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AfD-Abgeordneter klagt gegen AfD-Fraktion

Keine Woche ohne Eklat: Der Göppinger AfD-Landtagsabgeordnete und Stuttgarter Gemeinderat Heinrich Fiechtner lässt in einem Organstreitverfahren vom Verfassungsgerichtshof Baden-Württemberg klären, ob seine Fraktion die Möglichkeiten hat, ihm das Rederecht im Plenum und die Mitgliedschaft in Ausschüssen zu entziehen, unter anderem dem NSU-Untersuchungsausschuss. Ausweislich seines Facebook-Auftritts hat er einen berühmt-berüchtigten Stuttgarter Anwalt um Unterstützung gebeten, den früheren CDU-Landtagsabgeordneten Reinhard Löffler. Erstmals, so Fiechtner, "prüft ein Verfassungsgericht das Verhältnis freies Mandat, für das wir uns so einsetzen, gegen die Fraktionsspitze". Löffler und Fiechtner wollen nicht auf das Hauptverfahren warten, sondern eine Eilentscheidung erstreiten.

Zustimmung bekommt der Mediziner und "Demo für alle"-Unterstützer von seiner Landtagskollegin Claudia Martin, die die AfD-Fraktion und die Partei inzwischen verlassen sich: Sie nannte das Vorgehen eine "Chance für die Demokratie". Über Fiechtner ist in einem "gemeinschaftlichen Beschluss", so die AfD-Fraktion, ein Redeverbot verhängt worden, unter anderem, weil er im Plenum eine Gesundheitskarte für Flüchtlinge befürwortet und sich damit gegen die Mehrheitsmeinung gestellt hatte. Schon zuvor sah er sich auch schon einem Parteiausschlussverfahren ausgesetzt, das allerdings auf Mitbetreiben des Bundes- und Fraktionsvorsitzenden Jörg Meuthen niedergeschlagen worden ist. (24.5.2017)


NSU-Ausschuss: Terminplan für zweite Jahreshälfte

Der zweite parlamentarische Untersuchungsausschuss des Landtags zu den Verbindungen des "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU) nach Baden-Württemberg wird in diesem Jahr noch sieben Mal tagen. Im Jahr 2018 sind weitere Sitzungen geplant. Festgelegt sind zudem verschiedene Arbeitsschwerpunkte. So ist die Frage, ob und wie ausländische Geheimdienste am Tag der Ermordung der Polizistin Michèle Kiesewetter, dem 25. April 2007, in Heilbronn auf der Theresienwiese aktiv waren, noch nicht abschließend geklärt. Weitere Vernehmungen zur Bedeutung der rechtsextremen Musikszene stehen auf dem Programm. Außerdem ist nicht ausgeschlossen, dass Achim Schmid doch noch geladen wird. Der Gründer des European White Knights of the Ku Klux Klan, ein gebürtiger Mosbacher, der inzwischen in den USA lebt, hätte schon vor dem ersten Ausschuss aussagen sollen. Inzwischen hat, wie erst jetzt bekannt wurde, eine Vernehmung durch das Bundeskriminalamt in den USA statt gefunden. Vorstellbar ist auch, dass beteiligte Beamte vor dem Ausschuss aussagen.

Die Sitzungstermine 2017: Montag, 19. Juni, Montag, 17. Juli, Freitag, 22. September, Montag, 9. Oktober, Montag, 6. November, Montag, 27. November und Freitag, 22. Dezember 2017. 


Und sie bewegt sich doch

Es könnte nun doch eine praktikable und finanzierbare Möglichkeit geben, Euro-5-Dieselmotoren nachzurüsten. Das ließen Experten der nationalen und internationalen Automobilindustrie in einer zweiten Verhandlungsrunde im baden-württembergischen Verkehrsministerium durchblicken. Der grüne Verkehrsminister Winfried Hermann, der bei dem Autogipfel nicht mit am Tisch saß, mochte allerdings noch keine Einzelheiten nennen. Man habe sich darauf verständigt, "die heiklen Verhandlungen nicht durch die Bekanntgabe von Details kaputtzumachen". Er selber will weitere Gespräche auf Länder- und Bundesebene führen. "Denn die Uhr läuft schon", so der Grüne. Sollte es zu keiner Einigung und der damit verbundenen Absenkung von Schadstoffen kommen, werden ab dem 1. Januar 2018 in Stuttgart Fahrverbote verhängt.

