Prinzessin Elizabeth (Sarah Gordon) mischt sich unter das Volk. Filmstills: Concorde Filmverleih

Ausgabe 235
Kultur

Hinein ins Volk!

Von Rupert Koppold
Datum: 30.09.2015
Julian Jarrolds "A Royal Night" erzählt, wie sich die spätere Königin von England am Ende des Zweiten Weltkriegs unter die jubelnden Massen mischt. Eine milde standeskritische, letztlich aber monarchiebejahende Romanze, findet unser Filmkritiker.

Der 8. Mai 1945: Deutschland hat kapituliert, der Krieg in Europa ist vorbei, London geht in jedem Sinne wieder aus sich heraus. In einer Montage alter Schwarzweiß-Dokumentationen fasst Julian Jarrold zu Beginn seines Films "A Royal Night" die euphorische Stimmung zusammen: Man hört, wie der grimmige Blut-Schweiß-und-Tränen-Premier Churchill dem Volk ein bisschen Feiern "erlaubt", man sieht, wie sich jubelnde Menschen auf den Straßen und Plätzen drängen. Dann fließt dezent Farbe in die Bilder, und jetzt ist man bei Hof, in den weiten und stillen Gemächern der Windsors, einem Ort der täglichen Pflichten, der sich für zwei Backfische manchmal wie ein Gefängnis anfühlt. "Das Leben, das wir leben, gehört uns nicht!", sagt die strenge Mutter (Emily Watson) zu ihren Töchtern. Aber an diesem Tag, in dieser Nacht wollen die neunzehnjährige Elizabeth (Sarah Gordon) und die vierzehnjährige Margaret auch mal am Leben da draußen teilhaben. Und der nachgiebige Vater, König George VI. (Rupert Everett), gewährt schließlich königlichen Ausgang. "Aber nur bis 1 Uhr!"

Was wäre passiert, wenn die spätere Königin damals nicht, wie offiziell behauptet, im Hotel Ritz steif und standesgemäß gefeiert hätte, sondern ausgelassen und inkognito mit ihrem Volk? "A Royal Night" füllt eine minimale (und wahrscheinlich nur behauptete) Lücke in der Biografie von Elizabeth II. mit maximaler Fiktion. Denn die beiden als Aufpasser bestellten Offiziere werden von den Teenagern sogleich ausgetrickst und abgeschüttelt. Elizabeth und Margaret schneiden also selber die Fäden des Protokolls ab, an denen sie bisher durchs Leben gezogen wurden, und strudeln jetzt befreit hinein in die aufgewühlten Massen. Auch die Kamera wird nun sehr beweglich, die Schnittfrequenz schneller, der Swing zum Sound der Freiheit. Aber dann werden die Schwestern im Trubel auseinandergerissen, die ebenso unternehmungslustige wie naive Margaret kommt nun zu weit ab vom königlichen Weg, die vernünftigere Elizabeth, bei der trotz ihrer kleinen Rebellion immer royales Bewusstsein durchscheint, hetzt ihr hinterher.

Jetzt sitzt Elizabeth im Bus, ohne Geld und ohne Fahrkarte, und die nichts ahnende Schaffnerin herrscht sie an: "Für wen halten Sie sich denn?" Zum Retter wird der müde Soldat Jack (Jack Reynor) auf dem Nebensitz, dem diese junge und mittellose Frau zwar eher lästig ist, der ihr aber doch das Ticket zahlt. Er wird ihr in dieser Nacht immer wieder begegnen und sie begleiten, in den Massen am Trafalgar Square oder während einer intimen Fahrt auf der Themse, wird zu ihrem Beschützer und schließlich auch zu dem von Margaret. Die ist in der Zwischenzeit nämlich in einem zwielichtigen Club gelandet und wurde ausgeknockt durch K.-o.-Tropfen, die ihr ein lüsterner Offizier in den Drink geträufelt hat. Der zunächst abweisend-mürrische Jack dagegen erweist sich als aufrechter und integrer Proletarier, der sich auch in dieser Nacht und in diesem historischen Moment nicht von der englischen Klassengesellschaft einlullen lassen will.

