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Pure Lebensfreude

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Von den Nazis vertrieben, in England Journalist geworden, dann Rabbi in England und wieder in Deutschland. Nach zwei Filmen, einer Biografie und zahlreichen TV-Auftritten ist William Willy Wolff eine bundesweit bekannte Figur geworden. Das Porträt "Rabbi Wolff" kommt jetzt auch in Stuttgarter Kinos.

Es gibt Situationen im Leben, da meint man eine Erscheinung zu sehen. Da taucht, mitten zwischen Werbung und Filmankündigungen, aus der Tiefe der Leinwand ein seit Jahrzehnten vertrautes Gesicht auf, das man dort am allerwenigsten erwartet hätte, das Gesicht von Rabbi William Willy Wolff.

Das war vor drei Jahren, in dem führenden Programmkino in Stuttgart. Da machte er in einem Trailer aufmerksam auf einen Film, in dem er als eine Art nebenberuflicher Friedhofsführer auf dem Jüdischen Friedhof von Berlin-Weißensee fungierte. "Im Himmel, unter der Erde" hieß dieser bei den Berliner Filmfestspielen mit einem Publikumspreis ausgezeichnete Film der Grimme-Preisträgerin Britta Wauer. Auf den Rabbiner Willy (William) Wolff war sie mehr zufällig gestoßen. Dass dieser Film so erfolgreich wurde, hatte sie vor allem der Figur des Rabbi Wolff zu verdanken, der einen wissenden und witzigen Mittler zwischen Himmel und Erde, Tod und Leben, Werden und Vergehen spielte. So erfolgreich, dass damit der Grundstock zu einem zweiten, unter anderem von Arte und der staatlichen Filmförderung mitfinanzierten Film gelegt wurde.

Und nun ist der vor Kurzem 89 Jahre alt gewordene Willy Wolff also zum Hauptdarsteller eines Filmes geworden, der auf sein wundersames Lächeln, auf seine Weisheit und sein Wissen setzt, auf seine Freundlichkeit, die Freundlichkeit eines Menschengewinners, der sich nicht andient, sondern trotz seines von Altersfalten durchfurchten Gesichtes und der kleinen gebückten Figur eine fast jugendlich zu nennende Lebensfreude ausstrahlt, mit der er schon viele Menschen gewonnen hat. Und sie wirkt nicht nur im täglichen Leben, sondern auch im Film.

Wetten beim Pferderennen, das muss schon sein

Wer ihm einige Male begegnet ist, auf verschiedenen Stationen seines Lebens, in London und Brighton zum Beispiel, in Stuttgart, in Schwerin und Wismar, der wird um die Anziehungskraft eines Menschen wissen, von dem eine nahe Anverwandte sagt, "er ist einer der selbstlosesten Menschen der Welt". Selbstlos vielleicht, aber auch anspruchslos? Willy Wolff erfreut sich an Kleinigkeiten wie an einer heißen Tasse Tee oder an der Lektüre seiner Zeitungen, die er in Plastiktüten mit seinem Altwagen in sein bescheidenes Cottage in Henley-on-Thames in Oxfordshire transportiert oder, auch das, an dem jährlichen Besuch beim Pferdrennen in Ascot samt ausladend behüteter weiblicher Begleitung. Selbstlos mag er vielleicht sein, aber nicht anspruchslos. Und natürlich wettet er auch ein bisschen, versteht sich.

Lange ist er, bis zu seiner nur schwer angenommenen Pensionierung vor knapp einem Jahr, ständig pendelnd zwischen seiner englischen Heimstatt und seiner Dienstwohnung in Schwerin, von wo aus er auch die kleinen, erst allmähliche wachsenden jüdischen Gemeinden in Schwerin, Wismar und Rostock betreute, als hoch angesehener Landesrabbiner fungierte, als Interviewpartner immer noch gesucht worden. Er gilt als eine wichtige liberale Stimme des Judentums, eine Rolle, die er nie gesucht hat. Zu brisanten politischen Themen äußert er sich zurückhaltend. Er sei englischer Staatsbürger, und auf diesen Pass sei er stolz, fühle sich in Deutschland angenommen und hält trotz der sich verstärkenden Rechtstendenzen dieses Land für stabil.

Er, der als Flüchtling die Härte erzwungenen Lebenswechsels zu spüren bekam, erwartet von Europa mehr Kraft und Geschlossenheit, um die Flüchtlingsströme zu bewältigen. Dass David Cameron zu den in dieser Frage restriktiven Europäern gehört, irritiert ihn. Immerhin hat er ihn gewählt. Aber er hütet sich vor allzu starken Worten, setzt eher auf die Diplomatie des Lächelns als auf starke Worte. Er ist ein Mann des Ausgleichs. Anders hätte er mit den Problemen heutiger jüdischer Gemeinden mit starken Mehrheiten russischstämmiger Einwanderer auch nicht umgehen können. Er hat dafür leidlich Russisch gelernt.

Am Ende bleibt die Frage: Wer ist Wolff wirklich?