Angestoßen von Hermann hat die Verkehrsministerkonferenz angesichts der Belastung zahlreicher deutscher Ballungsgebieten mit Schadstoffen bereits Ende April von Bund und der Automobilindustrie ein umsetzbares Konzept für die Nachrüstung gefordert. Außerdem sei der Bund, so der Grüne, dafür zuständig, die rechtlichen Grundlagen für die Genehmigung von Umbauten zu schaffen. Die Debatte hat Parallelen zum Streit über Katalysatoren Ende der Achtziger Jahre. Auch damals hatten deutsche Autofirmen eine Nachrüstung von Fahrzeugen für wenig praktikabel gehalten. Als erste japanische Lösungen auf den Markt kamen, bewegte sich auch die deutsche Konkurrenz. (11.5.2017)


Noch mehr Männer

Für die AfD in ihrer Verblendung sind Gender-Untersuchungen des Teufels. Auch wesentliche Teile der – traditionell männlich dominierten – Jungen Union polemisieren lieber gegen Quoten und Quoren statt sich der gesellschaftspolitischen Realität zu stellen. Denn nach dem neuen Frauen-Ranking der Heinrich-Böll-Stiftung ist Männerüberhang in der Kommunalpolitik nicht nur groß, sondern er wächst auch noch. Stuttgart liegt mit einem Frauenanteil von 38,33 Prozent im Gemeinderat und nur einer Fraktionsvorsitzenden (der grünen) auf Platz 21 von 73 untersuchten Großstädten, Karlsruhe sogar nur auf 70. Spitzenreiterin im Südwesten ist Ulm als Achte, mit einem Frauenanteil von 45 Prozent, vier Dezernentinnen und vier Fraktionsvorsitzenden. Ulm ist sogar Deutschland-Erste, wenn nur die Frauen im Rat gerankt werden. Insgesamt liegt Pforzheim auf Platz 18, Freiburg auf 25, Reutlingen auf 33, Heidelberg auf 53 und Mannheim auf 62. Bundesweit haben Erlangen, Trier und Frankfurt die Nase vorne.

Die AutorInnen haben auch Gründe für die Unterschiede und vor allem für den Rückgang der Beteiligung von Frauen in den vergangenen zehn Jahren zusammengetragen. Analysiert ist, dass Parteien zu wenig initiativ wurden und weit hinter ihren Versprechungen zurückgeblieben sind – mit Ausnahme der Grünen, die bundesweit in den Räten auf 50 Prozent Politikerinnen kommen, gefolgt von der Linken mit 44,4 und der SPD mit 37,3 Prozent. "Immer weniger Frauen führen die großstädtischen Rathäuser – eine Entwicklung, die doch erstaunt, nachdem sich Frauen auf Bundes- und Landesebene auch in den Regierungsspitzen etabliert haben", heißt es weiter. Verlangt werden gesetzliche Regelungen für die Städte und Gemeinden. Die CDU hängt im Bundesvergleich bei einem Frauenanteil von unter 29, die FDP von knapp unter 27 Prozent fest, die AfD sogar bei 11,6 Prozent, was Auswirkungen auf die Entwicklung insgesamt haben wird: "Da diese Partei bei den nächsten Kommunalwahlen bisherigen Prognosen zufolge gute Chancen hat, deutlich mehr Kommunalparlamentarier/innen zu stellen als bisher, droht dadurch der Frauenanteil in den Räten insgesamt zu sinken."