So läuft in dieser königlichen Romanze immer ein bisschen die Politik mit. Selbst als George VI., der Stotterkönig, seine berühmte Radiorede hält – hier gezeigt und zu hören als eine Art Ergänzung zum Film "The King's Speech" –, bleibt Jack reserviert, hält fest an seiner Wut auf die da oben, verweigert sich dem Beifall im Pub und wird vom ergriffenen Publikum prompt rausgeschmissen. "A Royal Night" aber macht es sich zur Aufgabe, auch Jack von der Größe und Einheit der Nation zu überzeugen. Und Elizabeth davon, dass es ein Leben außerhalb beziehungsweise unterhalb der Paläste gibt, auf das es zu achten gilt. So wird diese Geschichte zu einer besonderen Art des Fantasyfilms, zu einer netten Utopie, die einen Moment in der Historie aussucht, in dem sich die Gegensätze zwischen den Klassen scheinbar auflösen, in dem ein Volk gemeinsam und mit großer Hoffnung in die Zukunft schaut. Doch dieser in die Vergangenheit verlagerte und nostalgisch geschmückte Mythos mahnt auch in die Gegenwart hinein, also in die neuen Zeiten von Cameron und Co., in denen die Klassenschranken wieder aufgerichtet werden, ja, in denen die Regierung denen da unten quasi den Krieg erklärt. Eine positiv gezeigte Arbeiterfigur: Das wirkt in diesen englischen Zeiten, in denen auch so viele Medien zynisch auf die da unten einprügeln, fast schon subversiv.

Dieser süffig-unterhaltsame Film, in denen die parallel erzählten Abenteuer der doofen Aufpasser-Offiziere den klamottig-komischen Kontrast zur Jack-und-Elizabeth-Romanze bilden, hätte die Monarchie gern als eine über den Klassen stehende Institution. Oder zumindest als Repräsentantin eines aufgeklärten und toleranten Adels, der sich, wie etwa in der TV-Erfolgsserie "Downton Abbey", verständnisvoll um seine Untertanen kümmert. Banal ausgedrückt: "A Royal Night" ist ein milde standeskritischer, letztlich aber monarchiebejahender Film, der in den frühen Jahren einer späteren Königin schon deren Führungsqualitäten erkennen will. Die weltweit am längsten regierende, besser wohl: amtierende Königin, die sich seit Jahrzehnten so zusammenreißt, dass nichts mehr an privaten Regungen nach außen dringen kann, wird hier wieder ganz Mensch.

Einmal schlägt Elizabeth sogar eigenhändig einem üblen Kerl auf den Schädel! Ansonsten aber schlägt sie doch eher gesittet über die Stränge. Denn dieser Film erlaubt sich letztlich nur kleine Erweiterungen, jedoch keine großen Änderungen der Biografien, er sieht in den Charakteren eher spätere Ereignisse und Haltungen voraus. Wenn etwa Margaret in einem Brunnen tanzt, in einem anrüchigen Etablissement trinkt, ein Bordell nicht mal dann erkennt, wenn sie mittendrin steht, und später im Schubkarren transportiert werden muss, dann sind ihre realen Affären und Skandalgeschichten vorweggenommen. Elizabeth dagegen weiß, dass ihre Nacht mit Jack nur im Verzicht enden kann. Wie bei Audrey Hepburn, die als Prinzessin in "Ein Herz und eine Krone" (1953) ausbüxt und mit einem von Gregory Peck gespielten Reporter Rom erkundet, ist auch Elizabeths Romanze zeitlich extrem begrenzt. Immerhin wird am Ende doch noch eine einschlägige Frage aufgeworfen: Frühstück bei ihr?

 

Info:

In Deutschland kommt "A Royal Night" am Donnerstag, 1. Oktober, in die Kinos. Welches Kino in Ihrer Nähe den Film zeigt, finden Sie hier.

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