter-Film in jedem Sinn, der sich ebenso schwer in die deutsche Filmlandschaft einfügen lässt wie vor Kurzem Nicolette Krebitz' "Wild", in dem eine verhärmte junge Frau einen Wolf einfängt und aus ihrem Leben ausbricht.

Im "Nachtmahr"-Presseheft ist übrigens ein Glossar zu Begriffen wie "Angst", "Kreatur", "Freak" oder "Wahrnehmung" enthalten. Unter dem Stichwort "Teenager" steht als Definition unter anderem zu lesen: "Zielgruppe einer unschlagbar umfangreichen und disziplinarisch tätigen Konsum- und Selbstoptimierungsindustrie. In der Auseinandersetzung mit sich selbst und seiner subjektiv inakzeptablen Lage ist ein Teenager anfällig für vielfältigste Methoden der Ablenkung ..." Wenn so ein Teenager auch anfällig wäre für Filme wie "Der Nachtmahr", es wäre nicht das Schlechteste. Natürlich können sich auch Eltern, ein wenig Techno-Resistenz vorausgesetzt, diesen Film anschauen. Aber bitte nicht mit den Kindern!

 

Info:

"Der Nachtmahr" kommt am Donnerstag, den 26. Mai, in die deutschen Kinos. Welches Kino in Ihrer Nähe den Film zeigt, finden Sie hier.


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