Es gibt einen Kritikpunkt an dem Film "Rabbi Wolff" und an dem realen Menschen: Er ist allen vertraut, die ihn länger kennen, aber dennoch entzieht er sich im Film und im Leben trotz aller Ausstrahlung und Zuwendung letzten Endes. Auch bei Begegnungen mit ihm und nach dem Film bleibt das Gefühl, man habe zwar einen liebenswürdigen, bescheidenen, ausdrucksstarken, ja charismatischen Menschen erlebt, aber ihn nicht wirklich kennengelernt.

Auch die Regisseurin und Produzentin Britta Wauer hat sich dem Zauber ihres Hauptdarstellers nicht entziehen können, hält es aber gerade für die Stärke ihres Filmes, dass dieser Zauber nicht völlig aufgedeckt wird. Und vielleicht würde er, wenn man diesen Zauber bis aufs Feinste auch in seinen Widersprüchen analysieren würde, seine Wirkung verlieren. Er ist die eigentliche Attraktion dieses Filmes.

Widersprüche gibt es eine ganze Reihe im Leben von Willy Wolff. Da wird er, bei einem Besuch in Jerusalem, von einer nahen Verwandten im Kreis orthodoxer Juden ziemlich direkt zur Rede gestellt, warum er denn keine Patientenverfügung habe, das absehbare Ende seines Lebens nicht organisiert habe. Doch, sagt er, er habe einen Zettel mit wichtigen Adressen naher Menschen in seiner Geldbörse. Und wenn er die mal vergesse?, wird er gefragt. William Wolff antwortet mit einem entwaffnenden Lächeln. Es scheint, als lächele er diesen Widerspruch ein bisschen weg.

Die jüdische Gemeinde in Schwerin will ihn loswerden

Auch dass er seine Lebensversicherung zu einem falschen Zeitpunkt verkauft hat, bedauert er, ohne sich über sein schmales Budget zu beklagen. Immerhin hat ihn die jüdische Gemeinde in Schwerin mit der Hälfte seiner Bezüge ausgestattet, einen Grabplatz reserviert, ihm aber auch vor einem Jahr nach zwei Stürzen zu verstehen gegeben, dass man ihn "loswerden" wolle, altershalber. Ein Rabbi ist eben auch ein Dienstleister, einer, dessen formale Position gegenüber der Gemeinde abhängiger ist als die anderer Geistlicher.

Rabbi Wolff, der seinen Zwillingsbruder durch Freitod und seine Schwester durch einen Unfall verlor und den die Erinnerung an seine Mutter bis heute sichtbar traurig stimmt, hat immer bedauert, dass er keine Kinder hat. Und Kinder zu haben, so lernt man im Film, bedeute für einen Rabbi geradezu eine Verpflichtung. Aber eine dauerhafte Beziehung sei er ihres Wissens nie eingegangen, meint eine Verwandte. Vielleicht, so vermutet die Dokumentarfilmerin Sabine Wauer, habe er nie die Verpflichtung für eine Familie übernehmen wollen, um seine Zuwendung und Seelenkraft für viele andere Menschen aufzusparen.

Willy Wolff war erst ein sehr erfolgreicher und bekannter Journalist in London und dann erst Rabbi. Warum? "Wenn mir etwas langweilig wurde, habe ich etwas Neues begonnen", sagt er mit feinem Lächeln, und Rabbi habe er schon immer werden wollen. Als er dann in fortgeschrittenen Jahren auf dem renommierten Leo-Baeck-Institut in London eine Ausbildung als Rabbi begann, konnte das seine Mutter überhaupt nicht gutheißen, auf die er durchaus zu hören pflegte. War es Neugier? War es Rückbesinnung auf seine jüdischen Wurzeln? War es die Sehnsucht nach einem religiösen Halt im Leben? Auch wenn er an seiner tiefen Religiosität kaum Zweifel lässt, eine eindeutige Antwort gibt auch "Rabbi Wolff" nicht.

Der Film beginnt und endet mit zwei anrührenden Sequenzen: einem im Stuhl eingenickten Rabbi Wolff, im Schlaf schutzlos scheinend und der bewussten Welt weit entrückt, und einem Rabbi Wolff, mit einer Badehose bekleidet und seinem Hut auf dem Kopf auf dem Weg in die Badewellen des Toten Meeres, eingehakt bei einer schön schlanken Begleiterin im Bikini, der Geschäftsführerin einer Stiftung, der William Wolff ehrenhalber vorsteht. Es ist eine Sequenz, die die pure Lebensfreude ausstrahlt.

 

Info:

"Rabbi Wolff" steht ab dem 28. April auf dem Spielplan des Stuttgarter Arthaus Filmtheaters. Auch Arte und der Sender RBB werden den Film mit größerem zeitlichen Abstand ins Programm nehmen. "Die Dinge des Lebens" heißt ein von der Regisseurin zusammengestelltes Buch mit Erinnerungen und Einsichten von Willy Wolff, das bei dem Verlag Hentrich & Hentrich erschienen ist (12,90 Euro).

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