Gott als cholerischer Kleinbürger im versifften Bademantel. Foto: Kris Dewitte

Gott als cholerischer Kleinbürger im versifften Bademantel. Foto: Kris Dewitte

Ausgabe 244
Kultur

Gott ist ein Belgier

Von Rupert Koppold
Datum: 02.12.2015
Der liebe Gott ist nicht lieb. In dem Film "Das brandneue Testament" ist er ein Belgier im Bademantel – und trotzdem passt er gut in die Zeit der Liebe, meint unser Filmkritiker.

Nennen Sie vier berühmte Belgier! Äh, also, hm, ach so, ja, dieser Radfahrer, der Eddy Dings, und dann natürlich der, äh, also... Nun gut. Lassen wir das alte Partyspiel. Es ist jetzt einfacher geworden, weil eine weitere Berühmtheit dazu beziehungsweise eine bittere Wahrheit herausgekommen ist. Jawohl, auch Gott ist Belgier!

Das hätte man sich, wenn man den Zustand der Welt betrachtet, allerdings denken können. Und natürlich auch, dass Gott ein cholerischer Kleinbürger ist, der im versifften Bademantel in einer düsteren Wohnung in Brüssel herum hockt und Bier säuft, seine verängstigte Frau und seine zehnjährige Tochter schikaniert und sich dann gern in sein Arbeitszimmer zurückzieht, um an einem alten Computer neue Bosheiten für die Menschheit auszubrüten. Mit vorausschauender Schadenfreude haut er etwa Gebot Nummer 2129 in die Tastatur: "Das Marmeladenbrot fällt immer auf die bestrichene Seite!" 

Gott sieht übrigens so aus wie der Schauspieler Benoit Poelvoorde, der in dem satirischen Thriller "Mann beißt Hund" mal als Killer unterwegs war und in der Komödie "Nichts zu verzollen" als schießfreudig-rabiater Grenzbeamter. Gegen diesen Gott aufzumucken verlangt also Mut - und den hat seine von der Bibel unterschlagene Tochter Ea (Pili Groyne). Erst will sie sich zur Rechten ihres Vaters setzen, dann macht sie ihn mit anklagenden Sprüchen so wütend, dass er sich den Gürtel von der Schlabberhose zieht und... Kurz gesagt: Mit diesem Gottvater ist kein gutes Auskommen.

Und so bespricht Ea mit ihrem älteren Bruder JC, den der Alte nie leiden konnte und deshalb in eine kleine Gipsstatue verwandelt hat, ihren Fluchtplan. Ab durch die Waschmaschine, heißt es nun. Aber vorher schleicht das Mädchen noch in Vaters Arbeitszimmer und lädt sich die individuellen Sterbedaten der Menschen herunter. Und sie drückt schließlich auf "Senden", wird also zur Whistleblowerin eines allmächtigen und perfiden Geheimapparats. Aber was fangen die Datenempfänger nun an mit diesen per SMS verbreiteten "Death Leaks"? 

Gott selber fürchtet ganz zu Recht einen Machtverlust, er wütet seiner Kleinen sofort hinterher, landet auch wie sie in einem wunderbaren Waschsalon und kriegt von einer pikierten Kundin gleich was über doch Moment! Bevor wir uns im Trubel der Ereignisse verlieren, muss noch festgestellt werden: Wer in diesem Film tatsächlich und mit großer Lust Gott spielt, das ist Jaco van Dormael. Der Regisseur, der 1991 mit seinem fulminanten Debüt "Toto der Held" reüssierte, danach aber eher an den Rändern des Kinobetriebs gearbeitet hat, schenkt der Menschheit nun einen verspielten, philosophischen, albernen, melancholischen, satirischen, surrealen, absurden, melodramatischen, sentimentalen, fröhlichen, poetischen, makabren und auf diesem Platz bitte eigene Adjektive einfügen in jedem Fall brillanten Film, der seltsamerweise und trotz allem seinen eigenen Ton findet. 

