Sibylle Berg sieht sogar beim Drohne-Gucken grazil aus. Irgendwie. Fotos: Zorro Film

Ausgabe 265
Kultur

Eine Frau erfindet sich selbst

Von Rupert Koppold
Datum: 27.04.2016
Das Regieduo Böller und Brot hat unter anderem die S-21-Dokumentation "Alarm am Hauptbahnhof" gedreht. Nun stellt es das Porträt einer exzentrischen Schriftstellerin vor. Es muss anstrengend sein, Sibylle Berg zu spielen, meint unser Filmkritiker.

"Dieses Geschreibe hat für mich nichts Heiliges", sagt Sibylle Berg über ihren Beruf. "Ich hasse Max Frisch", erklärt die meist in Schwarz gekleidete Schriftstellerin in einem Wegwerfsatz – und kein Wort mehr zu diesem Thema. Thomas Mann? "So was von blöd." Günter Grass? Ist ihr nicht der Rede wert, den macht sie nur mal kurz nach mit seinem Pfeifenrauchergestus. Überhaupt, diese männlichen Posen! Wie Autoren im Fernsehen den Kopf immer so nachdenklich in die Hand stützen. Und wie sich selbst die Hässlichen unter ihnen nach Lesungen Groupies greifen. Ach, diese Kerle! Sie selber hat auch eindeutige Angebote bekommen: "An so unmöglichen Stellen haben mir Männer ihre Pimmel gezeigt." Die Frau mit dem markanten Rothaarschopf gibt sich jedoch nicht empört, nur ein bisschen überrascht und sehr amüsiert. Und zeigt ein spöttisches Lächeln, das wie die Verbildlichung nachsichtigen Erzieherinnen-Tadels in der Kita wirkt: "Kinder, Kinder!"

Ein Jahr lang hat das als Böller und Brot bekannte Regieduo Sigrun Köhler und Wiltrud Baier, das seit der Ausbildung an der Ludwigsburger Filmakademie zusammenarbeitet, die Autorin Sibylle Berg begleitet. Wie bei den preisgekrönten Langzeitdokumentationen "Schotter wie Heu" (2002) oder "Alarm am Hauptbahnhof" (2011), die von einer Ein-Mann-Bank in der Provinz respektive vom S-21-Aufruhr erzählen, nehmen sich die beiden Filmemacherinnen auch hier zurück. Es gehe ihnen ums Beobachten, sagen sie, und darum, dass die Gefilmte einen Kontrollverlust akzeptiert und ihre "Angst und Eitelkeit vergessen kann". Um es vorwegzunehmen: Sibylle Berg akzeptiert natürlich keinen Kontrollverlust. Sie wird nämlich nicht zum Objekt der Beobachtung, sondern nutzt diese Dokumentation dazu, sich selbst zu inszenieren. Wer also wissen will, wie diese Frau wirklich ist, der muss sich mit Andeutungen zufriedengeben. Wer dagegen sehen will, wie exzellent sie ihre Rolle als Sibylle Berg spielt, der bekommt 84 sehr unterhaltsame Minuten geboten.

"Sibylle Berg (geboren 2. Juni 1962 in Weimar) ist eine deutsch-schweizerische Schriftstellerin und Dramatikerin. Sie schreibt Romane, Essays, Kurzprosa und Theaterstücke", so der Eintrag in der Wikipedia, in der auch die Scheidung der Eltern, der Alkoholismus und spätere Suizid der Mutter und die Übersiedlung von Sibylle Berg im Jahr 1984 in den Westen aufgelistet sind. Von all dem wird im Film wenig angesprochen, jedenfalls nicht direkt. Lieber erzählt die Porträtierte davon, dass sie als Fünfjährige ihr erstes Buch, einen von Edgar Allan Poe inspirierten Krimi, geschrieben habe. Oder als Jugendliche zur unterm Eis operierenden Kampftaucherin ausgebildet worden sei. Sind das bloß Übertreibungen? Oder flunkert sich diese grazile Frau ein Leben zusammen, wie es ihr gerade passt? Sibylle Berg ist jederzeit in ihrer Rolle drin, sodass selbst ihre ausgestellte Ironie nur vorgetäuscht sein könnte. Zum Beispiel ihr angeblich früh gefasster und hier nonchalant zitierter Vorsatz als Schriftstellerin: "Wenn ich mit vierzig nicht davon leben kann, bring ich mich um."

