Christian Bale in "The Big Short". Fotos: Paramount Pictures

Christian Bale in "The Big Short". Fotos: Paramount Pictures

Ausgabe 250
Kultur

Vier gegen die Bank

Von Rupert Koppold
Datum: 13.01.2016
Wenn die Bank gewinnt, verliert der kleine Mann. Normalerweise. In "The Big Short" dagegen sind vier Zocker die Gewinner des großen Finanzcrashs. Und ziehen lustvoll, ironisch und bigott über den Glauben an das große Geld her.

Es waren die Jahre, als das Geld nur so vom Himmel regnete. Sagt jedenfalls der smarte Jared Vennett (Ryan Gosling), ein Investor für die Deutsche Bank, der diese Geschichte erzählt und dabei auch mal direkt in die Kamera schaut. Aber diesem sehr von sich überzeugten und sehr gierigen Kerl ("Ich rieche Geld!") darf man natürlich nicht alles glauben, er wird versuchen, sich stets ins rechte Licht zu setzen. Andererseits basiert dieser Film vom großen Crash auf einem Buch von Michael Lewis und einer wahren Geschichte, so oder so ähnlich wird sie sich wohl ereignet haben, und wenn mit Vennett die Fantasie zu sehr durchgeht, dann hält er sogar inne, lächelt uns ironisch an, korrigiert sich und gibt zu erkennen, dass für ihn eben nicht nur das Geldmachen, sondern auch das Erzählen ein Spiel ist.

Der für Goldman Sachs arbeitende Hedgefondsmanager Michael Burry (Christian Bale) dagegen erklärt im leichten Stotterton, er verfüge über keinerlei Sinn für Ironie, er wisse nur, "wie man Zahlen liest". Und so ist sich dieser exzentrische Einzelgänger und Glasaugenträger, der im Büro mit Flip-Flops herumläuft und gern auf ein Schlagzeug eindrischt, auch für mühsame Kleinarbeit nicht zu schade, die schon im Jahr 2005 ein großes Loch im System aufdeckt. Die Finanzbosse allerdings, denen Burry seine These von den extrem wackligen Immobilienkrediten vorträgt, nehmen seine Crash-Vorhersage nicht ernst. Das große Geschäft soll einfach weitergehen, immer weiter.

Jetzt aber erfährt der für eine Morgan-Stanley-Tochterfirma arbeitende Mark Baum (Steve Carell) durch einen fehlgeleiteten Telefonanruf von der Sache und macht sie sich zu eigen. Baum ist ein zorniger kleiner Mann im konstanten Anklagemodus, er hasst sich selbst, vor allem aber das, was seiner Meinung nach aus der Wall Street geworden ist ("Eine Atombombe aus Betrug und Dummheit!"), und er steckt damit seine Mitarbeiter an. Sie sprechen mit Ratingagenturen, fahren sogar nach Florida, wo schmierige Makler sich mit ihren Taten brüsten und in den Pools verlassener Häuser schon die Alligatoren schwimmen. Als all ihre Warnungen in der Finanzwelt trotzdem ungehört verhallen, spekulieren Baum und seine Gruppe schließlich selber auf jenen "Big Short" genannten Knall, bei dem das System kollabieren wird.

Noch einer wettet gegen all das, was ihn selber reich gemacht hat: der bärtige Ex-Wall-Street-Händler Ben Rickert (Brad Pitt), der von zwei glücklosen jungen Entrepreneuren kontaktiert wird und nun deren Manöver steuert. Für den erfahrenen Rickert selber, der sich aufs Land zurückgezogen hat und in den Städten Mundschutz trägt, geht es freilich nicht mehr ums Ganze, er spielt nur noch einmal mit, weil er das Spiel ("Griechenland und Island sind erledigt, Spanien wankt") so gut kennt. Und ein Spiel ist es zunächst ja auch für diese von Adam McKay inszenierte Geschichte.

Anders als etwa J. C. Chandors "Margin Call" (2011), der den Finanzkollaps als todernstes Drama schildert, gibt sich "The Big Short" als schneller, cooler Zockerfilm. Also die listigen Kleinen gegen die Großen, so wie im Genre üblich, so wie immer wieder praktiziert, von George Roy Hills "Der Clou" (1973) über Steven Soderberghs "Ocean's Eleven" (2001) und dessen Nachfolger bis hin zu David O. Russells "American Hustle" (2013) und Martin Scorseses im selben Jahr entstandenem "The Wolf of Wall Street".