Apropos eigener Ton: Wenn Ea in jede und jeden ihrer sechs neu rekrutierten Apostel hinein lauscht - Wie? Jawohl, Apostel , dann hört sie in deren Herzen jeweils eine besondere Musik. Etwa von Händel, Rameau, Purcell oder, bei Catherine Deneuve, sogar eine Zirkusmelodie. Die Grande Dame des europäischen Kinos spielt hier eine in kaltem Luxus verkümmernde Frau namens Martine, die nur noch fünf Jahre zu leben hat. Als ihr Mann, der noch auf 39 Jahre vorausblicken darf, das erfährt, heißt es in böser Lakonie: "Er schien erleichtert."

Die Deneuve verliebt sich in einen zärtlichen Gorilla

Martine aber blüht als Apostelin wieder auf und verliebt sich in einen zärtlichen Gorilla. Wie? Okay, wir reichen nun eine kurze Erklärung zu den neuen Aposteln nach, die wie Martine alle einsame und vom Leben vernachlässigte und beschädigte Charaktere sind und übrigens Neuapostel für Neuapostelin in Da Vincis Abendmahl-Gemälde eingefügt werden: Die auf 18 erweiterte Zahl ist Eas Referenz an ihre Mutter (Yolande Moreau), also Gottes Frau, und deren Baseballquartett.

So schön kann Liebe sein. Foto: Fabrizio Maltese
So schön kann Liebe sein. Foto: Fabrizio Maltese

Stimmt, das gehört wohl zu den eher albernen Einfällen dieses assoziativ verstrudelten Films, der in seinen apercu- und anekdotenhaften Teilen an den Inszenierungsstil des Amélie-Regisseurs Jean-Pierre Jeunet erinnert. Dazu gehört auch ein manchmal mutwillig-groteskes Missverhältnis zwischen einem dahingesagten Satz zum Beispiel: "Es stinkt wie ein verendetes Kamel in einer Destillerie" und dessen aufwendiger, aber nur sekundenkurzer Illustrierung.

Was jedoch passiert, wenn plötzlich jeder weiß, wann er sterben wird, das nimmt Jaco van Dormael letztlich ganz ernst. Ein Gedankenspiel wie John Lennons Song "Imagine". Hier jedoch zuerst der Schock. Dann die Frage, warum das Leben so ungerecht sein kann. Schließlich der bewusste Umgang mit der zugeteilten Zeit. Und am Ende sogar die Utopie, dass Frieden einkehrt, weil ja niemand mehr vor oder nach seinem individuellen Datum sterben kann.

Und immer noch versucht Gott, seine Macht zurückzugewinnen, wird dabei aber immer mehr zum Penner, der sich bei der Obdachlosenspeisung vordrängelt, arg verprügelt wird und einem Pfarrer, der ihn mit den Worten "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" zitiert, empört korrigiert: "Das habe ich nie gesagt!" Aber es ist dann eben doch die Liebe, die Erlösung bringen könnte. 

Der empathische Regisseur dieses Films hat das in einem Interview so formuliert: "Das Paradies ist hier und heute, nicht erst nach dem Tod. Wir haben nicht lange zu leben. Liebt und tut deshalb, was euch gefällt." Sein "Brandneues Testament" lässt er übrigens von Ea erzählen, setzt also auf die weibliche Perspektive. Was natürlich, wenn Eas Mutter aus Versehen einen Neustart des Systems in Gang setzen würde, auch Probleme mit sich bringen könnte, etwa solche ästhetischer Art. Mein Gott, besser, meine Göttin: Ein Himmel mit Blümchenmuster!

P.S. Der eingangs gesuchte Radler heißt Eddy Merckx. Andere berühmte Belgier sind Hergé, Jacques Brel, Georges Simenon oder Marc Dutroux. Aber Letzteren lassen wir lieber weg und ersetzen ihn durch Jaco van Dormael

 

Info:

"Das brandneue Testament" kommt am Donnerstag, den 3. Dezember, in die deutschen Kinos. In Stuttgart läuft der Film montags um 20 Uhr im Atelier am Bollwerk. Welches Kino in Ihrer Nähe den Film zeigt, finden Sie hier.


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