Wiederentdeckung eines rebellischen Sozialisten

Das Waldheim in Gaisburg könnte schon bald "Fritz-Westmeyer-Haus" heißen. Das will zumindest eine Initiative von linken StuttgarterInnen erreichen. Damit soll der Waldheim-Pionier, Kriegsgegner und Stuttgarter SPD- Vorsitzende Friedrich Westmeyer gewürdigt werden, der vor 100 Jahren, im November 1917, in einem Lazarett in Belgien gestorben ist. Ein Kontext-Artikel, der später auch in dem Buch "Der König weint" abgedruckt wurde, führte zur "Wiederentdeckung" des rebellischen Sozialisten. Er gilt nicht nur als Erfinder der Waldheime, sondern war auch von Beginn an als ein entschiedener Gegner des Weltkriegs weit über Deutschland hinaus bekannt. Sein Tod wurde selbst in der New York Times gemeldet: "Deutscher Kriegsgegner wurde zum Sterben an die Front geschickt." (1.5.2017)


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Versoffener Held im Gasthaus: Uwe Krollhass (Rudolf Waldemar Brem). Fotos: Camino

Versoffener Held im Gasthaus: Uwe Krollhass (Rudolf Waldemar Brem). Fotos: Camino

Ausgabe 255
Kultur

Cornflakes mit Whiskey

Von Rupert Koppold
Datum: 17.02.2016
Das Spielfilmdebüt "Trash Detective" des Regisseurs Maximilian Buck ist ein Film noir aus der schwäbischen Provinz. Der Krimiplot unterscheidet sich nicht allzu sehr vom "Tatort"-Standardprogramm, aber die Umsetzung ist originell, meint unser Filmkritiker.

Festnacht in Matringen. Ein älterer Kerl mit faltigem Gesicht, ach was, ein Drecksack mit einer zerklüfteten Säuferfresse taumelt durch die Menge, sieht nur noch schwankende Ausschnitte einer kleinen Welt, rempelt mal hier an, schreit mal da herum, beleidigt alle und jeden, und das in einem wüsten Schwäbisch, das die üblen Worte nicht verkleinert und mildert, sondern gnadenlos herausschärft. "Fotz!", kräht dieser sehr passend Uwe Krollhass genannte Mann, wenn er bei seinem Zug durch die Gemeinde Frauen anmacht, und das käme so weder dem Hannes noch seinem Bürgermeister über die Lippen, ja, das geht auch über jene dialektalen Derbheiten hinaus, die sich etwa eine klamottige SWR-Serie wie "Die Kirche bleibt im Dorf" leistet.

Aber "Trash Detective", die Diplomarbeit des Ludwigsburger Filmakademie-Studenten Maximilian Buck, will sich ja auch bewusst absetzen von der TV-Routine und den schwäbelnden Komödien, orientiert sich lieber an großem Kino und setzt sich selbstbewusst den Spruch "Des Beschde seit Fargo" aufs Plakat. Klar, das ist Koketterie, der Schneematsch in der Provinz und die Ohrenklappmütze der handfesten Polizistin Gabi (Therese Hämer) zitieren ein Vorbild und erheben auch einen Anspruch, machen aus diesem Film aber natürlich noch keinen Coen-Thriller. Das Lob wird übrigens mit jugendlicher Chuzpe dem Trinker Uwe selber zugeschrieben, diesem dirty old man mit der Kappe auf dem Kopf und der kalten Zigarre im Maul. So als könne eine fiktive Figur in der realen Welt über ihre eigene Geschichte urteilen.

Im Film liegt der hingebungsvoll von Rudolf Waldemar Brem gespielte Uwe nun in verkotztem Feinripp auf dem Boden seiner verwahrlosten Wohnung und wacht langsam auf. Zeit fürs Frühstück, also wieder Cornflakes mit Whiskey. Irgendetwas aber flimmert in seinem Kopf herum, Fetzen der vergangenen Rauschnacht, Bilder unter anderem von Susi, der verschwundenen Schönheitskönigin. Doch, er hat einen Mord gesehen, auch wenn ihm das keiner glauben will. Als er schließlich selber verdächtigt wird, versucht er sich als Detektiv, immer verfolgt von der Angst, er könnte tatsächlich der Täter sein. Der Krimiplot, in dem ein verschuldeter Unternehmer eine Rolle spielt, dazu ein paar Jungs vom Schrottplatz, ein brutaler Metzger oder der Sohn der Polizistin, mag sich nicht allzu sehr unterscheiden vom "Tatort"-Standardprogramm, die Umsetzung aber ist originell.