Spielerfilme müssen ihre Coups sorgfältig einfädeln und erklären. Wie aber erklärt man ein Finanzsystem, das mit seinen Hedgefonds, Leerverkäufen und anderen Schmankerln nicht mal von seinen Profiteuren verstanden wurde und wird? Der Regisseur McKay versucht es trotzdem, er holt sich unsere Aufmerksamkeit für die trockene Materie etwa dadurch, dass er eine Blondine Sekt schlürfend ins Schaumbad setzt und dozieren lässt ("Now fuck off!"); dass auch die Sängerin und Schauspielerin Selena Gomez unter ihrem richtigen Namen an einer Bar Banken-Erhellendes beiträgt; dass Jared Vennett die Hypothekenkrise so lange mit Bauklötzen nachstellt, bis der Turm umfällt. Der Film wird durch solche Sequenzen recht vergnüglich, allerdings auch ein wenig redundant, ohne dass er die Geheimnisse des Geldes ganz erfassen könnte.

Brad Pitt als Zocker.
Brad Pitt als Zocker.

Ryan Gosling, Christian Bale, Brad Pitt und Steven Carell: "The Big Short" ist Starkino, muss es wohl auch sein, um auszugleichen, dass die Banken- und Finanzwelt zwar wie ein Casino funktioniert, mit ihren nüchternen Gängen, Foyers und Büros aber nicht so glamourös aussieht. Auch deshalb macht diese Geschichte mal einen Abstecher nach Las Vegas, wo die Welten der Zocker und der Banker auch visuell in eins fallen.

Aber wenn die Verlierer dieser Spiele nicht – oder jedenfalls nicht nur – die Großen und Mächtigen sind, sondern die kleinen Leute? Dann haben Zockerfilme, wenn sie im Genre bleiben und den Triumph ihrer Helden genießen wollen, ein Problem. Selbst Martin Scorsese erlag in "The Wolf of Wall Street" der Versuchung, die böse Finanzsatire durch die Erfolge des Spekulanten Jordan Belfort alias Leonardo DiCaprio aufzuweichen, dessen schadenfroh-hedonistische Vergnügungen also auch zum schadenfroh-hedonistischen Vergnügen des Zuschauers zu machen. Dass Belfort Tausende von Kleinanlegern in den Ruin trieb, deutet Scorsese eher flüchtig an, als es wirklich zu zeigen.

"Wie können Sie nachts schlafen, wenn Sie wissen, dass Sie arbeitende Menschen hemmungslos abziehen?", fragt in "The Big Short" Mark Baum seine Kollegen. Aber er gehört ja selber zum System, auch wenn er gegen dieses spekuliert. (Und ist nicht auch dieser Film, polemisch gefragt, ein später Profiteur der Krise?) Wenn Baum und die drei anderen "Helden" gewinnen, haben Millionen von Menschen verloren. Ihr Geld, ihre Häuser, ihre Existenz. Erst spät rückt der Film diese Perspektive in den Vordergrund, lädt seine Szenen also auf mit Moral – und tröpfelt dann melancholisch aus. Der große Katzenjammer.

Und es wird ja so weitergehen! Das Finanzkapital hat es damals nicht nur geschafft, sich vom Staat retten zu lassen, also die Verluste zu sozialisieren, es ist ihm dank willfähriger Medien sogar gelungen, wieder die neoliberale Mär zu etablieren: Die Staaten sind an allen Finanzkrisen schuld, sie leben über ihre Verhältnisse, sie müssen ihre sozialen "Wohltaten" streichen. Das große Geld muss aber weiter global und frei fließen, hinein in jede Spekulation, und dies ohne Transaktionssteuern oder ähnlich restriktiven Firlefanz. Die schwarze Null und der große Crash, sie gehören unbedingt zusammen.

 

Info:

"The Big Short" kommt am Donnerstag, 14. Januar in die deutschen Kinos. Welches Kino in Ihrer Nähe den Film zeigt, finden Sie hier.


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