Das Tragische, auch wenn ihr Leben viel Stoff dafür böte, will sie nicht zulassen. Jedenfalls nicht im Ernst. Dieser grauenhafte Autounfall etwa, nun ja, da ist jetzt eben Plastik in ihrer Stirn. Sie lächelt wie eine Sphinx, sie positioniert sich auf ihrem Sofa, räkelt gazellenhaft die langen, feinen Glieder und spielt weiter unbeirrt Sibylle Berg. Eine glamouröse und kapriziöse Frau, die sie erfunden hat als Selbstverwertungsstrategie, als stets wiedererkennbare Marke für den Markt. Und diese verbal jederzeit schlagkräftige Frau gibt sich sehr offen in der Öffentlichkeit: Sie kokettiert mit dem Wort Scheiße, zieht in drastischen Worten über den Kulturbetrieb und vor allem über die Männer her, die immer mehr Geld und mehr Aufmerksamkeit bekommen, und stellt das Duo Böller und Brot bei einer Lesung mal als "Doku-Schlampen" vor. Verblüffend ist diese Offenheit freilich nur auf den ersten Blick. Denn die Frau, die Sibylle Berg spielt, bleibt dahinter verborgen, bleibt unangreifbar und auf Distanz. Mit dem Wort "Authentizität" kann sie natürlich gar nichts anfangen.

Es muss anstrengend sein, Sibylle Berg zu spielen. Ein Literaturmodel, das so wirkt, als wäre es gar nicht in dieser Welt aufgewachsen, sondern in sie hineingefallen. Doch Berg hat wohl einen Rückzugsraum für das Private, auch wenn der hier nicht erwähnt wird. Seit 2004 ist die Schriftstellerin verheiratet, ihr Mann kommt im Film jedoch nicht vor. Dafür der Literaturkritiker Stefan Kister von der "Stuttgarter Zeitung", der ihr beim Interview gesteht, er hätte sie auch gern geheiratet, sei aber schon gebunden. Und es kommen vor die Freundinnen Helene Hegemann und Katja Riemann, in deren Gesellschaft die Rolle als Sibylle Berg vor der Kamera zwar nicht ganz aufgegeben, aber doch ein bisschen nach- und damit durchlässiger gespielt wird.

Wie gefährlich es wäre, bräche die Rolle ganz weg, das ist schon in der ersten Sequenz dieser Dokumentation zu sehen. Da ist es den Regisseurinnen gelungen, Sibylle Berg Zutritt zu ihrer Traumvilla vom "Architektengott" John Lautner in Los Angeles zu verschaffen. Aber mit dem Hausherrn, einem älteren Milliardär, der mit Silbermähne und Rockerklamotten mindestens so exzentrisch aussieht wie sie, klappt es nicht mit der Kommunikation. Sie spricht nicht ausreichend Englisch, er ist außerdem ein bisschen schwerhörig und vor allem: Er kennt sie nicht, er spürt ihre Aura nicht, sie ist ihm egal. Und da ist es dann fast rührend, wenn man sieht, wie Sibylle Berg reduziert wird zu einer Frau, die sich vergeblich darum bemüht, wahrgenommen zu werden. Am Ende hat auch das bei näherem Hinsehen sowieso recht betongruftige Haus seinen Reiz für sie verloren.

Sibylle Berg und die Immobilien: In ihrem 1997 erschienenen ersten Erfolgsroman "Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot" hat sie im Vorwort zum Kauf des Buchs aufgerufen, der "einen weiteren Stein meines künftigen Tessiner Hauses" finanzieren soll. Es hat dann "nur" zu einer Wohnung in der Schweiz gereicht. Und wenn man von Sibylle Berg "nur" diese Dokumentation kennt, dann könnte man fast vermuten, sie wäre nur mit sich selbst beschäftigt und das Leben der anderen kümmere sie nicht besonders. Was falsch wäre. Holen wir in diese Filmkritik also mal einen Satz von außerhalb hinein, einen Satz, der in ihrer letzten "Spiegel online"-Kolumne steht: "Soll Frau Petry uns retten, die gegen den falschen Feind loszieht, um Wähler zu gewinnen, weil sie Macht will, weil sie nicht verstanden hat, dass politische Macht ein Scheiß ist gegenüber der Macht der Großkonzerne?" Könnte sein, dass man in ihren Werken, nun ja, vielleicht nicht die wahre, aber doch eine andere Sibylle Berg entdeckt.

 

Info:

"Wer hat Angst vor Sibylle Berg" kommt am Donnerstag, den 28. April in die deutschen Kinos. Welches Kino in Ihrer Nähe den Film zeigt, finden Sie hier.

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