In "Trash Detective" klingt ein wenig jene unheimelige Variante des Heimatgenres an, wie sie in den späten Sechziger und frühen Siebzigerjahren von Autoren wie Martin Sperr ("Jagdszenen aus Niederbayern") präsentiert wurde, vor allem aber ist es ein Film noir, dessen fatalistische Sicht auf die Welt durch ihre Hauptfigur ins Extrem getrieben wird. Sogar der Brenner aus den Wolf-Haas-Verfilmungen, die hier ebenfalls ausgiebig zitiert werden, war nie so kaputt und so weit unten wie dieser aggressive Widerling Uwe Krollhass, der in einem raren Moment versuchter Selbsterkenntnis mal den Wirt fragt: "Wie bin I, wenn I bsoffe bin?" Und dann verzweifelt guckt, als der antwortet: "Was du rausschwätzsch! Du hasch einen Dämon!" Dass der verwitwete Uwe vielleicht nicht immer so war, darauf deuten nur ein paar Relikte eines bürgerlichen Lebens in seiner Wohnung hin.

"Trash Detective" hat zwar keine Theorie, aber eine Meinung zur Provinz.
"Trash Detective" hat zwar keine Theorie, aber eine Meinung zur Provinz.

Dass dieser Held in dieser Geschichte trotz allem nicht ganz draußen ist, hat mit der Enge der Provinz zu tun, mit diesem hässlich vor sich hin schlotenden Kaff Matringen, das unter anderem von Ilsfeld gedoubelt wird. Hier sind die Szenen und Milieus noch nicht klar getrennt, hier sitzt man noch in derselben Wirtschaft, hier sind alle per Du, hier kennt man sich und hasst sich manchmal. Und natürlich hat jeder Dreck am Stecken und anderswo. Nein, das ist natürlich keine soziologisch herausgearbeitete und gesicherte Beschreibung, die Maximilian Buck und sein Drehbuchautor Michael Glasauer da vorlegen, das ist eine vom Genre verlangte und gepflegte Typisierung. Anders gesagt: "Trash Detective" hat keine Theorie, aber, was für so einen Film ganz in Ordnung ist, eine Meinung.

Hier wird auch an einem Gegenprogramm zum harmlos-putzigen Regionalkrimi gearbeitet, an etwas, das man vielleicht als schwarze Folklore bezeichnen kann. Die Dialoge sind von stimmiger Boshaftigkeit, die Kamera spürt immer wieder verlotterte Ecken auf, als Musik sind manchmal Jazz-Improvisationen zu hören. Ein paar Ruppigkeiten allerdings sind weniger gewollt als handwerkliche Hopser, eine Flucht-und-Action-Szene im S/M-Metzgerkeller etwa könnte besser choreografiert sein. So wie sie jetzt inszeniert ist, muss man sie einfach – Augen zu und durch – glauben. Aber das sind kleine, vielleicht auch kleinliche Einwände bei einem Film, der mit sehr wenig Budget realisiert wurde. "Ich konnte während der Dreharbeiten bei der Mutter meiner Freundin pennen", sagt der Regisseur. Er hat für seinen aus Bayern stammenden und früher in Fassbinder-Filmen spielenden Hauptdarsteller Rudolf Waldemar Brem auch als Dialektcoach gearbeitet. "Bluadigr Hennadregg", das gehe ganz gut, sagt Brem, "aber bei ,hasch' und ,willsch' und ,machsch' und "tusch', da verhaspele ich mich irgendwann". Kein Problem, als besoffener Uwe darf er das.

 

Info:

"Trash Detective" kommt am Donnerstag, 18. Februar, in die deutschen Kinos. Welches Kino in Ihrer Nähe den Film zeigt, finden Sie hier.


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Letzte Kommentare:







Ausgabe 321 / Feuer unterm Dach / Matthias Kiemle / vor 1 Tag 9 Stunden
Ich auch.....






Ausgabe 321 / Die Zukunft ist leider undicht / Peter Seeger / vor 2 Tagen 7 Stunden
Tränen gelacht! Danke!



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